Regenbogenfamilie Teil 20 – Schlechte Neuigkeiten

Am Sonntagmorgen wurde ich durch die ersten Sonnenstrahlen, die ins Schlafzimmer fielen, aufgeweckt. Marcus lag immer noch neben mir und bildete mit Philipp zusammen ein merkwürdig anzuschauendes Gebilde. Thomas lag nicht mehr auf seiner Seite, er war irgendwann in der Nacht auf meine Seite geschlichen und hatte sich hinter mich gelegt.

Erst jetzt fiel mir auf, dass die beiden Jungs über Nacht weiter auf Thomas Seite gewandert waren und ihn scheinbar von seiner Seite vertrieben hatten, weshalb er sein Glück an meiner Rückseite gesucht hatte.

Zuerst beobachtete ich nur die Schlafenden, bis ich nichts Neues mehr entdecken konnte. Ich beschloss aufzustehen und das Frühstück vorzubereiten. Gekonnt und ohne die anderen aufzu­wecken kletterte ich über Thomas hinweg, schlüpfte in meinen Bademantel und trat den Weg nach unten in die Küche an.

Bevor ich mich aufs Kaffee kochen und Brötchen aufbacken stürzte, warf ich einen kurzen Blick nach draußen, um zu prüfen, ob wir nicht auf der Terrasse frühstücken konnten.

In der Küche stellte ich das Geschirr und alles Weitere fürs Frühstück auf ein Tablett und trug es in den Garten, während der Kaffee durchlief und die Brötchen aufgebacken wurden. Ich deckte draußen den Tisch und war fast mit dem Aufdecken fertig als meine Mutter auf der Terrasse erschien.

„Da war aber einer schon fleißig“ meinte meine Mutter und beobachtete genau, wie ich alles auf den Tisch platzierte. „Kann ich dir noch etwas helfen“ wollte sie von mir wissen. Ich verneinte, da ich bis auf den Kaffee und die Brötchen, bereits alles mit nach draußen gebracht hatte.

Ich beschloss jetzt deshalb sofort nach oben zu gehen und die drei in unserem Bett liegenden zu wecken und zum Frühstück zu bitten. „Ach Mama, während ich meine Drei wecke, könntest du doch etwas für mich erledigen und den Kaffee und die Bröt­chen aus der Küche holen“ erklärte ich ihr, trotz meiner vorhe­rigen Aussage, dass dies nicht notwendig sei.

Sie meinte, kein Problem, ich habe dir ja bereits angeboten dir zu helfen, Verschwinde schon und hol die Drei damit wir endlich frühstücken können.

Oben angekommen stellte ich erleichtert fest, dass aufwecken nicht mehr erforderlich ist, im Schlafzimmer unterhielten sich Thomas und die Jungs. Bevor ich die Türe öffnete, fragte Thomas gerade die Beiden, ob sie gut in unserem Bett geschlafen hätten. Bevor einer der beiden antworten konnte, öffnete ich die Tür. Ich war neugierig und warum sollte ich also vor der Tür ihr Gespräch belauschen?

Philipp erklärte, dass er gut geschlafen habe, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem es an seinem Rücken kalt geworden sei. Erst als er bemerkte, dass Thomas auf die andere Bettseite gewech­selt hatte und sich bei Peter angekuschelt hat, habe er sich die Bettdecke zurechtgerückt und sei zusammen mit seinem Marcus etwas weiter auf ihre Seite ge­rückt, damit wir auf der anderen Seite etwas mehr Platz hatten.

Ich grinste nur und erklärte „Ich habe geschlafen wie ein Stein, von all dem habe ich überhaupt nichts mitbekommen, nicht einmal, dass sich Thomas von hinten an mich gekuschelt hat. Erst heute Morgen beim Aufwachen ist mir dies aufgefallen.“

„Schon klar“ meinte Thomas, „wenn du einmal schläfst, dann könnte man dich vermutlich sogar wegtragen und du würdest es weder bemerken noch wach werden dabei. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ebenfalls so gut und tief geschlafen habe, dass ich nicht einmal dein Verschwinden bemerkte.“

„Trotzdem solltet ihr langsam aufstehen, Großmutter sitzt be­reits auf der Terrasse und wartet auf uns“ erklärte ich. „Ich geh dann schon mal wieder zu meiner Mutter, damit sie sich nicht langweilt und ihr seht zu, dass ihr kurzfristig zum Frühstück erscheint.“

Marcus grinste und meinte: „So einfach ist das nicht, es gibt da ein hartnäckiges Problem, das vorher beseitigt werden muss“, dass er dabei auch noch puterrot wurde im Gesicht, ließ mich vermuten, dass ihm diese Angelegenheit äußerst peinlich war.

„Du bist nicht das einzige männliche Wesen, das sich morgens mit ähnlichen Problemen beschäftigen darf. Du wirst schon einen Weg finden, um dein Problem kurzfristig loszuwerden. Vielleicht kann Philipp für Abhilfe sorgen“, erwiderte ich lachend und verschwand blitzschnell aus unserem Schlafraum, nicht dass mich noch ein Wurfgeschoss, in Form eines Kissens, treffen könne. Mutter erklärte ich, dass es noch eine Weile dauern könne, da alle noch geschlafen hätten und sie sich noch kurz frisch machen wollen.

Meine Mutter und ich unterhielten uns währenddessen über ver­schiedene Dinge, die in nächster Zeit auf uns zukommen und wie wir sie lösen könn­ten. Als Erster schien Thomas auf der Bildfläche, setzte sich zu uns an den Tisch und beteiligte sich an unserer Unterhaltung.

Marcus und Philipp waren kaum durch die Terrassentür getreten, als ich sie hinterhältig fragte: „Und, konntet ihr Marcus hartnäckiges Problem lösen“?

Marcus bekam wieder eine sehr gesunde Gesichtsfarbe, unterdessen erklärte uns Philipp: „Das Problem wurde auf einfachste Weise beseitigt, aber danke der Nachfrage.“

Meine Mutter, die sich das mit einem Lächeln im Gesicht angehört hatte und genau wusste wovon wir sprachen, wollte die Jungs trösten und plauderte aus dem Nähkästchen: „Auch Opa hat gelegent­lich morgens so ein hartnäckiges Problem, ihr seid da in bester Gesell­schaft.“

Das wiederum war für die beiden Jungs endgültig der Punkt, dass beide schon wieder einer Tomate sehr ähnlich sahen. Philipp konterte dann doch geschickt in dem er zu Oma sagte: „Ich hatte eigentlich die Hoffnung, dass sich das eines Tages von selbst gibt, aber anscheinend habe ich mich da schwer getäuscht. Ich werde trotzdem die Hoffnung nie aufgeben.“

Thomas lachte schallend los und steckte mich mit seinem La­chen an. Ich setzte jetzt noch einen obendrauf „und die Hoff­nung stirbt zuletzt.“

Jetzt lachten wenigsten auch die Beiden. „Ich verstehe gar nicht warum manche Menschen bei natür­lichen Dingen immer wieder komisch reagieren, jetzt setzt euch schon, wir wollen mit dem Frühstück anfangen“ schob ich noch hinterher.

Das Frühstück, da erzähle ich euch keine große Neuigkeit, ver­lief wie immer. Wir unterhielten uns während des Frühstücks, aber eher nur über die üblichen Belanglosigkeiten. Ich freute mich schon auf einen ruhigen Tag, der nur zwei Ziele kannte, Faulenzen und Kran­kenbesuch bei meinem Vater.

Genau diesen Krankenbesuch absolvierte Mutter mit den beiden Jungs zusammen bereits am Vormittag, während Thomas und ich am Nachmittag zu meinem Vater fuhren. Ansonsten lagen wir nur lustlos und faul im Garten, planschten oder schwam­men im Pool. Die einzige Abwechselung die wir uns gönnten, war der Tatsache geschuldet, dass am Sonntag keiner kochen wollte und wir deshalb zum Essen in ein kleines, fast nur von Einheimischen besuchtes Restaurant gingen.

Selbst bei den Gesprächen mit meinem Vater ergaben sich keine neuen Wünsche und Aufgaben, sie waren eher eine Detaillierung dessen, was er uns für den Fall seines Ablebens bereits aufge­geben hatte. Einerseits war das für mich informativ, ich hatte mich bisher kaum mit diesen Angelegenheiten rund um den Gutshof beschäftigt, aber auf der anderen Seite erkannte ich, dass ich wohl weiterhin noch viel Neues lernen muss. Mit Thomas an meiner Seite und meiner Familie werden wir die Probleme schon lösen können.

 

Am Montagmorgen, wie schon fast üblich nach dem Frühstück, fuhren Mutter und die Jungs ins Krankenhaus zu Opa. Thomas und meine Wenigkeit arbeiteten wieder einmal im Garten der Finca, als es an der Haustüre klingelte. Da wir heute keinen Besuch erwarteten, schauten wir uns verwundert an. Thomas ging ums Haus, um nachzusehen. Nach wenigen Minuten kam er mit Herrn Garcia zurück zu mir in den Garten.

Wir setzten uns mit ihm auf die Terrasse und er erklärte uns, dass er die Vertragsunterlagen dabeihabe und wir noch einige Dinge zu besprechen und zu klären hätten, bevor der Vertrag endgültig unterzeichnet werden kann. Meiner Meinung nach hatten wir doch bei seinem Besuch in der letzten Woche bereits alles geregelt und be­sprochen.

Thomas und ich lauschten seinen Ausführungen und dabei wurde mir bewusst, dass wir bei unserem ersten Gespräch nur über das Notwendigste gesprochen hatten. Der Teufel steckte noch in den diversen Details. So klärten wir alle für ihn offenen Fragen und Punkte der Reihe nach ab, was aber auch zu weiteren Fragen von meiner Seite und von Thomas führte.

Wir waren noch immer mit der Klärung der letzten Details beschäftigt als Mutter plötzlich im Garten auftauchte. Sie begrüßte unseren Gast und wir erklärten ihr kurz den Zweck des Besuches von Pedro Garcia. Sie setzte sich zu uns an den Tisch und wir klärten gemeinsam die restlichen noch offenen Punkte.

Marcus, der zwischendurch ebenfalls kurz aus der Terrassentür schaute, registrierte, dass wir im Gespräch mit Herrn Garcia waren. Er drehte sich um und ging seinen Philipp suchen. Da wir wegen des Gesprächs keine Gelegenheit hatten, um uns um die Vorbereitungen fürs Mittagessen zu kümmern, übernahmen es die beiden Jungs, für uns eine Kleinigkeit zum Mittagessen vorzubereiten.

Plötzlich stand Marcus neben uns und wollte wissen, was wir zum Trinken haben wollen. Philipp würde uns gleich mit belegten Brötchen versorgen und habe ihn vorher losgeschickt, die Ge­tränke­frage zu klären. Ich erklärte ihm, dass er nur das üblich bringen solle, Alkohol sei um diese Zeit noch nicht angesagt.

Kaum war Marcus wieder im Haus verschwunden, tauchte Philipp mit zwei großen Edelstahl­platten auf, die mit Snacks, frischen Paprika und Tomaten gefüllt waren. Er stellte sie auf den Tisch und setzte sich zu uns. Kurze Zeit später gesellte sich Marcus mit den Getränken und sechs Gläsern zu uns.

Beim Essen wurde nicht weiter über ge­schäftliche Angelegenheiten gesprochen. Mutter erzählte nur kurz vom Besuch am Vormittag im Kranken­haus und über ihre persönlichen Eindrücke zum aktuellem Gesundheits­zustands meines Vaters, die mich eher beunruhigten, als dass sie mich beruhigt hätten.

Ich dachte deshalb für mich, dass es sicher das Beste sei, mir heute Nach­mittag und beim Gespräch mit Dr. Ramirez meine eigene Meinung zu bilden, wahrscheinlich regiert meine Mutter nur zu emotional. Immerhin handelt es sich dabei um ihren Ehemann und meinen Vater, von dem sie sprach.

Nach dem wir uns gestärkt hatten, setzten wir unsere geschäft­liche Besprechung fort, Philipp und Marcus hatten sich mit den leeren Platten verzogen und schienen dabei zu sein, in der Küche wieder aufzuräumen.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass wir uns nun doch so langsam auf den Weg machen sollten, um Vater im Krankenhaus zu besuchen und uns mit Doktor Ramirez zu treffen, um über aktuellen Gesund­heitszustand meines Vaters zu sprechen. Ich erklärte Herrn Garcia, dass wir heute Nachmittag im Krankenhaus mit meinem Vater seinen Vertrag kurz besprechen wollen und wir ihn Morgen am späten Vormittag direkt in seinem Büro besuchen werden, um den Vertrag dann endgültig unter Dach und Fach zu bringen.

Während Thomas und ich aufstanden, um ins Haus zu gehen, wir wollten uns noch kurz duschen und uns frisch machen, blieb Pedro Garcia noch bei Mutter sitzen und sie unterhielten sich weiter über die Pläne meiner Mutter.

Frisch geduscht und ordentlich bekleidet standen wir zwanzig Minuten später wieder auf der Terrasse, wo Mutter und unser zukünftiger Verwalter immer noch fleißig miteinander plauderten. Wir verabschiedeten uns von den Beiden, gingen zum Auto und fuhren ins Krankenhaus.

Auf der Fahrt ins Krankenhaus dachte ich noch einmal über Mutters Schilderung vom Zustand meines Vaters nach. Thomas der das Fahrzeug lenkte, verkniff es sich mich anzusprechen, er hatte bemerkt, dass ich wieder einmal in meine eigene Gedan­ken­welt abgeglitten war. Erst als er am Krankenhaus eingeparkt hatte, holte er mich zurück in die Realität.

Gemeinsam gingen wir zu Vaters Krankenzimmer. Auf dem Weg dorthin trafen wir auf einen der Krankenpfleger von meinem Vater, der uns kurz erklärte, dass er Doktor Ramirez informieren wird, dass wir jetzt im Haus seien. Er würde gleich das Gespräch, im Beisein meines Vaters, mit uns führen wollen.

Wir begrüßten Vater, der uns mit offenen Augen erwartete. Ich drückte ihm sogar einen Kuss auf die Stirn, was ihm ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Gut, ich gebe ja zu, dass ich das schon lange nicht mehr gemacht hatte, aber in diesem Moment tat ich es einfach.

Wenige Minuten später klopfte es und Doktor Ramirez betrat das Krankenzimmer. Er begrüßte uns beide und wandte sich dann an meinen Vater. Er wollte kurz wissen, wie es ihm den jetzt gehe. Vater lächelte und erzählte seinem Doktor auf Spanisch, warum er gerade so glücklich sei, wobei mehrmals mein Name fiel und von einem Kuss auf die Stirn die Rede war.

Nach wenigen Minuten, in denen sich nur Vater und der Doktor unterhalten hatten, wandte sich Doktor Ramirez an uns und begann zu erklären: „Wir haben ihren Vater heute Morgen, wie schon angekündigt, be­reits ausgiebig untersucht. In der Zwischenzeit liegen mir sämtliche Untersuchungs­ergebnisse vor, die wir mit ihrem Vater schon besprochen haben. Er kennt seinen Zustand und er weiß bereits, dass ihm nur noch wenige Tage verbleiben, um alles zu regeln. Seine Herzwerte haben sich in der letzten Woche erheblich verschlechtert. Nach meinen bisherigen medizinischen Erfahrungen gehe ich davon aus, dass ihr Vater noch maximal eine Woche bleiben wird.

Geschockt von dieser Aussage setzte ich mich auf den, mir am nächsten stehenden Stuhl im Krankenzimmer. Thomas stellte sich hinter mich und legte seine Hand auf meine Schulter. Beruhigend streichelte er dabei meinen Nacken. Wieder triftete ich in meine Gedankenwelt ab, damit hatte Mutters Aussage am Mittag, obwohl sie noch nichts von den Ergebnissen der heutigen Untersuchungen wusste, voll ihre Gefühle beschrieben. Gibt es noch Hoffnung? Diese Frage brauchte ich nicht zu stellen, ich konnte sie mir anhand der Aussagen des Arztes selbst beant­worten.

Doktor Ramirez erklärte uns, sie würden Vater weiter unter Beobachtung haben und uns, wenn möglich rechtzeitig unter­richten, damit wir, wenn es so weit sein sollte, alle von ihm Abschied nehmen können. Kein Trost, aber immerhin versuchte man uns alles erträglicher zu machen.

Er verabschiedete sich und lies uns mit Vater allein zurück. Ich blickte meinem Vater in die Augen, was ich sehen konnte, erschreckte mich und doch zeigte es mir, dass Vater bereits jetzt seinen Frieden gefunden hatte. Ich drückte seine Hand und er flüsterte mir zu: „Jeder Mensch hängt irgendwie an seinem Leben, aber man muss auch erkennen können, wann das Ende naht. Ich habe inzwischen alles so gut wie möglich geregelt und kann mich damit in Ruhe von dieser Welt verabschieden. Ich bin unendlich glücklich darüber, dass du ein würdiger Nachfolger sein wirst, bis du eines Tages das Zepter an eines deiner Kinder oder Enkelkinder übergeben wirst.“

Gerührt von den Aussagen meines Vaters liefen mir einige Tränen über die Wangen, nicht des Abschieds wegen, sondern eher, weil er mir damit noch einmal sagen wollte, wie sehr er auf mein Geschick vertraue, die Familie zusammenzuhalten und in eine blühende Zukunft zu führen, von der ich bis jetzt noch keine Ahnung hatte, wie sie aussehen sollte. Thomas der meine feuchte Wange bemerkt hatte, drückte mir ein Papiertaschentuch in die Hand, damit ich meine Tränen trocknen konnte.

Nach einigen Minuten konnte ich endlich wieder klare Gedanken fassen und wandte mich an Vater. Ich wollte wissen, ob er sich für den von mir ausgehandelten Verwaltervertrag mit Pedro Garcia interessieren würde. Wir hätten ihn dabei und würden gerne mit ihm darüber reden. Vater antwortete damit, dass er dabei vollkommen auf mich vertrauen würde, er sich aber geehrt fühlt, mit uns über diesen Vertrag reden zu können. In diesem Augenblick begriff ich endgültig, dass mein Vater, mit seinem Leben bereits abge­schlossen hatte und ich sofort in seine Fußstapfen als Familienoberhaupt treten muss, auch wenn er noch nicht tot ist und bereits unter der Erde liegt.

Thomas hatte sich einen weiteren Stuhl geholt und ans Bett von Vater gestellt. Er las meinem Vater den verhandelten Vertrag vor. Der hörte nur die ganze Zeit ruhig zu und nachdem Thomas geendet hatte, meinte er nach einigen Minuten des Nachdenkens, dass er den Vertrag nicht besser hätte verhandeln können.

Wir blieben noch eine ganze Weile ruhig an seinem Krankenbett sitzen. Oder sollte ich vielleicht besser sagen an seinem Sterbebett, die Gewissheit, dass er das Krankenhaus nicht mehr als Lebender verlassen würde, hatten wir nach unserem heutigen Gespräch mit Vater und Doktor Ramirez, nicht mehr.

Gab es vielleicht doch die Möglichkeit, ihn mit nach Hause zu nehmen, damit er in seinem eigenen Bett sterben konnte? Ich dachte lange über diese Möglichkeit nach und beschloss, dass erst mit Mutter zu besprechen und keine voreiligen Aktionen anzukurbeln.

Beim Abschied drückte ich Vater noch einmal einen Kuss auf seine Stirn und sagte nur: „Bis morgen.“ Thomas verabschiedete sich ebenfalls von ihm und zusammen verließen wir schweigend das Krankenhaus. Erst im Auto, das ich steuern durfte, fingen wir zu reden an.

Thomas sah mich an und erklärte mir: „Ich bin stolz auf dich, du hast heute im Krankenhaus nicht so reagiert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Du bist ruhig am Krankenbett gesessen, ob­wohl die Nach­richten, die dir überbracht wurden, eher dafür geeignet waren, einen aus der Bahn zu werfen.“

„Glaub mir, es war nicht einfach, aber die Worte, die Vater mir zu­flüsterte, haben mir diese innere Stärke verliehen, die ich dafür brauche. Ich hoffe nur, dass ich stark genug bin, seinen Anfor­derungen als Familienoberhaupt zu genügen.“

Thomas blickte mir in die Augen und verwundert hörte ich was er zu sagen hatte: „Da habe ich nicht den geringsten Zweifel daran, ich kenne dich jetzt lange genug, um zu wissen, dass du ein würdiger Nachfolger für ihn sein wirst. Du bist trotz aller Schwierigkeiten in deinem bisherigen Leben immer du selbst geblieben.

Allen Anfeindungen, denen du dich ausgesetzt hast, um unsere große Liebe zu verteidigen, haben dich gestärkt und nicht geschwächt. Ich bin mir sicher, du hättest viele Möglichkeiten gehabt dich von mir zu trennen, aber deine Liebe zu mir und Gabi haben dich nie Zweifeln lassen. Wenn ich ehrlich bin, ich hatte meiner Liebelei dir gegenüber keine große Chance ge­geben, immerhin warst du vorher verheiratet.“

Ich dachte wieder einmal nach, bevor ich Thomas antwortete: „Ich selbst habe es bis heute nicht richtig verstanden, wie sich diese große Liebe zu dir entwickeln konnte. Wenn ich darüber nachdenke, gibt es nur eine einzige Erklärung für mich, du warst immer für mich da, wenn ich wieder einen Tiefpunkt hatte, du hast mich aufgefangen und mir gezeigt, dass es auch nach Tiefschlägen, die das Leben für einen bereithält, immer wieder weitergeht.

Irgendwann habe ich dann begriffen, dass du mehr als nur ein guter Freund für mich bist, ein Partner, mit dem man gemeinsam durchs Leben gehen kann. Dir ist schon klar, dass ich manchmal an mir selbst gezweifelt habe, gerade unsere körperlich Liebe, die sich erst nach und nach ent­wickeln musste, hat mir anfangs schwer zu schaffen gemacht. Inzwischen bin ich mir sicher, dass ich dich von ganzen Herzen lieben, auch ohne die körperliche Liebe, die aber zweifellos Teil unseres gemeinsamen Lebens ist.“

„Man was rede ich da für einen Stuss, Thomas ich liebe dich, egal was alle anderen sagen oder denken, du bist der Stützpfeiler in meinem Leben und ich hoffe, dass ich der wichtigste Stütz­pfeiler in deinem Leben sein darf“ ergänzte ich noch.

Den Rest des Weges legten mehr oder weniger wir schweigend zurück. Erst nach­dem ich das Auto in der Einfahrt geparkt hatte, drehte ich meinen Kopf zu Thomas, ergriff mit beiden Händen sein Gesicht und küsste ihn. Wir trennten uns erst wieder als von außen kräftig gegen die Scheibe geklopft wurde. Philipp stand auf der Beifahrerseite und lachte uns an.

Thomas öffnete die Beifahrertür, grinste Philipp an und fragte frech: „Willst du mitmachen beim Küssen oder hast du noch nie zwei Männer gesehen, die sich im Auto geküsst haben“?

Philipp brauchte einen Moment, bevor er antwortete: „Ne, mitmachen will ich nicht, da schnapp ich mir lieber meinen Marcus und schlecke den ab. Seit fast fünfzehn Jahren darf ich euch beim Schmusen beobachten. Hättest du mich vor ein paar Jahren gefragt, ob ich mitknutschen will, ich hätte ver­mutlich sogar noch ja gesagt. Den zweiten Teil deiner Frage finde ich da schon etwas interessanter, ihr seid wirklich die ersten beiden Männer, die ich beim Küssen in einem Auto beobachten konnte.“

Was dann folgte, würde ich nicht glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Zuerst schaute Thomas unschlüs­sig zwischen mir und Philipp hin und her, bevor er sich den Jungen schnappte und zu ihm sagte: „Das können wir gerne nachholen, und zwar sofort und hier an Ort und Stelle.“

Er nahm Philipps Kopf zwischen seine Hände und fing an ihn zu knutschen und abzuschlecken, wie Philipp es nannte. Zuerst versuchte Philipp noch sich zu wehren, aber Thomas ließ ihm keine Chance. Philipp ergab sich seinem Schicksal und knutschte jetzt ausgiebig mit Thomas.

Marcus kam just in diesem Augenblick um die Hausecke und blieb wie versteinert stehen. Ich winkte ihn zu mir und klärte ihn über diese Aktion auf, Philipp sei wieder einmal zu vorlaut gewesen und Thomas hat sofort die einmalige Chance genutzt ihm sein loses Mundwerk zu verschließen.

Marcus beobachtete das Treiben der beiden eine Weile, bis er mich anschaute und fragte: „Darf ich“? Da ich nicht wusste was er damit meinte antwortete ich ahnungslos: „meinetwegen.“

Ich hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber das was dann geschah, hatte ich nicht auf dem Zettel. Marcus ergriff meinen Kopf und fing an mit mir zu knutschen. Ohne Gegenwehr ließ ich alles mit mir geschehen, Marcus hatte mich gnadenlos überrumpelt, so wie Thomas vor wenigen Minuten meinen Sohn Philipp.

Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete ich aufmerksam Thomas und Philipp. Plötzlich ließ er den Jungen los und die beiden blickten auf uns. Philipp fiel beinahe die Kinnlade herunter als er das Treiben zwischen mir und seinem Marcus beobachtete.

Ich lächelte zu Thomas, der unsere Knutschaktion mit einem fiesen Grinsen bedacht hatte, das mein Sohn, der immer noch vor ihm stand, nicht sehen konnte. Nachdem er sich vom ersten Schreck erholt hatte, ging er ums Auto herum auf uns zu und richtete folgende Frage an Marcus: „Was soll das“?

Marcus löste sich von mir und beendete damit unsere Knut­scherei, bevor er Philipp antwortet: „Gleiches Recht für alle, wenn du mit Thomas rumknutschst, mache ich das gleiche mit deinem Vater. Erzähl mir bloß kein Märchen, dir hätte das nicht gefallen. Dein Vater hat mir bereits erzählt, dass du Thomas regelrecht provoziert hast.“

Philipp reagierte kleinlaut und erklärte Marcus: „Ich gebe es ja zu, dass ich ihn provoziert habe, nur hatte ich nicht mit seiner Reaktion darauf gerechnet. Ich muss ehrlich gestehen, es hat mir sogar Spaß gemacht und ich hoffe dir ist es mit meinem Vater ebenso ergangen.“

Marcus, der sich ertappt fühlte, wurde wieder einmal rot im Gesicht. Um ihm aus der Patsche zu helfen, erklärte ich frech: „Mir hat es auch Spaß gemacht, aber es sollte nicht zur Gewohn­heit werden. Ich knutsche viel lieber mit meinem Schatzi und wenn du Philipp, uns nicht dabei so rücksichtslos gestört hättest und deine Zunge im Zaum gehalten hättest, wäre das nie geschehen.“

Thomas setzte nach: „Philipp du solltest uns beide lange genug kennen und wissen, dass du dein freches Mundwerk erst in Bewegung setzen solltest, nachdem du dein Gehirn eingeschaltet hast. Es ist auch nicht gerade das erste Mal, dass wir dir mit unserer Reaktion eine Lektion erteilen. Ich erinnere dich an ein besonders einprägsames Erlebnis, das inzwischen gut zehn Jahre zurückliegt.“

Marcus schaute mich an, ich schüttelte den Kopf, um ihm klarzumachen, dass er von mir nichts erfahren würde. Das sollte ihm besser Philipp erzählen. Der wiederum brauchte ein paar Minuten, bis ihm klar wurde, worauf Thomas gerade angespielt hatte.

Mit hochrotem Kopf rief er Marcus zu: „Komm wir ver­schwinden lieber, bevor es noch peinlicher für mich wird. Wenn du unbedingt wissen willst was damals passiert ist, dann werde ich dir die Geschichte bei Gelegenheit erzählen.“

Er griff nach der Hand von Marcus und schleifte ihn hinter sich her. Nachdem sie ums Hauseck verschwunden waren, meinte Thomas lachend zu mir: „Der lernt das nie, nur gut für ihn, dass außer mir bisher keiner, die für ihn peinlichen Situationen, als Sofort­erziehungsmaßnahmen nutzt.“

Ich verschloss das Auto und zusammen gingen wir durch den Garten auf die Terrasse. Da wir dort niemand antrafen traten wir durch die Terrassentür ins Haus. Mutter saß im Wohnzimmer in einem Sessel und wollte von uns wissen, was draußen abgelaufen ist, da die beiden Jungs wortlos an ihr vorbeigeschlichen seien und sofort nach oben verschwunden seien. Ich meinte nur, dass Philipp seinem Marcus jetzt eine etwas peinliche Geschichte aus seiner Pubertät zu erzählen habe.

Die Erklärung reichte meiner Mutter und sie stellte auch keine weiteren Fragen dazu. Thomas und ich gingen ebenfalls nach oben, zogen uns um, um wenige Minuten später wieder an Mutter vorbei in den Garten zu gelangen. Wir legten uns erstmal auf die Liege und genossen die Ruhe rund um uns. Später vergnügten wir uns noch etwas im Pool, um uns wieder abzukühlen.

Auch im gesamten Haus war es die ganze Zeit über verdächtig ruhig geblieben, wes­halb ich so gegen halb sieben zu Thomas meinte, wir sollten uns so langsam ums Abendessen kümmern. Zusammen gingen wir in die Küche und fingen mit den Vorbereitungen an. Da wir heute wieder einmal grillen wollten, begann Thomas damit die Fleischstücke zu würzen, während ich mich zuerst mit dem Vorbereiten der Salate beschäftigte.

Zwischendurch ging Thomas auf die Terrasse, um den Grill vorzubereiten und anzuheizen. Ich brachte noch das Geschirr und Besteck, sowie Gläser und Getränke nach draußen und gemeinsam deckten wir den Tisch. Nachdem alles vorbereitet war, kehrte ich ins Haus zurück, um Mutter und unsere beiden Jungs zu holen.

Meine Mutter fand ich in ihrem Schlafzimmer, sie hatte sich hingelegt, um sich von den Anstrengungen des Tages zu erholen. Sie erklärte mir, dass sie gleich rauskommen werde und so machte ich mich auf die Suche nach den Jungs. Ich fand sie schlafend in ihrem Zimmer. Vorsichtig weckte ich die Beiden und sie versicherten mir, dass sie in wenigen Minuten bei uns wären.

Zurück auf der Terrasse hatte Thomas schon mit dem Grillen angefangen. Mutter saß bereits in ihrem Stuhl und hatte sich Wasser eingeschenkt. Ich setzte mich zu ihr und wir unterhielten uns, bis Philipp und Marcus auftauchten. Die Zwei setzten sich ebenfalls zu uns an den Tisch.

Kurze Zeit später rief Thomas, dass die ersten Fleischstücke fertig seien und wir uns die Teller füllen könnten. Ich fragte Mutter was sie wolle, ging dann mit ihrem Teller zu Thomas und er legt mir das gewünschte darauf. Mit dem gefüllten Teller ging ich zurück und stellte ihn vor Mutter ab. Mit meinem und Thomas Teller stellte ich mich zu den Jungs, die schon bei Thomas standen und sich ihre gegrillten Fleischstücke abholten.

Während wir speisten, erzählte ich vom Gespräch mit Vater, mit dem wir heute Nachmittag den Verwaltervertrag besprochen haben. Er sei der Meinung gewesen, dass er den Vertrag nicht besser hätte formulieren können. Dabei fiel mir auf, dass wir doch einen kleinen, aber dennoch fatalen Fehler im Vertrag haben. Wir hatten als Vertrags­partner Vater und Mutter angegeben.

Deshalb fragte ich Mutter: „Wo ist eigentlich der Vertrag für die von euch gegründete Gesellschaft, der inzwischen die Finca gehört“?

Die beiden Jungs schauten mich an, sie hatten bis jetzt noch nichts davon gehört, dass sich das Haus nicht mehr im Privat­besitz von Philipps Großeltern befand.

Mutter antwortete mir mit einer Gegenfrage: „Warum willst du das Wissen“?

„Ganz einfach“ erklärte ich ihr, „wenn wir morgen mit Pedro Garcia den Verwaltervertrag abschließen wollen, dann sollten dort auch die richtigen Daten einsetzten, nicht dich und Vater als Eigentümer, sondern die Gesellschaft. Ich muss vor allem Wissen, ob du und Vater einzeln für die Gesellschaft handeln können oder nur ihr beide zusammen.“

„Die Frage nach der Unterschriftenregelung kann ich dir sofort beantworten, jeder von uns Beiden hat Einzelvertretungs­be­rechtigung für Verträge“ erklärte mir Mutter. „Die Unterlagen findet ihr im kleinen Arbeitszimmer deines Vaters.“

Da Philipp und Marcus immer noch fragend blickten, erklärte ich ihnen kurz, was mir Vater vor ein paar Tagen erklärte hatte. Philipp meinte dann nur noch: „Ganz schön clever und vorausschauend ge­han­delt von Opa.“

Nachdem dies geklärt war, informierte ich die anwesende Familie über unser Gespräch mit Doktor Ramirez. Vater geht es zunehmend schlechter und wir sollten mit seinem Tod innerhalb der nächsten acht Tage rechnen. Die heutigen Untersuchungen haben nur ergeben, dass sich alle Werte seit letzter Woche erheblich verschlechtert haben, und aus seinen bisherigen Erfah­rungen wird das endgültige Versagen des Körpers, aller Wahrscheinlichkeit nach, innerhalb der von ihm angegeben Zeitspanne eintreten.

Das Einzige, was Mutter dazu meinte, war ihre Aussage, dass sie das schon heute Vormittag gespürt habe und uns das auch Mittag bereits verkündet hatte. Das allen doch etwas unangenehme Thema wurde schnell beiseitegeschoben und wir unterhielten uns eher darüber, was in den nächsten Tagen alles zu klären und erledigen sei.

Wie immer war Mutter die erste, die verkündete, dass es für sie an der Zeit sei, sich zurückzu­ziehen. Wir wünschten ihr eine gute Nacht und kurz danach war sie im Haus verschwunden. Thomas bat die Jungs, alles aufzuräumen, derweilen wir in Opas Arbeits­zimmer nach den wichtigen Unterlagen suchen wollten.

„Wenn ihr in der Küche fertig seid, könnt ihr gerne nachkommen und uns im Büro Gesellschaft leisten. Wir können jede Hilfe gebrauchen, um Opas und Omas Unterlagen zu sichten. Mit eurer Hilfe sollte es uns möglich sein, in den nächsten Tagen, die Unterlagen auszu­werten und zu kategorisieren, damit wir bei Bedarf alle notwendigen Unterlagen sofort zur Hand haben.“

Die Jungs erklärten sich sofort bereit, die Terrasse und die Küche aufzuräumen und danach zu uns ins Büro zu kommen. Thomas und ich standen auf und halfen den Jungs noch kurz beim Zu­sam­menstellen der Teller und des Bestecks, bevor wir uns auf den Weg in Opas Arbeitszimmer machten.

Ich überlegte, wann ich das letzte Mal in diesem Raum gewesen sein könnte, konnte mich aber nicht daran erinnern, jemals in seinem kleinen Büro hier in der Finca gewesen zu sein. Langsam öffnete ich die Tür und schaltete das Licht ein. Nein, hier war ich in all den Jahren nie gewesen. Auf der rechten Seite befindet sich ein größeres Regal voll mit diversen Ordnern, die alle beschriftet zu sein schienen. Vor uns zwischen den beiden Fenstern stand ein Schreibtisch mit einem Computer und zwei Ablagekörben, sowie einem Telefon. Auf der linken Seite des Raumes steht eine Anrichte mit einem Drucker, genaugenommen ein Multifunkt­ionsdrucker. Davor hatte Opa noch eine kleine Besprechungs­ecke mit einem kleinen Tischen und drei Stühlen ein­gerichtet.

Fast ehrfürchtig betrat ich zusammen mit Thomas das Heiligtum meines Vaters. Meine ersten Schritte führten mich zum Schreibtisch. Ich setzte mich auf den Bürostuhl und blickte mich noch einmal in Ruhe um. Hier konnte ich seine Handschrift bei der Zusammen­stellung der Einrichtung erkennen, praktisch, sachlich und nicht übertrieben.

Ich meinte zu Thomas: „Zuerst sollten wir ein paar Telefonate führen, bevor wir uns mit den Akten meiner Eltern beschäftigen.“

Zuerst rief ich bei Pedro Garcia an, um ihn über die notwendigen Änderungen am Vertrag zu informieren. Bevor ich ihm alles erklärte, entschuldigte ich mich erst einmal für den späten Anruf. Uns ist im Eifer des Gefechts ein fundamentaler Fehler unter­laufen, da das Haus nicht mehr im Privatbesitz meiner Eltern sei, sondern in eine eigens gegründete und angemeldete Gesellschaft übergegangen sei.

Er fragte, ob es uns möglich sei, ihm entweder eine Kopie des Gesellschaftsvertrages oder zumindest eine Kopie der Anmel­dung der Gesellschaft per Fax oder Mail zu übersenden, damit er für die Änderung die korrekten Daten habe. Ich sagte ihm die Übersendung für spätestens morgen zu.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich bei meiner Tochter und ihrem Mann ohne Probleme noch stören konnte. Also wählte ich ihre Festnetznummer in Deutschland. Nach zwei- oder drei­maligen Anklingeln meldete sich Christoph, der sofort wissen wollte, ob was passiert sei, nachdem ich mich gemeldet hatte.

Ich beruhigte ihn und berichtete vom aktuellen Stand der Dinge. Dabei erklärte ich ihm auch, dass wir wohl spätestens Ende nächster Woche wieder zurück in Deutsch­land sein werden. Er versprach mir, meiner Tochter alles zu erzählen, da sie gerade bei den Kindern sei und ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest.

Nachdem ich das Gespräch beendet hatte, fragte ich Thomas, ob er kurz mit seiner Mutter telefonieren möchte, ums sie ebenfalls mit den neuesten Informationen zu versorgen. Er meinte nur, dass dies sicher morgen Martina übernehmen wird und er damit Mutter mit einem späten Anruf nicht erschrecken will.

Als nächstes rief ich bei meinem Bruder Dieter an. Er meinte, er habe sich schon gewundert, einen Anruf aus Spanien zu erhalten, noch mehr war er darüber verwundert, als er meine Stimme aus dem Lautsprecher hörte.

Ich erzählte ihm, dass wir schon seit mehr als einer Woche auf der Insel seien. Wir sind nach Mutters Anruf, dass es Vater nicht besonders gut gehe, kurzfristig nach Mallorca geflogen. Die neue Situation, die sich heute ergeben hat, mit den neuen Informationen vom Krankenhaus, seien der Grund meines Anrufes. Ich erklärte ihm, dass Vater nur noch wenige Tage ver­blieben, bevor er uns für immer verlassen würde. Er wollte von mir wissen, ob es noch Sinn machen würde, ebenfalls kurzfristig nach Mallorca zu fliegen.

Dazu meinte ich, dass es fraglich ist, ob er Vater noch lebend antreffen wird, je nach dem, wann er auf der Insel landet. Ich bat ihn noch sich mit unserer Schwester in Verbindung zu setzen und ihr alles zu berichten. Er meinte, er würde sie morgen anrufen und ihr die traurigen Nachrichten beibringen. Ich schickte noch hinterher, dass wir uns nach unserer Rückkehr, wir drei Geschwister und Mutter, zusammensetzen sollten und alle wichtigen Fragen für die Zukunft des Gutshofes nach dem Tod unseres Vaters zu klären.

Ich hatte kaum aufgelegt, als an der Tür klopfte. Thomas sagte „herein“ und Marcus und Philipp betraten das kleine Büro. Sie wollten wissen, warum wir ohne sie nicht angefangen hätten, wir hätten doch gewusst, dass es bei den beiden etwas dauern würde, bis sie zu uns stoßen würden.

„Ganz einfach“ meinte ich, „ich habe die meiste Zeit telefoniert, mit Pedro Garcia, mit Christoph und mit meinem Bruder Dieter. Um was es bei dem Gespräch mit dem spanischen Verwalter ging kannst du dir selbst denken, Christoph und meinen Bruder habe ich nur erzählt, wie es um unseren Vater steht und dass wir wahrscheinlich spätesten Ende nächster Woche wieder in Deutschland sein werden.

Gemeinsam betrachteten wir die Ordner in der Regalwand, dabei fiel mir sofort ein noch fast neuer Ordner auf. Mit dem Lesen des Rückenschildes war mir klar, dass ich zumindest den Ordner für die neue Firma gefunden hatte. Ich zog ihn aus dem Regal und setzte mich wieder an den Schreibtisch.

Einer von euch könnte schon mal Opas Computer zum Laufen bringen, vielleicht finden wir dort weitere Informationen, die uns weiterhelfen. Ich öffnete den Ordner und begann ihn durch­zulesen. Ich fand sowohl den Vertrag als auch die Firmenan­meldung in den Unterlagen.

Zwischenzeitlich hatte Philipp den Computer gestartet, blieb aber erst einmal bei der Nachfrage eines Passworts hängen. Er fragte mich explizit nach Vaters Passwort, dass ich ihm leider nicht geben konnte, da ich es nicht wusste. Er meinte ich solle doch einmal überlegen, welche Passwort Vater benutzt haben könnte. Ich dachte nach, nur alles was mir einfiel, wie Geburts- oder Hochzeitsdaten, Namen der Kinder, führten nicht zum gewünschten Ergebnis.

Plötzlich fiel mir ein, dass Vater sein Passwort früher immer auf einen Zettel geschrieben hatte und entweder im Schreibtisch oder an einem für ihn leicht zu merkenden Ort hinterlegt hatte. Ich meinte zu den beiden Jungs, das Passwort kann ich euch beim besten Willen nicht sagen, aber eventuell wo es zu finden ist.

Sie schauten mich ungläubig an. So erklärte ich ihnen, sie sollten es im Schreibtisch in den Schubladen versuchen oder im Regal in einem Ordner, der etwas mit Computer oder IT zu tun hat.

Philipp öffnete die Schreibtischschubladen, um nach dem Passwort zu suchen, während Marcus am Regal die Ordner studierte. Er fand zumindest einen Ordner, der mit Vaters Computer und dem Zubehör zu tun hatte.

Er setzte sich in die Besprechungsecke und arbeite sich durch den Ordner. Nach einiger Zeit meinte er, er hätte da ein unbeschriftetes Kuvert gefunden das abgeheftet und zugeklebt sei. Ich erklärte Philipp, dass er die Sucherei im Schreibtisch einstellen kann, weil ich mir sicher war, dass Marcus das Passwort gefunden hatte.

Marcus holte das Kuvert aus dem Ordner und öffnete es. Als er den Zettel gelesen hatte, lachte er laut los. Auf das Passwort wäre nie einer gekommen meinte er. Auf dem Zettel stand (P)hillipp (i)st (n)eugierig (u)nd (v)orlaut 1989.

Marcus feixt und wollte von Philipp wissen, ob Opa mit diesem Passwort den Nagel auf den Kopf getroffen habe.

Ich überlegte kurz und erklärte, auf dieses Passwort wäre ich nie ge­kom­men, ich habe an alles Mögliche gedacht, aber so etwas hatte ich niemals in Erwägung gezogen.

Philipp probierte das Passwort, schon verschwand der An­melde­bildschirm und nach kurzer Zeit erschien der Desktop auf dem Monitor. Ich fragte Philipp, ob es ein Programm gebe mit dem vom Drucker/Scanner Dokumente eingelesen werden können. Er suchte kurz, fand aber kein Programm, mit dem dies möglich gewesen wäre.

Ich beauftragte Marcus damit, nachzuschauen, ob im Ordner vielleicht CDs oder DVDs liegen, auf denen mög­licherweise entsprechende Programme zu finden sind. In den Unterlagen zum Drucker fand er eine CD, mit der Philipp die Scanfunktion einrichten konnte.

Ich holte aus dem vor mir liegenden Ordner jeweils eine Kopie der Firmenanmeldung und des Gesellschaftsvertrages. Ich bat die beiden Jungs diese Unterlagen für mich einzuscannen und abzuspeichern, damit wir sie an Garcias Büro mailen konnten.

Während die Beiden mit dem Scannen der Unterlagen beschäftigt waren, war ich aufgestanden und schaute mir die restlichen Ordner im Regal etwas genauer an. Dabei stellte ich fest, dass Vater seine Ordner akribisch beschriftet hatte und das Auffinden von benötigten Unterlagen nicht so schwierig sein dürfte.

Als Marcus meinte, sie seien mit dem Einscannen fertig, bat ich Philipp das Webmail-Programm zu starten, damit ich Pedro Garcia die Unterlagen zumailen kann. Ich setzt mich an den Rechner, fütterte das Mailprogramm mit meinem Passwort, erstellte die Mail und hängte die beiden Dokumente an. Mit dem Auslösen des Senden-Knopfes schickte ich die Unterlagen auf die Reise. Ich meldete mich wieder aus dem Mailprogramm ab und überlies den Jungs wieder den Computer.

Ich fragte Philipp, ob er in Opas Schreibtischschubladen einen USB-Stick oder so etwas Ähnliches gesehen hätte. Er meinte zwar ja, aber damit könne man heute kaum mehr etwas anfangen. Der Speicherplatz dieses Uraltteils reiche grade mal für 256 MB Daten aus.

Das wichtigste war erledigt, die Firmenunterlagen hatten wir gefunden und weitergeleitet. Ich wollte heute Abend nicht noch stundenlang weiterwühlen. Ich fragte die Jungs, ob es ihnen möglich sei, ab morgen die Unterlagen zu sichten und alle wichtigen Dokumente einzuscannen, damit wir sie in digitaler Form mit nach Hause nehmen könnten. Bis die Papierunterlagen bei uns ankommen kann es noch einige Zeit dauern.

Philipp meinte, digitalisieren ja, aber mit dem USB-Stick kommen wir nicht weit. Ich versprach morgen zwei neuere Speichermedien mit jeweils mindestens 8 GB zu besorgen.

Wir klärten noch kurz, was alles aus meiner Sicht zu den wichtigen Dokumenten gehören würde. Ich meinte grundsätzlich alles was zu den Wohnungen und Häusern in Deutschland zu finden sei, Steuer­unterlagen, Testament oder ähnliches, Unterlagen über Bankkonten und alles was nach eurer Meinung wichtig sein könnte. Thomas und ich würden dann am Nachmittag mit dem Scannen weitermachen. Vielleicht schaffen wir es alle für uns wichtigen Unterlagen in den nächsten Tagen zu digitalisieren.

Ich erklärte die Exkursion ins Büro meines Vaters für heute als beendet. Zusammen verließen wir den Raum, Marcus und Philipp wollten sofort hoch in ihr Zimmer gehen, während wir noch kurz im Wohn­zimmer verweilen wollten. Wir trennten uns, die Jungs nach oben und wir wie angekündigt ins Wohnzimmer.

Thomas schenkte uns noch einen Schlummertrunk ein und wir setzten uns auf die Couch. Er nahm mich in den Arm und meinte: „Heute war ein hektischer Tag, so darf es die nächsten Tage nicht weitergehen, ich habe keinen Bock darauf, die ganze Erholung der vergangenen Tage wieder zunichte­zumachen.“

Ich erklärte ihm, dass es für mich heute gar nicht so stressig gewesen sei, da ich mich einfach nicht stressen lasse. Sicher, es war ein anstrengender Tag, aber ich habe es nicht als Stress empfunden.

Wir saßen noch einige Zeit schweigend nebeneinander, bevor wir uns auf den Weg machten, in unseren Schlafraum. Im Bett kuschelten wir uns aneinander und redeten noch ein paar Minuten darüber, was morgen alles zu erledigen sei. Danach erzähle ich ihm noch die Geschichte von meinem Bruder Dieter und mir, zu der wir vorgestern, wegen der Hektik um unsere Intimfrisuren und der anschließenden Kuschelaktion mit Marcus und Philipp, nicht mehr gekommen waren.

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