Ein anderes Leben – Teil 4

Mit großen Augen schaute ich ihn an, während sich Hyun-Woo auf seinen vorherigen Platz verzog.

„Großvater…!“, flüsterte ich und verneigte mich im Bett, so gut es ging.

„Bleib liegen mein Junge, ohne Grund werden sie dich ja nicht ins Bett gesteckt haben.“

Er stellte ein kleines Säckchen auf meinen Nachttisch. In der Tonart hatte ich ihn noch nie reden gehört, so sanft und leise. Etwas misstrauisch sah ich ihn an, darauf gefasst, dass jetzt irgendwelche Maßregelungen kamen.

Er griff meine Hand und schaute mich lange und traurig an. Ich fühlte mich plötzlich unwohl und hätte auf dieses Gespräch gerne verzichtet. Aber es gab kein Entrinnen und zu dem war ich auch zu neugierig, warum er hier war.

„Ich hatte ein sehr langes Gespräch mit deiner Großmutter und auch mit Han Hyo-Joo.“

Mit Jae-Joongs Mutter?

„Hyo-Joo hat mir von dir erzählt, was du gemacht hast, seit du hier bist und deine Großmutter hat mich daran erinnert, dass ich schon zwei meiner Kinder durch meine Engstirnigkeit verloren habe…“

„Zwei?“, rutschte mir heraus.

Ich musste unbedingt lernen, meinen Mund zu halten, wenn es nötig war, zu Hause funktionierte das doch auch, warum hier nicht?

„Ja…, deine Mutter und… und deinen Onkel.“

„Ich habe noch einen Onkel?“

Man, schon wieder. Innerlich schlug ich mir auf den Mund. Ja, ich wusste natürlich von dem Onkel, aber war überrascht, dass er davon anfing.

„Ja, Min-Chul…, wir wissen nicht, ob er noch lebt…“

Irgendwie hatte ich jetzt Mitleid mit ihm, aber ich wusste nicht mal warum, weil unsere bisherigen Begegnungen, mir genügend Anlass gegeben hatten, ihn nicht zu mögen.

„Wie fühlst du dich, ich habe gehört, das alles… hat dich sehr mitgenommen.“

„Es geht wieder, ich darf sogar schon wieder aufstehen und etwas laufen.“

„Es… tut mir leid…, wie ich dich behandelt habe…, ich…“

Dies musste ihm sicherlich sehr schwer fallen, gegen alle Regeln der Erziehung, redete ich ihm einfach dazwischen.

„Bitte Großvater, du brauchst dich nicht entschuldigen…, wenn ich dich jederzeit besuchen und mit dir reden kann, ist das für mich in Ordnung!“

War das ein kleines Lächeln? Leuchteten seine Augen? Er schaute sich kurz um, sah zu Hyun-Woo. Dieser reagierte sofort, nahm einen Stuhl und stellte ihn hinter Großvater ab.

„Wenn etwas ist, ich stehe draußen vor der Tür“, meinte er leise, verneigte sich kurz und schon war er draußen.

Er schien wohl bemerkt zu haben, dass dies ein ernstes Gespräch werden sollte und ließ uns deshalb alleine. Großvater ließ sich nieder, ohne meine Hand loszulassen.

„Erzähl mir von deiner Mutter… von dir, deiner Familie.“

„Sie ist auch deine Familie Großvater. Mama hat zwar nie viel über dich geredet, aber ich denke, du warst in ihren Gedanken immer bei ihr.“

„Was lässt dich das vermuten?“

„Das ist keine Vermutung, denn ich bin mit deinen Weisheiten aufgewachsen. Immer, wenn etwas war, kam Mama mit den Weisheiten ihres Vaters.“

„Und warum ist sie dann nicht zurück gekommen?“, fragte er verbittert.

„Das ist etwas, was ich wirklich nur vermuten kann. Ich denke sie hat deine Entscheidung, sie aus der Familie auszuschließen akzeptiert. Und so langsam verstehe ich eure Familienkultur, wie sie funktioniert und gehandhabt wird.“

„… ich war außer mir…, habe so viel gesagt…, was ich später bereut habe…“

„Und warum hast du ihr das nie gesagt?“

„Stolz…, Würde…, das Gesicht nicht verlieren… such dir etwas aus. Ich weiß, ich bin streng, aber ich habe es immer nur für meine Kinder gemacht, dass sie es einmal besser haben. Als Kind stand ich noch jeden Tag auf dem Feld, grub teilweise mit meinen Händen Löcher um neue Pflanzen auszusäen.“

„Ich habe die Eltern meines Vaters nie richtig kennen gelernt, sie sind leider sehr früh verstorben, aber sie haben auch immer so etwas gesagt, dass sie es im oder nach dem Krieg nicht leicht hatten.“

Großvater nickte und starrte auf meine Bettdecke. Ich hätte jetzt gerne gewusst, was er dachte, aber leider konnte ich keine Gedanken lesen.

„Du hast noch eine Schwester?“

„Ja Mia, sie ist sechszehn und geht noch zur Schule.“

„Und du?“

„Da ich gute Noten habe, haben mir meine Eltern den Wunsch für ein Jahr hier her zu dürfen erlaubt. Bisher bin ich mir noch nicht ganz sicher, was ich machen werde. Ich kann studieren, aber auch eine Lehre in einem Handwerk machen.“

„Man sollte schon wissen, wie seine Zukunft aussieht.“

„Ich wollte es von diesem Jahr hier in Korea abhängig machen. Es gibt einfach noch sehr viele Richtungen, für dich ich mich interessiere. Ich bin so zusagen dreisprachig aufgewachsen. Koreanisch durch meine Mutter, deutsch durch meinen Vater und durch die Schule habe ich Interesse an Englisch gefunden.“

„Hyo-Joo hat mir erzählt, dass du sehr sprachgewandt bist und ich habe es in unseren… Gesprächen ja auch schon bemerkt.“

Gesprächen war ein netter Ausdruck, für das, was vorgefallen war.

„Im Augenblick möchte ich einfach Korea kennen lernen, soweit es möglich ist. Mr. Park, mein Zeichenlehrer hat mich so neugierig auf dieses Land gemacht, dass ich einfach nicht anders konnte und hier her wollte.“

„Und die Familie deiner Mutter kennen lernen…“

„Den Wunsch habe ich schon etwas länger. Ich habe mit Mama nicht viel darüber geredet, weil ich wusste, es schmerz sie nur, weil ihr die Familie fehlt.“

Großvater schaute bedrückt zu Boden.

„Aber ich könnte mir vorstellen, wenn ich sie anrufe und sage, komm, dein Vater will dich sehen, würde sie die nächste Maschine besteigen und herkommen.“

Er sah wieder zu mir. Langsam tat mir der Arm etwas weh, denn er hielt immer noch meine Hand fest, streichelte mit dem Daumen über meinen Handrücken. Auf das letzte Gesagte, gab er keine Antwort.

Die Tür wurde aufgezogen und ein Arzt und eine Schwester kamen herein.

„Wie ich gehört habe, geht es ihnen ja wieder sehr gut…“, begann der Arzt, Großvater wollte sich erheben, „bleiben sie ruhig sitzen, ich bin gleich wieder weg.“

„Das ist mein Großvater!“, sagte ich stolz.

Großvater ließ sich sinken und lächelte ein wenig.

„Also ich habe alle Berichte gelesen. Wenn sie möchten, könnten sie später das Krankenhaus verlassen, aber nur mit der Option, sich die nächsten Tage noch zurück zu halten!“

Erstaunt sah ich ihn an.

„Ich darf hier raus?“

Er nickte.

„Dann…, dann möchte ich gerne gehen…“

„Sie machen bitte die Papiere fertig, die Rechnung wurde bereits beglichen“, meinte der Arzt zu der Schwester, wandte sich wieder zu mir und reichte mir die Hand, „und ihnen wünsche ich alles Gute und wie gesagt, die nächsten Tage nur kleine Brötchen backen!“

Er verabschiedete sich von Großvater und war genauso schnell verschwunden, wie er vorhin aufgetaucht war.

„Du wirst dann bei diesem … anderen Jungen wohnen?“, fragte Großvater.

„Ja, wenn es dir recht ist, Großvater. Du kennst ja seine Großmutter.“

Großvater nickte.

„Es würde mich aber freuen, wenn ich dich jederzeit besuchen darf.“

„Natürlich darfst du.“

Ich lächelte ihn breit an.

*-*-*

Ich saß auf der Dachterrasse, eingewickelt in eine Decke und genoss das Verwöhnt werden. Die drei Jungs umsorgten mich, wo es nur ging und wenn Jae-Joong zu Besuch war, kamen Sehnsucht nach Ruhe und etwas Einsamkeit.

Aber es war auf alle Fälle lustig. Neben mir auf einen Teller, waren die zwei Äpfel, die mir Großvater ins Krankenhaus mitgebracht hatte. Sie sahen aus, wie gemalt. Wie lange er wohl gesucht hatte, sie zu finden.

„Brauchst du noch etwas?“, hörte ich Hyun-Woos Stimme hinter mir, zog mich aus meinen Gedanken und stellte ein Glas Orangensaft ab, „frisch gepresst von Jack.“

„Mit eigenen Händen?“, kicherte ich, „… danke!“

Er setzte sich neben mich. Ich nahm das Glas und trank etwas davon.

„Lucas…, kann ich kurz mit dir sprechen?“

Ich stellte mein Glas ab, richtete mich auf und drehte mich zu ihm.

„Klar doch!“

In den letzten Tagen war mir so richtig bewusst geworden, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Wenn er nicht da war, vermisste ich ihn schrecklich und wenn er da war, so wie jetzt, fühlte ich mich wie im Himmel.

„Ich wollte dir nur sagen…, also dass mit uns…“

Oho, was kam da jetzt?

„…, wenn du es vor allen geheim halten willst, werde ich nichts sagen…“

„Soll ich ehrlich sein? Ich würde es jedem gerne erzählen, der mir zuhört…, aber bei euch hier… ich weiß nicht wie die anderen reagieren.“

Er lächelte mich wieder an.

„… aber meinen Eltern werde ich es erzählen, wenn du nichts dagegen hast…“

Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert.

„Denen kann ich leider keine Aufwartung machen…“

„Ja stimmt, etwas weit, aber vielleicht ändert sich das ja und sie kommen her.“

„Wie das?“, fragte er.

„Wegen Großvater! Ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht zu einer Aussprache kommen könnte, wenn ich noch ein bisschen weiter bohre…“

„Bitte Lucas, übernimm dich nicht wieder. Der Arzt hat gesagt, du sollst dich noch schonen.“

„Ich habe einen guten Aufpasser! Was soll mir schon passieren!“        

„Ich meine es ernst, Lucas. Zweimal habe ich jetzt schon miterleben müssen, dass du zusammengebrochen bist, weißt du wie weh das tut?“

Ich zog Hyun-Woo zu mir heran und durch seine Nähe beflügelt und seiner Worte gerührt, küssten wir uns innig.

„Da könnte man eifersüchtig werden“, hörte ich So-Wois Stimme, wir fuhren auseinander.

„Eifersüchtig? Wohl eher mich töten?“

„Hä?“

„Wenn du dich immer so anschleichst, wie lange denkst du, hält das mein Herz aus?“

Hyun-Woo hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte.

„Oh…, entschuldige, wird nicht wieder vor kommen.“

„Was? Beim Küssen beobachten, oder mein Herz stressen?“

„Beides!“

„Ich werde es mir merken und zudem, ich kann mir nicht vorstellen, dass Jack nicht toll küssen kann.“

Das Kichern neben mir wurde etwas lauter und So-Woi unheimlich rot im Gesicht.

„Er… er ist eben schüchtern und so oft sind wir nicht alleine.“

„Komm Hyun-Woo, wir packen, wegen uns steht So-Wois Liebesglück auf dem Spiel.“

Nun lachte Hyun-Woo laut und So-Woi schnappte nach Luft.

„Du bist ein Idiot!“, meinte er.

„Damit kann ich leben…, heißt das, wir können bleiben?“

„Boah…“, war das einzige, was So-Woi entgegnete und verschwand wieder in die Wohnung.

Ich drehte mich wieder zu Hyun-Woo, der immer noch grinste.

„Weißt du, dass du ein bezauberndes Lächeln hast?“

Abrupt wurde er ruhig und ebenfalls rot.

„Danke…!“

Wieder zog ich ihn zu mir, nahm ihn in den Arm, streichelte ihn über den Rücken.

„Auf das von vorhin zurück zu kommen. Für mich gilt das ebenso, Hyun-Woo, wenn du nicht möchtest, dass ich es jemand erzähle, dann schweige ich ebenso. Versprochen!“

Er drückte mich weg und lächelte mich an.

„Weißt du, was man hier macht, wenn man sich etwas verspricht?“

„Ähm… nein!“

„Streck mir deine rechte Hand entgegen und mach eine Faust.“

Er machte es vor und ich ihm nach.

„Dann streckst du den kleinen Finger aus und verhakst deinen mit meinem kleinen Finger.“

Auch das tat ich.

„Und nun drückst du deine Daumenspitze gegen meinen Daumenspitze und sagst noch einmal, versprochen.“

Ich drückte meine Daumenspitze gegen seinen Daumen, ließ aber seinen kleinen Finger dabei nicht los.

„Versprochen!

„So macht man das bei uns. Wenn jemand etwas verspricht, hältst du deine Hand hoch, streckst den kleinen Finger heraus und fragst, „versprochen? Durch diese Geste wird das Versprechen dann besiegelt.“

„Cool…, auch bei den Erwachsenen?“

Damit meinte ich Eltern und Großeltern.

„Nur im Privaten, dies gilt nicht für Geschäftliches!“

„Und wo kommt dieser Brauch her?“

„Kann ich dir nicht mal sagen, aber die meisten lernen das bereits im Kindergarten und es wird immer weitergeben.“

„Bei uns gibt es so etwas nicht, außer man leistet einen Schwur, aber das ist ja noch einmal etwas anderes.“

„Stimmt. Dir scheint es wirklich besser zu gehen, du sprühst regelrecht vor Energie.“

„So bin ich halt, aber ich habe ja immer Krankenhaus versprochen, brav zu sein.“

„Brav“, meinte Hyun-Woo und tätschelte mich am Kopf.

Ich griff nach seiner Hand, zog ihn zu mir und der abgebrochene Kuss von vorhin wurde weiter geführt.

*-*-*

Jae-Joongs Zimmer war zwar toll, aber jetzt im Nachhinein, war die Lösung ein Zimmer bei Si-Woi zu bewohnen besser. Hier war ich für mich, konnte ungestört alleine sein. Sogar eine eigene Tür in den Flur hatte ich.

Ich hatte gerade eine Email nach Hause geschickt. Gerne hätte ich Mamas Gesicht gesehen, wenn sie erfuhr, dass ich mich mit Großvater vertragen hatte und ich dadurch die Familie besser kennen lernen konnte. Ich klappte den Laptop zu und atmete tief durch.

Jetzt war ich knapp mehr als drei Wochen hier und man könnte diese Zeit als Abenteuerurlaub abtun. Es war heftig viel geschehen und ich war mir sicher, dass noch einiges passieren würde, in der restlichen Zeit, also in den nächsten elf Monaten. Es klopfte.

„Ja?“

Jacks Gesicht erschien.

„Kann ich etwas für dich tun, ist alles in Ordnung bei dir?“

Seit ich für ihn gesprochen hatte und So-Wois Einstellung etwas geändert hatte, sprach Jack plötzlich mehr mit mir. Auch dieses für ihn besondere Dankeschön im Krankenhaus, hatte seinen Teil dazu beigetragen.

„Ja, es ist alles in Ordnung.“

„So-Woi und Hyun-Woo arbeiten irgendwelche Papiere durch, falls etwas ist, ruf bitte nach mir, solange Hyun-Woo beschäftigt ist.“

„Er ist sein Privatsekretär! Aber danke, lieb von dir.“

Mir fiel da etwas ein, was mich seit dem Krankenhaus beschäftigte.

„Jack, ist es sehr schwierig eine Person in Korea zu finden, die vielleicht nicht gefunden werden will?“

Jack schob nun die Tür ganz auf und kam in mein Zimmer.

„Wenn diese Person den Namen geändert hat, wird es schwierig.“

„Mit seinem Namen einfacher?“

„Etwas vielleicht, aber es gibt viele Möglichkeiten, sich zu verstecken.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob er sich verstecken will, oder tut.“

„Von wem redest du?“

„Von meinem Onkel Park Min-Chul. Als Großvater mir im Krankenhaus von ihm erzählte, war er unendlich traurig darüber, nichts über ihn zu wissen.“

„Und jetzt willst du ihn finden“, sagte Jack und lächelte mich dabei an.

„Hundert Punkte. Wenn die Familie zusammen führen, dann doch richtig, oder?“

Jack nickte.

„Was ist mit deiner Familie, wenn ich fragen darf?“

„So-Woi ist meine Familie, als mein Vater verstarb, wurde ich zum letzten Spross in der Familie, es gibt sonst keine Verwandten mehr.“

„Das tut mir leid, Jack.“

„Nicht so schlimm, ich habe So-Woi und darüber bin ich glücklich. Aber auf diesen Park Min-Chul zurück zu kommen, soll ich mich einmal umhören… nachforschen?“

„Das wäre nett Jack. Wenn Hyun-Woo erfährt, dass ich schon wieder irgendetwas Verrücktes beginne, wird er sich böse.“

„Warum sollte ich böse werden?“, hörte ich plötzlich Hyun-Woos Stimme.

Jack verbeugte sich leicht und verließ uns lächelnd. Hyun-Woo stellte sich neben mich und lehnte sich an den Tisch.

„Das ich schon wieder Pläne schmiede…“

„Solange die Pläne nicht deine Kräfte übersteigen, werde ich sicher nicht böse.“

„Danke!“, meinte ich, streckte mich und verlangte nach einem Kuss, den ich auch bekam.

Hyun-Woo legte seine Arme um mich.

„Danke!“

„Für was?“, fragte ich.

„Dass ich der Mensch bin, der dich lieben darf.“

Hyun-Woos Augen funkelten mich an. Seit wir zusammen waren, hatte sich Hyun-Woos Selbstsicherheit deutlich verbessert. Nur offiziell, um angeblich mein Gesicht zu wahren, machte er eins auf unterwürfigen Diener.

Ich lächelte ihn an und gab ihm einen Kuss auf die Nase.

„Nichts zu danken, Hyun-Woo. Es tut gut…, unheimlich gut und ich weiß erst jetzt, was ich bisher verpasst habe.“

„So und jetzt erzählst du mir, was du vorhast, was hast du mit Jack ausgeheckt.“

Aus und vorbei die Romantik. Ich atmete tief durch und sank etwas in mich zusammen.

„Ich habe ich lediglich gefragt, ob es Schwierigkeiten bereitet, etwas über meinen Onkel Park Min-Chul heraus zu finden.“

Hyun-Woo lächelte.

„Darf ich?“, fragte er und zeigte auf meinen Laptop.

Ich nickte und er öffnete es. Nach dem ich mein Passwort eingegeben hatte, ging er auf Google und gab den Namen meines Onkels ein und ging auf Bilder. Eine Vielzahl von Bildern kam.

Keines glich dem anderen, es waren alles verschiedene Personen. Ich sah ein, dass es wirklich nicht leicht war, ihn zu finden.

„Mehr als fünfzig Prozent der Koreaner haben gleiche oder ähnliche Nachnamen, so auch der Name Park. Es kommt häufig vor, dass zu einem Namen, gleich mehrere Personen gibt.“

„Und wie ist das dann, wenn zwei Personen mit gleichen Nachnamen heiraten möchten?“

„Die müssen einen Nachweis erbringen, dass sie keine Blutverwandte sind.“

„Dann können sie heiraten?“

„Ja.“ 

„Gut bei uns gibt es auch so typische Namen, Müller – Schmidt – Köhler, die öfter vorkommen, aber doch nicht so oft um einen Nachweis bringen zu müssen. Ich habe auch noch nie gehört, dass es bei uns vorkam, dass zwei mit gleiche Nachnamen heiraten wollten.“

„Gestaltet sich hier eben anders.“

Hyun-Woo schloss die Seite und drückte meinen Laptop wieder zu.

„Steht etwas an, hat sich So-Woi irgendwie geäußert?“

„Nein, er selbst hat etwas vor, wird mit Jack zusammen wegfahren.“

„Dann könnten wir zwei ja etwas unternehmen, denn den ganzen Tag hier in der Wohnung zu sitzen, darauf habe ich keine Lust.“

„Und was möchtest du gerne tun?“

Ich überlegte. Seit ich hier war, hatte ich noch nicht viel Geld ausgegeben, meist hatte irgendwer immer alles bezahlt. Es war zwar alles toll, aber so gar nicht mein Ding wie vieles andere auch. Mir blieb nichts anderes übrig, einen Kompromiss zu schließen.

Es nur einfach hinnehmen, nein dass wollte ich auch nicht, ich wollte auch etwas zurück geben. Aber nicht So-Woi, sondern Hyun-Woo. Seit meiner Ankunft hatte er sich so rührend um mich gekümmert und auch wenn ab und zu unsere Kulturen aneckten, ich genoss es mittlerweile in vollen Zügen.

„Bummeln…, aber bitte nicht gerade in der teuersten Gegend.“

„Okay!“, lächelte er mir entgegen.

*-*-*

Wie Hyun-Woo in dieser riesen Stadt immer schnell einen Parkplatz fand, war mir ein Rätsel. Wir stiegen aus und gelangten über mehrere Treppen das Freie. Ich blieb erst mal stehen, verschnaufte und schaute mich etwas um.

„Alles okay?“, fragte Hyun-Woo besorgt.

„Ja, ich mach nur langsam!“

„Brav!“, lächelte Hyun-Woo.

Das Tätscheln von vorhin unterließ er jetzt. Wie nicht anders erwartet, war auch hier geschäftiges Treiben.

„Gibt es eine bestimmte Richtung, die wir gehen müssen?“

„Nein, such dir eine Richtung aus.“

Ich nickte, schaute mich nochmals um, bevor ich los lief. Hyun-Woo folgte wie gewohnt, einen Schritt versetzt hinter mir. Lieber wäre es mir gewesen, dass er Händchen haltend neben mir lief, aber das hätte noch mehr Aufmerksamkeit erregt, wie es schon tat.

Anscheinend dachte einige der Gattung Damenwelt, insbesondere die jungen Damen, ich wäre jemand Bekanntes, denn es schaute einige davon lange, um danach verlegen ihre schüchternes Lächeln hinter ihrer Hand zu verbergen.

Es wurden sogar Fotos gemacht. Ich drehte mein Kopf zu Hyun-Woo.

„Was ist denn hier los?“

„Vielleicht erinnern sich ein paar an das Konzert, da bist du schließlich mit Vipausweis und tollem Anzug herum gelaufen.“

„Das glaube ich weniger…“

„Du vergisst, wie gut du aussiehst und dann noch die blonden Haare…, die grünen Augen… so etwas vergisst man nicht so schnell und dieses Aussehen… richtig zum Verlieben. Du solltest vielleicht doch einen Job in dieser Richtung beginnen, wenn du schon so populär bist.“

Ich musste über Hyun-Woos Schmeicheleinheiten lächeln.

„Quatsch, meiner Singeskunst könnte man höchstens dafür verwenden, schnellst möglichst einen Platz zu räumen, so ala Signalgeräusch bei Alarm.“

Hyun-Woo kicherte. Ich sah einen kleinen Laden, mit allerlei Dinge, die die Welt nicht braucht. Darauf steuerte ich zu. Ich trat ein, verneigte mich leicht und sah mich um. Ob die Schmuckteile echt Silber waren?

Auf alle Fälle sah alles toll aus. Der Verkäufer sprach mich an, ob er mir helfen könne. So ließ ich mir ein paar für mich interessante Stücke zeigen. Besonders gefiel mir die Nachahmung einer Hibiskusblüte.

Wie mir schon im Garten seiner Großmutter erklärte, die Nationalblüte der Südkoreaner. Die Pflanze war sehr robust, auch gegen die Vielzahl der Schädlinge. Der Verkäufer erklärte mir noch, dass der Name Mugunghwa abgeleitet wurde von Mugung, was so viel wie Unsterblichkeit bedeutet.

Im Sinne von  Entschlossenheit und das Durchhaltevermögen, für mich im Bezug auf die Liebe, wichtige Dinge für eine gemeinsame Zukunft. Ich hielt kurz inne. Die Zukunft. Was würde sie mir bringen?

Ohne weiter darüber nachzudenken, fragte ich nach vier solcher Anhänger und dazu gehörigen Ketten. Hyun-Woo sah mich etwas zweifelnd an, genauso wie der Verkäufer. Auch als ich ihn bat, zwei davon einpacken zu lassen und die anderen beiden, mir in einem kleinen Kästchen zu tun.

Überrascht war ich über den Preis, der aber auch die Einfachheit des Schmuckes wieder spiegelte. Mir einer kleinen Tüte voller Beute verließ ich den Laden wieder. Jetzt hatte ich noch Lust auf neue Klamotten.

Was ich so die drei Wochen hier gesehen hatte, gefiel mir gut. Besonders diese weiten, knielangen Strickjacken aus dicker Wolle, so ein Teil hatte es mir angetan. Nach längerem Suchen wurde ich auf fündig.

Es dauerte, etwas in meiner Größe zu finden, war ich doch um einiges größer, als der Durchschnitt hier. Die Gene meines Vaters. Lediglich Jack war bisher der einzige, der meine Größe hatte, die anderen waren fast immer, einen Kopf kleiner oder mehr.

Ich hatte schon festgestellt, die Berühmtheiten in diesem Land, waren meist größer als der Durchschnitt und sahen auch noch gut aus.

Das hatte ich im Backstagebereich am Konzert gesehen. Die männlichen Schauspieler, oder Sänger betraf dies meist und macht anscheinend auch ihren Erfolg aus, sie von den anderen etwas abzuheben, im Land der gleichen Gesichter.

Ich sah in der Ecke noch ein Shirt mit einer Weste und blickte kurz zu Hyun-Woo, der an einem Ständer mit Tagespresse stand.

„Hyun-Woo?“

„Ja, Lucas?“, reagierte er sofort.

„Komm mal bitte…“

„Ist alles in Ordnung mit ihnen?“

Man, das war ein Verkäufer…, ein Fremder, so gesehen waren wir alleine, aber ich hatte mir ja geschworen, nichts mehr zu sagen, weil ich ihn ja auch damit kränkte. Ich hob das Shirt mit der schwarze Weste, wie ich jetzt sehen konnte, aus Leder, ihm entgegen.

„Würde dir gut stehen“, lächelte ich ihn an.

Fragend schaute er mich an.

„Würdest du es anprobieren?“         

„Aber … wieso?

„Frag nicht, tu es einfach!“, sagte ich in einem gespielt, strengen Ton.

Er musste sehen, dass ich dabei lächelte. Ich trat näher heran, so dass ich unmittelbar neben seinem Ohr war.

„Ich finde, du würdest darin geil aussehen…“, flüsterte ich.

Augenblicklich wurde er rot, während ich ihm die beiden Kleidungsstücke entgegenhielt. Er nahm sie mir ab und verschwand in der Umkleide. Lächelnd sah ich mich weiter um. Ich fand eine braune Lederjacke, die es mir sofort angetan hatte.

Der Kragen und die Säume waren mit Teddybarplüsch bestückt, der große Reisverschluss saß nicht in der Mitte, sondern auf der rechten Seite. Während ich die Jacke anprobierte, kam Hyun-Woo zurück.

Sprachlos sah ich ihn an.

„Was ist…, gefällt es nicht?“, fragte er flüsternd und leicht verwirrt.

„Doch… wow!“

Das Shirt hatte einen tiefen V-Ausschnitt, was mir vorher nicht so aufgefallen war. An Hyun-Woo sah das richtig sexy aus.

„Willst du es gleich anlassen?“, fragte ich und seine Verwirrung war komplett.

Ich schob ihn zurück in die Umkleide, zog den Vorhang etwas zu, so dass ich noch gerade hineinschauen konnte.

„Hyun-Woo, du hast so viel für mich getan, ich möchte dir das einfach als kleines Dankeschön schenken und zum anderen, siehst du übelst gut aus darin.“

Verlegen lächelte er mich an.

„Ich könnte grad über dich herfallen!“

„Dir steht die Jacke aber auch gut, sie betont deinen tollen Körper!“, flüsterte er leise.

Ich beugte mich vor, immer darauf bedacht, dass es niemand sehen konnte und gab ihn einen kleinen Kuss, dann ließ ich ihn in der Umkleide alleine. Ich selbst, entledigte mich der Jacke und brachte sie an die Theke.

Der Verkäufer nickte und ich ging weiter auf die Suche. Als Hyun-Woo umgezogen zurück kam, hatte ich nichts weiter gefunden. Ich nahm ihm die Sachen ab und ging erneut an die Theke.

Auf den Vorschlag meines Zeichenlehrers hin, hatten mir meine Eltern vor der Reise ein Konto hier einrichten lassen und somit konnte ich zum ersten Mal, die entsprechende Karte zum Bezahlen benutzen.

Es war wirklich praktisch, nicht mit so viel Geld in der Tasche herum zu laufen. Die Karte wurde mir zurück gegeben, ebenso die Tüten mit den Sachen, die ich gerade käuflich erworben hatte.

Hyun-Woo nahm mir die zwei Tüten ab. Ich lächelte ihn an und schritt zum Ausgang. Der Verkäufer war schnell und öffnete uns die Tür, bedankte sich für den Einkauf, sagte noch, dass wir ihn doch wieder beehren sollen und wünschte uns eine sichere Heimfahrt.

Ich verbeugte mich artig, verabschiedete mich und verließ den Laden, gemeinsam mit Hyun-Woo.

Draußen angekommen, schaute ich mich um.

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Hyun-Woo neben mir sehr leise.

„Auch Lust auf einen Kaffee?“

Er nickte lächelnd.

*-*-*

Am Abend saßen wir wieder zu viert am Tisch, Jack hatte etwas Feines gekocht. Plötzlich standen Jack und Hyun-Woo auf und räumten ab. Beide verkrümelten sich hinter die Theke.

„Du… Lucas.“

„Ja?“

„Ich will dich nicht erschrecken, aber ich habe erfahren, dass sich jemand über dich kundig gemacht hat.“

Warum sollte mich das erschrecken.

„Wird wohl dein Vater gewesen sein, denke ich.“

„Nein eben nicht, es war jemand anders, zwar aus seinen Reihen, aber nicht er.“

„Dann halt für ihn.“

„Du verstehst mich nicht. Ich hatte noch ein langes Gespräch mit meiner Grandma und sie hat

da zwar etwas unklar geäußert, aber es gibt irgendwer, der Interesse an dir hat, außer meinem Vater natürlich.“

„Das erschreckt und wundert mich jetzt ehrlich gesagt nicht, denn bei euch ist so viel möglich, warum sollte nicht jemand anderes auch Interesse an mir haben. Gut man könnte mich ja auch selbst fragen, aber dies schien demjenigen wohl nicht eingefallen zu sein.“

„Ich wollte nur damit sagen, dass du bitte auf dich aufpasst…, ich will nicht, dass du wegen mir in irgendetwas verwickelt wirst.“

„Wegen dir?“

„Lucas, ich bin der Sohn eines bekannten Chefs in der Stadt, da wird man leicht zur Zielscheibe für irgendetwas.“

„Zielscheibe… aha. So ganz verstehe ich das jetzt nicht, aber gut, ich werde mir deinen Rat zum Herzen nehmen.“

„Danke!“

„Ach, bevor ich es vergesse…, ich habe da noch etwas für dich.“

„Für mich?“

Ich stand auf, lief kurz in mein Zimmer, um dort meine Beute vom Mittag zu holen. Ich griff mir die beiden Päckchen und das Kästchen und ging zurück zu den anderen.

„Also“, ich stand mitten im Raum, „ich wollte mich noch mal bei euch bedanken, dass ihr immer für mich da seid…“

„Das ist doch selbst verständlich“, sagte So-Woi.

„Für mich nicht…, ich habe da ein kleines, bescheidenes Geschenk für euch und hoffe, es wird euch gefallen.“

Hyun-Woo und Jack hatten aufgeschaut. Ich ging zu So-Woi und reichte ihm das Päckchen, ebenso Jack erhielt das andere. Bei Hyun-Woo öffnete ich das Kästchen, entnahm eine der Ketten und hob sie vor sein Gesicht.

„Für mich?“, fragte er erstaunt, auch wenn er mit im Laden war, hatte er nicht mitbekommen, dass ich die Kette mit Anhänger gleich viermal erworben hatte. Ich nickte ihm zu.

„Das…, das…“

„Soll ich es dir anlegen?“

„Ja…, bitte!“

Ich öffnete den Verschluss, legte ihm die Kette um den Hals und verschloss die Kette wieder, dann zog ich den Anhänger zu recht.

„Auf dem neuen Shirt sieht es bestimmt noch besser aus“, sagte ich leise und gab ihm einen Kuss auf die Nase, bevor ich mich wieder den zwei anderen widmete.

Beide waren noch dabei die Päckchen auszupacken. Die Überraschung war groß, als sie es beide öffneten. Danach folgten viele Bekundungen, dass das nicht nötig gewesen wäre, aber doch eine tolle Idee, von wegen Verbundenheit, zwischen uns vieren.

Ich freute mich darüber, dass die Überraschung gelungen war. Der Abend klang gemütlich aus. Bei einem Glas Wein erzählte Jack einiges über ihre Zeit in Amerika. Man merkte, dass er sich dort sichtlich wohler fühlte, als hier in seinem Heimatland.

Überraschend für mich war dann noch, als wir über den nächsten Tag redeten, dass wir zu viert auf die Suche nach meinem Onkel gingen. Jack hatte nämlich ein paar Dinge heraus gefunden und denen wollten wir am nächsten Morgen, nach einem tollen Frühstück nachgehen.

Diese Nacht schlief ich sehr fest, ohne Träume und in den Armen von Hyun-Woo. Nach ein paar Schmusereien waren wir beide eingeschlafen.

*-*-*

Als ich meine Augen aufschlug, fühlte ich mich komisch fit und voll Tatendrang. Der wurde aber von Hyun-Woo gebremst, der mich mit seinen Armen und Beinen voll in Beschlag genommen hatte.

Ich musste grinsen, weil in Beckenhöhe etwas Hartes an meine Flanke drückte. Mit meiner Hand strich ich ein paar Strähnen aus dem Gesicht, küsste ihn auf die Stirn, was ein kleines Brummen seinerseits erzeugte.

„Morgen… du Brummbär“, flüsterte ich leise.

Hyun-Woo blinzelte mich an.

„Morgen… Lucas“, entgegnete er und gähnte kurz, bevor er sich zu strecken begann und ich aus meinem angenehmen Gefängnis befreit wurde.

Während ich nur eine Shorts anhatte, war Hyun-Woos Körper mit Shirt und langer Schlafhose völlig bedeckt. Was mich aber nicht davon abhielt, mich zu ihm hinüberzubeugen, mit der Hand forsch unter das Shirt krabbelte und sämtliche Einwände im Vornehinein durch einen Kuss zu ersticken.

Aber lang hielt sein Widerstand nicht durch, denn ich spürte seine warmen Hände auf meinen Rücken, wie sie sanft über meine Haut glitten. Unsere Küsse wurden fordernder und schon flog sein Shirt aus dem Bett.

Mit Wonne küsste ich seinen Oberkörper, beschäftigte mich innig mit seiner Brust, was bei ihm wiederum kleine Stöhntöne verursachte. Völlig fahrig fuhr ich mit meiner Hand in seine Short und wurde schnell fündig.

Ich hatte mich nicht getäuscht, meine Hand umschlossen das harte, heiße Fleisch. Mittlerweile hatte mich Hyun-Woo unter sich gedrückt und ich genoss sein Gewicht auf mir, wie seine nackte Haut.

Irgendwann waren dann auch die letzten Hüllen gefallen und wir lagen beide nackt aufeinander. Plötzlich hielt Hyun-Woo inne.

„Du… Lucas…, ich hab noch nie…“

„Ich weiß was du sagen willst. Hyun-Woo…, wir machen nichts, was du nicht willst…, okay?“

Er nickte und grinste.

„Was?“

„Ich würde aber gerne…“

„Was würdest du gerne?“, fragte ich und küsste ihn erneut.

Plötzlich spürte ich Finger an meinem Hintern, wie sie sich langsam vortasteten. Das hatte ich auch noch nicht gemacht, aber der Wunsch, Hyun-Woo in mir zu spüren, war da und meine Neugier, trieb noch mehr Blut in die untere Region.

*-*-*

Wild keuchend lagen wir auf einander. So heftig war ich noch nie gekommen und dabei hatte ich nicht mal selbst Hand angelegt, sondern war nur alleine durch die Stöße von Hyun-Woo gekommen.

Er selbst lag noch etwas verlegen auf mir, sein Teil war zur Normalgröße zusammen geschrumpft und von alleine heraus geglitten.

„Meinst du, die anderen beiden haben uns gehört?“, fragte Hyun-Woo schüchtern.

„Und wenn? Egal! Sollen sie doch“, antwortete ich und kicherte.

Im Augenblick war ich einfach nur glücklich, mit dem wie es war.

„Gehen wir duschen?“, fragte Hyun-Woo und grinste wieder so spitzbübisch.

„Du kriegst wohl auch nicht genug“, sagte ich und bekam einen Kuss.

„Eigentlich dachte ich an Frühstück, oder hast du noch keinen Hunger?“

Als wäre es abgesprochen, meldete sich mein Magen und dass sehr laut. Hyun-Woo kicherte wieder und glitt langsam von mir herunter. In Bauchhöhe zogen sich leicht Fäden meines Spermas, was bei uns beiden dort überall verteilt war.

„Kommst du immer so heftig?“, wollte Hyun-Woo wissen.

Ich wunderte mich wieder über seine plötzlich so offene Art, wo er doch am Anfang so schüchtern war, oder auf mich so wirkte.

„Eigentlich nicht“, grinste ich ihn an.

Er schnappte sich meine Hand und zog mich aus dem Bett. Er öffnete die Tür einen Spalt, lugte in den Flur, dann zog er die Tür vollends auf und schob mich ins Bad. Bevor irgendwelche Proteste meinerseits aufkamen, öffnete er einfach den Toilettendeckel und buxierte mich auf die Schüssel.

Stand da einer auf Wasserspiele, oder so etwas? Während ich meine Blase entleerte und auch etwas anderes an hinteren Ausgang, was sich komisch anfühlte, stand er halb in der Dusche und stellte das Wasser ein. Ich drückte die Spülung und ging zu ihm.

Er drehte sich zu mir, stellte sich wohl auf seine Zehenspitzen und gab mir einen Kuss. Dabei spürte ich, dass Hyun-Woo schon wieder voll erregt war. Entweder war er ein Nimmersatt, oder…, ja was oder? Geilte ich ihn so sehr auf?

Er legte seine Arme um mich und sein Kuss wurde inniger, aber auch wieder fordernder.

„Lucas“, hauchte er mir stöhnend ins Ohr, „… verzeih…“

Ich drückte ihn sanft weg und schaute in seine wunderschönen braunen Augen.

„Was gibt es hier zu entschuldigen…, hm?“

Er senkte den Kopf, den ich aber gleich per Handdruck wieder anhob.

„Ich…, ich weiß nicht was mit mir los ist, ich habe so noch nie gefühlt. In mir schreit alles nach dir, will dich nie wieder loslassen und…“

Er verstummte. Kleine Tränen lösten sich aus den Augen und liefen über seine Wangen.

„Das nennt man wohl Liebe, Hyun-Woo“, hauchte ich sanft und wischte die Tränen fort.

„… es ist normal, dass ich ständig bei dir sein will, dich berühren, dich küssen will…“

Seine Männlichkeit war inzwischen zusammen gefallen.

„So geht es mir doch genauso, Hyun-Woo. Ich liebe dich und ich kann mir im Augenblick nichts Schöneres vorstellen, als mit dir zusammen zu sein, mit dir verrückte Sachen zu machen, oder auch… Sex!“

Ich zog ihn wieder an mich heran und drückte ihn fest an mich. Diese Gefühle, die Hyun-Woo beschrieben hatte, waren in mir exakt die gleichen. Zum ersten Mal konnte ich dies richtig miterleben, mir wurde bewusst, dass ich mit meinen achtzehn Jahren anscheinend viel versäumt hatte.

Bisher waren Schule und Sport für mich wichtig gewesen, alles andere war in den Hintergrund gerückt. Der Gedanke, jemanden lieben zu können, war nie groß aufgekommen, schon gar nicht mit einem anderen Kerl.

Aber das war jetzt alles zur Nebensache geworden und am liebsten würde ich diesen Augenblick eingefrieren, ewig erleben. Ich schob Hyun-Woo in die Dusche, wo das warme Wasser auf unseren Körpern seinen Effekt ausspielte und wir uns erneut zu küssen begannen.

Mir war es fast so, als hätte Hyun-Woo mehr als zwei Hände, weil es mir so vorkam, dass ich sie überall spürte.

Natürlich ließ mich das nicht kalt. Ich küsste mich an Hyun-Woos Hals entlang, über seine Brust hin zum Bauch, bis ich an seinem Heiligtum ankam, welches sofort in meinen Mund wanderte.

Ich spürte Hyun-Woos Hände auf meinen Schultern, die sich festkrallten und es den Anschein hatte, dass er mich von sich drücken wollte, aber gleichzeitig auch festhalten. Ich intensivierte meine Handlung und umspielte die Eichel mit meiner Zunge, während unaufhörlich das warme Wasser auf uns hernieder rieselte.

Hyun-Woos Keuchen wurde kurzatmiger.

„Lucas… ich kann nicht…, Lucas bitte…“

Dies war für mich das Zeichen, dass ich es richtig machte und ich spürte, wie dieses wohlbekannte Gefühl in mir aufstieg. Hyun-Woo stöhnte laut auf und ergoss sich in meinen Mund, während ich fast gleichzeitig ebenso kam.

In kurzen Schüben füllte sich mein Mund und ich begann zu schlucken. Der Geschmack seines Spermas, mischte sich mit meinen langsam abflachenden Gefühlen in mir. Schwer keuchend versuchte ich wieder auf die Füße zu kommen, während Hyun-Woo halb benommen an der Wand lehnte.

Mit einem Kuss holte ich ihn wieder in die Realität zurück. Der Duschschauer spülte letzte Spuren den Abfluss hinunter.

„Danke!“, hauchte Hyun-Woo und gab mir einen kleinen Kuss.

Er schnappte sich das Waschgell und begann mich einzuseifen. Ich tat es ihm gleich. Wenige Minuten später traten wir frisch geduscht aus der Glaskabine und trockneten uns ab. Dass mein Schwanz schon wieder auf Halbmast stand, störte mich nicht weiter.

Nach einem weiteren zärtlichen Kuss und mit einem Handtuch versehen, liefen wir zurück in mein Zimmer. Aus So-Wois Zimmer waren leise Stöhngeräusche zu hören. Leise kichernd betraten wir mein Zimmer und verschlossen die Tür.

*-*-*

Beim Frühstück war es seltsam ruhig heute. Jeder lächelte vor sich hin und schwelgte wohl in Erinnerungen der letzten Stunden. Irgendwie war ich jetzt neugierig, wie der Sex bei So-Woi und Jack war.

Klar schön, sonst würden sie beide nicht so grinsen. Ich wusste von mir, dass ich beides gern hatte, also aktiv und passiv war. Dann fiel mir ein, dass ich mit Hyun-Woo nicht darüber weiter gesprochen hatte, ich ließ ihn einfach gewähren.

„Möchtest du noch Kaffee?“, riss mich Hyun-Woo aus den Gedanken.

Ich schaute auf, lächelte ihn an und nickte. Er nahm die Kanne und goss mir noch etwas ein, während ich den letzten Löffel Reis meiner Suppe in den Mund schob. Mittlerweile hatte ich mich an diese Art des Frühstücks sehr gewöhnt und es schmeckte jeden Morgen anders.

Ich trank einen Schluck meines Kaffees und mein Blick fiel wieder auf die anderen beiden, die sich regelrecht anhimmelten.

„Was habt ihr jetzt für heute genau geplant?“, stellte ich den beiden die Frage und holte sie ebenso aus den Gedanken zurück.

„Ähm, wir werden erst einmal so ungefähr ein einhalb Stunden fahren müssen. Wie Jack erfahren hat, soll dein Onkel bei Taean leben und in dem dortigen Taeanhaean Nationalpark arbeiten.“

„Wow, wie habt ihr das so schnell heraus bekommen?“

Jack meldete sich zu Wort.

„Lucas, das sind die letzten öffentlichen Daten über deinen Onkel, die ich heraus bekommen habe. Ob er dort noch lebt und arbeitet, kann ich dir leider nicht sagen, es ist zumindest eine erste Spur, die aber leider schon drei Jahre alt ist.“

„Du muss dir nicht leid tun, falls er dort nicht mehr lebt, wäre zwar schade, aber ich lerne wieder etwas über Korea kennen.“

„Es ist gut, dass deine Erwartungen nicht all zu hoch sind“, kam es von So-Woi und Hyun-Woo nickte.

Schnell war das Frühstück verräumt und wenig später saßen wir schon im Wagen. Jack und Hyun-Woo hatten noch ein paar Sachen im Kofferraum verstaut und waren dann ebenso eingestiegen.

 Laut heulte der Motor des Wagens auf und recht zügig hatten wir die Wohngegend verlassen. Hyun-Woo saß wie gewohnt vorne bei Jack, während es sich So-Woi neben mir bequem gemacht hatte.

Es störte mich nicht, dass er sich an mich gelehnt hatte. Er tippte etwas an seinem Tablet  herum und war wohl mit den Gedanken weit weg. Ich dagegen schaute hinaus und versuchte mir die Gegend einzuprägen, in der ich nun wohnte.

Jack ließ mir aber nicht viel Zeit dazu, denn er bog irgendwann auf die Autobahn. Seohaean Expressway Nr. 15 konnte ich lesen. Diese Autobahn schien wohl bis in den Süden des Landes zu gehen, denn ich konnte Mokpo entziffern, das sich recht südlich des Landes befand.

Meinen Kopf angelehnt schaute ich weiter hinaus. Während wir Seoul und seine Umgebung verlassen hatten, wurde die Umgebung bergiger und es war nur noch recht dünn besiedelt. An mir flogen Ausfahrten vorbei, die ich ab und zu auch entziffern konnte.

Von vorne drang leise Musik zu uns nach hinten, irgendwelchen Kpop, den ich noch nicht kannte. So-Woi war immer noch in irgendwelchen Berichten vertieft, die er nun seid Seoul lass.

Nach langer Zeit öffneten sich die Berge vor uns wieder und ich konnte vor uns talwärts größere Siedlungen erkennen. Auf einem Schild, das an uns vorbei huschte konnte ich Pyeongteak lesen, dass wohl über eine andere Autobahn zu erreichen war.

Nach diesem Autobahnkreuz fuhr Jack die nächste Ausfahrt hinaus. Ich schaute nach vorne und sah, dass es sich um eine Raststätte handelte. Obwohl so früh am Morgen standen dort viele Autos.

Jack suchte einen Parkplatz und wenig später erstarb das Motorgeräusch. Dies rief wohl So-Woi auf den Plan, endlich mal aufzuschauen.

„Oh, das trifft sich gut, ich muss auf die Toilette“, meinte er, öffnete die Wagentür und war schon verschwunden.

Jack stieg ebenfalls aus und grinste. Auch ich öffnete meine Tür und kühle Luft kam mir entgegen. Hier war der Herbst schon weiter fortgeschritten, die Bäume, die den Parkplatz begrenzten hatten ihre Blätter schon fast verloren.

Mir viel auf, wie sauber es hier war. Ich konnte fast kein Blatt auf dem Boden finden, geschweige denn Abfall, wie ich es oft leider in Deutschland gesehen hatte. Ich folgte Jack und Hyun-Woo zu dem großen Gebäude, in das So-Woi vorher verschwunden war.

Dort angekommen war ich erstaunt, wie großzügig alles angelegt war. Eine lange Front einer Theke tat sich vor mir auf, wo man alles bekam, was das Herz begehrte. Ich hatte zwar gut gefrühstückt, aber verspürte wieder einen leichten Hunger.

„Möchtest du etwas?“, fragte Hyun-Woo leise neben mir.

Ich schaute zu ihm.

„Ich könnte etwas vertragen, aber die Auswahl ist so groß. Da weiß man ja nicht, was man nehmen soll und zu dem ist mir einiges unbekannt.“

An den Seiten konnte ich noch Boutiquen entdecken. Also man konnte hier in den Raststätten nicht nur gut essen, sondern auch noch shoppen gehen.

„Darf ich dir etwas holen?“

„Aber sicher doch, aber bitte nur eine Kleinigkeit, so groß ist mein Appetit auch nicht.“

Hyun-Woo lächelte und reihte sich in die Schlangen vor der Theke ein. Jack tat es ihm gleich und so war ich alleine. Der Tisch neben mir war frei, so setzte ich mich und ließ diese Umgebung weiter auf mich wirken.

Bei so vielen Menschen sollte man meinen, dass es recht laut war, aber die Lautstärke hielt sich in Grenzen, was mir vorher im Gespräch mit Hyun-Woo schon aufgefallen war, dass ich normal reden konnte, ohne meine Stimme zu erheben.

Plötzlich wurde ein Stuhl neben mir zurück gezogen und So-Woi tauchte in meinem Blickfeld auf.

„Entschuldige, aber nach dem Frühstück muss ich immer irgendwann auf die Toilette.“

Deshalb hatte Jack gegrinst. Er wusste das schon und hatte deswegen die Raststätte angefahren. Dass ich nun Hunger hatte, war ja rein zufällig. So-Woi setzte sich neben mich und wenig später kamen unser zwei Angebeteten zurück.

Beide stellten sie ihre Tabletts ab und setzten sich ebenfalls. Hyun-Woo stellte vor mir eine dampfende Schüssel gefüllt mit irgendeinem Eintopf ab, dann folgte ein Teller, mit einem kleinen Salat und zwei weitere kleine Schälchen. Zum guten Schluss wie immer eine Schale mit Reis.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Sojabohnenpasteneintopf“, antwortete Hyun-Woo, „Kartoffeln, Zucchini, Kürbis und Zwiebeln. Knoblauch und Anchovis sind auch darin enthalten. Das ganze wird mit fermentierter Sojabohnenpaste angerührt.“

„Fermentiert?“

„Ja, durch den Zusatz von Enzymen, wird eine Gärung herbei geführt, was diesen tollen Geschmack dieser Paste hervor bringt.

Ach so, so wie bei uns das Sauerkraut, sieht lecker aus und duftet herrlich.“

„Davon habe ich schon gehört“, meldete sich So-Woi zu Wort, „das möchte ich auch mal essen…, Sauerkraut und… ähm, wie hieß das?“

„Eisbein?“

So-Woi nickte und lächelte mich an.

Das kannst du ja dann mal versuchen, wenn du mich irgendwann mal in Deutschland besuchen kommst.“

„Dort in dem Schälchen befinden sich noch gegrillte Garnelen“, sprach Hyun-Woo einfach weiter.

Dass sein Tonfall sich leicht geändert hatte, bemerkte ich sofort, ich sah ihn auch durchdringend an, aber sonst kam keine Reaktion von ihm. Er nahm seinen Löffel, holte sich etwas vom Reis, tauchte diesen Löffel kurz in den immer noch dampfenden Eintopf und legte mit den Stäbchen ein Stück Garnelen obenauf.

Dieser recht volle Löffel schob er sich nun in den Mund. Deutlich sah ich, wie er es genoss und begann ebenso zu essen. Hyun-Woo hatte nicht zu viel versprochen, es schmeckte einfach megageil. Auch der Salat war leicht bekömmlich. Die anfänglichen Schwierigkeiten den Löffel zu beladen hatten sich schnell gelegt und so genoss ich ebenso jeden Happen.

Viel zu schnell war die Schüssel geleert, aber es reichte auch. Der kleine Hunger war verschwunden. Während Hyun-Woo mit Jack die Tabletts zurück brachten, war ich mit So-Woi nach draußen gegangen.

„Wie lange müssen wir noch fahren?“, fragte ich.

„Ungefähr eine dreiviertel Stunde, kommt darauf an, wie viel Verkehr am Hafen ist.“

„Hafen?“

„Ja, der neue Hafen, teilweise ins Meer hinein gebaut, ein wichtiger Umschlagplatz für allmögliche Waren, die wir im Land benötigen.“

Ich ließ die Worte auf mich wirken, sagte nichts mehr darauf und blieb vor dem Wagen stehen, den wir mittlerweile erreicht hatten. Ein kurzes Knacken und das einmalige Blinken der Wagenbeleuchtung sagten mir, das Auto war offen.

So stieg ich ein und gurtete mich an. Wenig später trafen auch Hyun-Woo und Jack ein und so konnte der Weiterfahrt nichts im Weg stehen. Zügig zog der SUV auf die Autobahn hinaus und wenig später konnte ich den Hafen, den Soi-Woi erwähnte, entdecken.

Die Autobahn zog eine lange Rechtskurve und so konnte ich sehen, dass wir auf eine recht große Brücke zufuhren, die das Hafengebiet überspannte.

„Das ist die Seohea Grand Bridge, hat eine Gesamtlänge von sechs Kilometer“, meldete sich So-Woi neben mir zu Wort, der wohl sein Anlehnkissen vermisste, weil ich nach vorne gebeugt saß.

Das war schon ein imposantes Bauwerk, zwei große Brückenpfeiler zierten die ungefähre Mitte, von denen große Stahlseile ausgingen, an der die Straße angehängt war. Als wir etwas später diese Brücke fast überquert hatten, senkte sich die Fahrbahn in einer großen S-Kurve wieder der normalen Landhöhe zu.

Bei Nacht sicher auch ein tolles Schauspiel. Viele Felder säumten jetzt die Autobahn und wurden nur durch wenige Siedlungen unterbrochen. Zum ersten Mal konnte ich auf einem großen Plakat den Taeanhaean Nationalpark entdecken, als war es nicht mehr weit.

Die Ausfahrt Taean kam und Jack verließ die Autobahn. Wenig später hielt in einer Seitenbucht.

„Wo fangen wir an zu suchen?“, fragte er.

„Hast du die Karte bekommen?“, kam es von So-Woi.

„Ja.“

„Dann lass uns aussteigen und nachschauen.“

So steigen wir alle vier aus und während Jack eine Karte auf der Motorhaube ausbreitete, schaute ich mich etwas um.

„Wir sind hier“, begann Jack, „bis Taean sind es ungefähr zehn Minuten.“

„Gibt es hier keine Behörde, wo man fragen könnte, ob mein Onkel hier im Park arbeitet?“

„Das müssen wir noch heraus bekommen“, beantwortete So-Woi meine Frage.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Hyun-Woo leise, der seit der Raststätte kein Wort mehr mit mir geredet hatte.

Ich nickte.

„Und dir?“

Er sah weg und machte Anstalten, sich auch wegzubewegen. Ich griff nach seinem Arm und zog ihn zu mir. Jack faltete wieder die Karte zusammen und mit So-Woi zusammen bewegte er sich dann auf die andere Seite des Wagens.

„Was ist los?“

Seine Augen waren glasig, ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmen konnte. Mir war egal ob das jetzt jemand sah, oder nicht. Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und zwang ihn damit mich anzusehen.

„Hyun-Woo…, Schatz, sag mir bitte was dich bedrückt.“

„Du… du hast vorhin gesagt…, dass So-Woi… dich in Deutschland besuchen kann…, da ist mir bewusst geworden…, dass du wieder zurück gehst…, was wird dann aus mir?“

Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch, dann drückte ich Hyun-Woo fest an mich.

„Hyun-Woo, erst mal bin ich noch ganze elf Monate da und will die Zeit auch mit dir verbringen, so viel ich kann. Was dann passiert, entscheide ich…“

„Aber…“

„Nichts aber, Hyun-Woo! Es kann sein, dass ich für immer hier bleibe, oder dass ich dich mit nach Deutschland nehme…, alles ist möglich, verstehst du?“

Dicke Tränen liefen über seine Wangen. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Jack und So-Woi nun beide vorne einstiegen. Das war mir ganz recht, so schob ich Hyun-Woo zur hinteren Tür, öffnete sie und platzierte ihn behutsam da, wo So-Woi vorher gesessen hatte.

Schnell hatte ich den Wagen umrundet und während ich einstieg, startete Jack den Motor. Ich gurtete mich an und schon rollte der Wagen an. Hyun-Woo neben mir, zog ich zu mir und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Versuch dieses kleine Köpfchen zu beruhigen, bis zu meiner Entscheidung ist es noch lange hin und ich möchte mir jetzt noch keinen Kopf zerbrechen, was ich in knapp einen Jahr machen werde!“

Mit großen feuchten Augen schaute mich Hyun-Woo an.       

„Ich liebe dich, Hyun-Woo!“, flüsterte ich leise.

Ich beugte mich zu ihm hinüber und küsste ihn. Der Kuss währte nicht lange, er wurde durch mein Handy unterbrochen. Mühsam kramte ich es aus meiner Hose hervor.

„Ja?“, meldete ich mich, ohne auf die Anzeige zu schauen.

„Hallo Lucas, hier ist Jae-Joong, was machst du gerade?“

„Oh hallo Jae-Joong, ich befinde mich kurz vor Taean.“

„Taean? Was willst du denn da?“

„Ich suche nach meinem Onkel…“

„Welchen?“

„Ich habe nur einen Onkel, der vermisst wird und den suche ich jetzt!“

„Krass, du bist ganz schön verrückt!“

„Das merkst du jetzt erst?“

Jae-Joong kicherte.

„Dann wünsch ich dir mal Glück bei deiner Suche. Weißt du vielleicht, wo sich heute Hyun-Woo aufhält?“

„Ähm… der sitzt neben mir.“

„Hyun-Woo ist bei dir?“

„Ja, klar, warum fragst du?“

„Ich habe gehört, mein Vater lässt ihn suchen.“

„Warum?“

„Das wiederum weiß ich nicht.“

Hyun-Woo hatte aufgeschaute und sein Blick war jetzt neugierig auf mich gerichtet.

„Soll er sich bei deinem Vater melden?“

„Nein, der soll schön weiter suchen“, kicherte Jae-Joong.

So-Woi, der sicher alles mitbekommen hatte, reagierte nicht auf das Gespräch.

„Dann wünsch ich euch einen schönen Tag und melde dich mal, wenn du etwas mit mir unternehmen willst, noch habe ich Zeit!“

„Geht klar, Jae-Joong, ich habe ja deine Nummer.“

„Okay, bye!“

„Bye!“

Das Gespräch war beendet. Dieses Mal ließ ich das Handy in meine Jackeninnentasche gleiten. Jack hatte mittlerweile Taean erreicht und schaute sich suchend um. Hyun-Woo hatte sich aufgesetzt und schaute sich ebenso um.

Was wäre, wenn die Suche erfolglos war. Zumindest hatten wir dann einen schönen gemeinsamen Tag verbracht. Plötzlich bremste Jack und fuhr auf einen freien Parkplatz.

„Moment“, meinte Jack und verließ den Wagen.

Meine Augen folgten ihm, als neben mir Hyun-Woo sich ebenfalls losgurtete und auch den Wagen verließ. Beide sprachen draußen Passanten an, manche liefen einfach weiter, andere blieben kurz stehen.

Einer schien sich auszukennen, denn er gab Handzeichen in verschiedene Richtungen. Vielleicht erklärte er den Weg. Hyun-Woo und Jack stiegen wieder in den Wagen.

„Wir haben vielleicht eine Möglichkeit gefunden, mehr über deinen Onkel herauszufinden“, meinte Hyun-Woo beim Einsteigen und gurtete sich wieder an.

Der Motor heulte auf und der Wagen machte fast einen Satz auf die Straße. Irgendwie war gerade eine komische Stimmung, ich fühlte mich plötzlich unwohl, aber konnte nicht sagen warum.

*-*-*

Das war wohl einen Schuss in den Ofen. Bei der Stadtverwaltung erfuhren wir nur, dass sie einen Park Min-Chul nicht mehr beschäftigten, er wäre vor einem Jahr gegangen. Wohin, konnte man uns nicht mitteilen.

Eigentlich war ich derjenige, der versprochen hatte, dass ich nicht zu sehr enttäuscht sei, wenn wir ihn nicht finden. Aber nun sah es so aus, als wären die drei anderen mehr enttäuscht, als ich und dementsprechend war nun auch die Stimmung.

Wir hatten uns etwas zu essen besorgt und Jack hatte eine schöne Stelle zum Rasten gefunden. Nun saßen wir auf den Steinen. Mein Blick wanderte von einem zum Anderen, die Lustlos auf ihren Essen herum kauten.

„He, wir haben doch noch die Adresse, wo er gewohnt hat, da könnten wir noch nachfragen, ob jemand weiß, wo er hingezogen ist, oder vielleicht wohnt er ja noch da…“, rief ich in die Runde, was die Stimmung nicht änderte.

„He, was ist mit euch los, warum schaut ihr so traurig aus der Wäsche? Sollte ich nicht derjenige sein, der enttäuscht und traurig ist. Ihr habt selber gesagt, ich solle mir nicht so viel Hoffnung machen.“

„Es hätte mich sehr gefreut, wenn wir deinen Onkel gefunden hätten“, meinte So-Woi.

„Das ist lieb von dir, aber lass deswegen jetzt die Löffel hängen.“

„Die was?“

„Die Löffel…? Das ist so ein Spruch bei uns in Deutschland… Löffel… die Ohren hängen lassen, weil man enttäuscht ist, oder traurig.“

„Dir geht es wirklich gut?“, fragte Hyun-Woo besorgt.

„Ich würde lügen, wenn ich nicht etwas enttäuscht wäre, aber ihr habt genug Vorarbeit geleistet, dass es mir jetzt nicht schlecht geht. Ich darf mit euch zusammen sein, den Tag verbringen, das ist mir auch sehr wichtig.“

Immer noch schauten alle trübsinnig drein.

„Muss ich euch erst vernaschen, dass ihr wieder lächelt?“

Hyun-Woo wurde rot, während So-Woi mich entsetzt ansah und Jack schelmisch grinste.

„Das würdest du tun?“, fragte So-Woi mit weit aufgerissenen Augen.

„In der Not frisst der Teufel Fliegen!“

„Teufel…  Fliegen? Du redest wirres Zeug, Lucas, geht es dir wirklich gut?“, fragte So-Woi besorgt.

Ich spürte Hyun-Woos Hand auf meiner Stirn.

„Fieber hat er keins.“

Ich konnte nicht anders und fing laut an zu lachen.

„Das ist noch so ein deutscher Spruch…, glaub ich wenigstens. Mensch, ich mach doch nur Spaß. So habe ich mir das nicht vorgestellt…, wir sind doch hier um etwas zu erleben, was zusammen zu tun!“

„Und deshalb willst du mich vernaschen?“

„SO-WOI! MAN!“, fuhr ich ihn an, dass er etwas zurück zuckte, „dass…, das habe ich doch nur als Witz gesagt. Ist es dir lieber, dass ich im Auto sitze, Trübsinn blase und den ganzen Tag schweige?“

Er schüttelte den Kopf.

„Also, wenn wir schon mal hier sind, dann lass und diesen Park auch etwas genießen!“

„Camping?“, fragte Jack.

„Camping? …äh, braucht man da nicht zumindest ein Zelt und andere Sachen?“

„Alles im Auto und Hyun-Woo hat Sachen zum übernachten für dich eingepackt!“

Jetzt wusste ich auch, warum der Kofferraum so voll war und ich war glücklich, dass die beiden so voraus schauend gehandelt hatte.

„Also ich würde gerne campen… So-Woi?“

Wieder nickte er. So bestiegen wir den Wagen und waren wenig später Richtung Campingplatz unterwegs.

*-*-*

Während Hyun-Woo sich um alles Formelle kümmerte, war Jack schon dabei, sich um das Zelt zu kümmern. So-Woi und ich machten einen kleinen Sparziergang zum Strand.

„Herrlich…“

„Du hast recht, wenn ich daran denke, wie es hier 2007 ausgesehen hat.“

„2007?“

„Ja, ein kleinerer Öltanker war damals in einen fest verankerten Wasserkran gekracht und hat dabei fast 11.000 Tonnen Rohöl verloren. Der Ölteppich erstreckte sich über 30 km an der Küste entlang.“

„Heftig, aber man sieht nichts mehr davon.“

„Ja, es war ein großer Einsatz, bei dem über eine Million Menschen geholfen haben, mehr als die Hälfte waren Freiwillige.“

Ich wusste nichts darauf zu sagen und starrte weiter hinaus aufs Meer.

„Wirklich alles okay mit dir?“

„Ja“, antwortete ich und mein Lächeln war nicht gespielt.

Ein großer Baumstamm kam in Sicht, der wohl als Aussichtpunkt zum Strand gedacht war. Den steuerte ich an und ließ mich nieder. Der Wellengang war nicht hoch und ein paar dicke Wolken zogen an Himmel vorbei.

Ich ließ einfach alles auf mich wirken und versank dabei wieder in meiner Gedankenwelt.

„Lucas?“

„Hm…?“

„Ich… ich habe dir noch gar nicht richtig Danke gesagt…!“

„Für was?“, fragte ich verwundert.

„Dass… du einfach da bist, mir geholfen hast.“

„Dafür brauchst du dich nicht zu bedanken, dafür ist doch ein Freund da.“

„Wenn man einen Freund hat, bisher hatte ich keinen, naja außer Jack vielleicht.“

„Zählt denn Jack so wenig?“

„Nein, aber er kann nicht so für mich da sein, wie er gern wollte.“

Ich rollte genervt mit den Augen.

„Entschuldige, wenn ich das jetzt so sage, aber diese Ehrerweisungen, Familienstand, oder Traditionen sind echt nervig. Du liebst Jack und er liebt dich…“

„Aber…“

„Nichts aber, für mich sind das irgendwie halbe Sachen. Du stehst zu deinem Schwulsein, aber zu Jack kannst du nicht stehen, wegen… ach was weiß ich. Gut ich verstehe ja, es ist alles noch sehr neu für dich, aber wegen Jack würde ich mir in die Richtung schon Gedanken machen.“

So-Woi schaute mich traurig an. Ich legte den Arm um ihn und zog ihn zu mir.

„Ich wollte damit nicht sagen, dass muss sofort geschehen, schon gar nicht will ich dich zu irgendetwas drängen. Aber mal eine Frage. Findest du es nicht schön, mit Jack ganz offen zusammen zu sein, also ich meine jetzt, wenn wir vier zusammen sind?“

„Doch schon…“

„Aber?“

„Ich glaube Jack wäre niemals damit einverstanden, sich auf gleicher Stufe mit mir zu sehen.“

„Bist du dir da sicher?“

Er zögerte etwas, bevor er den Kopf schüttelte.

„Ich hatte dasselbe Problem mit Hyun-Woo…, ginge es nach mir, würde ich gerne jedem erzählen, wie verliebt ich in ihn bin. Ich achte seinen Wunsch auf Geheimhaltung, aber mit der Option, dass wir eben gleich sind, wenn wir unter uns sind.“

Schweigend hörte mir So-Woi weiter zu.

„Er nimmt seine Rolle als Aufpasser sehr ernst und traut sich mittlerweile auch zu sagen, wenn ich etwas falsch mache, oder etwas nicht richtig findet.“

„Ich denke, für Jack bringt das Schwierigkeiten mit sich. Er ist mit mir aufgewachsen und wurde von meinem Vater so erzogen, mir zu dienen und mich zu beschützen.“

„Das kann er auch weiterhin tun, aber mit mehr Eigenverantwortung…, entschuldige, wenn ich dich so direkt frage, aber es interessiert mich…, du brauchst auch nicht zu antworten…“

„Was willst du wissen?“

„Wie… das mit dir und Jack im Bett läuft.“

So-Woi wurde knall rot.

„Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst…“

Doch…, doch ich will antworten, aber es ist mir etwas peinlich.“

„Braucht es nicht“, grinste ich ihn an.“

„Er…, er macht das, was mir gefällt…“

„Hast du ihn schon gefragt, was er will?“

So-Woi schüttelte verlegen den Kopf.

„Dann binde ihn mehr ein So-Woi, lass ihn mit entscheiden, wenn etwas ansteht…, oder frage ihn, was er gerne beim Sex machen würde, oder du machen sollst.“

So-Woi atmete tief aus.

„Ich weiß zwar, dass du immer sehr direkt bist, aber es ist immer noch sehr ungewohnt für mich.“

„Entschuldige So-Woi, ich wollte dir nicht so nahe treten…“

„Bist du nicht, du bist mein Freund und Freunde sagen einem, wenn man etwas nicht recht macht. Da ich aber leider nie richtige Freunde besessen habe, weiß ich es eben nicht besser. Aber wir sollten so langsam zurück gehen, unsere zwei Angebeteten warten sicher schon auf uns.“

Ich nickte lächelnd und erhob mich, So-Woi tat es mir gleich. Auf dem Rückweg schwiegen wir und ließen die Natur und das eben Gesagte auf und wirken.

*-*-*

Als wir unseren Platz erreichten, kniete Jack vor einem kleinen Grill und wendete mit einer Fleischzange kleine Fleischscheiben. Hyun-Woo stand am Steintisch neben unserem Zelt und stellte ein paar Leckereien ab.

Ich dachte noch, wer das alles Essen sollte, als mir Hyun-Woo entgegen kam und mir eine Flasche Bier in die Hand drückte, die andere reichte er So-Woi. Dann prostete er uns und Jack zu und trank etwas aus seiner Flasche.

Ich musste grinsen, denn ich sah aufs Etikett der Flasche und musste feststellen, dass es sich um deutsches Bier handelte. Trotz der Kühle, spürte ich die Erfrischung. Wo die beiden, das Bier aufgetrieben hatten, wusste ich nicht.

„Ah…, deutsches Bier, das schmeckt so lecker“, kam es von So-Woi.

„Du kennst deutsches Bier?“, fragte ich verwundert.

„Klar, das bekommst du bei uns in fast jedem Laden, der Alkohol vertreibt. Deutsches Bier ist bekannt und eliebt.“

Verständlich. Hyun-Woo bat uns Platz zu nehmen, während Jack einen Teller mit dem herrlichen Fleisch belud. Ich ließ mich nieder und schaute mir den gefüllten Tisch an. Ich sah zwar Teller und Stäbchen, wusste aber nicht, was ich mit all diesen Beilagen anfangen sollte.

Jack gesellte sich zu uns und stellte den Teller mit Fleisch in die Mitte.

So-Woi nahm ein großes Salatblatt, holte sich mit den Stäbchen eine kleine Scheibe von dem Fleisch und legte es auf das Salatblatt. Interessiert beobachtete ich ihn weiter. Dann nahm er noch aus verschiedenen Schüsseln Gemüse und träufelte mit einem Löffel Soße darüber.

Jack und Hyun-Woo taten es ihm gleich, während So-Woi dieses gefüllte Salatblatt zu einer Kugel zusammen faltete. Dann steckte er dieses riesen Ding in den Mund. Während ich erstaunt und grinsend ihm beim Kauen zu schaute, hielt mir plötzlich Hyun-Woo so ein Ding vor die Nase und lächelte.

Etwas beängstigt öffnete ich den Mund und er schob mir das Teil langsam hinein. Beim ersten Zubeißen schmeckte ich eine wahre Geschmacksexplosion.

„Mmmmmm… ist das lecker“, sagte ich leise, als mein Mund wieder etwas leerer war.

„So wird bei uns gegrillt“, meinte Hyun-Woo und befüllte schon das nächste Blatt.

Nach ein paar Fehlversuchen hatte ich dann auch meine erste Kugel zusammen und schob sie wie die anderen mit vollem Genuss in meinen Mund.

*-*-*

Unter dicken Decken eingekuschelt und Hyun-Woo in den Armen war ich eingedöst. Das Ganze hatte irgendwie einen besonderen Reiz, denn direkt neben uns lagen Jack und So-Woi, ebenso engumschlungen und schlafend.

Irgendein Geräusch hatte mich geweckt und durch die schwache Beleuchtung draußen vor unserem Platz, sah ich einen Schatten, der sich unserem Zelt näherte und davor stehen blieb. Es als Angst zu bezeichnen, würde ich jetzt als Falsch abtun, aber unwohl fühlte ich mich trotzdem.

Ich zuckte zusammen, als ein Tier in der Nähe mit seinem Rufen die Stille der Nacht durchbrach. Der Schatten vor dem Zelt verschwand und Hyun-Woo brummelte irgendetwas Unverständliches, schlief aber sofort wieder ein, was ich an seinen gleichmäßigen Atemzügen feststellen konnte.

Angestrengt lauschte ich, konnte aber nichts hören, außer dem Rauschen des Meeres. Auch konnte ich keinerlei Bewegungen mehr ausmachen und irgendwann schlief ich dann langsam ein. Das Knacken eines Astes ließ mich dann auffahren.

„Was ist denn Lucas“, brummte Hyun-Woo neben mir.

„Da ist jemand draußen am Zelt“, flüsterte ich leise.

Er zog an meinem Arm und ich ließ mich langsam nieder.

„Wird irgendein Tier sein“, nuschelte er leise, „komm schlaf weiter.“

Er legte seinen Arm um mich und schlief schnell wieder ein. Seine Nähe beruhigte mich irgendwie und so schlief ich bald darauf auch ein.

*-*-*

Als ich erwachte, war Hyun-Woo verschwunden und wohl So-Woi auch, denn er lag eng an mich gekuschelt neben mir und sein Arm auf mir. Ich musste grinsen und versuchte mich langsam von ihm zu befreien.

Dabei musste ich ihn wohl geweckt haben, denn plötzlich öffnete er seine Augen und schaute mich an. Sein Blick wanderte auf seinen Arm, der immer noch halb auf mir lag. Schnell zog er ihn weg und richtete sich auf.

„Entschuldige, das wollte ich nicht!“, sagte er fast flüsternd.

„He ist doch nicht schlimm“, lächelte ich ihn an.

In diesem Augenblick streckte So-Woi den Kopf durch den Eingang.

„Guten Morgen So-Woi…, hat dir eigentlich mal jemand gesagt, dass du unmöglich bist?“

So-Woi schaute mich schockiert an.

„Verschwindest hier einfach aus dem Zelt und vernachlässigst total deinen Schatz!“, sagte ich gespielt ernst.

„Aber…, aber ich war doch nur auf der Toilette!“

Jack war zwar rot geworden, aber grinste leicht.

„Jack hat in seiner Verzweiflung Schutz bei mir gesucht!“

„Jack… Verzweiflung… Schutz?“

Ich konnte nicht anders und fing laut an zu lachen. So-Woi zog eine Schnute.

„Also ich habe herrlich geschlafen und ihr?“, fragte ich scheinheilig.

„Ach…du…“, meinte So-Woi, was mich wieder zum Lachen anstiftete.

Dann verschwand er wieder. Ich schaute zu Jack und wir bei fingen an zu lachen.

*-*-*

Nach dem ausgiebigen Frühstück packten wir alles zusammen, verstauten es im Kofferraum. Den Vorfall in der Nacht hatte ich vergessen. Auch keiner der Anderen fragte danach. Mit einem Handtuch über der Schulter und meinem Waschzeug lief ich zum Duschhaus, den so verschwitzt, wollte ich nicht ins Auto sitzen.

Schneller als üblich, machte ich mich nass, seifte mich ein und wusch alles wieder ab. Fein säuberlich abgetrocknet, schlüpfte ich wieder in meine Klamotten, schnappte mir meine Sachen und wollte die Tür öffnen.

Sie ließ sich aber nicht öffnen. Ich drehte am Schloss hin und her und rüttelte kräftig an der Tür, aber sie gab keinen Millimeter nach. Rauchgeruch stieg mir in die Nase und ich musste husten. Auf den Boden sehend, bemerkte ich, dass durch den unteren Spalt Rauch eintrat.

Mich packte die Panik und ich schrie laut um Hilfe, aber nichts tat sich. Hustend drückte ich mir das Handtuch vor den Mund und trommelte gegen die Tür. Immer mehr Rauch kam herein und mittlerweile rannen die Tränen herunter.

Nach einem weiteren Hustenanfall wurde mir schwindlig und ich griff nach dem Waschbecken, um mich abzustützen. Dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen und ich konnte Jack erkennen.

Er packte mich hustend, warf mich über seine Schulter und trug mich raus. Viel sah ich nicht, denn der Husten und der beißende Rauch trieben mir weitere Tränen in die Augen und so war alles undeutlich.

„Mein Gott, Lucas“, hörte ich So-Wois Stimme, während mich Jack vorsichtig auf den Boden absetzte.

„Hier trink!“, hörte ich Hyun-Woo sagen und eine Flasche tauchte vor meinem Gesicht auf.

Hastig nahm ich einen Schluck, fing aber gleich wieder an zu husten. Ich sah wie einige Leute herbei eilten und anfingen, den Brandherd direkt neben dem Duschhaus zu löschen.

„Was ist passiert?“, wollte So-Woi wissen.

„Ich war mit duschen… hust… fertig und konnte nicht aus der … hust… Kabine, die Tür… hust, hust… sich nicht öffnen…“

„… die Tür war mit… einem Besen von außen… verriegelt“, kam es leise von Jack.

„WAS?“, kam es von So-Woi und mir fast gleichzeitig.

„Ich war auf der Toilette und wollte mir die Hände waschen, da sah ich den Rauch und dachte sofort an Lucas und als ich ankam, war nur eine Tür verschlossen und mit einem Besenstiel verriegelt.“

Entsetzt sah ich Jack an.

„Ich hörte drinnen jemanden husten, öffnete die Tür und fand Lucas.“

So-Woi zog sein Handy hervor und wählte eine Nummer. Etwas abseits von uns begann er plötzlich zureden, verstehen konnte ich aber nichts. Hyun-Woo hob mir die Flasche vor den Mund und artig trank ich Schluckweise davon.

Jack half mir auf und führte mich zurück zum Auto. Hyun-Woo dagegen blieb bei Soi-Wo.

*-*-*

Wir waren wieder auf der Autobahn. Die Polizei und ein Krankenwagen waren gekommen, hatte unsere Aussagen aufgenommen. Dass der Besen eventuell ein Eigenleben führte und nur durch Zufall dort hin gerutscht sein könnte, daran wollte niemand so recht glauben.

Ins dortige Krankenhaus zu fahren, lehnte ich ab, ich wollte einfach nur zurück. Ich saß mit Hyun-Woo hinten und er hatte besorgt seinen Arm um mich gelegt. Mit einer Wasserflasche in der Hand schaute er mir laufend in die Augen.

„Hyun-Woo, es geht mir soweit gut.“

„Du hast den Arzt gehört, wenn wir zurück sind, solltest du dich wirklich untersuchen lassen.“

„Es ist lieb von dir, dass du dir Sorgen machst, aber mir ist weder schlecht, noch ist mir schwindlig. Aber ich sage es dir sofort, falls sich daran etwas ändert. Okay?“

Zur Bestärkung des eben Gesagten, kuschelte ich mich noch mehr in seinen Arm, legte ein hinreisendes Lächeln auf und schaute ihn dabei herzzerreisend an.

„Schuft!“, flüsterte er leise und küsste mich.

Ich konnte nicht anders und musste kichern. Er durchfuhr sanft mein Haar und lehnte sich wieder zurück. So-Woi und Jack unterhielten sich die ganze Zeit, aber so leise, dass wir hinten nichts verstehen konnten.

Eines ging mir nicht aus den Gedanken, warum war meine Tür versperrt, wer hatte das gemacht?

*-*-*

Wie ich in mein Bett gekommen war, wusste ich nicht. Als ich wach wurde, war es dunkel im Zimmer und ich war alleine. Meine Tür zu So-Wois Wohnung war aber einen Spalt geöffnet und ich konnte Stimmen hören.

Seltsam fit stand ich auf, suchte meine Toilette auf, um dann wenig später, nur in Shorts und Shirt, die Wohnung von So-Woi zu betreten.

„Wir müssen heraus bekommen wer das war, Jack. Irgendwer will Lucas schaden, ich will nicht, dass Lucas irgendetwas passiert.“

Das hatte So-Woi gesagt.

„Ich frage mich nur, wer Interesse hat Lucas zu schaden, außer uns kennt er doch hier niemand“, sagte Hyun-Woo, “dein … ähm Vater vielleicht?”

“Ach komm, mein Vater kann aufbrausend sein und übel gelaunt, aber zu solchen Methoden würden nicht mal er greifen, wenn er etwas erreichen wollte!”

So richtig konnte ich mir das nicht vorstellen, dass mich einer um die Ecke bringen wollte. So wichtig war ich nun auch nicht. Vielleicht war es auch einfach nur ein schlechter Scherz. Zwar ein sehr schlechter, aber darüber wollte ich mir nicht weiter Gedanken machen.

Es wurde sich ja schon darum gekümmert. Ich wollte auch nicht weiter lauschen, so hustete ich kurz und ging dann ins Wohnzimmer. Sofort verstummte das Gespräch der Drei. Sie saßen zusammen auf der großen Couch.

„He, du bist ja wach…, wie geht es dir?“, kam es von Hyun-Woo, der aufstand und mich kurz umarmte.

„Ausgeschlafen und fit!“, brummte ich und ließ mich neben Jack nieder.

„Durst?“, fragte dieser.

Ich nickte.

„Aber bitte nur Wasser, kein Alkohol.“

„Hättest du auch nicht bekommen!“, kam es von Hyun-Woo, der sich zu mir setzte.

Ich schaute ihn an.

„Okay Papa!“, sagte ich und schaute zu So-Woi, der zu grinsen begann.

„Ah, bevor ich es vergesse. Wir haben einen weitere Hinweis auf deinen Onkel, wenn du möchtest, können wir morgen dem gerne nachgehen“, sagte So-Woi.

Nichts kam von dem Gespräch, dass eben geführt wurde. Darüber wollte man wohl schweigen.

„Heute… am Sonntag… halt sagt nichts, nicht wundern nur staunen! Stimmts?“

„Brav“, meinte Hyun-Woo neben mir und streichelte über meinen Kopf.

Der Kleine wurde langsam frech. Ich streckte meinen Arm aus und piekte ihm in die Seite. Mit einem Quicken sprang er auf und schaute mich vorwurfsvoll an. Ich grinste ihm nur entgegen.

Jack war mittlerweile mit einer Karaffe voll Wasser zurück gekommen und stellte sie samt Glas vor mich auf den Tisch.

„Danke“, meinte ich nur und schenkte mir selbst ein, bevor er es tun konnte.

„Ja, wir waren auch darüber verwundert“, sprach So-Woi weiter, „es ist auch eher ein anonyme Email. So wissen wir nicht, ob man diesem Hinweis trauen kann oder nicht.“

„Komisch ist es schon, denn ich habe doch nur mit euch darüber geredet, dass ich meinen Onkel finden will.“

„Lucas, wenn du nach jemandem suchst, bleibt dass in der Regel nicht geheim, irgendwer verblabbert sich immer“, meinte Jack, der sich gerade wieder neben mir nieder ließ.

„Tut mir leid Leute, das ist mir zu hoch. Ich bin weder ein bekannter Hollywoodstar, noch ein prominenter Politiker, wo es vielleicht die Öffentlichkeit interessiert, ein weiteren Skandal herauf zu beschwören.“

„Aber es gibt immer Leute, die es interessiert, was ein anderer tut.“

Etwas gefrustet schaute ich auf den kleinen Tisch, der vom Sofa umringt war. Hier wurde eine einzelne Person oft viel zu hoch bewertet, aber dies hing ja alles mit deren Kultur und den Traditionen zusammen.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich dies alles nerven würde und ich mir mein einfaches Leben in Deutschland zurück wünschte, wo ich einfach nur Lukas war. Knapp einen Monat war ich da und so etwas wie Heimweh packte mich.

Ich trank mein Glas leer, stand ohne etwas zu sagen auf und ging in mein Zimmer zurück. Hyun-Woo rief mich, aber ich wollte jetzt alleine sein, so schloss ich die Tür hinter mir. Ich schnappte mir mein Handy und ließ mich aufs Bett fallen.

Hier war es jetzt kurz vor acht Abends, so müsste bei Dad jetzt zwei Uhr mittags sein. So tippte ich seine Nummer ein und wenig später wurde das Gespräch aufgebaut.

„Dremmler.“

„Hallo Papa, ich bin es…“

„Hallo Lukas, alles in Ordnung mit dir.“

„Ja.“

„Und warum rufst du an?“

„Ich wollte deine Stimme hören…“, sagte ich leise.

„Heimweh?“

Ich nickte erst und spürte die erste Träne die Wange hinunter kullern.

„… ja…“

„Ist etwas passiert…?“

Ich atmete tief durch.

„Papa, hier passiert so viel, ein Tag ohne Überraschungen gibt es nicht.“

„Also langweilig wird es dir dann sicher nicht.“

„Nein, aber die vielen Traditionen…, Ehrerweisungen und alles was damit zusammen hängt beginnen zu nerven.“

„Das hat deine Mutter prophezeit, dass dich das irgendwann stören wird.“

„Papa, du kannst dir das nicht vorstellen. Gut ich verkehre hier in gewissen Kreisen, die mich automatisch in eine gewisse Stellung bringen…“

„Was meinst du damit?“

„So-Woi, bei dem ich jetzt wohne und ein guter Freund geworden ist, ist auch der Sohn der Familie, welcher der Sender KBS gehört. Den Sender, den Mama auch daheim über das Internet schaut.“

„Ich verstehe. Du kommst nicht damit klar, dass du höher gestellt bist als andere. Aber Lukas, später im Arbeitsleben, wird das hier nicht anders sein, wenn du eine höhere Stellung erreichst.“

„Papa, in Deutschland verbeugt sich aber nicht das ganze Personal vor dir und das jedes Mal, wenn du an ihnen vorbei läufst!“

„Nein, das nicht.“

„Daheim bin ich einfach nur Lukas, aber hier…“

„Bist du auch Lukas, ein junger Mann mit großem Herz.“

„Ach Papa…, bei dir hört sich das immer alles einfach an.“

„Lukas, es ist einfach, du musst es nur zulassen und dich nicht dagegen sträuben. Koreas Kultur ist eben nun mal so, damit musst du dich abfinden.“

„Für Mama muss Deutschland ein Paradies sein.“

„Kann sein, sie hat dafür andere Schwierigkeiten gehabt, als sie hier her kam. Was anderes. Deine Mutter hat erzählt, du hast mit deinem Opa geredet?“

„Ja, er hat mich im Krankenhaus…“

„Du warst im Krankenhaus? Lukas, ich mach mir langsam Sorgen…“

„Papa, es ist mir einfach nur zu viel geworden, diese … Aufregung um meine Person. Opa kam nur ins Krankenhaus, um sich zu entschuldigen, weil er eigentlich der Auslöser war, ich mich etwas über seine Auffassung über Familie aufgeregt habe.“

„Lukas… Lukas, was soll ich mit dir nur machen?“

Dass ich in einer Dusche fast abgefackelt wurde, verschwieg ich lieber.

„Ich habe hier einen ganz lieben Aufpasser, Papa, der ist rund um die Uhr bei mir.“

„Auch nachts?“

Erwischt, ich spürte, wie mein Gesicht tomatisierte.

„Ähm… ja. Ich habe mich in Hyun-Woo verliebt“, sagte ich kleinlaut.

„Und wer ist dieser Hyun-Woo?“, wollte Papa wissen.

„Hyun-Woo ist der junge Mann, der mir von Anfang an zugeteilt wurde, der Assistent von Mr. Choi.“

„Aber warum ist der noch bei dir, ich dachte, du musstest doch bei den Chois ausziehen.“

„Hyun-Woo wurde gekündigt…“

„Wegen dir, aber…“

„… und wurde von So-Woi als privater Sekretär eingestellt…“, unterbrach ich Papa.

„Hm…, gut, wenn er weiterhin auf dich aufpasst, dann will ich mal nichts sagen.“

„Tut er und er ist für mich da, liest mir jeden Wunsch von den Augen ab und…“

Ich brach ab und wurde knall rot, ich konnte ja meinem Vater schlecht erzählen, wie viel Spaß ich mit Hyun-Woo im Bett hatte.

„Du hörst dich echt verliebt an.“

„… ähm bin ich… ja bin ich.“

Deutlich konnte ich das Grinsen meines Vaters vor mir sehen, obwohl er nicht vor mir saß.

„Glückwunsch Sohnemann.“

„Danke Papa.“

„Und was soll jetzt werden? Willst du heim?“

„Nein Papa…“

„Da deine Antwort ohne Zögern kam, denke ich du meinst das ernst.“

„Tu ich, Papa. Mir gefällt es hier, auch wenn ich mich schwer tu, mich an einige Dinge zu gewöhnen. Aber es macht Spaß und ich lerne jeden Tag so viel neue Dinge kennen.“

„Da ist wieder deine alte Begeisterung für Mamas Land, wie du sie zu Hause hattest.“

Er hatte Recht, da war wieder dieses Gefühl, dieses Land kennen lernen zu wollen, irgendwie war es abhanden gekommen.

„Danke Papa…“

„Für was?“

„Dass du immer wieder für mich da bist, wenn ich dich brauche.“

„Tja, für diesen Job habe ich mich vor achtzehn Jahren entschieden. Hätte ich aber damals gewusst, was…“

„PAPA!“

Er lachte laut und es steckte an. Ich kicherte ebenfalls.

„Willst du noch deine Mutter sprechen?“

„Hm…, nein heute nicht, für Ermahnungen bin ich heute nicht aufgelegt.“

„Die kannst du auch von mir haben.“

„Ich weiß Papa.“

Meine Tür wurde leise aufgeschoben und Hyun-Woo steckte den Kopf herein.

„Ich werde wohl erwartet…, wir können ja morgen wieder telefonieren.“

„Stimmt Sohnemann, aber übertreib es nicht! Sonst ist dein Geld bald alle.“

Ich grinste und winkte Hyun-Woo herein.

„Ich übertreibe es nie!“

Ich schaute zu Hyun-Woo, der mich fragend anschaute, übersetzte kurz und nun grinste auch er.

„Aber ich gebe deinem Vater Recht!“

„Papa hast du gehört, Hyun-Woo gibt dir sogar Recht.“

„Ein kluger junger Mann! Kannst du ihn mir mal geben?“

„Moment…, Hyun-Woo, mein Vater möchte dich sprechen.“

„Mich…?“, fragte er verwundert.

„Ja!“, antwortete ich und reichte ihm das Handy.

„Kann er mich verstehen?“

„Ja, er spricht fließend Koreanisch.“

Zögernd nahm er das Handy entgegen.

„… hallo…“

Leider konnte ich nicht hören, was mein Vater zu ihm sagte und bereute, nicht die Lauttaste gedrückt zu haben. Hyun-Woo sagte öfter „Ja“, oder beteuerte, dass ich ihm keine Arbeit machte.

Aber er hatte ein Lächeln auf den Lippen und er wirkte auch nicht so scheu wie sonst. Es tat irgendwie unheimlich gut, Hyun-Woo mit meinem Vater reden zu sehen. Ich hatte ihm erzählt, dass meine Eltern über mich Bescheid wussten.

„Wollen sie noch mal mit Lucas reden?… okay, einen Gruß an die Familie…, danke, werde ich machen.“

Er ließ seinen Arm sinken und reichte mir mein Handy zurück.

„Einen netten Vater hast du!“

„Ja, den habe ich“, erwiderte ich, griff nach Hyun-Woos Hand und zog ihn zu mir aufs Bett.

Er kuschelte sich an mich und grinste mich freudig an.

„Was?“

„Er hat mir verraten, was ich machen muss, wenn du mir nicht gehorchst!“

„Ich dir nicht gehorchen…, he was soll….aaaaah.“

„Hm, der spitze Finger in die Seite funktioniert ja schon ganz gut.“

„Du kleiner mieser Schuft, du verwendest das auch noch gleich gegen mich…?“

„Klar“, meinte Hyun-Woo grinsend.

„Na warte…“

Ich stemmte mich hoch und saß wenig später auf Hyun-Woo, der leise kicherte.

„Hm…, keine Küsse mehr für ein paar Tage sollten eigentlich genügen…“, sagte ich und schaute ihn böse grinsend an.

„Für wen soll das eine Strafe sein, für mich, oder für dich, dass hältst du doch keinen Tag durch.“

Warum kannte mich Hyun-Woo so gut? Ich gab einfach auf, ich wusste zwar viel zu schnell, aber es tat so gut Hyun-Woo bei mir zu haben, obwohl ich vorhin noch alleine sein wollte. So ließ ich mich langsam sinken und unsere Lippen trafen sich zu einem langen intensiven Kuss.

*-*-*

Als ich meine Augen wieder öffnete, war es dunkel im Zimmer. Alleine Hyun-Woos Atem war zu hören, dessen Brust, welche mein Kopf in Beschlag genommen hatte, sich langsam hob und senkte.

Seine Wärme auf meiner Haut zu spüren, erzeugte mir eine Gänsehaut auf den Rücken. Aber wie immer in solchen perfekten Situationen stimmte etwas nicht. Meine Blase drückte und mein Hals brannte etwas.

So entzog ich mich vorsichtig Hyun-Woos Schlafarrangement und lief ins Bad. Als ich wenig später wieder ins Zimmer kam, lag Hyun-Woo eingerollt in der Decke auf seiner Seite meines Bettes.

Ich lief zur kleinen Küchennische und holte mir eine Petflasche Wasser heraus.

„Lucas?“, hörte ich Hyun-Woos besorgte Stimme.

„Ja, hier trüben…“, antwortete ich und sah im halbdunkeln, wie Hyun-Woo nach seiner Brille tastete, ohne die er wirklich keinen Meter weit sah.

Ich stellte die Flasche zurück, in den Kühlschrank und begab mich zurück ans Bett.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er.

„Ja, ich musste nur auf die Toilette und hatte Durst.“

Hyun-Woo hob seine Decke und ich schlupfte mit unter. Zärtlich zog er mich an sich und deckte mich mit zu.

„Mein Hals kratzt etwas, wenn es morgen nicht vorbei ist, sollten wir vielleicht zur Apotheke gehen.“

„Nicht jetzt schon?“

„Entschuldige bitte, ich vergesse oft, dass bei euch viele der Läden rund um die Uhr geöffnet haben, aber ich möchte jetzt aufstehen…“

„Musst du nicht, ich fahre gerne und hole dir etwas gegen die Schmerzen“, meinte Hyun-Woo und wollte schon aufstehen.

„Erstens sind die Schmerzen ertragbar und zweitens will ich nicht, dass du mich jetzt alleine lässt.“

Er lächelte und lehnte sich wieder an mich, griff nach meiner Hand und spielte mit meinen Fingern. Er hatte schon öfter gesagt, er liebt meine langen schmalen Finger, besonders wenn ich ihn damit streichelte.

Ich beugte mich etwas vor und küsste seine Stirn.

„Du wirkst nachdenklich“, hörte ich ihn leise sagen.

„Kann sein… Hier mit dir zu liegen, lässt mich ab und zu in meinen Gedanken davon schweben.“

„Und über was denkst du nach…, wenn ich fragen darf.“

„Über dich…“

„Mich? Habe ich etwas…“

„Schhhh…., das meinte ich nicht Hyun-Woo. Es geht eher in die Richtung, wie sehr ich dich lieb gewonnen habe, deine Art, wie du dich immer um mich kümmerst, mir jeden Wunsch erfüllst. Mich mittlerweile so gut kennst, schon fast im Voraus weißt, was ich denke oder wie ich handeln werde.“

„Hellseher bin ich keiner…“

Ich grinste ihn an.

„… es rührt und berührt mich einfach tief, weil ich das nicht kenne, jedenfalls nicht mit so viel Liebe verbunden, wie du sie mir schenkst!“

„Das hat noch niemand zu mir gesagt…, ich will einfach nur, dass es dir gut geht, Lucas!“

„Dir soll es dabei auch gut gehen!“

„Geht es, keine Sorge…!“

„Wirklich?“

Er setzte sich auf und schaute mir in die Augen.

„Ich war noch nie so glücklich, wie im Augenblick! Am liebsten würde ich die Zeit stoppen, dass das alles nicht aufhört.“

„Es wird nicht aufhören“, meinte ich zog ihn wieder für einen Kuss zu mir.

*-*-*

Richtig erholt saß ich am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Da Hyun-Woo mit So-Woi bereits unterwegs war, bekam ich mein Frühstück von Jack serviert. Wie immer trug er in So-Wois Privaträumen, nur eine Shorts und ein Muskelshirt.

Mir gefiel das Muskelspiel während seiner Bewegungen. Leider blieben meine Blicke nicht unbemerkt.

„Ist etwas? Habe ich irgendwo einen Fleck?“

Ertappt und rot werdend, grinste ich ihn an.

„Entschuldige bitte, aber es macht Spaß dich zu beobachten…“, sagte ich leise und trank verlegen von meinem Kaffee.

„Danke…“, sagte er nickend und setzte sich zu mir.

„Hast du keine Lust, etwas zu trainieren?“, fragte er und griff nach dem Musli.

„Wie meinst du das?“

„Ich habe mitbekommen, dass dein Körper nicht so mitzieht, wenn es dir schlecht geht, also ich meine, wenn du in Stress kommst.“

Ich schaute ihn an.

„Entschuldige! Ich wollte dir nicht zu nah treten…“

Ich hob abwehrend meine Hand und stellte den Kaffee ab.

„Nein, kein Problem, ich gebe dir Recht, Jack. Ich bin größer als der Durchschnitt, aber treibe nicht viel Musik. Mir ist es auch völlig unerklärlich, dass So-Woi und Jae-Joong meinen, ich soll eine Modellkarriere starten.“

„Das liegt wohl daran, dass du verdammt gut aussiehst!“

„Lass stecken, Jack. Ich sehe ganz normal aus.“

„Du schaust wohl nicht oft in den Spiegel? Deine Augen zum Beispiel, sind recht groß, sehr beliebt hier in Korea, zu dem noch grün, das gibt ihnen etwas magisches…, deine Lippen haben diese leichten Schmollmundansätze, das lieben die Mädchen hier.“

„Und ich bin schwul und das ist gut so!“, kicherte ich.

„Ich meine ja nur und etwas Krafttraining würde dir sicher gut tun und dein Aussehen noch verbessern.“

„Aus dem Grund würde ich kein Sport treiben, aber wenn du meinst, es kommt meiner Gesundheit zu Gute, daran hätte ich dann Interesse.“

„Gut, dann fangen wir doch gleich damit an und gehen nach dem Frühstück eine kleine Runde laufen…, was hältst du davon?“

Damit hatte ich jetzt nicht gerechtet, aber er hatte wirklich Recht. Wenn es mir gut tat und es mir wirklich besser ging, warum nicht? Eine halbe Stunde später stand ich im Sportdress unten vor dem Haus und wartete auf Jack.

Er wollte nur noch schnell So-Woi und Hyun-Woo Bescheid geben, wo wir waren und was wir machten. Dann kam er auf mich zugejoggt und zog an mir vorbei.

„Los geht’s!“, sagte er lachend.

Natürlich hing mir schon nach fünf Minuten die Zunge auf dem Boden und ich keuchte wir ein altes Walross.

„Schon alle?“, rief mir Jack zu, der ein paar Meter vor mir lief.

Ich nickte, denn im Augenblick war ich nicht im Stande, etwas zu sagen. So blieb ich stehen, stütze mich mit meinen Händen auf den Knien ab und versuchte wieder langsamer zu atmen. Unbemerkt war Jack neben mich getreten und griff mir von hinten sanft in die Seiten.

Natürlich erschrak ich etwas und fuhr hoch.

„Arme hoch!“, hörte ich ihn sagen, nach denen er auch griff und sie hochdrückte.

Keuchend folgte ich seiner Anweisung.

„Durch die Nase einatmen und mit dem Mund langsam ausatmen!“

Leichter gesagt, als getan. Ich hatte das Gefühl, ich bekam zu wenig Luft und zog wie ein Wilder Luft durch meine Nase.

„Nicht so, sonst hyperventilierst du und kippst mir noch um!“

Er stellte sich vor mich, drückte sanft seine Hand gegen meinen Magen, während ich mich darauf konzentrierte richtig zu atmen, was mir dann auch gelang.

„Meinst du, du schaffst es bis zur anderen Seite des Parks, dort warten nämlich dann So-Woi und Hyun-Woo auf uns.“

Wieder antwortete ich mit einem Nicken. Jack setzte sich in Bewegung und ich joggte erst langsam, dann schneller hinter ihm her. Der Park kam mir so unendlich lang vor. Aber in Hinsicht, dass ich Hyun-Woo gleich wieder sehen würde, mobilisierte ich noch einmal alle meine Kräfte.

Der Ausgang nahte und ich konnte schon die Straße erblicken. Dort endlich angekommen, blickte ich mich schwer atmend um und konnte das Auto, von So-Woi entdecken. Obwohl mir fast die Luft wegblieb, rannte ich los.

Kein Auto war zu sehen, so achtete ich nicht weiter auf den Verkehr und überquerte die breite Straße joggend.

„LUCAS!“, hörte ich Jack schreien.

Ich bremste ab und konnte aus dem Augenwinkel heraus einen schwarzen Wagen sehen, der auf mich zuraste. Wie eingefroren blieb ich auf der Stelle stehen.

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6 Kommentare

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  1. Hi Pit,

    jippie endlich eine Fortsetzung, das Warten hat sich gelohnt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

    VlG Andi

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    • Andreas auf 25. April 2016 bei 09:58
    • Antworten

    Hallo Pit,

    wie immer sehr gut, mit einem fiesen Cliffhanger.
    Ich hoffe, wir müssen nicht so lange auf eine Aulösung warten
    und ich freue mich schon jetzt sehr auf die nächsten Teile

    HG Andreas

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  2. Hallo Pit,

    sehr schön, es geht weiter.
    Ein tolle Geschichte, bin gespannt wie es weitergeht.

    LG Claus

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  3. Interessante Geschichte. Schön zu lesen.
    Bin schon gespannt wie es weitergeht.

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  4. hallo pit,
    eine sehr tolle geschichte, wie gewohnt mit vielen datails und sehr viel hintergrundwissen.

    bin gespannt ob ich mit meiner vermutung über den wahren täter der anschläge richtig liege !!!!

    ich sage nur enkel !!!

    hoffentlich hast du genug zeit, lust und gesundheit um uns bald wieder eine fortsetzung zu schenken.

    gruß
    sandro

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    1. Hallo Sandro, ich glaube du solltest noch mal nach lesen, der Enkel ist es nicht! Grins und Gruß Pit

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