Aschenbrödels Bruder – Teil 9

„Nein Mum…, Benjamin hat schon irgendwie Recht. Ich habe alles und bekam immer was ich wollte und wie ich mich ihm… auch anderen gegenüber benommen habe… mittlerweile schäme ich mich dafür.“

„Ach Schwesterchen, jetzt sei doch nicht so hart zu dir?“, meinte ich grinsend.

Sie knuffte mich an der Schulter, was mir gleich wieder

die Schmerzteufel auf den Plan rief. Ich verzog mein Gesicht.

*-*-*

Nachdenklich saß ich auf meinem Bett und bekam nicht mit, wie Sabine in mein Zimmer kam. Seit gestern stand meine Tür offen, was er früher auch nie gab.

„Und noch keinen Hunger, du hast vorhin nichts gegessen. Hast du deine Tabletten genommen?“

Ich fuhr etwas zusammen, weil sie mich aus den Gedanken gerissen hatte.

„Hm, was?“

„Tabletten, schon genommen?“

„Nein, aber werde ich jetzt tun“, meinte ich und wollte aufstehen.

„Bleib sitzen!“, meinte sie und die Prozedur von gestern Abend wiederholte sich.

Sie reichte mir mein Glas und die Tabletten.

„Danke.“

„Ich wollte wissen, ob du Hunger hast?“

„Etwas…“

„Gehen wir hinunter?“

Ich schluckte die Tabletten, spülte mit Wasser nach und erhob mich langsam. Ich musste Grinsen, weil mir einfiel, was Mum vorhin sagte, ich würde mich mit einer gewissen Eleganz bewegen.
Sabine stoppte und drehte sich zu mir um.

„Was wird nun werden…, was wird aus uns werden.“

„Du meinst, wenn Mum die Scheidung durchbringen sollte…, du hast sie gehört, unser Vater würde nie in eine Scheidung einwilligen, weil er dann viel zu viel verlieren würde.“

„Ich wusste nicht, dass er so Geldgierig ist.“

„Wie denn auch, wir haben von seinen Geschäften nie etwas mit oder erzählt bekommen.“

„Zu meiner Schande, weiß ich nicht mal genau, was er macht“, meinte Sabine betreten.

„Irgendetwas mit Geld“, grinste ich.

„Doofkopp!“

Wir waren gerade auf der Treppe, als unten die Haustür aufgerissen wurde. Unser Vater kam herein. Sauer sah er auf uns.

„Wo ist sie?“, schrie er.

Da erschien meine Mutter.

„Was willst du?“, fragte sie.

„Ich wollte dir nur sagen, dass mit der Scheidung kannst du vergessen, ich werde niemals einwilligen.“

Sie schaute zu uns herauf, dann wieder zu ihm. Bevor sie ihm etwas sagen konnte, mischte ich mich ein. Woher ich plötzlich diesen Mut hatte, wusste ich selbst nicht, aber ich begann diesen Mann zu hassen.

„Alles gesagt? Dann kannst du ja wieder gehen!“

„Du kleine dreckige Schwuchtel, du…“, begann er und kam mir auf der Treppe entgegen.

„STOPP!“, schrie ich nun, „wenn du noch einen Schritt näher kommst, rufe ich die Polizei und zeige dich wegen Misshandlung an!“

„Sowas bekommst du Schwanzlutscher doch gar nicht fertig!“

„Sabine hol mein Handy!“

„Aber…“

„Hol es einfach!“

„Untersteh dich…“

„Und was? Willst du mich wieder schlagen wie gestern? Oder gar die Treppe hinunter stürzen, damit ich mir gleich das Genick breche?“

Sabine kam zurück und reichte mir das Handy.

„Verschwinde einfach aus unserem Leben.“

„Einen Dreck wird ich. Ich habe genauso Anspruch hier zu sein…“

„Gar nichts hast du“, schrie ich wieder weiter, „Das Haus ist von Großmutter, als gehört es Sabine und mir…, du bist hier nur geduldet…, oder auch nicht!“

Sauer schaute er zu Mum, die mit verschränkten Armen noch immer an derselben Stelle stand, dann wieder zu uns.

„Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“, schrie er, lief die Treppe wieder hinunter und verließ Türknallend das Haus.

„Ich hätte die Schlüssel verlangen sollen…“, meinte ich und atmete tief durch.

Mum sah mich wehleidig an.

„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wenn er dich jetzt angefallen hätte?“

Ich drehte mich zu Sabine.

„Und? Dieses Mal hätte ich mich gewehrt!“

*-*-*

Wir saßen in der Küche, nach dem wir gemeinsam eine Kleinigkeit gekocht hatten. Selten hatte ich hier so einen Spaß, weil wir es auch noch nie gemacht hatten. Trotzdem stocherte nun jeder schweigend im Essen herum.

„Morgen lass ich alle Schlösser auswechseln, das wird mir zu gefährlich!“, murmelte Mum zwischen zwei Bissen.

„Glaubst du das hilft?“, fragte Sabine besorgt.

„Auf alle Fälle kann er dann nicht mehr einfach so hier herein…“, meinte ich.

„Trotzdem nicht sehr beruhigend“, erwiderte meine Schwester.

„Kinder…, ich kann mich nur noch einmal wiederholen, es tut mir Leid, dass es soweit kommen musste.“

„Dafür kannst du nichts, ist alleine die Schuld von Vater“, versuchte ich sie zu trösten.

Ich wusste, es würde sie nicht trösten, aber ich wollte einfach sagen was ich darüber dachte. Dabei machte ich mir jetzt weniger Gedanken wegen ihm. Meine Gedanken hingen eher bei Lucas.
Es klingelte und Sabine fuhr zusammen.

„Schwesterchen, reg dich ab, oder denkst du, nach dem Auftritt vorhin, würde er jetzt klingeln?“

Sie versuchte zu lächeln, was ihr aber sehr misslang.

„Wer kann das sein?“, fragte Mum.

„Ich denke Constanze und Lucas, sonst fällt mir jetzt niemand ein.“

„Ah, Lucas, ein wirklich netter Junge.“

„Okay, ich gehe aufmachen“, sagte Sabine und verschwand aus der Küche.

Meinte Mum das Ernst? Oder sagte sie das jetzt nur so? Ich war diese plötzliche Wandlung, in treusorgende Mutter noch nicht richtig gewohnt. Ich beschloss nach zu haken, aber nun ging es nicht, denn ich konnte schon Constanze im Flur hören.

„Lass ruhig, ich räum ab“, meinte Mum.

Ich lächelte sie an und erhob mich, als hinter mir Sabine mit Gefolge wiedererschien.

„Hallo ihr Zwei“, begrüßte ich die Ankömmlinge.

Hallo Benjamin… hallo Hilde, ich soll dir einen schönen Gruß von meiner Mutter ausrichten“, kam es von Constanze.

„Oh danke, das ist aber lieb. Ist Regine denn zu Hause?“

„Ja, meine Mutter ist zu Hause.“

„Dann geh ich sie mal anrufen…“, und schon war sie weg.

Wie war das mit dem Wegräumen?

„Will noch jemand Kaffee?“, fragte ich.

Während Constanze den Kopf schüttelte, nickte Lucas, der bisher noch nichts gesagt hatte.

Ich stand also auf, holte eine frische Tasse und schenkte ein.

„Milch… Zucker?“

„Nur etwas Milch.“

„Steht auf dem Tisch.“

Langsam ließ ich mich wieder auf meinen Stuhl sinken, während sich die anderen ebenfalls setzten. Ich schaute Constanze an.

„Was?“, fragte sie, als sie meinen Blick bemerkte.

„Was läuft da?“

„Ähm…, was meinst du?“

„Zwischen meiner und deiner Mutter läuft doch was…, oder warum ist meine Mutter so gut über Lucas informiert?“

„Gut informiert?“, fragte nun Lucas und Sabine fast gleichzeitig.

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