Fotostudio Plange – Teil 2 – Essen beim Griechen

Das Essen beim Griechen

Ihr wollt es ja nicht anders, also werde ich weiter erzählen. Wo fange ich an? Am besten am Anfang! Also: Am Anfang war das Wort, …

Nein, es wird jetzt keine Bibelstunde, aber am Anfang des Zusammenlebens mit Marv stand wirklich das Wort, das ich meinen Bruder Klaus vor knapp anderthalb Jahren gegeben hatte, mich nämlich um seinen adoptierten Sprössling zu kümmern. Nein, es steckt jetzt keine Familientragödie mit Krankheit, Tod oder Scheidung dahinter, auch waren mein Bruder und seine Frau Claudia nicht mit der Erziehung ihres verzauberten Sohnes überfordert: kein Psychodrama, kein seelisches Horrorszenario, kein emotionaler Gefühlsorkan, obwohl … geheult haben wir beim Abschied doch alle wie ein Schlosshund. Es war aber für alle Beteiligten die beste Lösung, den sechzehnjährigen angehenden Wasserballstar in der Obhut seines schwulen Onkels, sprich meiner Person, zu lassen.

Aber um das zu verstehen, muss ich das Rad der Geschichte noch weiter zurückdrehen, mindestens um vier Jahre, denn damals, nach dem Tod meines Vaters, betrat ich wieder die heimische Bühne, die ich fünf Jahre zuvor mit einem großen Knall verlassen hatte bzw. verlassen musste. Ach was soll‘s: fangen wir bei meinem alten Herrn an. Wilhelm war zwar das jüngste Kind seiner Eltern, aber er übernahm dann in vierter Generation das Fotostudio Plange, da seine beiden älteren Brüder im Krieg gefallen waren. Mit knapp 40 lernte er dann meine Mutter Karin kennen. Nach vier Jahren Ehe wurde dann Klaus geboren, drei Jahre später erblickte ich das Licht der Welt. Klaus, der von jeher lieber mit Bauklötzen spielte, studierte Bauingenieurwesen und wurde Tragwerkplaner; die alte Bezeichnung Statiker ist wohl geläufiger. Ich hingegen entwickelte schon mit sieben meine ersten eigenen Bilder, somit war klar, dass ich eines Tages das Familiengeschäft übernehmen würde. Insofern war es kein Wunder, dass ich Fotografie erst an der Kunstakademie in Münster und dann in London und Paris studierte. Es hätte alles so schön werden können, aber es kam – wie immer – anders! Mein alter Herr kam leider nie damit klar, dass sein potentieller Nachfolger das eigene Geschlecht bevorzugte. Solange meine Mutter noch lebte, ging es so einigermaßen, wir ließen uns in Ruhe, es herrschte eine gespannte Stille, zum einen war ich dauernd in der Weltgeschichte als Fotograph bzw. Bildreporter unterwegs, zum anderen gingen wir uns so gut wie möglich aus dem Weg. Nach ihrem Tod schmiss er mich dann jedoch endgültig aus dem Haus, er wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Mein Freund Manuel fing mich – Gott sei Dank – auf und gab mir Kraft. Erst als er mit den Füßen voran aus seinem Geschäft getragen wurde, betrat ich nach viereinhalb Jahren zum ersten Mal wieder mein Elternhaus. Auf Drängen meines Bruders übernahm ich dann doch Geschäft und Haus in der Ludwigstraße. Wilhelm hatte mich zwar aus seinem Testament gestrichen und Klaus als Alleinerben eingesetzt, aber irgendwie war Papas letzter Wille nicht mehr auffindbar. Die gesetzliche Erbfolge trat ein, wonach wir jeder die Hälfte erhielten. Klaus wohnte ja schon längst mit seiner Familie in Mamas altem Haus, sie hatte es ihm schon vor Jahren überschrieben. Erst wollte ich zwar nicht, aber Klaus kann ziemlich hartnäckig sein, wenn ihr was er erreichen will. Nach Jahren des rastlosen, wohl eher erzwungenen, Umherziehens wurde ich endlich sesshaft, auch wenn das nicht gerade geplant war.

Marvin war zu dem Zeitpunkt fast 14, ein pubertierender, verpickelter Jüngling, ziemlich schlaksig, aber die athletische Figur eines Schwimmers war schon zu erahnen. Die ersten Erfolge im nassen Element hatten sich schon eingestellt. Als seine Geschwister, die Zwillinge Maximilian und Philipp, eingeschult wurden, wurde er Landesmeister über 100m Freistil in seiner Altersklasse und im Jahr darauf mit seiner Schulmannschaft Stadtmeister im Handball.

Kurz vor Allerheiligen vor zwei Jahren wurde es dann turbulent im Leben der Familie Plange.

Klaus, der schon immer für seine Firma mindestens acht Monate im Jahr auf ausländischen Baustellen weilte, bekam das Angebot für einen festen Job, allerdings als Leiter der australischen Niederlassung seiner Firma mit Büro in Sydney. Man trug sich ergo mit Auswanderungsplänen auf den fünften Kontinent. Marvin, mittlerweile zum Wasserball gewechselt und Star der Jugendmannschaft des hiesigen, ziemlich erfolgreichen Schwimmvereins, hatte sich vor Monatsfrist von seiner Freundin getrennt und wurde ziemlich verschlossen, ein richtiger Eigenbrödler, der sich immer mehr zurückzog und niemanden mehr an sich heran ließ. Der fast sechzehnjährige Pennäler mutierte zum wortkargen Eremiten. Mein Lover Manuel hatte sich nach ziemlich genau sechs Jahren von mir getrennt. Ihm war das Leben in der Provinz wohl zu viel bzw. zu fad. Er, der Tanzlehrer, ging hier in dem beschaulichen Städtchen mit fast 200.000 Einwohnern ein wie eine Primel, während ich, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, langsam anfing, hier wieder aufzublühen. Den Umbau der Wohnung hatten wir noch gemeinsam begonnen, als die neue Küche geliefert wurde, ging er.

Tja, und dann kam zu drei merkwürdigen Zwischenfällen, an denen Marvin entweder direkt oder indirekt beteiligt war.

Auf der Suche nach einem passenden Geburtstagsgeschenk für meinen mittlerweile über 170 cm großen Neffen fragte ich Claudia nach seinem Musikgeschmack, mir schwebten Konzertkarten vor. Sie meinte, im Moment würde er eher auf deutsche Musik, allerdings etwas inhaltschwer, stehen. Den Namen der Gruppe kenne sie zwar nicht, sie wolle aber einmal einen genaueren Blick auf seine CD- Sammlung werfen. Falls ich keine Karten auftreiben könnte, könne ich mich gerne an ihrem Geschenk, einem ultramodernen Rennrad in Gelb, beteiligen. Zwei Tage später bekam ich die Antwort: Rosenstolz!

Der Kantor der Marktkirche, ein bärtiger Mann um die 50, hatte mich gebeten, den Kirchenchor für ein Plakat auf Zelluloid abzulichten. Eigentlich nichts Weltbewegendes, ein Auftrag wie jeder andere auch, auch wenn er erst um 20 Uhr abgewickelt wurde. Um viertel vor acht parkte ich hinter der Kirche, lud meinen Wagen aus und wartete auf den Küster, damit ich rechtzeitig vor Beginn der Probe mit dem Aufbau meine Gerätschaften beginnen könnte. Allerdings verspätete sich der Kirchendiener etwas, ich beobachtete in der Zwischenzeit den kleinen, neben der Kirche gelegenen Park. In besagter Grünanlage gibt es noch ein Relikt aus alten Zeiten, eine öffentliche Bedürfnisanstalt. Mit einigem Grausen betrachtete ich den Ort, hatte ich doch dort vor fast 20 Jahren meine ersten Blaserfahrungen gesammelt. Die einzige Änderung gegenüber früher war eine Laterne, die nun den Vorplatz voll ausleuchtete. Fünf vor acht betrat ein Mittdreißiger mit braunem Lodenmantel ziemlich unsicher das Gebäude. Ich schmunzelte, es hatte sich also nichts geändert. Kurze Zeit später stoppte ein gelbes Rennrad nahe der Tür. Erkennen konnte ich nicht viel, ich sah nur einen Teenager in weißem Trainingsanzug, die Kapuze über den Kopf gezogen. Der Knabe schaute sich um, ehe er durch die Holztür ins Innere der Bedürfnisanstalt verschwand. Ich erkannte auf dem Rücken das abgebildete Logo: der hiesige Schwimmverein. Das konnte doch nicht …

Am ersten Arbeitstag nach dem Fest stand dann plötzlich Marvin im Laden. Eigentlich nichts besonderes, er besuchte mich öfters. Auch hatte ich ihn während des Weihnachtsessens gefragt, ob er mir nicht, gegen entsprechendes Honorar versteht sich, bei der anstehenden Inventur helfen könne. Er wollte, Taschengeld könne er immer gebrauchen, aber bis zur Bestandsaufnahme war es noch etwas hin. Der Grund seiner Anwesenheit wäre ein anderer, er müsse für ein Schulprojekt im Internet einige Nachforschungen betreiben und der heimische PC wäre durch die Zwillinge momentan mehr als belegt. Wenn er mir denn noch beim Jahresabschluss helfen würde, würden ja zwei Tage Freizeit flöten gehen und etwas Spaß in den Ferien wollte er ja auch noch haben. Die Geschichte war zwingend logisch und so gewährte ich ihm die Bitte. Ich fuhr ihm in meiner Wohnung den Rechner hoch, füllte Papier in den Drucker, stellte ihm noch etwas zu trinken hin und überließ ihm den Weiten des WWW. An gewisse Seiten, die nicht unbedingt für jugendliche Augen bestimmt waren, hatte ich im ersten Moment gar nicht gedacht. Erst als sich abends selber surfen wollte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die gesamte Chronik war komplett gelöscht worden.

Kurz nach Neujahr kam Marvin mit stolzgeschwellter Brust an. Er war, im zweiten Anlauf, endlich in den Jugendleistungskader des Landesschwimmverbandes, Schwerpunkt Wasserball, aufgenommen worden. Das wurde zwar mit einem großen Essen bei unserem Lieblingsgriechen Costas gefeiert, aber dadurch wurden die Probleme bezüglich der Auswanderung nicht kleiner, die Situation verkomplizierte sich immer mehr. Marv hatte nur noch das Wasser im Kopf, während seine schulischen Leistungen nach unten gingen, zeigte seine sportliche Leistungskurve eindeutig nach oben. Claudia und Klaus waren mehr als ratlos. In dieser Situation flog man, zwecks Wohnungssuche, nach Down Under.

Irgendetwas musste passiert sein, denn die fünf Planges kehrten früher als geplant aus Australien zurück. Mir entglitten sämtliche Gesichtszüge, als ich frühmorgens bei ihnen die Jalousien aufzog und dabei die Haustür aufgeschlossen wurde. Die Begrüßung fiel ziemlich frostig aus. Meine Frage nach dem Warum wurde nicht beantwortet; Erklärungen würden am heutigen Abend um acht bei Costas erfolgen, mehr wurde mir nicht mitgeteilt. An ein vernünftiges Arbeiten war nicht zu denken, meine Gedanken tanzten Tango, ich konnte mich beim besten Willen nicht konzentrieren. Das Gespräch am Abend begann mehr als holprig. Nachdem wir den Salat verspeist hatten, konnte ich nicht anders, ich blickte meinem Bruder scharf in die Augen: „Was ist passiert?“

Er zuckte mit den Schultern: „Wenn ich das wüsste, wäre mir erheblich wohler!“

Mein Blick fiel auf Claudia, die bisher stumm da gesessen hatte. „Wie ist das Ganze den abgelaufen?“

„Naja, nachdem wir uns von dem Flug erholt hatten, machten wir uns auf die Suche nach einem Haus. Wir haben uns elf oder zwölf Objekte angesehen und dann drei in die engere Wahl genommen. Die haben wir dann mit den Kindern uns noch einmal angeschaut und haben uns dann für ein Haus in der Nähe des Olympiaparks entschieden. Es passte alles! Dann suchten wir nach vernünftigen Schulen für unsere Jungen. Bei den Zwillingen war das kein Problem, aber bei Marvin war es …“

Ich blickte sie fragend an: „Schwieriger?“

Sie nickte und umfasste die Hand meines Bruders, nach einem Schluck Bier meinte er: „Wir waren ja zuerst bei deutsche Schule, aber die war ihm nicht sportlich genug. Wir suchten weiter! Er machte dann eine Art Probetag an einem Sportgymnasium mit. Ziemlich tolle Anlagen, eigenes Olympiabecken, vier Sportplätze, sogar eine Eishalle. Das Schulgeld schreckte uns zwar erst ab, aber im Endeffekt ist das zweitrangig. Wir wollen ja nur das Beste für unsere Söhne. Tja, aber nach dem Tag war er zu nichts mehr zu gebrauchen. Er machte dicht, wurde bockig und versaute uns die restlichen Tage. Es wurde so schlimm, wir mussten einfach vorher abreisen, sonst wäre es auf Mord und Totschlag hinaus gelaufen.“

Die Bedienung brachte das Essen und wir stocherten in den griechischen Köstlichkeiten. Ich blickte die beiden an: „Lasst uns essen bevor es kalt wird!“ Schweigend speisten wir und vermieden es, uns dabei anzusehen. Ich machte mich gerade über das Bifteki her, als ich das Messer fallen ließ: „Habt ihr euch mal gefragt, warum er nicht auf die deutsche Schule wollte sondern lieber auf diese Sportakademie?“

Mein Bruder blickte mich fragend an: „Er ist ein hervorragender Schwimmer und ein ausgezeichneter Handballer! Also ist das doch nur natürlich!“

„Falsch, lieber Bruder! Er ist ein guter Schwimmer, aber kein neuer Mark Spitz! Er spielt gut Handball, ist aber kein neuer Jo Deckarm! Und was macht man daraus? Die Synthese aus beidem ergibt einen hervorragenden Wasserballer! Und das ist er! Das hat er sogar schriftlich, dass er da zu den besten zählt!“

Klaus wurde ungeduldig: „Auf was willst du hinaus?“

„Bruderherz! Machen wir uns nichts vor. Marvin ist ein ganz normaler Schüler. Wo liegt sein Durchschnitt? Wenn ich mich an das letzte Zeugnis erinnere, bei zwei Komma sechs! Sport und Mathe sehr gut, der Rest normal und in Englisch? Mit Müh‘ und Not gerade noch eine Vier! In Australien spricht man aber nun einmal Englisch. Egal ob er auf eine deutsche Schule geht oder nicht, Hauptunterrichtssprache ist Englisch, also sackt er unweigerlich mit seinen Noten ab. Seine sportlichen Leistungen bringen ihn auf dem deutschen Gymnasium da unten auch nicht über die Runden, also bleibt eine Schule mit Schwerpunkt Sport. Aber auch da ist er nur einer unter vielen guten Sportlern.“

„Was soll das bedeuten, lieber Schwager? Du sprichst in Rätseln!“

„Hier ist er der Star, naja, eher ein PRIMUS INTER PARES, wenn ihr so wollt. Er hat hier eine gewisse Stellung, einen gewissen Rang in der schulischen Hackordnung und ihr wollt ihn nun aus seiner gewohnten Umgebung herausreißen. Dass das nicht einfach ist, dürfte doch so klar sein wie das Amen in der Kirche. Vor zwei Monaten hat er den Sprung in den Leistungskader geschafft, aber nicht als Schwimmer, sondern als Wasserballer. Das kann auch die sportlichste Schule am anderen Ende der Welt nicht wett machen!“

Claudia nickte. „Langsam verstehe ich, worauf du hinaus willst. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass er wahrscheinlich…“

Man konnte die Aufregung in Klaus Stimme spüren. „Wahrscheinlich was? Was ist mit Marvin? Was ist er?“

„Verzaubert!“ „Schwul!“ Das erste kam von mir, der zweite Ausdruck von Claudia, aber beide fielen zur gleichen Zeit.

„Was?“

„Klaus, sei mir bitte nicht böse, wenn ich das jetzt als dein schwuler Bruder sage. Es gibt viele Parallelen zwischen mir damals und Marvin heute. Hast du in letzter Zeit mal einen Blick in sein Bücherregal geworfen? Da steht einiges von dem, was ich auch gelesen habe, als ich mir damals unsicher war, ob ich Fisch oder Fleisch bevorzuge!“

„Woher wisst ihr das?“

„Sorry, aber ich hab bei ihm im Zimmer hochgezogen und sein Regal steht neben dem Fenster.“ Die Merkwürdigkeiten der letzten Monate ließ ich in diesem Moment lieber unerwähnt.

„Als Mutter hab ich so etwas geahnt. Seit seiner Konfirmation hatte er eine Freundin nach der anderen, manchmal kannten wir ja noch nicht mal ihren Namen, und jetzt ist er seit fast einem halben Jahr solo?! Außerdem … er hat sich erheblich verändert, in allem. Du kriegst das ja nicht richtig mit, wenn du mal wieder zuhause ein Gastspiel gibst.“

„Aber auch wenn er wirklich schwul sein sollte, er ist doch immer noch mein Sohn. Ich liebe ihn, egal wie er empfindet. Wieso macht er dann so dicht?“

„Klaus! Er hat die ganze Geschichte zwischen mir und unserem Vater live mitbekommen! Vielleicht hat er Angst, dass du ähnlich reagieren wirst!“

„Das ist doch Quatsch! Wir haben uns doch immer gut verstanden, egal was der Alte sagte, dachte oder machte!“

Ich nickte. „Aber du vergisst eins: Wir sind leibliche Brüder und er ist …“, ich malte zwei Anführungszeichen in die Luft, „Er ist nur ein adoptiertes Familienmitglied!“

Betretenes Schweigen.

„Dann bleiben wir halt hier! Ich lehn den Posten in Australien ab und wir machen so weiter wie bisher! Dann wird alles gut werden, oder nicht?“ Er klang so, als ob er sich selbst nicht glaubte.

Claudia ließ vor Schreck die Gabel fallen. „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“

„Bruderherz! Was bringt das denn? Wenn du den Job jetzt ablehnst, wird sich nichts, aber auch rein gar nichts ändern. Du wirst dich weiterhin auf den Baustellen dieser Welt rumtreiben und ab und an für ein paar Wochen hier auftauchen und …“

„Chaos verbreiten!“ Claudia lachte, zum ersten Mal während des Essens.

Ihr Gatte räusperte sich: „Sag mal, kann es sein, dass ihr euch beide gegen mich verschworen ab?“

„Brüderchen, wo denkst du hin! Solch unanständige Sachen mache ich nicht! Und dann noch mit einer Frau! Ich bin noch nicht pervers!“

Die Spannung war wie plötzlich verflogen. Beide, Klaus und Claudia, wünschten sich endlich ein geregeltes, normales Familienleben. Da man das allerdings nicht in Deutschland haben konnte, es sei denn, man würde auf die Hälfte des Einkommens verzichten – was beide wiederum auch nicht wollten – würde man dafür wohl oder übel nach Australien gehen müssen.

Klaus bestellte für noch einen Nachtisch, Jogurt mit Honig. „Tja, nachdem wir unsere Situation geklärt hätten, bleibt noch ein ganz kleines Problem, meine Lieben! Was machen wir mit Marvin? Was machen wir, wenn er wirklich schwul ist? Sollen wir ihn sagen, wir haben nichts dagegen, wenn er tatsächlich … Stefan, was hättest du von unserem alten Herrschaften erwartet?“

Ich zuckte mit den Schultern: „Gute Frage, die nächste bitte! Das wichtigste vor allem ist Vertrauen, Vertrauen und nochmals Vertrauen! Ihr müsst ihm vertrauen, dass ist, wie ich sehe, ja kein Problem, aber er muss euch auch vertrauen, denn nur dann kommt er auf und zu.“

„Wir sollen ihn also nicht fragen? Mit ihm reden? Unsere Position darlegen? Das wir ihn lieben, auch wenn er …“

„Klaus! Um Gottes Willen! Das letzte, was er im Moment gebrauchen kann, ist sanftgespültes, pseudo-liberales Gequatsche!“

„Stefan, du müsstest deinen Bruder eigentlich besser kennen! Er ist kein Alt-68er und vor allen Dingen kein Pseudo-Liberaler! Er ist der personifizierte Liberalismus!“

„So meine ich das ja auch nicht! Aber versetzt euch mal in seine Lage. Er ist in einem Gefühlschaos, er ist sich nicht sicher, wie er fühlen soll, für wen er fühlen soll, wie er diese Gefühle zeigen sollen. Erst wenn das für ihn klar ist, wenn er seinen eigenen Weg gefunden hat, dann kann man mit ihm reden. Aber den ersten Schritt muss er machen! Und den wird er machen, wenn er sich selber sicher ist. Vorher macht ein solches Gespräch in meinen Augen keinen Sinn.“ Ich räusperte mich. „Wir wissen ja nicht genau, ob er tatsächlich schwul ist, ich bin mir sicher, er weiß es im Moment auch nicht! Gut, es mag Anzeichen geben, aber der definitive Beweis fehlt. Bildlich gesprochen segelt er momentan auf einem ziemlich aufgewühlten Meer der Gefühle. Aber es gehört zum Erwachsenwerden dazu, den Weg in den Hafen selbst zu finden. Ich bin mir sicher, er ist ja kein dummer Junge, er wird ihn selbst finden.“

„Aber wir müssen doch mit ihm reden! Allein schon wegen Australien.“

„Klaus, auch wenn du FDP-Mitglied bist, aber du willst wieder einmal zwei, drei Schritte auf einmal machen! Du willst die eierlegende Wollmilchsau, die es leider nicht gibt und auch nie geben wird.“

Claudia hatte mich anscheinend besser verstanden. „Du meinst also, wir sollten Schritt für Schritt vorgehen, die einzelnen Probleme getrennt voneinander lösen, auch wenn sie zusammenhängen?“

„Genau. Bleiben wir mal bei dem Bild von eben. Der Wind auf dem Meer der Gefühle, auf der sein kleines Gefühlssegelboot gerade treibt, hat durch die Frage: ‚Australien! Ja oder nein?‘ erheblich aufgefrischt, aus dem Strom ist ein Orkan geworden.“

„Stefan! Das ist mir zu hoch, die Statik eines Staudammes kann ich berechnen, dafür gibt es Tabellen, aber bei Gefühlen? Da muss ich passen! Wenn ich mal bei deinem Bild bleibe: Ich will, dass Marvin sicher im Hafen ist! Ich will ihn da drinnen haben!“

„Dann sei ihm Seekarte und Leuchtturm, nicht mehr und nicht weniger. Wenn ihr jetzt, von euch aus, ohne offensichtlichen Anlass, auf ihn zu geht und sagt: ‚Marv, dein Schwulsein ist kein Problem für uns!‘, dann nimmst du ihm mehr, als du ihm dadurch gibst!“ Ich blickte in erstaunte Augen. „Er ist auf dem Weg, ein Mann zu werden. Auch wenn ich von Mannwerdungsritualen nicht viel halte, aber das muss er mit sich selber machen. Wenn du jetzt als Schlepper fungierst und, ohne das er selbst irgendwie steuernd eingreifen kann, in den Hafen ziehst, dann ist er war sicher, aber er wird nie das tolle Gefühl haben, es von sich aus, es selbst geschafft zu haben!“

Claudia trank den letzten Schluck ihres Wassers. „Was sollen wir seiner Ansicht nach machen?“

Ich überlegte kurz. „Wir müssen erst mal dafür sorgen, dass der Orkan sich legt. Fragt ihn einfach, was er will: Ob er mit euch nach Australien, in ein für ihn fremdes und unbekanntes Land, gehen will oder ob er lieber hier in seinem gewohnten Umfeld bleiben möchte.“

„Aber er kann doch nicht alleine hier bleiben!“

„Wer sagt denn, dass er allein ist? Ich bin schließlich ja auch noch da. Wohnen könnte er bei mir, also die Unterbringung wäre das geringste Problem.“

„Ich soll mein Kind alleine hier zurückgelassen?“

„Claudia, das klingt zu negativ. Niemand sagt, du sollst ihn verlassen. Du sollst ihm die einmalige Chance geben, sich selbst zu entscheiden, das ist alles!“

„Ich käme mir vor wie eine Rabenmutter!“

„Das bist du nicht! Eine Rabenmutter wärst du, wenn nicht auf seine Wünsche eingehen würdest, wenn du für ihn, über seinen Kopf hinweg, entscheidest und ihn vor vollendete Tatsachen stellst.“ Ich trank mein Glas Rotwein aus. „Bis zu den Sommerferien sind es ja noch über drei Monate, also Zeit genug. Ich würde ihm folgenden Vorschlag unterbreiten: ‚Marvin, du kennst die berufliche Situation deines Vaters und wir wollen endlich ein normales Familienleben führen, wo der Mann mehr als zwei Wochen hintereinander anwesend ist. Das geht leider nicht hier, sondern nur auf einem anderen Kontinent. Wir könnten dich zwar ohne Weiteres mitnehmen, aber wir überlassen dir die endgültige Entscheidung. Wenn du hier bleiben willst, dann geht das nur, wenn das Vertrauen stimmt. Du wohnst bei deinem Onkel und dein Notendurchschnitt sinkt nie unter 2,0 … ähh … sagen wir besser 2,3.“

Die beiden schauten sich an und Klaus sprach den Wirt, die am Nebentisch stand, an: „Costas, bring uns bitte mal eine Flasche Sekt und drei Gläser. Wir haben was zu feiern und noch viel zu bereden.“

Drei Tage später stand Marvin plötzlich im Laden. Er sah zwar noch etwas mitgenommen aus, aber schon besser als an dem Tag der Rückkehr vom fünften Kontinent. Er fiel mir in die Arme und meinte nach einer Viertelstunde nur: „Danke!“

Tja, lieber Leser, ich hoffe doch inständig, der Ausflug in die Vergangenheit nicht zu langweilig war und einige Fragen, die im ersten Teil unbeantwortet blieben, nun geklärt sind. Einiges kann man sich aber auch zusammenreimen: Offensichtlich hat Marvin gelernt und wurde ein guter Schüler und entschied sich für die Fortsetzung seiner Wasserballkarriere und einem Zusammenleben mit seinem schwulen Onkel. Klar, in der Zeit bis zu dem Telefonat muss noch so einiges passiert sein, aber das dürfte hier ja kein interessieren. Falls das jedoch von Interesse sein sollte, bitte ich um entsprechende Rückmeldung! *fg

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