No one else – 11.Türchen

Letizia fing laut an zu lachen und Placido hielt mir seinen Stift entgegen. Verschüchtert schaute ich zu dem Mann, der mir eine Fotografie hinhielt. Darauf war ich zu erkennen, irgendeine Zeitung hatte mein Bild schon abgedruckt. Ich unterschrieb mit Davide de Luca und nickte dem Mann zu.

„Vielen Dank, meine Frau würde sich sehr freuen!“

Brav gab ich Placido den Stift zurück und nahm dann einen großen Schluck Wein. Letizia nahm die Hand vor den Mund und schien sich nicht zu beruhigen.

„Na, wie war es, deine erste Autogrammstunde?“, wollte Placido wissen.

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich mich komisch fühlte, unwohl und deplatziert. Das Essen kam zum Glück, ich musste nichts mehr darauf erwidern. Mit Heißhunger schlang Placido in sich hinein, obwohl die Portionen mir doch etwas klein schienen.

„Was hältst du von einer Malschule hier in Florenz, für Kids, die sich das normalerweise nicht leisten könnten“, fragte ich Letizia.

„Keine schlechte Idee, aber wo willst du so etwas umsetzten. Dazu bräuchtest du ein Gebäude, eventuell Lehrer, oder der in diese Richtung etwas auf dem Kasten hat.“

„Also gefällt dir die Idee“, fragte dieses Mal Placido.

„Ja, aber wie kommt ihr denn da drauf.“

„Wusstest du, dass Placidos Eltern hier aus Florenz stammten.“

„Klar, wer kennt die Familie nicht, ich kannte Placido nicht, aber die von der Familie stammende Lederfaktur. Die Geldbörsen sind nach wie vor begehrt. Aber wo sie genau wohnten, das weiß ich nicht.“

„Kennst du das große Eckhaus in der Via Salvestrina mit dem großen Garten und den edel vergitterten Fenstern?“, fragte ich weiter.

„Das Nebenhaus von dem Googlegebäude?“

„Nebenhaus ist gut, genau das“, sagte ich.

„Das ist mein Elternhaus“, fügte Placido an.

„Wirklich? Wow. Gehört das dir?“

Placido nickte.

„Kannst du dir darin ein Cafe vorstellen, mit Ausstellungsräumen und eine Zeichenschule für Kids?“

Letizia hörte auf zu kauen und schaute uns beide ungläubig an. Sie hustete kurz, trank einen Schluck Rotwein.

„Ihr wollt mich jetzt verarschen.“

Placido und ich schüttelten fast gleichzeitig mit dem Kopf. Letizia sagte erst nicht, sie schaute nur abwechseln zu uns beiden.

„Nimm ein Kalender heraus und male ein rotes Kreuz auf den heutigen Tag, denn dass Letizia keine Antwort weiß, ist sehr selten.“

Mit ihrer kleinen Faust boxte sie mich auf die Schulter.

„Aua…, da siehst du, wie sie mit ihren Angestellten umgeht, endlich habe ich einen Zeugen.“

Auch Placido schwieg und grinste.

„Wann hast du dir denn das ausgedacht?“, stellte sie Placido die Frage.

„… ähm letzte Nacht…“

„Bitte?“

Placido schnitt ein Stück Fleisch ab und schob es genüsslich in den Mund, während ich mich über meinen Rest vom Gemüse hermachte.

„So gesehen, ist indirekt Davide schuld…“

Ich lächelte ihn wissend an.

„Wieso Davide, hat der jetzt eine soziale Ader und dich angesteckt?“

„Nein, das bestimmt nicht. Soziale Projekte habe ich in der Vergangenheit schon oft unterstützt. Hauptsächlich in Amerika.“

„Aber wie bringt dich Davide dazu hier so etwas zu starten.“

„Er selbst ist der Grund…“

Etwas genervt und durchdringend schaute sie ihn an.

„Placido bitte, lass dir doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen.

„So gesehen, bist du auch nicht ganz unbeteiligt daran.“

„Placido!“

Ich fing an zu lachen. Placido schien es Spaß zu machen, Letizia aufzuziehen.

„Willst du mich dumm sterben lassen?“

Er schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck Wein.

„Du weißt, ich habe Davide gestern Abend noch nach Hause gebracht und nachdem wir uns irgendwie wieder gefunden haben, du mit der Idee kamst, ihn in den nächsten Tagen besser kennen zu lernen, tat es regelrecht weh, als ich ihn gestern an seiner Wohnung verließ und alleine ins Hotel zurück musste.“

„Deshalb fragte ich auch, ob Davide die Zeit über bei dir wohnen kann.“

„Das ist längst geregelt“, sagte ich leise und schob die nächste Gabel in meinen Mund.

„Wie…?“

Ich kaute fertig und leerte meinen Mund.

„Meine Sachen sind im Hotel.“

„Das ging aber schnell…“

„Letizia, ich lebe seit Jahren mehr im Hotel, als in einem festen Wohnsitz und immer bin ich alleine. Im Sommer habe ich Davide kennen gelernt, ein Mensch, den ich wahnsinnig interessant finde und spannend.“

„Hört… hört!“

Wieder machte er mich verlegen.

„Auf dem Rückflug, das habe ich nicht mal Davide erzählt, sind mir die Tränen gelaufen.“

Stimmt, das hatte er mir wirklich nicht erzählt, auch jetzt schienen seine Augen glasig.

„Wieso das denn?“

„Ich glaubte endlich den Menschen gefunden zu haben, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte und er…“

„… lehnt dich ab“, fiel ihm Letizia ins Wort, „aber verständlich, nach nur einer Woche kennen.

„Ja, und als wir uns dann gestern auf der Ausstellung begegnet sind und du später den Vorschlag machtest, dass ich und Davide einen Monat zusammen verbringen wollte, hat sich einiges in meinem Kopf in Bewegung gesetzt.“

„Das Cafe…?“

„Ja, ich will endlich eine Bleibe haben zu der ich zurück kehren kann, wo ich meine Freizeit verbringen, oder auch meiner Kunst weiter nachgehen kann. Du kannst dir nicht vorstellen, welche negative Energie ein angemietetes Atelier ausstrahlt.“

„Davon verstehe ich leider nicht viel. Du hast dich also entschlossen, hier in Florenz sesshaft zu werden. Aber ich verstehe immer noch nicht, was das Cafe soll?“

„Letizia“, mischte ich mich ein, „wir waren heute Morgen eine Galerie besichtigen, wo Placidos Bilder ausgestellt werden sollten. Schon der Besitzer behandelte mich schon von oben herab. Dann war diese Galerie ein dunkles Loch, wo Placidos Kunst nie und nimmer seine Wirkung hätte entfalten können.“

„Ist er nicht toll der Kleine, kennt schon genau meine Vorstellungen“, warf Placido ein, was mich ihn liebevoll anlächeln ließ.

„Aber erklärt das Cafe nicht.“

„Placido liebt Cappuccino über alles und möchte in der Pattere seines Familienhauses deshalb ein Cafe eröffnen, in dem ein Teil seiner Bilder auch ausgestellt sind, in einem großen Nebenraum kann man dann den Rest seiner aktuellen Kunst bewundern, oder gar kaufen.“

„Das hört sich interessant an. Und was war das mit der Zeichenschule?“

„Das Haus ist riesig, das hat eine Zeichenschule locker Platz und mit dem Namen von Placido, denke ich nicht, dass es an Anmeldungen mangeln wird.“

„Du sprühst ja regelrecht voll Energie, was hat Placido nur mit dir gemacht?“

Lächelnd zuckte ich mit den Schultern, weil ich darauf keine Antwort wusste.

„In den oberen Räumen würde ich dann meine Wohnung und das Atelier unterbringen und der große Innenhof bietet Platz für Parkplätze und einen kleinen Park zum verweilen.“

„Die Idee ist sehr interessant und wann möchtest du damit beginnen?“

„Ich wollte eigentlich dich fragen, da du dich in Florenz besser auskennst, als ich, kennst du einen guten Architekten, den ich damit beauftragen könnte?“

„Ich? Also gut, ich kennen da schon ein paar Leute, ich müsste mich erst umhören.“

„Gut! Gebongt! Du meldest dich bei mir, wenn du jemand gefunden hast.“

Ungläubig schaute sie ohne einen Ton zusagen, in meine Richtung. Ich hob abwehrend die Hände und lachte.

*-*-*

Letizia wurde von Placidos Fahrer heimgebracht, während wir auf der Lungarno Amerigo Vespucci am Arno entlangliefen. Es war recht kalt geworden. Von der anderen Seite spiegelten sich im Wasser die Lichter der Häuser und über uns funkelte der klare Sternenhimmel um die Wette.

„Danke für diesen Tag“, meinte ich.

„Nichts zu danken, ich fand ich auch schön und ich hoffe, es werden noch viele, viele folgen.“

„Was steht morgen an?“

„Unsere Stadtbesichtigung.“

„Sonst nichts?“

„Das hört sich an, als wärst du enttäuscht.“

„Nein, eher verwundert, dass du nicht mehr Termine hast.“

„Nein, ein paar Tage habe ich dazwischen schon frei.“

„Gut für uns.“

„Hast du etwas geplant?“

Er griff nach meiner Hand und so schlenderten wir zusammen weiter zum Hotel.

„Nein, seit Letizia mir den Auftrag gegeben hat, dich einen Monat zu begleiten, habe ich mir nichts weiter vorgenommen.“

„Was ist mit deinem Buch?“

Ich blieb stehen.

„Das habe ich auf Eis gelegt.“

„Wieso das denn?“

„Weil ich keine Zeit dafür habe, Placido. Leider muss ich Geld verdienen, die Wohnung kostet, essen will ich auch, dann muss ich als Journalist auch etwas liefern, sonst sitze ich auf der Straße.“

„Entschuldige.“

„Für was entschuldigst du dich?“

„Ich vergesse oft, wie andere ihr Geld verdienen, denke nicht daran. Ja, ich habe viel Geld, verdiene viel Geld mit dem Verkauf meiner Kunst…“

„… und ich muss mir die Finger wund schreiben, damit ich mein monatlichen Gehaltsscheck wert bin.“

„Stört es dich, dass ich so viel Geld besitze?“

„Um ehrlich zu sein, habe ich mir darüber bisher noch nicht viel Gedanken gemacht. Klar, hätte ich mir die Sachen heute Mittag privat nicht leisten können, auch wenn ich etwas auf der hohen Kante habe.“

„Es ist dir unangenehm…“

„Schon etwas, es zu verneinen wäre gelogen. Aber das bist du, Placido, das habe ich schon im Sommer in Portofino gemerkt, dass ist dein Lebensstil…, sollte ich ihn ändern wollen?“

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1 Kommentar

    • hartmut auf 11. Dezember 2016 bei 09:55
    • Antworten

    Eine recht gute Geschichte, diese ist genau richt für diese Jahreszeit. Spannend wie immer von Dir.

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