Zoogeschichten II – Teil 98

Endspurt

Robert

Ich musste lachen, als Niklas das Gesicht verzog.

„Niklas erzählte mir, du arbeitest in einem Zoo?“, fragte Sieglinde.

„Ja, ich bin im Delfinarium und arbeite mit den Delfinen.“

„Eine Wasserratte warst du ja immer, ganz im Gegenteil zu unserem Niki, der ist immer noch wasserscheu.“

Wieder ein Lacher auf ihrer Seite. Sieglinde schien trotz des Todes ihres Manns ihren Humor nicht verloren zu haben.

„Und wie lange bleibst du und dein Freund hier?“

„Bis Sonntag voraussichtlich.“

„Was, bis Sonntag? Dann müssen wir aber noch einmal feiern, bevor du wieder abreist!“, meinte Niklas.

„Können wir gerne – und was schlägst du vor?“, fragte ich.

„Wir wäre es am Samstagabend in unserer kleinen Kneipe?“

„Die gibt es noch?“

„Klar und einem Extraraum für uns, denn einmal im Monat trifft sich unsere Clique nach wie vor – wenn wir es zeitlich alle einrichten können. Aber ich denke, als besonderer Grund, für dich eine Abschiedsfete zumachen, werden auch alle kommen.“

„Wieso, waren noch nicht alle da?“, fragte Adrian.

„Zwei oder drei hast du noch nicht kennen gelernt“, antwortete ich.

„Also noch mehr Geschichten von dir?“, grinste Adrian.

„Och, da fallen uns sicher noch viele ein“, meinte Niklas.

Volker

Ich hatte noch einmal bei Jürgen vorbei geschaut, um weitere Arbeitsschritte durchzusprechen. Nun bog ich gerade auf den Parkplatz des Krankenhauses ein und suchte mir einen Parkplatz. Natürlich war wie immer alles voll.

Arbeitete morgens denn überhaupt niemand? Mit meinem Zootransporter war es natürlich schwer, einen geeigneten Parkplatz zu finden. Ganz hinten im letzten Winkel fand ich dann doch einen.

Mir war es egal, wie weit es zum Eingang war, Hauptsache, ich musste nicht auf der Straße parken. Ich schloss den Transporter ab und lief Richtung Eingang. Mein Blick fiel zur Einfahrt. Da kam eine auffallend gekleidete Frau daher gelaufen.

Ob die zu einer Modenschau wollte? Jedenfalls konnte sie mit ihren hochhackigen Schuhen nicht gut laufen. Mir fielen unsere Flamingos ein, die genauso unsicher auf der Stelle watschelten.

Und für diese Jahreszeit fand ich dieses tiefausgeschnittene Sommerkleid auch unpassend. Zudem passte die Solarbräune nicht, es sah widernatürlich aus. Aber eigentlich war es mir egal, sie musste selbst wissen, wie sie herumlief.

Ich betrat das Krankenhaus kurz hinter ihr und eine Duftwolke von billigem Parfüm schlug mir entgegen. Ich begann wie wild zu niesen. Gleich an der Rezeption vorbei nahm ich die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal, und schlug den Weg zur Intensivstation ein.

Dort angekommen, zog ich mir wie immer den Grünmann an, stülpte die Schuhlinge über meine Schuhe und betrat die Intensivstation. Es war sehr ruhig und man konnte nur die Pieptöne der Maschinen hören, die als Kontrolle an den Patienten hingen.

Rolf saß auf seinem Stuhl und las Zeitung.

„Hi du“, sagte ich leise, um ihn nicht zu erschrecken.

Rolf sah auf und lächelte.

„Na, wie geht es euch beiden?“

„Soweit gut. Sie haben festgestellt, er hat wirklich nur eine starke Gehirnerschütterung und keine weiteren Verletzungen am Kopf.“

„Und das viele Blut?“

„Waren zwei Platzwunden.“

„Wird er verlegt?“

„Doktor Kahlberg meinte, dass man ihn übermorgen in die normale Station verlegen würde. Er soll noch eine weitere Nacht an den Monitoren angestöpselt bleiben, aber nur zur Kontrolle.“

Ich gab Rolf kurz einen Kuss und setzte mich neben ihn.

„Hat er was gesagt?“, fragte ich weiter.

„Wer… Lucca?“

Ich nickte.

„Ja… wir haben ein bisschen geredet. Er hat sich so oft entschuldigt… und ich weiß nicht mal wofür. Er ist doch nicht schuld daran.“

„Entschuldigung Herr Gerstner, ihre Frau wartet draußen“, unterbrach uns die Schwester und ging wieder.

Rolf sah mich schockiert an.

„Was will die hier?“, fragte er sauer.

„Hast du ihr Bescheid gegeben?“

„Nein, nur meiner Mutter… meine Mutter! Sie hat noch ab und zu Kontakt zu ihr. Shit… das kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen.“

„Du solltest vielleicht rausgehen… es wundert mich eh, warum sie nicht reingekommen ist.“

„Du kennst meine Exfrau nicht!“

Rolf stand auf und ließ mich mit Lucca alleine, der sich gerade etwas mühsam bewegte. Ich stand auf und beugte mich zu ihm.

„Hi Lucca…“, sagte ich leise.

Ein Auge ging auf und schaute mich an.

„Ha… llo Volker…“, sagte er leise.

„Deine Mutter ist hier.“

Nun gingen beide Augen auf und sahen mich entsetzt an.

„Ich … ich will… sie nicht… sehen.“

„Sie ist deine Mutter.“

„Das… hat sie …die letzten… paar Jahre… auch nicht… gestört.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

„Nur… weil… sie mir… Geld schickt… jeden Monat…ich kann… auf sie verzichten.“

Als Rolf den Raum betrat, umwehte ihn eine Wolke von Parfüm… ich musste wieder niesen.

„Und?“, fragte ich.

„Sie ist wieder weg…“

„Wollte sie Lucca nicht sehen?“

Mir kribbelte die Nase.

„Was ist das für ein penetrantes Parfüm? Das habe ich schon unten bei so einer Tussi gerochen.“

„Diese Tussi war meine Frau… sie wollte nicht rein, weil sie sich vor der Intensiv ekeln würde.“

„Besser so… mit dem Geruch, würde sie hier Herzanfälle auslösen!“

Rolf lächelte kurz, aber wurde sofort wieder ernst.

„Was ist?“, fragte ich.

„Brigitte will sich einen Anwalt nehmen und das Sorgerecht für Lucca beantragen.“

„Was?“, sagte Lucca und ich im Chor.

*-*-*

Sebastian

Ich stand etwas im Hintergrund, als Heike mit der Führung der Klasse begann. Sie erzählte den Kindern von Theo und auch Dana, wo sie ursprünglich herstammten. Auch, dass wir Nachwuchs hatten.

Einige Kinder waren sehr neugierig und löcherten Heike mit Fragen. Sie schien das aber nicht zur Verzweiflung zu bringen. Ganz ruhig beantwortete sie eine Frage nach der anderen.

Mein Handy dudelte los und die Kinder sahen zu mir. Verlegen schaute ich zu Heike, die ihre Erklärung unterbrach und ebenfalls zu mir schaute.

„Ich geh nach hinten“, meinte ich und verschwand in unseren Räumen.

Eilig nahm ich das Gespräch entgegen.

„Ja?“

„Hallo, hier ist Micha.“

„Hallo Micha, was ist denn?“

„Hast du nachher kurz Zeit, ich bräuchte deine Hilfe wegen Dennis’ Fete.“

„Klar, wenn die Klasse weg ist, kann ich kommen…, wohin?“

„Zu den Bärenhäusern, da bin ich auf der Baustelle.“

„Sebastian?“, hörte ich Heike rufen.

„Du, ich muss Schluss machen, Heike ruft mich.“

„Okay, bis später.“

„Ciao!“, sagte ich und drückte das Gespräch weg, während ich wieder nach draußen lief.

„… Sebastian wird euch jetzt ein paar kleine Kunststücke mit den Delfinen zeigen“, hörte ich Heike erzählen.

Michael

Ich wählte Kevins Nummer an.

„Kevin hier.“

„Hallo Kevin, hier ist Micha.“

„Oh, du lebst auch noch!“

„Ja, tu ich.“

„Wie geht es dir?“

„Gut, solange ich nicht in deine Nähe komme!“, meinte ich grinsend.

Ich hörte Kevin abfällig lachen.

„Warum rufst du an?“

„Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, Corinna und du habt doch einen Bekannten, der Klavier spielt.“

„Ja… und?“

„Meinst du, man könnte ihn dazu bewegen, am Samstagabend im Botanischen Garten für uns Musik zu machen?“

„Das ist wirklich sehr kurzfristig!“

„Ja, ich weiß.“

„Okay, ich versuche es, aber versprechen kann ich nichts.“

„Wenn es halt nicht geht, dann gibt’s Musik vom Band.“

„Das ist aber lau…“

„Ich weiß, aber so kurzfristig eine Geburtstagsfete auf die Füße stellen… ich bin da kein Profi drin.“

„Was gibt es zu essen?“

„Ich habe da einen Partyservice gefunden, der uns beliefern würde.“

„Probleme?“

„Ich weiß noch nicht, wie wir im Botanischen Garten alles aufbauen sollen, das ist Carens Bereich, aber sie hatte bis jetzt noch keine Zeit. Ich will mit Sebastian nachher hingehen.“

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