Regenbogenfamilie Teil 82 – Silvester / Neujahr einmal anders

Barbara und ich hatten uns brav in die Schlange der Wartenden an der Essensausgabe im Speisesaal eingereiht. Als wir gefragt wurden, für was wir uns entschieden hätten, meinte Barbara, sie würde den Lager-Burger mit Käse nehmen, dazu die Tagessuppe und als Dessert den Obstsalat. Ich entschied mich für das Züricher Geschnetzelte, die Tagessuppe und als Dessert wollte ich den Quark mit frischem Obst probieren.

Mit unseren gefüllten Tabletts gingen wir wie heute Morgen an den Tisch der Betreuer der Kids des Münchner Kinderheims. Wir begrüßten sie kurz und setzten uns zu ihnen an den Tisch. Konstantin, der Betreuer, der erst zwei Tage vorher angereist war mit den beiden Jungs vom Heimleiter, meinte zu Barbara: „Sie sei sehr mutig, da sie sich für den Lager-Burger entschieden habe.“

Barbara lachte und erklärte: „Ich bin überhaupt nicht mutig, ich habe den Burger, in der Variante ohne Käse schon im Sommer während des Zeltlagers gegessen und ich war damals überrascht, dass er sehr lecker geschmeckt hat und ich mich trotzdem einigermaßen ausgewogen ernährt habe. Ihr könnt euch sicher sein, der Burger hat keine Ähnlichkeit, mit dem was euch in den Fast Food Restaurants vorgesetzt wird.

Vor allem war das der absolute Renner während des Zeltlagers. Sebastian musste ihn mindestens einmal pro Woche anbieten. Er hat uns am Ende des Zeltlagers verraten, dass bei den günstigen Mittagsmenüs des Restaurants, der Burger genau so beliebt war wie bei den Kids, was ihn selbst absolut überrascht hatte. Ich kann euch nur empfehlen, holt euch einen Lager-Burger, teilt ihn auf und probiert ihn, ihr werdet komplett überrascht sein.“

Konstantin stand auf, ging zur Essensausgabe und besorgte einen Lager-Burger ohne Käse, den er dreiteilte und jeweils ein Stück seinen beiden Kollegen zum Probieren überließ. Von seinem Teil schnitt er sich ein mundgerechtes Stück zurecht und schob es mit einer Gabel in seinen Mund. Nachdem er den Happen gegessen hatte, sagte er: „Ich bin echt überrascht, das Ding schmeckt fantastisch, wenn mir das vorher einer gesagt hätte, wäre meine Entscheidung heute anders ausgefallen.“

Ich meinte zu Konstantin: „Du hättest nur unsere Auszubildendenanwärter aus den Kinderheimen fragen müssen, die im Sommer beim Zeltlager hier waren, die hätten dir Auskunft geben können. Du hast dich nur durch dein Schubladendenken um den Genuss eines grandiosen Burgers gebracht. Hast du beobachtet wie viele der Kids sich einen Burger geholt haben und schau auf ihre Teller, da findest du keine Essensreste mehr.“

Severin der zwischenzeitlich selbst probiert hatte, meinte dazu: „Ich fürchte, dieses Rezept muss ich mir von Sebastian geben lassen, weil ich mir sicher bin, dass unsere Kids den im Heim nachkochen wollen.“

Ich erklärte Severin: „So einfach wird das nicht sein mit einem festen Rezept, denn der Burger ändert sich von Jahreszeit zu Jahreszeit, da Sebastian grundsätzlich saisonales Gemüse verarbeitet, dass aus der gutshofeigenen Gärtnerei stammt. Vor allem verwendet er auch das Gemüse, dass sich im Supermarkt nicht verkaufen lässt, weil es nicht den geforderten Normen entspricht. Er hat einmal zu mir gesagt, auf dem Teller siehst du dem Gemüse nicht mehr an, ob es vorher krumm war oder normgerecht.“

Severin lachte und sagte: „Barbara, ich hoffe ich darf dich auch so ansprechen. Ich habe mit meinem Chef gesprochen, dass der Gutshof uns einen weiteren Jungen, Florian Hübner abnehmen wird. Heinz hat gelacht und gemeint, wir hätten noch mehr Kinder, die wir bei Pflegeeltern oder Adoptiveltern unterbringen wollen.

Aber Spaß beiseite, du sollst dich wegen der Pflegschaft für Florian direkt bei ihm melden, er wird sich umgehend mit dem zuständigen Sachbearbeiter beim Jugendamt in Verbindung setzen und dich von seiner Seite aus unterstützen, damit die Übergabe von Florian nach Rosenheim möglichst kurzfristig durchgeführt werden kann. Ich soll dir seine Visitenkarte mit den wichtigsten Kontaktdaten geben, du kannst ihn auch jederzeit privat kontaktieren. Er erwartet jederzeit deinen Anruf.“

Er schaute Barbara und drückte ihr gleichzeitig die Visitenkarte in die Hand. Barbara schaute ihn immer noch verwundert an und erklärte: „Eigentlich bräuchte ich die Hilfestellung deines Chefs gar nicht, seit der Umsetzung von David und Tobias nach Rosenheim habe ich einen guten Draht zu den Münchner Kollegen. Vor allem auch, weil ich gestern mit dem Chef des Jugendamtes gesprochen habe und angekündigt habe, dass voraussichtlich bis zu drei seiner Schützlinge im September des kommenden Jahres in Rosenheim eine Ausbildung antreten werden und in einem Jugendwohnheim untergebracht werden, das erst im Juli in Betrieb gehen wird.

Ich konnte ihm zwar noch nicht sagen, wer die drei Glücklichen sind, ich habe ihm nur erklärt, dass einige Kids aus dem Münchner Kinderheim, die hier ihre Ferien verbringen, sich spontan an einem Bewerbungsevent bei der Gutshof-Gruppe beteiligt haben und dass heute die Entscheidungen fallen.

Heute und morgen ist wie bei uns nur der Notdienst in München zu erreichen, aber am Montag werde ich ihm mitteilen, dass alle drei angenommen wurden und auch gleich die Daten weitergeben. Die Gelegenheit werde ich gleich nutzen, um ihm die Unterbringung von Florian Hübner in einer Pflegefamilie anzukündigen und um kurzfristige Abwicklung zu bitten.“

Severin schaut Babara an und meinte: „Das hätte ich jetzt nicht erwartet, dass zwei Jugendämter aus unterschiedlichen Landkreisen oder einer Stadt enger zusammenarbeiten als es üblicherweise erfolgt. Hast du auch von eurem neuen Konzept der Unterbringung der Jugendlichen gesprochen, dass ihr zusammen mit der Stiftung verwirklicht.“

Barbara grinste und meinte dazu: „Ich habe es nicht angesprochen, aber ein Herr Gebauer von einem Münchner Kinderheim hat ihm scheinbar schon einiges erklärt und so hat er es von sich aus angesprochen. Ich habe ihm versprochen, dass ich im Januar mit Herrn Maurer einen Termin vereinbare, an dem wir ihm das Konzept detailliert vorstellen wollen und wie sich die Stiftung daran beteiligen kann.“

Ich lachte und meinte zu Barbara: „Und wann wolltest du es mir sagen, dass wir einen Termin mit dem Leiter des Münchner Jugendamtes haben, bei dem es um unser Konzept Betreutes Wohnen und gleichzeitig Jugendwohnheim geht.“

Severin schaute mich und Barbara an und meinte: „Das ging aber flott, Peter hat Heinz erst am Heiligen Abend von euren Plänen und der Umsetzung berichtet, nachdem ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte.“

Barbara meinte: „Ich will erst die Angelegenheit Florian Hübner klären und danach können wir einen Termin mit dem Leiter des Jugendamtes vereinbaren.“

Nach dem Mittagessen verabschiedete ich mich von Barbara und sie erklärte noch, dass sie morgen im Verwalterhaus sei, um mit Manuel und Daniel die beiden Anträge für die Pflegschaft und die Adoption vorzubereiten. Auf alle Fälle werde ich trotzdem mit Herrn Gebauer heute noch Kontakt aufnehmen, auch wenn erst am Montag in den Jugendämtern wieder gearbeitet wird.

 

Da das Gespräch mit Patrick Körber immer noch stattgefunden hatte, machte ich mich auf die Suche nach ihm. Ich fand ihn im Speisesaal und bat ihn mit mir mitzukommen, damit wir seine bisher noch nicht geklärte Bewerbung zu einem Abschluss bringen konnten. Wir gingen ins Büro unserer Sozialarbeiter und als wir uns in die Besprechungsecke gesetzt hatten, fragte ich ihn: „Hast du mit deiner Mutter gesprochen und über unseren Vorschlag nachgedacht?“

 

Er zögerte mit seiner Antwort, so dass ich schon fast vermuten konnte, dass er unsere Alternative ablehnen wird. Plötzlich sagte er: „Ich habe mit meiner Mutter gesprochen und die hat mir nur gesagt, dass es am Ende meine Entscheidung sein wird, die ich treffen muss. Aus ihrer Sicht wäre es zumindest eine absolut sichere Angelegenheit in der Stiftungsverwaltung seine Ausbildung zu machen.

 

Ich habe lange überlegt, wie ich mich entscheiden soll, auf der einen Seite reizt mich die umfangreichere Ausbildung in der Stiftungsverwaltung, aber mit dem Nachteil, dass ich einen längeren Weg zur Arbeit habe. Als Bürokaufmann in der J. Graf GmbH könnte ich jeden Tag mit meiner Mutter zur Arbeit fahren, was mir vermutlich wieder den Ruf einbringen wird, ich sei ein Muttersöhnchen.

 

Mein eigentliches Problem ist, dass für nächstes Jahr kaum Ausbildungsstellen zum Bürokaufmann im Raum Rosenheim angeboten werden und ich damit keine anderen Möglichkeiten habe. Peter wäre es eventuell möglich, in eines der Appartements einzuziehen, denn sonst bin ich mehr als eineinhalb Stunden jeweils morgens und abends mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs.

 

Ich würde aus dem Appartement wieder Ausziehen, wenn ich volljährig wäre und einen Führerschein habe. Genügend Geld habe ich schon gespart, um mir ein kleines Auto zu kaufen. Damit hätte ich zumindest vernünftige Argumente, auch meiner Mutter gegenüber.“

 

Ich überlegte kurz, was ich ihm antworten sollte: „Mit deinem zeitaufwendigen Arbeitsweg hättest du zumindest einen triftigen Grund, einen Antrag auf vorübergehende Unterbringung in einem der Appartements zu stellen.

 

Vielleicht könntest du dir auch eines der größeren Appartements in dieser Zeit teilen, du würdest wahrscheinlich immer nur von Montag bis Freitag dort wohnen. Ein möglicher Mitbewohner, der im landwirtschaftlichen Bereich seine Ausbildung macht, ist auch nur fünf Tage die Woche hier, aber er arbeitet manchmal auch am Wochenende und hat dafür unter der Woche zwei oder drei freie Tage.

 

Es gibt auch noch die Möglichkeit, mit einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin vom Gutshof, vom Seminarhotel oder der Gärtnerei eine Fahrgemeinschaft zu bilden, sofern der oder die bei dir in der Nähe wohnt, das müssten wir aber erst prüfen.“

 

Er schaute mich verwundert an und meinte dazu: „Hätte ich jetzt nicht gedacht, dass es auch noch andere Möglichkeiten gibt, um mein Problem zu lösen, die vermutlich sogar günstiger sind als ein eigenes Appartement nur für mich. Peter, ich bin jetzt so mutig und sage dir verbindlich zu, dass ich den Ausbildungsplatz als Bürokaufmann in der Stiftung Sonneneck annehme.“

 

Ich schaute ihn an: „Ich kann dir jetzt noch kein festes Versprechen geben, welche der Lösungen am Ende zum Tragen kommen wird. Wir finden auf alle Fälle eine Lösung für dein Problem des Arbeitsweges, die möglicherweise auch ganz anders aussehen kann, bis du im Besitz eines Führerscheins bist.“

 

Patrick sah mich erneut an und schob hinterher: „Peter, ich bin mir inzwischen sogar sicher, dass ihr mir gestern ein besseres Angebot für meine Ausbildung gemacht habt. Ich wollte nur den einfachsten Weg gehen und habe mich dabei in etwas verrannt, dass ich vermutlich in ein oder zwei Jahren bereut hätte. Wenn ich ehrlich zu dir sein soll, gestern Mittag wollte ich euch schon absagen.

 

Erst im Laufe des Nachmittags, wo ich in der Therme in Bad Aibling viel Zeit zum Nachdenken hatte, wurde mir so langsam bewusst, dass ich im Vorstellungsgespräch zu egoistisch reagiert habe. Ich habe vorher immer nur die Bequemlichkeit in der Ausbildung bei der J. Graf GmbH gesehen. Ich muss zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich durch meine alleinerziehende Mutter, die mir fast jeden Wunsch erfüllt hatte, so ichbezogen wurde.“

 

Ich grinste ihn an und erwiderte: „Dann hat unser Besuch in der Therme doch seinen Zweck erfüllt, wenn du dort erkannt hast, dass das Leben nicht immer nur geradeaus verläuft, manchmal sind kleine Umwege oder Hindernisse notwendig, um sein wirkliches Ziel zu erkennen und zu erreichen. Ich werde Florian davon informieren, dass er für dich die notwendigen Unterlagen vorbereitet.

 

Damit ist unser Gespräch beendet, ich hoffe du begleitest uns heute Nachmitttag bei unserer Wanderung zu den schönsten Plätzen meiner Jugend oder hast du dich überreden lassen, heute Nachmittag bei der Dekoration für die Silvesterfeier mitzuhelfen. Er bestätigte, dass er an der geplanten Wanderung teilnehmen will, so dass ihn ich bat pünktlich um vierzehn Uhr in der Lobby zu sein.“

 

 

Ich ging kurz ins Gutshaus, um zum einen Florian zu informieren, dass er für Patrick Körber den Ausbildungsvertrag ausfertigen kann und um mich in unserer Wohnung umzu­ziehen. Florian erklärte mir, er ist fast fertig sei mit den Ausbildungsverträgen und ich könnte entweder heute noch, nach unserer Wanderung oder morgen Vormittag alle Verträge unter­schreiben.

 

„Peter, ich hätte nie für möglich gehalten, dass wir am Ende für alle Bewerber einen Ausbildungsvertrag ausfertigen“ erklärte er mir, „nachdem offiziell weniger Ausbildungsplätze ausgeschrieben waren.“

 

„Du darfst nicht vergessen, zwei Ausbildungsplätze haben wir geschaffen für die beiden Auszubildenden, bei denen wir sicher wissen, dass wir sie nach der Ausbildung nicht übernehmen, da sie in den elterlichen Betrieb zurückkehren werden“ erklärte ich, „dazu kommen die beiden Ausbildungsplätze im forstwirtschaftlichen Bereich, die überhaupt nicht angemeldet waren und die Aufstockung in der IT, beim Servicepersonal und in der Stif­tungsverwaltung.

 

Das sind knapp zwanzig Prozent aller Ausbildungsplätze, für die wir jetzt Ausbildungsverträge ausstellen. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob wir bereits alles abgedeckt haben, wo wir im kommenden Jahr Nachwuchs brauchen werden. Wenn wir unsere Pläne mit der erweiterten hofeigenen Bäckerei und Konditorei umsetzen werden, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass wir dort weitere Ausbildungsplätze anbieten müssten.

 

Ich gehe kurz nach oben mich umziehen und dann bin ich mit den Kids und Jugendlichen unterwegs zu den schönsten Plätzen meiner Kindheit. Kommst du mit oder arbeitest du weiter im Büro.“

 

Florian lachte und meinte: „Im Grunde genommen würden mich deine Lieblingsplätze schon interessieren, wenn ich bis dahin alles gedruckt und sortiert habe, bin ich dabei, ich beeile mich jedenfalls.“

 

Oben in der Wohnung zog ich mich um und Thomas erklärte mir, dass er mich auf unserer nachmittäglichen Wanderung mit den Kids begleiten wird, da er ebenso neugierig auf meine Lieblingsplätze sei. Ich grinste und meinte: „Meinetwegen kannst du gerne mitkommen, immer noch besser als allein zuhause herumzusitzen.“

 

Kurz vor vierzehn Uhr standen wir in der Lobby des Gesindehauses, wo wir von der Meute bereits sehnsüchtig erwartet wurden. Mein erster Weg führte mich trotzdem in den Speisesaal, wo bereits fünf oder sechs Umzugskarton mit dem Dekomaterial auf das Dekorationsteam warteten.

 

Rebecca und Linus hatten etwa acht Helfer, vorwiegend aus der Gruppe der Auszu­bildenden, um sich versammelt und erklärten das Motto des Abends und wie sie sich die Ausschmückung des Saals vorstellten.

 

Als sie mich erblickte meinte sie: „Peter, wir hatten vereinbart, dass keiner den Saal vor dem Abendessen betreten darf, das gilt ebenso für dich.“

 

Innerlich grinsend erklärte ich: „Ich kenne unsere Vereinbarung, ich bin auch sofort wieder weg mit den restlichen Kids, zu unserer Wanderung. Ich wollte euch nur viel Spaß bei eurer Arbeit wünschen. Ich kann nur hoffen, dass ihr rechtzeitig fertig seid, wenn um achtzehn Uhr der Saal, zum Abendessen, wieder für alle geöffnet wird. Wenn ihr noch etwas brauchen solltet, wird euch Alexandra sicher weiterhelfen können.“

 

Nach diesen Worten verließ ich den Saal, schloss ordnungsgemäß wieder die Tür, damit keine weiteren Störungen das Deko-Team bei ihrer Arbeit unterbrechen würde. In der Lobby fragte ich Severin: „Können wir mit den Kids aufbrechen zu unserer Wanderung zu meinen Lieblingsplätzen rund um den Gutshof?“

 

Severin lächelte und erklärte: „Unsere Kids sind vollzählig versammelt, wie es bei deinen Auszubildenden aussieht kann ich dir leider nicht beantworten. Wenn ich mir jedoch die Gruppe so betrachte, dürfte kaum einer fehlen, vor allem wenn ich berücksichtige, dass mindestens sieben Personen im Speisesaal mit dekorieren beschäftigt sind.“

 

Ich schnappte mir vorsichtshalber das Mikrofon und sagte an die Gruppe gewandt: „Seid ihr bereit, mit mir die fünfstündige Wanderung zu meinen Lieblingsplätzen, im und rund um den Gutshof anzutreten.“

 

Zumindest hatte ich ihre Aufmerksamkeit, denn ich sah in einige verwirrte Gesichter, also war bei den meisten doch angekommen, dass ich von einem fünfstündigen Ausflug gesprochen hatte. Severin und seine beiden Kollegen kicherten, als sie in die betroffenen Gesichter ihrer Kids blickten und er reckte seinen Daumen nach oben.

 

Damit sie sich wieder beruhigen konnten erklärte ich; „Keine Sorge, unser Ausflug dauert etwa eineinhalb bis zwei Stunden, ich wollte nur testen, ob ihr mir überhaupt zuhört. Ich habe nämlich keine Lust euch meine Lieblingsplätze zu zeigen und euch dazu kleine Geschichten zu erzählen, wenn ich am Ende feststellen muss, dass mir keiner zugehört hat.“

 

Ich bat Severin und seine Kollegen beim Hinausgehen, kurz durchzuzählen mit wie vielen Personen wir das Gesindehaus verlassen haben, damit wir bei unserer Rückkehr feststellen können, wie viele Kids unterwegs verloren gegangen sind. Damit kann ich zumindest später den Suchmannschaften erklären, wie viele Kids und Jugendliche von uns vermisst werden und von ihnen in freier Wildbahn aufzustöbern seien.

 

Severin antwortete frech: „Peter, ich befürchte, du kannst die Suchmannschaften gleich aktivieren, damit sie uns unauffällig verfolgen und jeden der verloren geht, gleich einsammeln können.“

 

Da ich wusste, wie er das meinte, sagte ich zu ihm: „Severin, du bildest mit Konstantin zusammen die Nachhut und ihr sammelt sofort alle ein, bei denen sich abzeichnet, dass sie auf der Verlustliste landen könnten. Dann brauchen die armen Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr sich in der Silvesternacht gar nicht erst auf die Suche machen, die würden viel lieber mit ihren Freunden oder ihren Familien ins neue Jahr hineinfeiern, so wie das bei uns auch sein wird.“

 

Konstantin schien bereits begriffen zu haben, wie das mir abläuft, so fragte er mich: „Bedeutet das für heute Abend, dass wir nicht feiern können, solange die Suchmannschaften noch unterwegs sind, um unsere verlorenen Kids einzufangen.“

 

Severin schaute mich an und sagte zu Konstantin: „Ich glaube, das ist genau das, was Peter uns damit sagen wollte. Keine Feier, bis alle verlorenen Schäfchen wieder gesund und munter im Gesindehaus angekommen sind.“

 

Damit gab ich das Zeichen zum Aufbruch und unser erstes Ziel befand sich noch im Gutshofgelände, nur wenige Gehminuten vom Gesindehaus. Ich stoppte vor den alten Ställen, in denen früher unsere Milchkühe untergebracht waren.

 

Ich erklärte: „Wir werden gleich durch die Stalltür und über eine Holztreppe nach oben auf den ehemaligen Heuboden gehen, so wie er früher genannt wurde. Dorthin haben sich meine Bruder Dieter und ich immer zurückgezogen, wenn wir wieder einmal unsere Ruhe haben wollten. Mein Vater hatte uns, unter Androhung von drastischen Strafen, verboten den Heuboden zu betreten. Den Rest dazu erzähle ich euch oben auf dem Heuboden.“

 

Wir traten in den Stall und gingen über die alte knarzende Treppe nach oben. Dort erwartete uns einige alte Heuballen, die wie in einem Amphitheater im Halbrund angeordnet waren. Ich forderte sie auf, es sich auf den Heuballen gemütlich zu machen, damit ich ihnen eine Anekdote aus meinem Leben erzählen kann.

 

Ich war selbst erstaunt darüber, was Tim und Jonas mit ihren Mitarbeitern für uns dort oben vorbereitet hatten, nachdem ich sie gebeten hatte, für meine Wanderung einen gemütlichen Platz zu schaffen, an dem ich den Kids eines meiner Jugenderlebnis erzählen kann.

 

Nachdem sich alle gesetzt hatten, begann ich zu erzählen: „Mein Bruder Dieter und ich haben uns in dem gelagerten Heu, das in den Wintermonaten an unsere Kühe verfüttert wurde, einen gemütlichen Platz zum Faulenzen und Träumen eingerichtet. Wir zogen uns immer hierher zurück, wenn wir wieder einmal ungestört sein wollten.

 

Das ging lange Zeit gut, bis eines Tages, plötzlich mein Vater, von uns unbemerkt, hinter uns stand und uns anbrüllte, was wir hier zu suchen hätten. Ich antwortete ihm, dass wir hier liegen um zu Faulenzen und zu Träumen, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen.

 

Er erklärte uns, ich habe euch bei Strafe verboten den Heuboden zu betreten. Ich habe euch sogar erklärt, warum ihr dort oben nichts zu suchen habt. Wenn ihr euch kurz umdreht, werdet ihr in regelmäßigen Abständen die abgedeckten Luken erkennen, über die das Heu in den Mittelgang des Stalles abgeworfen wurde.

 

Er sagte damals zu uns, ich habe dieses Verbot ausgesprochen, weil ihr durch die Luken in den Stall stürzen könntet und euch das Genick brechen könnt, ich will meine Kinder nicht durch ihre eigene Dummheit verlieren. Ihr beide geht jetzt sofort ins Gutshaus in eure Zimmer und ich will euch erst wieder sehen, wenn ich euch rufen lasse.

 

Ihr werdet es mir nicht glauben, aber Dieter und ich waren noch nie so schnell in unseren Zimmern wie an diesem Nachmittag. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kam unsere Schwester mit Schadenfreude im Gesicht zu uns und meinte Vater würde uns in seinem Büro erwarten.

 

Vater saß am Schreibtisch und sortierte diverse Dokumente und meinte nur wir sollten uns setzen und warten bis er für uns Zeit habe. Nach einigen Minuten legte er die Papiere zur Seite und sagte, dass wir heute ohne Abendessen ins Bett gehen dürfen und er sich bis morgen früh überlegen würde, wie er uns bestrafen will. Er kündigte bereits an, dass ein Teil unserer Strafe ein vierzehntägiger Hausarrest sein wird, bei dem wir keine Besuche von Freunden erhalten dürfen.

 

Damit waren wir wieder entlassen und durften in unsere Zimmer zurückkehren, wo wir uns sofort unsere Schlafanzüge anzogen und nachdem wir unsere Zimmer aufgeräumt hatten, legten wir uns direkt ins Bett. Dieter und ich haben in dieser Nacht sehr schlecht geschlafen, wir wurden beide immer wieder von Albträumen heimgesucht.

 

Am nächsten Morgen sind wir sehr pünktlich aufgestanden und saßen bereits vor der Zeit bei unserer Mutter in der Küche am Frühstückstisch. Als Vater eintrat und sich gesetzt hatte, erklärte er uns, dass wir nach dem Frühstück in sein Büro gehen und dort auf ihn warten sollten. Obwohl wir bereits am Vorabend ohne Essen ins Bett mussten, hatten wir keinen großen Hunger.

 

Wie angeordnet gingen Dieter und ich nach dem Frühstück ins Büro und warteten auf unseren Vater. Es dauerte sicher eine gute halbe Stunde, bis er ins Büro eintrat. Er forderte Dieter auf, nach oben ins elterliche Schlafzimmer zu gehen und den auf der Kommode bereitgelegten Ledergürtel für unsere Bestrafung zu holen.

 

Damit war zumindest für uns eines sicher, dass er uns dieses Mal unseren Hintern versohlen würde, so wie wir es von unseren Freunden kannten, die uns schon öfters von ihren unliebsamen Begegnungen mit dem Ledergürtel berichtet hatten, wenn sie wieder einmal etwas Verbotenes getan hatten.

 

Dieter kam viel zu schnell mit dem Ledergürtel in Vaters Büro zurück und übergab ihm das Bestrafungsinstrument. Kaum hatte er sich wieder neben mich gesetzt, forderte Vater uns auf zu dem kleinen Tischchen zu gehen, uns vollständig zu entkleiden und unsere Sachen ordentlich gefaltet auf dem Tisch abzulegen. Danach sollten wir uns bäuchlings über die Stühle legen und uns mit beiden Händen gegenseitig festzuhalten.

 

Dieter der damals schon mitten in der Pubertät stand, begann sich erst auszuziehen, nachdem ich ihm mit gutem Beispiel vorangegangen war. Wir legten uns wie gewünscht über die Sitze und hielten uns gegenseitig fest. Vater war zwischenzeitlich aufgestanden und hatte sich seitlich von uns aufgestellt.

 

Er ließ den Gürtel mehrmals über unsere Köpfe hinweg pfeifend und zischend durch die Luft sausen. Da wir beide unsere Augen geschlossen hatten, war schon der Klang des Ledergürtels für uns furchterregend. Plötzlich hörte ich einen Knall, als wenn der Ledergürtel irgendwo eingeschlagen hatte und nur kurze Zeit später einen weiteren Knall.

 

Ich wusste in diesem Moment, dass ich bisher nicht getroffen wurde, wunderte mich aber, warum auch bei Dieter keine Reaktion auf die beiden Einschläge festzustellen war. Ich öffnete vorsichtig meine Augen und blickte in Dieters Gesicht, der mich nur fragend anschaute. Ich drehte nur leicht meinen Kopf, um ihm ein Nein zu signalisieren.

 

Nach gefühlten zehn Minuten, wobei vermutlich höchstens zwei Minuten vergangen waren, forderte Vater uns auf, aufzustehen und uns so wie wir sind, wieder auf den Stuhl zu setzen. Vater setzte sich wieder in seinen Bürostuhl, legte den Ledergürtel vor sich auf den Schreibtisch.

 

Wieder herrschte Stille, bis Vater uns erklärte, dass unsere Prügelstrafe für die nächsten vierzehn Tage zur Bewährung ausgesetzt sei. Er erwarte von uns, dass wir in dieser Zeit Mutter immer zur Hand gehen sollten, wenn sie uns zu einer Arbeit auffordere. Ebenso bleiben die vierzehn Tage Hausarrest bestehen. Dieter und ich atmeten erleichtert auf und versprachen unserem Vater, dass wir uns an seine Auflagen halten werden.

 

Er meinte, wir sollten uns jetzt wieder anziehen, den Gürtel an seinen Platz zurück­zubringen und anschließend in unsere Zimmer gehen, die wir nur zu den Mahlzeiten verlassen dürfen. Ihr werdet es mir vermutlich nicht glauben, aber Dieter und ich hatten uns vermutlich noch nie so schnell wieder angekleidet und sind mit Vaters Ledergürtel aus seinem Büro verschwunden. Sicher waren Dieter und ich nicht zu Engeln geworden, aber nach dem vierzehntägigen Hausarrest, achteten wir peinlich darauf nie wieder in so eine Situation zu geraten.

 

Da ich meine Geschichte beendet hatte, merkte ich an der immer noch herrschenden Stille, dass meine Erzählung bei dem einen oder anderen noch nachwirkte. So erklärte ich, dass zu dieser Zeit auch in der Schule die Prügelstrafe noch nicht abgeschafft war. Erst im Jahre 1980 wurde in Bayern vom Landtag diese Form der Bestrafung an Schülern durch ein Gesetz verboten.

 

Ich meinte, wir sollten so langsam aufbrechen und zu meinem nächsten Lieblingsplatz weitergehen. Unten im alten Stall erwartete uns eine kleine Überraschung, Tim und Jonas hatten mit Sebastian mehrere Biertische aufgebaut, an denen wir mit heißem Tee versorgt wurden. Ich bedankte mich bei Tim und Jonas dafür, dass sie oben diesen gemütlichen Bereich eingerichtet hatten, an dem ich den Kids diese Anekdote aus meinem Leben erzählen konnte.

 

Mit der anschließende Teepause, die von mir nicht eingeplant war, hatten wir nur für den ersten Teil der Wanderung schon fast eine Stunde gebraucht. Ich war schon am überlegen, ob es sinnvoll sei, wirklich die vollständige Tour durchzuziehen. Noch wollte ich keine Entscheidung fällen, sondern den weiteren Verlauf abwarten.

 

Beim Verlassen des alten Stalles fragte mich Severin, ob ich die Geschichte erfunden hätte, oder wirklich so abgelaufen sei. Ich bestätigte ihm, dass sich die Sache damals genau so zugetragen hat, wie ich sie euch erzählt habe. Er fügte noch an, dass die meisten seiner Kids fasziniert gewesen seien, von der Art, wie ich ihnen meine Geschichte erzählt hatte, aber das wird dir sicher aufgefallen sein, wenn du in ihre Gesichter geblickt hast.

 

Von den größeren Jungs habe er gehört, dass dich einige als äußerst mutig bezeichnet haben, weil du kein Problem damit hattest, aus deiner Kindheit ein etwas unangenehmeres Erlebnis zu schildern.

 

Da alle wieder vor dem alten Stallgebäude versammelt waren, gingen wir gemütlich weiter zu unserem nächsten Ziel. Da es in den letzten Tagen tagsüber etwas wärmer gewesen war und selbst in den Nächten die Temperatur selten unter null gefallen war, war der früher gut befestigte Weg, den man inzwischen nur noch erahnen konnte, eine matschige Angelegenheit.

 

Am Ziel angekommen war ich erstaunt, dass der Badeteich, den mein Großvater vor mehr als fünfzig Jahren angelegt hatte, doch reichlich zugewuchert war. Der Pächter hatte sich scheinbar nie um unser früheres Badeparadies gekümmert und das Gehölz zurückgeschnitten. Zumindest konnte ich auf der Teichoberfläche noch eine leichte Eisschicht erkennen, er war damit noch nicht vollständig verschlammt.

 

Die letzten zwei Jahre war ich, bedingt durch die viele Arbeit rund um den Gutshof, nie bis zum Teich gekommen, so dass mir das auch nicht früher aufgefallen ist. Ich hatte den Eindruck, dass sich in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren keiner um diese Flächen gekümmert hatte. Ich machte mir im Kopf eine Notiz, dass das im kommenden Jahr geändert werden muss.

 

Ich erklärte den Kids, dass in diesem verwilderten Teilstück des Gutshofes sich ein Badeteich befunden hat, in dem ich als Kind das Schwimmen gelernt hatte. An den Ufern unter den weitausladenden Bäumen hatte mein Großvater damals eine große Liegewiese anlegen lassen und an schönen Sommertagen, waren sehr viele Kinder aus der Umgebung hier und haben ihre Nachmittage verbracht.

 

Ich versprach den Kids, dass ich im kommenden Jahr den ursprünglichen Badeteich wieder reaktivieren und die Verbuschung beseitigen lassen will, damit unsere Mitarbeiter, die Bewohner des Gutshofes und unsere Gäste an Sommertagen eine Möglichkeit bekommen sich zu erfrischen.

 

Weiter ging es zum nächsten Ziel, der zwar nicht zu meinen Lieblingsplätzen zählte, an dem wir jedoch auf dem Weg zum nächsten Lieblingsplatz vorbeikamen. Wir standen vor dem Im Sommer eröffneten Seminarhotel. Ich verriet unseren zukünftigen Auszubildenden, dass sie und alle anderen Mitarbeiter für interne Weiterbildungsmaßnahmen, dort gelegentlich eine Woche verbringen werden.

 

Ich informierte etwas über die Geschichte des Anwesens. Ursprünglich war das ein Bauernhaus mit angeschlossener Gaststätte. Vor knapp zwanzig Jahren wurde das neue Gebäude als Hotel eröffnet, aber nur wenige Jahre später wieder aufgegeben, da der damalige Eigentümer noch in sehr jungen Jahren verstorben sei und seine Gattin das Hotel nicht weiterführen wollte.

 

Es wurde an Frau von Kempfenhausen verkauft, die es jedoch nicht als Hotel nutzte, es wurde vor allem das Erdgeschoß umgebaut und als Wohnhaus genutzt. Nach dem Tod der alleinstehenden älteren Dame, kam es in den Besitz der Stiftung Sonneneck, zusammen mit dem kompletten sonstigen Immobilienbestand der Erblasserin.

 

Bei einer ersten Besichtigung fanden wir in den Stallungen die vollständigen, gut erhaltenen Einbauten des Erdgeschoßes und haben beschlossen, das Haus wieder in ein Hotel zurückzubauen und zukünftig als Seminarhotel mit gehobener Ausstattung zu nutzen. Frau von Kempfenhausen hatte in ihrem Testament verfügt, dass es entweder als Geschäftssitz der Stiftung dienen soll oder für die Stiftung Einkünfte erwirtschaftet.

 

Patrick Körber, einer der Auszubildenden zum Bürokaufmann meinte: „Dann gehört dieses Hotel auch zu den Immobilien, die in der Stiftung verwaltet werden. Dass würde bedeuten, dass ich mich als Auszubildender in der Stiftungsverwaltung regelmäßig mit dem Hotel beschäftigen darf.“

 

Ich lachte und meinte: „Das siehst du völlig richtig, aber es ist nur eines der vielen Objekte, die der Stiftung Sonneneck gehören, die immerhin mit einem Gesamtvolumen an Immobilienbesitz von über dreihundert Millionen Euro aufwarten kann.“

 

Inzwischen waren wir schon fast zwei Stunden unterwegs und so fragte ich bei den Kids und Jugendlichen nach, ob wir noch einen weiteren Lieblingsplatz ansteuern wollen oder wir gemütlich durch den Wald ins Gesindehaus zurückkehren sollen.

 

Die Diskussion, die ich damit auslöste, hatte ich so nicht erwartet. Immerhin die eine Hälfte wollte noch einen weiteren Lieblingsplatz ansteuern, während die andere Hälfte dafür plädierte, direkt ins Gesindehaus zurückzukehren.

 

Bevor die Diskussion weiter ausartete, beschloss ich einen Kompromiss anzubieten: „Nachdem ihr euch im Grunde nicht einig seid, schlage ich vor, dass wir den Weg zurück ins Gesindehaus antreten und unterwegs noch einen kurzen Stopp an einem weiteren meiner Lieblingsplätze einlegen.

 

Da dieser Platz fast direkt an unserem Rückweg liegt, wäre der kurze Zwischenstopp ein Kompromiss, der von allen angenommen werden könnte. Ich bin selbst überrascht von der Tatsache, dass unsere Wanderung bereits jetzt länger gedauert hat als ich dafür einkalkuliert und geplant hatte. Wer kann sich für diesen Vorschlag begeistern, der strecke seine Hand nach oben.“

 

Zaghaft gingen die ersten Hände nach oben und ich befürchtete schon, dass auch dieser Kompromissvorschlag zu wenig Stimmen bekommen würde. So nach und nach gingen weiter Hände nach oben und als Severin meinte, dass sich bereits mehr als zwei Drittel für meinen Vorschlag entschieden hätten, erklärte ich, dass wir jetzt den Rückweg antreten und einen kurzen Zwischenstopp einlegen.

 

Ich ging wieder voran, dieses Mal war Severin an meiner Seite und er sagte zu mir: „Peter, ich verstehe immer noch nicht, wie du es anstellst, dass die Kids auf dich hören. Ich habe dich bei der Diskussion und deinem alternativen Vorschlag genau beobachtet. Trotzdem komme ich nicht dahinter, wieso du die Kids und auch die älteren Jugendlichen in deinen Bann ziehst.“

 

Ich grinste und meinte zu Severin: „Du kennst doch sicher die Geschichte des Rattenfängers von Hameln und genauso beschreibst du eben meine Macht über die Kids und Jugendlichen. Glaube mir, ich besitze nicht die Fähigkeiten eines Rattenfängers.

 

Ich vermute, es liegt eher daran, dass ich versuche mit ihnen auf einer Höhe zu kommunizieren. Mit Verboten oder konkreten Anweisungen erreicht man eher eine gegenteilige Reaktion bei ihnen. Wenn du ihnen aber Alternativen anbietest oder sie in die direkte Entscheidung mit einbindest, hast du sie eher auf deiner Seite.

 

Denk dabei nur an den ersten Nachmittag, als wir zum Weihnachtsmarkt gefahren sind, ich habe ihnen angeboten sich von der Gruppe abzusetzen, sie sollten nur rechtzeitig wieder beim Bus zu sein. Sicher habe ich sie mit dem Kinderpunsch versucht zu ködern, der war aber am Ende nicht entscheidend. Sie durften von sich aus entscheiden, wie der Besuch des Weihnachtsmarktes für sie ablaufen soll.

 

Mit den kurzen Erklärungen und Geschichten über den Weihnachtsmarkt habe ich nur ihre Neugier geweckt und damit erreicht, dass sich am Ende keiner von der Gruppe abgesetzt hat. Nichts anderes habe ich eben gemacht, sie in die Entscheidung mit einem Alternativvorschlag eingebunden.“

 

Severin antwortete mir: „So weit habe ich deine Erklärung verstanden, aber warum funktioniert das nicht bei mir oder meinen Kollegen.“

 

Ich schaute Severin an und versuchte ihm meine Sicht der Dinge näherzubringen: „Ich denke das liegt einfach daran, dass eure Kids mit eurer bisherigen Art, sie durch Verbote und Anweisungen zu beeinflussen, so festgefahren in ihrer persönlichen Meinung gegenüber euch sind, dass es ein langwieriger Prozess werden könnte, bis ihr die gleiche Vertrauensbasis erreicht, die ich mir bereits am ersten Tag geschaffen habe.

 

Eure Kids sind nicht frei von Vorurteilen, sie kennen euch nur durch das bisherige Auftreten ihnen gegenüber. Wenn du dein Verhalten den Kids gegenüber verändern willst, musst du sie in diesen Vorgang mit einbinden. Nur dein Versuch anders zu reagieren, reicht nicht aus, um ihre Zweifel zu zerstreuen.

 

Wenn du dich an den Vorfall in der Therme erinnerst, wo du nach dem Malheur bei Florian, mit den Kids sofort zurückfahren wolltest, da bist du autoritär ihnen gegenüber aufgetreten. Mit meiner Art habe ich ihnen gezeigt, Fehler dürfen geschehen.

 

Mit meinem Appell, sie an ihre eigene Verantwortung zu erinnern und dass nur im Falle weiterer Vorfälle Konsequenzen drohen, habe ich ihnen die Entscheidung überlassen, wie es an diesem Nachmittag weitergehen soll. Es war ihre Entscheidung, dass sie sich ab diesem Zeitpunkt gesitteter benommen haben, obwohl ich auch mögliche Konsequenzen angekündigt hatte.“

 

Ich hatte während meiner Aussage Severin genau beobachtet und war nun gespannt auf seine Reaktion: „Erinnere mich bitte nicht an diesen Nachmittag, mir ist inzwischen selbst klar geworden, dass meine erste Reaktion völlig überzogen war. Im Nachhinein betrachtet, war deine Reaktion auf den Vorfall, genau das, was ich hätte tun sollen. Für mich war das wie eine Lehrstunde, wie ich hätte reagieren sollen.

 

Ich müsste dir im Grunde genommen dankbar dafür sein, dass du mich in dieser Situ­ation ausgebremst und den Aufenthalt in der Therme nicht beendet hast. Mir fällt es einfach schwer, die Rasselbande in die Entscheidung mit einzubinden oder ihnen die Entscheidung zu überlassen. Vermutlich bist du bei deinen eigenen Kindern mit dieser Art der Erziehung eher ans Ziel gekommen.

 

Im Grunde genommen bist du selbst bei David und Tobias, genau nach diesem Schema vorgegangen, um sie als Pflegekinder in die Familie aufzunehmen. Du hast ihnen die Entscheidung überlassen, ob sie bleiben wollen oder nicht.“

 

Ich grinste und erklärte: „Stimmt auffallend, wobei bei David hätte das auch in die Hose gehen können. Immerhin glaubte er anfangs, wir würden ihn nur aufnehmen damit Thomas und ich einen Lustknaben haben, zumindest hatte er so etwas von sich gegeben. Nicht wir oder das Jugendamt haben in beiden Fällen die Entscheidung getroffen, es war eine Entscheidung der Jungs bei uns zu bleiben. Wir haben in beiden Fällen nur angeboten, dass wir sie als Pflegekinder in die Familie integrieren wollen.“

 

Mit unserem Gespräch, das wir zwischenzeitlich geführt hatten, waren wir inzwischen schon an meinem letzten Lieblingsort angekommen. Als die Kids und Jugendlichen feststellten, dass wir vor dem Hofcafé und dem Hofladen waren, stand ich einer großen Gruppe von fragenden Gesichtern gegenüber.

 

Ich erklärte: „Ihr wundert euch, warum ich euch hierhergeführt habe. Das Hofcafé ist deshalb für mich ein Lieblingsplatz geworden, weil ich mich hierher zurückziehen kann, wenn ich bei einem guten Cappuccino und einem Stück Kuchen meinen Kopf wieder frei bekommen kann. Hier stört mich keiner oder spricht mich an, bis ich meinen Platz im Hofcafé wieder verlasse.

 

Das ist damit einer der wenigen Orte im Bereich des Gutshofes, den ich aufsuchen kann und an dem mir keine Gespräche aufgezwungen werden. Selbst in unserer Wohnung bin ich nicht so ungestört, wie es hier im Hofcafé ist.

 

Ich sitze auch manchmal hier und führe Gespräche, aber dann ist die Initiative für das Gespräch von mir ausgegangen. Ich erinnere mich besonders gern an ein Gespräch, dass ich vor gut einem halben Jahr hier geführt habe. Felix hatte mich während des Zeltlagers um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Da rund um das Zeltlager kein ruhiger Platz zu finden war für das Gespräch, sind wir ins Hofcafé gegangen.

 

Dort erzählte er mir die Geschichte eines jungen Mannes, der aus einem Kinderheim in Thüringen kommt und verzweifelt auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz in einer Gemüsegärtnerei ist. Ich schickte Felix los, den jungen Mann hierherzubringen, damit ich mich mit ihm unterhalten könne. Während er unterwegs war, telefonierte ich kurz mit Manuel und bat ihn in, in zwanzig Minuten zu einem Gespräch ins Hofcafé zu kommen.

 

Zwischenzeitlich war Felix mit dem jungen Mann wieder bei mir angekommen, jetzt kann ich es auch verraten, es war Richard, den ihr inzwischen alle kennengelernt habt. Wir unterhielten uns zuerst allgemein über die Probleme, einen Wunschausbildungsplatz zu finden.

 

Als Manuel und Daniel dazukamen, boten wir ihm an, seine Ausbildung in der Gärtnerei Winter zu starten und führten mit ihm hier sein Vorstellungsgespräch. Er entschied sich an Ort und Stelle unser Angebot anzunehmen und hat Anfang September seine Ausbildung in der Gärtnerei begonnen.“

 

Ich beobachte, wie einer der angehenden Auszubildenden etwas zu Richard sagte und so bat ich ihn, kurz aus seiner Sicht zu erzählen, wie er es damals erlebt hatte. Richard kam zu mir nach vorne und erklärte: „Ich kann euch bestätigen, dass damals mein Bewerbungsgespräch im Hofcafé geführt wurde.

 

Ich hatte mich am frühen Nachmittag, während mein Smartphone aufgeladen wurde, mit Felix unterhalten und ihm erzählt, dass ich noch immer auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sei. Etwa zwei Stunden später tauchte er im Zeltlager auf und bat mich ihm ins Hofcafé zu folgen, weil dort jemand sitzen würde, der sich gerne mit mir über meine Ausbildungssituation unterhalten will.

 

Im Café trafen wir auf Peter, der sich zuerst mit mir allgemein unterhielt und nachdem Manuel und Daniel dazukamen, haben sie mir den Ausbildungsplatz in der Gärtnerei Winter angeboten. Anfangs hatte ich noch bedenken, hier meine Ausbildung zu starten, immerhin sehr weit weg von meinem bisherigen zuhause in einem Kinderheim in Thüringen.

 

Immerhin gab es anfangs noch Probleme mit der Unterbringung, die aber noch am späten Nachmittag aus dem Weg geräumt wurden. So entschied ich mich den Ausbildungsplatz anzunehmen und in den Tagen danach wurde bereits alles in die Wege geleitet, damit ich Mitte August auf den Gutshof umziehen konnte und wie ihr wisst, bin ich im Verwalterhaus in einem der Gästezimmer untergekommen, bis nächstes Jahr die Jugendwohnungen fertiggestellt werden.

 

Ehrlich gesagt, ich bin mir inzwischen gar nicht mehr so sicher, dass ich in die Jugendwohnung umziehen will, in der Wohngemeinschaft mit den vier Jungs gefällt es mir so gut, dass ich eigentlich bis zum Ende der Ausbildung dortbleiben will.“

 

Plötzlich rief einer der Jugendlichen: „Hattest du keine Bedenken, dass dich einer der Jungs im Verwalterhaus anbaggern könnte, wenn du bei ihnen in die Wohngemeinschaft einziehst?“

 

Richard überlegt kurz und antwortete: „Warum sollte ich, ich habe alle vier kennengelernt, bevor ich die Entscheidung getroffen, habe den Ausbildungsplatz anzuneh­men. Ich hatte nie das Gefühl, dass einer der Jungs an mir Interesse zeigen könnte, und daran hat sich auch bis heute nichts geändert.“

 

Ich erklärte: „So es ist jetzt kurz vor fünf Uhr, wir beenden hier unsere Wanderung, den Weg ins Gesindehaus findet ihr sicher allein. Wir sehen uns in gut einer Stunde zum Abendessen und zu unserer gemeinsamen Silvesterfeier. Bis später.“

 

Während die Kids mit ihren Betreuern und unsere angehenden Auszubildenden in Richtung Gesindehaus gingen, waren Thomas und ich unterwegs zum Gutshaus. In der Wohnung setzten wir uns kurz ins Wohnzimmer und Thomas meinte zu mir: „Dafür, dass du für die gesamte Wanderung höchstens zwei Stunden eingeplant hattest, waren wir nur für einen Teil davon fast drei Stunden unterwegs. Was mich immer noch wundert, dass keiner unterwegs gemeckert hat, dass du dein Zeitlimit um einiges überschritten hast.“

 

Thomas schaute mich an, als wenn er von mir eine Erklärung dafür fordern würde. Ich versuchte es mit folgender Erklärung: „Am ersten Lieblingsplatz ist der Zeitplan bereits komplett aus dem Ruder gelaufen. Ich wollte ihnen ursprünglich nur den Platz zeigen, den Dieter und ich immer aufgesucht hatten, wenn wir unsere Ruhe haben wollten. Ich hatte Tim und Jonas gebeten den Platz so einzurichten, dass die Kids sehen sollten, warum wir uns dort wohlgefühlt haben.

 

Mit dem Aufbau haben sie mich so überrascht, dass ich kurzerhand beschloss, unseren Gästen diese Anekdote, in etwas verkürzter Form, aus meinem Leben zu erzählen. Da ich überraschenderweise feststellte konnte, dass sie mir förmlich an den Lippen hingen, habe ich ihnen die Geschichte mit allen Facetten erzählt. Dass uns Sebastian sowie Tim und Jonas am Ende noch mit heißem Tee und Keksen verwöhnen würden, war mir auch nicht bekannt.

 

Damit waren aus fünfzehn Minuten plötzlich mehr als eine Stunde geworden. Beim ehemaligen Badeteich war die negative Überraschung für mich so groß, dass ich selbst erst einmal damit klarkommen musste. Als wir beim Seminarhotel waren und inzwischen fast zwei Stunden vergangen waren, war mir bereits klar, dass wir so langsam abbrechen müssen. Der Kompromiss mit dem Umweg über das Hofcafé hat am Ende doch mehr Zeit gekostet als ich gedacht hatte, auch wegen meiner Geschichte rund um Richard.

 

Jetzt lass uns frische Klamotten anziehen, damit wir vor achtzehn Uhr wieder im Gesindehaus sind, um mit unseren Gästen ins neue Jahr zu feiern.“

 

Thomas schaute mich und sagte: „Bevor wir uns umziehen, würde mich noch interes­sieren was du mit Severin zu besprechen hattest. Ihr habt euch vom Seminarhotel bis zum Hofcafé angeregt unterhalten, wie ich zumindest aus meiner Position feststellen konnte.“

 

Ich grinste und meinte lapidar: „Es ging wieder einmal um die Thematik, warum ich einen so großen Einfluss auf die Kids ausüben kann. Ich habe ihm dabei unterstellt, dass er mich mit dem Rattenfänger von Hameln auf eine Stufe stellen würde.“

 

Thomas lachte und meinte: „Ich will mir das gar erst nicht bildlich vorstellen, aber du als Rattenfänger, immerhin ein witziger Vergleich.“

 

Kurz vor achtzehn Uhr waren wir im Gesindehaus, wo immer noch der Zugang zum Speisesaal nicht geöffnet war. Alexandra lief mir über den Weg und ich fragte sie, ob sie mir Auskunft geben könne, mit welchem Motto der Saal dekoriert sei.

 

Sie meinte, da musst du dich noch ein paar Minuten gedulden, bis das Geheimnis gelüftet wird. Sie erklärte mir noch, dass es morgen beim Frühstück und beim Mittagessen eine Änderung geben würde. Das Frühstück entfällt ganz und ab zehn Uhr wird es zur Abwechselung einen Brunch geben, der bis etwa zwölfuhrdreißig angeboten wird.

 

Sebastian hat mir heute Nachmittag erklärt, dass es keinen Sinn machen würde, um sieben Uhr Frühstück anzubieten, wenn alle erst weit nach Mitternacht ins Bett kommen würden und sich deshalb für den Brunch entschieden. Das hat für uns den Vorteil, dass die Mitarbeiter in der Küche etwas später anfangen können. Außerdem lernen die Kids etwas kennen, mit dem sie normalerweise im Kinderheim nie in Berührung kommen würden. Du solltest das bitte gleich noch den Kids und Jugendlichen bekanntgeben.

 

Inzwischen hatte sich die Lobby schon gut gefüllt, doch noch durfte keiner in den Speisesaal. Ich schnappte mir wieder einmal das Mikrofon und schaltete die Soundanlage ein. Nachdem ich zweimal aufs Mikrofon geklopft hatte, bat ich um Ruhe, weil ich eine wichtige Ankündigung zu machen hätte.

 

So langsam wurde es ruhiger in der Lobby und ich konnte mit meiner Erklärung starten: „Morgen entfällt das Frühstück um sieben Uhr, aber auch um neun Uhr wird es für euch kein Frühstück geben, wie mir Alexandra soeben mitgeteilt hat. Es kommt noch schlimmer, auch das Mittagessen um zwölfuhrdreißig entfällt ersatzlos.“

 

Es wurde wieder unruhig in der Lobby, so dass ich erneut um Ruhe bat und weitersprach: „Morgen gibt es ausnahmsweise einen Brunch, also eine Kombination aus Frühstück und Mittagessen, der ab zehn Uhr bis zur regulären Mittagessenzeit zur Verfügung steht. Das bedeutet für euch, ihr könnt morgen länger ausschlafen, egal wie lange ihr heute Nacht feiert. Das bedeutet für unsere zukünftigen Auszubildenden, dass die Ausgabe der Ausbildungsverträge am Vormittag entfällt und wir euch die Verträge und sonstigen Unterlagen ab vierzehn Uhr aushändigen.“

 

Es brandete lauter Jubel auf, was mir sagte, dass vermutlich die meisten der Anwesenden mit dieser Änderung einverstanden sind. Ich bat Rebeca zu mir, damit sie uns kurz erklären kann, mit welchem Motto wir in unsere Silvesterfeier starten. Als sie neben mir stand drückte ich ihr das Mikrofon in die Hand und alle lauschten dem, was sie uns verkünden würde.

 

Sie erklärte: „Wir, das heißt Linus und ich haben uns aus dem Deko-Bestand von Sebastian und Alexandra für eine ungewöhnliche Kombination entschieden. Wir feiern ins neue Jahr, unter dem Motto, ein Jahr geht viel zu schnell vorüber. Wir haben mit unseren Helfern heute Nachmittag mehrere Bereiche geschaffen, die von Fasching, Ostern, Sommerferien bis hin zu Weihnachten alles beinhaltet, was es in einem Jahr zu feiern gibt.

 

Ich möchte mich gerne auch bei unseren Helfern recht herzlich bedanken, ohne ihre Mithilfe, hätten wir es in der kurzen Zeit nicht geschafft, die Dekoration in der Form aufzubauen. Sie haben immerhin bis jetzt dichtgehalten und keinem erzählt, was wir heute Nachmittag aufgebaut haben.

 

Damit ist der Saal freigegeben und wir können mit dem Abendessen und unsere Silvesterfeier starten, da Dimitri inzwischen auch mit seiner DJ-Anlage fertig ist mit dem Aufbau.“

 

Sie drückte mir das Mikrofon wieder in die Hand und ging zu Linus. Gemeinsam öffneten sie die beiden Flügeltüren und die ersten Kids strömten in den Speisesaal. Eines war mir in diesem Augenblick bewusst, beeilen brauchte ich mich nicht, da jetzt eine lange Schlange an der Essensausgabe oder am Büffet stehen würde.

 

Einige unserer aktuellen Auszubildenden kamen zu mir und bedankten sich dafür, dass ich sie zu der Silvesterfeier mit den Kids und den zukünftigen Auszubildenden eingeladen habe. Ich erklärte ihnen, dass sie sich dafür nicht zu bedanken brauchen, da ich sie nicht ohne den Hintergedanken eingeladen hätte, um die zukünftigen Auszubildenden bereits jetzt kennenzulernen und nicht erst im September nächsten Jahres.

 

Minuten später stand Sebastian grinsend neben mir und meinte: „Musstest du die Kids so erschrecken mit deiner Ankündigung, dass es morgen weder ein Frühstück noch ein Mittagessen geben wird, bevor du als Ersatz den Brunch ab zehn Uhr angekündigt hast.“

 

Thomas der neben mir stand meinte zu Sebastian: „Ja, musste er. Nur mit dieser Drohung hatte er ihre volle Aufmerksamkeit für die nachfolgende Mitteilung, dass es alternativ ab zehn Uhr einen Brunch geben wird, der beides zusammenfasst. Peter hat immer das Feeling dafür, wie er mit den Kids umgehen muss, damit sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Das hat er bereits heute Nachmittag bei unserer Wanderung mehrfach bewiesen.“

 

Sebastian nickte nur mit dem Kopf, sagte aber nichts mehr zu diesem Thema. Er erklärte uns: „Ich hatte heute Nachmittag die Gelegenheit, das Deko-Team teilweise bei seiner Arbeit zu beobachten. Ich war überrascht von dem Thema, dass sie sich ausgedacht hatten und wie sie es umgesetzt haben. Peter du wirst den Speisesaal nicht wiedererkennen.

 

Alexandra hat schon vorgeschlagen, die Deko ganzjährig im Saal zu belassen, ihr gefällt es erheblich besser, so wie er jetzt aussieht mit seiner Gliederung in einzelne Bereiche. Du kannst es dir in Ruhe anschauen und wir können morgen noch einmal über Alexandras Vorschlag diskutieren, ob es zu einer Dauereinrichtung werden kann.“

 

Da keines der Kids mehr in der Lobby war, beschlossen Thomas und ich jetzt doch in den Speisesaal zu gehen und uns am Buffett zu bedienen. Zu Sebastien sagte ich nur kurz, dass wir uns morgen nach dem Brunch zusammensetzen und Alexandras Vorschlag besprechen werden.

 

Beim Eintritt in den Speisesaal fiel auf, dass der komplette Raum neu gegliedert war und in verschiedene Themenbereiche aufgeteilt war. Dabei fiel mir als erstes der Bereich auf, der dem Thema Halloween gewidmet war. Ich schaute mich um und konnte insgesamt acht verschiedene Themen ausmachen. Jeweils drei Bereich auf der rechten und linken Seite des Saales und zwei weitere in der Mitte.

 

Neben dem Bereich Halloween gab es die Bereiche Weihnachten und Erntedank. Auf der anderen Saalseite identifizierte ich Fasching, Ostern und Spargelzeit. Die beiden mittleren Bereiche stellten einmal die Urlaubszeit dar und bei dem Weiteren vermutete ich zuerst eine Familienfeier, vermutlich Geburtstag oder so etwas in diese Richtung.

 

Ich ging zur Essensausgabe und konnte aus mehreren verschiedenen Suppen wählen. Ich entschied mich für die Pilzcremesuppe mit kleinen Pilzstückchen. Dann gab es noch die letzten Reste des Mittagsmenüs, die übrig geblieben waren. Da ich mich mittags für das Fischgericht entschieden hatte, wählte ich jetzt die Schweinelendchen mit Kartoffeln und buntem Gemüse.

 

Thomas, der vor mir gewählt hatte, wartete auf mich und wollte wissen, wo wir uns dazusetzen wollen. Ich meinte, wir sollten uns zu unseren Auszubildenden setzen, da wir selten die Gelegenheit haben, mit ihnen an einem Tisch zu sitzen. An mehreren der Tische gab es noch einzelne freie Sitzplätze. Ich ging zu dem Tisch, an dem auch Dimitri saß und fragte höflich, ob der Platz noch frei wäre und ich mich setzen dürfte.

 

Dimitri grinste und antwortete nur kurz: „Jawohl Chef.“

 

Thomas hatte einen freien Platz bei den Auszubildenden der J. Graf GmbH gefunden und setzte sich zu ihnen. Als ich meine Mahlzeit beendet hatte, drängte mir Dimitri ein Gespräch auf. Er fragte, warum ich mich gerade zu ihnen an den Tisch gesetzt hätte, da es doch noch einige freie Tische im Raum gegeben hätte.

 

Ich antwortete ihm trocken und gefühllos: „Damit ich euch Handwerker besser unter Kontrolle habe, bevor ihr mir auf den Baustellen zu viel Unfug treibt.“

 

Dimitri erwiderte: „Chef, da sitzt du aber am falschen Tisch. Bei uns gibt es keine Auszubildenden, die auf Baustellen Unfug treiben, dem Auszubildenden würde Eddy einen gewaltigen verbalen Arschtritt verpassen, damit er anschließend in ein Mäuseloch passt.“

 

Ich lachte herzhaft über den Ausspruch von Dimitri und erwiderte: „Ich vermute, du durftest schon einmal in den Genuss von Eddys ungewöhnlichen Erziehungsmethoden gekommen sein, da du dich nur zu gut damit auskennst.“

 

Dimitri wurde knallrot im Gesicht und antwortete langgezogen: „Leider, aber das eine Mal hat mir vollkommen ausgereicht. Dieses Erlebnis will ich kein zweites Mal haben in meinem Leben. Er hat mir zwar keinen wirklichen Arschtritt verpasst, aber seine verbalen Attacken, die ich über mich ergehen lassen musste, haben mich mindestens so klein werden lassen, dass ich mich problemlos in einem Mäuseloch hätte verstecken können.

 

Da das gleich am Anfang meiner Ausbildung war, also während meiner Probezeit, hatte ich sogar Angst davor, deswegen meinen guten Ausbildungsplatz zu verlieren. Eddy ist gottseidank nicht so nachtragend und meine sonstigen guten Leistungen halfen mir, die Probezeit unbeschadet zu überstehen.“

 

Die beiden anderen Auszubildenden, die mit uns am Tisch saßen, hatten unser Gespräch mit immer größer werdenden Augen verfolgt und einer der beiden meinte: „Dimitri, das hätte ich dir nie zugetraut, dass du Peter so offen eingestehst, dass du am Anfang deiner Ausbildungszeit, einen derartigen Bockmist gebaut hast, dass dich Eddy fein säuberlich zusammengefaltet hat.“

 

Dimitri sagte: „Mir blieb doch gar nichts anderes übrig, als Peter gegenüber offen und ehrlich zu sein, nachdem er mir erklärt hat, dass ich wohl schon in den Genuss gekommen bin, Eddys Erziehungsmethoden am eigenen Leib verspürt zu haben, weil ich so genau Bescheid wüsste. Eines habe ich in der Firma gelernt, wer zu seinen eigenen Fehlern steht, wird nicht schlechter behandelt als andere Kollegen.

 

Ich glaube es war sogar Peter der einmal gesagt hat, wer von sich behauptet, noch nie im Leben einen Fehler gemacht zu haben, der belügt sich selbst damit. Wenn ich das vorher richtig mitbekommen habe, haben sich die Kids darüber unterhalten, dass ihnen Peter, heute bei der Wanderung, selbst von einem Fehler in seiner Jugendzeit berichtet hat.“

 

Da ich am letzten Abend des alten Jahres keine Diskussionen, aber auch keine intellektuellen Gespräche, führen wollte, versuchte ich von dem derzeitigen Gespräch abzulenken und fragte Dimitri, ab wann er Tanzmusik auflegen würde und wie ihm die Dekoration gefalle. Letztere Teilfrage ging auch an die beiden Jungs, die mit am Tisch saßen.

Dimitri meinte dazu: „Für den heutigen Tag ist das gewählte Motto absolut tauglich, nur die Umsetzung sei doch etwas außergewöhnlich, weil es durch verschiedene Zeiträume oder Feiertage im Laufe eines Jahres dargestellt wird.

 

Nur bin ich noch nicht vollständig dahintergekommen, was die einzelnen Bereiche darstellen, Weihnachten, Ostern, Fasching und Halloween sind eindeutig. Bei dem vielen Obst und Gemüse kann ich mir noch vorstellen, dass es eventuell Erntedank sein könnte. Beim Rest muss ich passen.

 

Wenn ich richtig informiert bin, darf ich gegen zwanzig Uhr als DJ starten und definitiv um drei Uhr morgen früh wird endgültig der Stecker gezogen. Parallel gibt es im großen Gruppenraum als Alternativprogramm einen Spieleabend. Ab zehn Minuten vor Mitternacht soll ich eine Pause von mindestens dreißig Minuten einlegen, weil um Mitternacht gemeinsam das neue Jahr begrüßt wird und anschließend die meisten draußen das Feuerwerk verfolgen werden, dass um fünf Minuten nach Mitternacht gestartet wird.“

 

Ich schaute fragend zu Dimitri, bis mir wieder einfiel, dass bei der gleichzeitig im großen Saal des Restaurants stattfindenden Silvestergala ein großes Feuerwerk vom Caterer angekündigt wurde.

 

Einer der beiden Jungs an unserem Tisch, er stellte sich plötzlich als Gabriel vor, der ebenfalls seine Ausbildung bei den Handwerkern absolviert und meinte: „Davon habe ich bisher nichts mitbekommen, dass kurz nach Mitternacht am Gutshof ein eigenes großes Feuerwerk abgebrannt wird. Ich dachte wir können uns nur das Spektakel anschauen, das in Rosenheim veranstaltet wird.

 

Dimitri, zur Deko hier im Saal würde ich sagen eines der Themen ist Sommerurlaub, genau der Bereich, in dem wir sitzen. Das andere, was ich noch zuordnen kann, würde ich als Spargelsaison bezeichnen, zumindest deutet alles darauf hin.“

 

Ich erklärte: „Bisher liegt ihr mit euren Aussagen zu den Themen zumindest bei dem, was ich auch erkennen konnte. Beim noch fehlenden Themenbereich würde ich auf eine persönliche Feier tippen, ich behaupte einfach, dass es sich um eine Geburtstagsfete handeln würde. Genauso könntest du behaupten, dass es sich um eine Tauffeier, eine Erstkommunion oder eine Hochzeitsfeier handeln könnte.

 

Wenn mich nicht alles täuscht, sind zumindest einige Dekoartikel dabei, die ich vor gut vier Wochen bei einer Hochzeitsfete im großen Saal angetroffen habe. Also definitiv eine Feier die in einem privateren Rahmen gefeiert wird.“

 

Ich hatte zwischenzeitlich beobachtet, dass Thomas sein Tablett mit dem Geschirr weggebracht hatte und sich jetzt unserem Tisch näherte. Als er neben mir stand fragte er: „Peter, kommst du mit mir kurz nach drüben ins Restaurant zur Silvestergala, ich möchte wissen was dort geboten wird, nachdem wir dieses Jahr zur Abwechselung mit den Kids und Auszubildenden feiern.“

 

Ich lachte und sagte: „Klar komm ich mit dir mit, aber spätestens in einer halben Stunde will ich mit dir wieder hier sein, wenn Dimitri die Tanzfläche frei gibt. Wenn Dimitri Discomusik aus den achtziger oder neunziger Jahren auflegen sollte, will ich mit dir ein Tänzchen wagen.“

 

Dimitri grinste und meinte: „Peter, ich muss dich leider enttäuschen, mit so alten Schinken, kann ich das heutige Publikum nicht auf die Tanzfläche locken. Aber ich habe einige Sachen dabei, die aktuell sind und trotzdem dem Stil der damaligen Zeit sehr nahekommen. Vielleicht wollt ihr beide da eine Runde tanzen.“

 

Ich zuckte mit meiner Schulter, griff nach dem Tablett, stand auf und brachte mein Geschirr zum Abräumwagen. In der Lobby schnappten wir uns unsere Jacken und gingen ins Gutshaus. Als erstes lief uns Alexandra über den Weg, die fragte, ob wir uns verlaufen hätten. Thomas antwortete ihr: „Wenn mich nicht alles täuscht, leben wir im Gutshaus, wir sind nur in unserem zweiten Wohnzimmer.“

 

Alexandra grinste und erwiderte: „So kann man das sicher auch sehen. Wollt ihr doch bei uns mitfeiern, ich kann euch sogar noch zwei schöne Sitzplätze anbieten.

 

Ich schaute sie an und erklärte allen Ernstes: „Wenn ihr noch so viele freie Plätze habt, können wir mit unseren Kids ja hier bei euch feiern und nicht unsere eigene Silvesterfeier im Gesindehaus veranstalten.“

 

Alexandra lache und meinte: „Peter, sieh zu, dass du Land gewinnst, sonst werfe ich dich eigenhändig aus deinem zweiten Wohnzimmer. Wenn ihr nur hier seid, um mich zu ärgern und mich von meiner Arbeit abzuhalten, seid ihr hier nicht erwünscht.“

 

Thomas erklärte ihr frech: „Jetzt mach einmal halblang, schöne Frau, wir sind nicht hier, um mit euch zu feiern oder dich zu ärgern, wir wollten nur einen kurzen Blick riskieren, wie es bei euch so läuft. Ich sehe schon, hier scheint doch nichts los zu sein, komm Peter wir gehen wieder zu unseren Kids, da gibt es mehr Action als hier.“

 

Er ergriff meine Hand und zog mich hinter sich her in den Eingangsbereich des Gutshauses, wo er meinte: „Alexandra scheint heute Abend etwas gereizt zu sein, entweder hat sie zu viel Stress oder es ist etwas schiefgelaufen. Ich denke, bis morgen hat sie sich wieder beruhigt.“

 

Wir gingen zurück ins Gesindehaus und mein erster Weg führte mich in den Gruppenraum, der heute für die Spieler reserviert war. An mehreren Tischen waren entweder Brett- oder Kartenspiele im Einsatz.

 

Was mir sofort auffiel, hier zeigte sich wieder einmal das gleiche Phänomen, dass sich diejenigen zusammengefunden hatten, die dieselben Spielinteressen hatten. Genau so lief es damals beim Zeltlager ab, nur sind es diesmal eben die Heimkinder und unsere alten und neuen Auszubildenden.

 

Severin kam auf mich zu und fragte mich, was mich gerade amüsiert, weil er ein Lächeln in meinem Gesicht gesehen hat. Ich antwortete ihm: „Ich habe mich soeben an unser Zeltlager im Sommer erinnert, da hatten wir das gleiche Phänomen festgestellt, dass es den Spielern egal ist mit wem sie spielen, nur das gemeinsame Interesse am gleichen Spiel war ausschlaggebend.“

 

Er schaute in die Runde und meinte. „Jetzt wo du das sagst, fällt mir das auch auf, dass unsere Kids mit euren Auszubildenden gemeinsam an einem Spiel hängen. Mich wundert weitaus mehr, dass mir das nicht von allein aufgefallen ist.“

 

Ich lachte und erklärte ihm: „Severin, auch wenn es dir scheinbar nicht aufgefallen ist, im Unterbewusstsein hast du es sicher registriert. Mir ist es damals im Grunde genommen nur deshalb aufgefallen, weil es an dem Abend geschah, an dem die ersten Teilnehmer angereist sind. Da war es so auffällig, dass es selbst die meisten Betreuer mitbekommen und sich gewundert haben, dass ihre Kids keine Blockbildung betrieben haben.

 

Die Gruppe kennt sich doch schon einige Tage, wobei beim Besuch der Therme, gab es dieses Vermischen noch nicht, wobei ich deshalb die Vermutung habe, dass dieses Phänomen nur auftritt, wenn es um gleiche Interessen bei einem Spiel geht.“

 

Ich wechselte mit Thomas in den Saal, wo die Disco-Musik bereits den Raum beherrschte. Die Musik hatte eine gewisse Lautstärke, die dafür sorgte, dass keine vernünftige Unterhaltung mehr möglich war. Trotzdem waren nur wenige bisher auf der Tanzfläche. Der Großteil saß noch an den Tischen und lauschte nur der Musik.

 

Plötzlich hatte uns Dimitri entdeckt und winkte uns zu sich. Als wir neben seinem Mischpult standen erklärte er uns, dass er noch einen aktuellen Hit spielen wird und danach drei oder vier Titel kommen, bei denen wir tanzen könnten, da sie eher unserem persönlichen Musikgeschmack entsprechen würden.

 

Thomas grinste und sagte zu mir: „Dann werden wir doch der Jugend zeigen, was wir beide noch so auf dem Kasten haben, wenn Dimitri schon so freundlich ist und extra für uns auflegt.“

 

Ich beugte mich zu Dimitri und sagte laut zu ihm: „Könntest du nach den drei oder vier Titeln noch einen oder zwei Stehblues hinterherschieben, ich bin neugierig, wie eure Generation mit dieser Art von Musik zurechtkommt.“

 

Dimitri grinse und meinte nur: „Dann lass dich doch einfach überraschen was geschehen wird. Ich glaube das könnte spaßig werden.“

 

Dimitri hob den Daumen, als Startzeichen, dass er jetzt den Musikstil wechselt und so schnappte ich mir Thomas und wir gingen auf die Tanzfläche. Die ausgewählten Titel entsprachen unserem Geschmack und so legten wir eine kesse Sohle aufs Parkett, so wie man früher immer zu sagen pflegte.

 

Nach dem vierten Lied erklangen die ersten Töne eines gepflegten Stehblues, den wir sofort nutzten und uns eng aneinander geschlungen bewegten. Ich musste grinsen, da einige erst überlegen mussten, wie sie sich verhalten sollten und dabei aufmerksam beobachteten. Die ersten, die nach uns eng umschlungen tanzten, waren dann ausgerechnet zwei unserer weiblichen Auszubildenden, die unseren Tanzstil nachahmten.

 

Was mich dann doch etwas überraschte, war die Tatsache, dass David und Tobias auf die Tanzfläche kamen und mittanzten. Thomas, der das ebenfalls beobachtet hatte flüsterte mir ins Ohr: „Entweder haben die beiden ihr Trauma von der Hochzeitsfeier, was den Stehblues angeht, überwunden oder wir zwei werden gleich ein blaues Wunder erleben.“

 

Ich grinste und meinte zu Thomas: „Wir können den Spieß doch umdrehen und klatschen die zwei doch einfach ab und tanzen mit ihnen weiter, wenn sie uns zu nahekommen sollten.“

 

Thomas lachte und meinte: „Sieht nicht so aus, als wenn es unsere beiden Jungs darauf anlegen wollen, mit uns zu tanzen. Sie halten brav Abstand von uns beiden, fast so, als würden sie ahnen, was wir besprochen haben.“

 

Plötzlich bewegten sich zwei weitere männliche Paare auf der Tanzfläche. Ich musste schmunzeln, als ich erkannte, wer sich da tanzend zu uns gesellt hatte. Das eine Paar waren Bernhard und Benjamin und die beiden anderen waren Ludwig und Christian.

 

Mit dem Beginn des zweiten Blues kamen Marion und Jens, sowie Andreas und Michael ebenfalls auf die Tanzfläche um eng umschlungen zu tanzen. Thomas und ich hatten einen Moment nicht auf unsere beiden Jungs geachtet, die plötzlich neben uns standen und uns trennten. David tanzte mit mir weiter und Tobias übernahm Thomas als Tanzpartner.

 

Ich beugte mich zu David und sagte in sein Ohr: „Ich hoffe für euch beide, dass ihr das nicht als kleinen Rachefeldzug betrachtet, für eure Probleme während der Hochzeitsfeier.“

 

David lachte und erklärte: „Peter, keine Angst, das ist keineswegs ein Rachefeldzug von uns. Wir haben inzwischen fleißig geübt und wollen euch nur beweisen, dass wir auch ohne Versteifung von irgendwelchen Körperteilen den Stehblues tanzen können. Das wir so schnell eine Gelegenheit erhalten, euch das zu zeigen, daran hatten wir nicht geglaubt.

 

Wir haben erst während des ersten Stehblues beschlossen euch abzuklatschen, sofern wir eine Möglichkeit bekommen, in der wir euch überraschen können. Die Jungs aus dem Dachgeschoß mit ihrem Auftritt auf der Tanzfläche, waren unsere Chance, weil ihr einen Moment abgelenkt wurdet.“

 

Nachdem nach dem dritten Stehblues, Dimitri wieder Musik spielte, die nicht auf Thomas und meiner Skala ganz oben standen, verabschiedete ich mich von David und ließ ihn einfach auf der Tanzfläche stehen. Thomas schloss sich mir an und so mussten die beiden wieder zusammen tanzen oder die Tanzfläche verlassen. Michael und Andreas folgten uns in die Lobby.

 

Michael schaute mich an und sagte: „Peter, was war das eben, den armen David einfach auf der Tanzfläche stehen lassen und du Thomas bist auch nicht besser, weil du mit Tobias das gleiche veranstaltet hast.“

 

Ich schaute ihn an und wollte antworten, Thomas war schneller und meinte: „Wieso, wir haben die beiden nicht aufgefordert mit uns zu tanzen. Sie haben euren Auftritt auf der Tanzfläche dazu genutzt, Peter und mich zu trennen. Für Peter und mich war von vorneherein festgestanden, dass wir beide nur tanzen, wenn Musik im Stil der achtziger Jahre gespielt wird. Dass Dimitri danach noch Stehblues aufgelegt hat, merkten wir erst als die ersten Töne angespielt wurden.“

 

Andreas kicherte und sagte: „Dann war die Aufforderung der beiden Jungs so etwas wie ihre späte Rache für das Debakel, dass sie bei eurer Hochzeit mit dem Stehblues erlebt haben.“

 

Dieses Mal antwortete ich: „Nein, David hat mir erklärt, dass sie uns damit beweisen wollten, dass sie einen Stehblues auch ohne unangenehme körperliche Reaktionen, tanzen könnten, nachdem sie zwischenzeitlich miteinander geübt hatten. Zumindest von David kann ich behaupten, dass heute keine auffälligen Veränderungen zu spüren waren.“

 

Inzwischen hatten auch Marion und Jens die Tanzfläche verlassen und standen neben uns. Sie hatten meine letzten Worte noch mitbekommen und Marion meinte: „Die beiden hat das überhaupt nicht gestört, dass ihr so schnell von der Tanzfläche verschwunden seid. Sie hopsen inzwischen, wie der Rest der Tanzenden zum Sound der Musik. Jens und ich haben uns wegen der Musik ebenfalls zurückgezogen.“

 

Als ich Marion fragte, wo ihre beiden Jungs stecken würden, erklärte sie: „Die beiden haben sich mit Rafael, Kevin und Katharina verabredet und sind vermutlich im Gruppenraum, wo sämtliche Zocker versammelt sind. Alejandro und Jorge, sowie Martina und Christoph wollen in etwa einer halben Stunde hier sein.“

 

Thomas, der sich an mich angelehnt hatte, sagte: „Was auf der Party fehlt, ist ein Raum, in den man sich zurückziehen kann, wenn man einmal keine Lust auf laute Musik, Tanzen oder Zocken hat. Wie nennt sich das gleich wieder auf Neudeutsch, ach richtig, eine Chill-Out-Area.“

 

Michael meinte dazu: „Da kann ich dir nur zustimmen Thomas, wobei, deine Idee lässt sich leicht verwirklichen, die Ruhezone könnten wir in einem weiteren Gruppenraum hier im Erdgeschoß einrichten. Im Gruppenraum drei, sind nur Sofas und Sessel vorhanden dazu einige kleine Tischchen, wo man seine Getränke abstellen kann. Das wäre der geeignetste Platz dafür. Wenn wir nur einige Tischlämpchen einschalten, sollte das einen gemütlichen Raum zum Erholen geben“

 

Ich schaute alle an und erklärte: „Dann lasst uns für alle Musikgeschädigten doch diese Ruhezone einrichten. Michael kannst du bei dir im Büro zwei Schilder ausdrucken, auf dem einen soll Zocker-Paradies stehen und auf dem weiteren Schild Chill-Out-Area.“

 

Michael grinste, schnappte sich seinen Andreas und die beiden verschwanden im Büro unserer Sozialarbeiter. Der Rest ging in Richtung Gruppenraum drei, den ich aufschloss und den Lichtschalter betätigte. Die blendende Helligkeit zeigte mir, dass Michaels Idee mit den Tischlämpchen doch die bessere Alternative sei.

 

Marion und Jens schalteten die ersten Tischlämpchen ein und ich schaltete die Deckenbeleuchtung rasch wieder aus. Nachdem die ersten sechs Lämpchen leuchteten, meinte Marion, sie sei der Meinung, dass die erreichte Helligkeit für eine Ruhezone aus­reichend sei. Notfalls können noch ein oder zwei Lämpchen hinzugeschaltet werden.

 

Wir suchten uns eine Vierergruppe und setzten uns auf die bequemen Sessel. Ich fragte Jens und Marion, ob bei ihnen die Information angekommen sei, dass der Caterer auf dem Gutshofgelände kurz nach Mitternacht ein großes Feuerwerk veranstalten lässt.

 

Marion grinste und sagte: „Direkt haben wir die Info nicht bekommen, aber unsere beiden Jungs haben die Aussage irgendwo aufgeschnappt und haben uns die Neuigkeit natürlich sofort erzählen müssen. Ich habe am Nachmittag durchs Fenster beobachten können, wie hinter dem Bauzaun das professionelle Feuerwerk aufgebaut wurde.“

 

Michael und Andreas traten in den Gruppenraum, alias Chill-Out-Area, ein, gefolgt von den vier Bewohnern des Verwalterhauses. Der fünfte Bewohner war bereits seit dem Abendessen hier, da er einer unserer Auszubildenden war. Michael zeigte uns die beiden Schilder, die er mit Hilfe von Andreas entworfen hatte.

 

Michael erklärte, dass er mit Andreas vorne das Schild an der Gamer-Zone anbringen will und wir in der Zwischenzeit im Flur das Plakat für die Ruhezone anbringen könnten Er drückte Jonas eine Packung Reißzwecken oder in Bayern auch Reißnägel genannt, in die Hand und verschwand mit Andreas.

 

Das Plakat hatten sie Tim in die Hand gedrückt, der mich fragend anschaute. Ich stand auf und ging mit Jonas und Tim in Richtung Flur. Dort meinte ich, dass wir das Schild links von der Tür aufhängen und gleichzeitig damit das kleine Schild mit der Beschriftung Gruppenraum 3 verdecken sollten.

 

Während die beiden Jungs das Plakat aufhängten, ging ich die paar Schritte zum anderen Gruppenraum, wo Michael und Andreas fast fertig damit waren ihr Plakat anzubringen. Ich schaute in den Raum und stellte fest, dass sich die Anzahl der Spielenden inzwischen doch verkleinert hatte.

 

Als ich mich umdrehte und in Richtung Saal blickte, sah ich das Severin auf uns zuging. Ich sah, dass er unser neues Schild für den Raum studierte und zu lachen anfing. Er sagte: „Wer ist auf diese Idee mit dem Schild gekommen, ich finde das richtig witzig und passt zu der momentanen Nutzung.“

 

Ich meinte, dann solltest du zum Gruppenrum 3 schauen, der wurde für heute Abend ebenfalls kurzerhand umgewidmet. Severin ging zu Jonas und Tim, die inzwischen ihr Schild an der Wand befestigt hatten. Als er wieder neben mir stand meinte Severin: „Gute Idee, eine Ruhezone einzurichten, in der man sich vom Krach der Musik etwas erholen kann. Musste das sein, dass ihr es Chill-Out-Zone genannt habt, Ruheraum würde mir besser gefallen.“

 

Ich lachte und erklärte Severin: „Beim Ruheraum habe ich die Gedankenverknüpfung, dass es sich um so etwas wie einen Schlafraum handelt. Da es sich eher um einen Erholungsbereich oder einen Raum handelt, wo man etwas herunterfahren kann, wenn man sich beim Tanzen ausgetobt hat, finde ich den englischen Ausdruck passender. Origineller wäre da vielleicht Kühlfläche oder Abkühlzone. Vor allem bist du dir da so sicher, dass deine Kids mit diesen deutschen Übersetzungen überhaupt etwas anfangen können.“

 

Konstantin, einer der beiden anderen Betreuer stand plötzlich neben uns, ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er sich uns angenähert hatte. Er schaute uns beide an und meinte zu Severin: „Peter könnte richtig liegen mit seiner Vermutung, dass unsere Kids mit den eingedeutschten Begriffen, wie Ruhezone, Kühlfläche und anderen ähnlichen Bezeichnungen völlig überfordert sind. Vermutlich können einige mit dem Begriff Chillout-Area überhaupt nichts anfangen.“

 

Thomas grinste und musste seinen Senf dazugeben: „Nur gut, dass wir ständig von Halbwüchsigen umgeben sind, die uns in Bezug auf ihre Umgangssprache auf dem Laufenden halten, was bei der Jugend von heute sprachlich so angesagt ist. Aber das wird bei euch vermutlich nicht anders sein, oder sehe ich das völlig falsch, Severin.“

 

Der angesprochene wandte sich Thomas zu und erklärte: „Richtig, auch wir werden tagtäglich von unseren Kids damit konfrontiert. Erst letzthin kam eines unserer Kids mit dem Begriff Pflasterporsche an. Als ich nachfragte, erklärte man mir, dass sei jenes Gefährt, mit dem viele ältere Menschen auf dem Gehweg unterwegs zum Einkaufen sind. Ich fragte nach ob damit ein Rollator oder eine rollende Einkaufstasche gemeint sei. Am Ende stellte sich heraus, dass es sich in diesem Fall um einen Rollator handelt.“

 

Wir standen immer noch vor der Chillout-Zone als sich aus dem Zocker-Paradies zwei Jungs mit einem Schachbrett näherten und in der Chillout-Zone verschwinden wollten. Konstantin stoppte die beiden und erklärte, dass hier eine Zone eingerichtet wurde, in der man sich erholen kann. Das Spieler-Paradies sei woanders.

 

Ich schaute mir die beiden an und erkannte sie als unsere Zwillinge Martin und Josef Bauernfeind von den Auszubildenden. Josef erklärte: „Im Gamer-Paradies ist es strecken­weise so laut, dass man sich nicht auf seinen nächsten Zug konzentrieren kann. Wir wollten uns nur an einen Tisch setzen und in aller Ruhe Schachspielen.“

 

Ich wies Konstantin an, die beiden Jungs passieren zu lassen, da ich verstehen kann, dass man sich bei der Geräuschkulisse bei den Spielern nicht vernünftig auf das Schachspiel konzentrieren kann.

 

Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass es inzwischen so spät war, dass uns nur noch fünfundachtzig Minuten im alten Jahr verblieben. Ich fragte Thomas, ob wir noch eine Tanzrunde einlegen wollen, sofern Dimitri so gnädig ist und passende Musik auflegt.

 

Thomas meinte, wir können ja unser Glück versuchen. Wir gingen wieder zum Saal und beim Eintreten grinste Dimitri, reckte den Daumen nach oben und danach seinen Zeigefinger. Ich interpretierte das so, dass er noch einen Song für die Jüngeren auflegt und danach für uns passende Tanzmusik gespielt wird.

 

Wir warteten den nächsten Song ab und als erkennbar war, dass Dimitri den Musikstil gewechselt hatte, gingen wir auf die Tanzfläche und tanzten so lange Musik aufgelegt wurde, die unseren Vorstellungen entsprach. Nach drei Musikstücken wechselte er wieder und Thomas und ich verließen fluchtartig die Tanzfläche in Richtung Lobby, wo wir uns in Richtung der Chillout-Zone bewegten.

 

Ich beobachtete eine Zeitlang die Bauernfeind-Zwillinge bei ihrem Schachspiel, bevor ich mich zu Thomas auf das Sofa setzte. Thomas fragte mich, welche Erkenntnisse ich aus meiner Beobachtung ihres Schachspiels gezogen hätte. Ich grinste und erklärte: „Beide scheinen sehr gute Schachspieler zu sein, die nicht erst seit gestern spielen würden.“

 

Wieder einmal stand Severin wie aus dem nichts hinter mir und fragte: „Wer hat das geplant, dass alle, auch die Kids, um Mitternacht zum Anstoßen auf das neue Jahr ein Glas Sekt bekommen?“

 

Ich drehte mich um sah ihm ins Gesicht und erklärte: „Von mir stammt die Idee sicher nicht, das würde ich wissen. Ich gehe aber davon aus, dass derjenige, der sich das ausgedacht hat, sich auch etwas dabei gedacht hat. Ich kann dir nur den Rat geben, erst einmal abzuwarten was wirklich passiert und dann kannst du dich immer noch darüber aufregen. Woher hast du denn die Information, dass es um Mitternacht Sekt geben soll?“

 

Thomas grinste verdächtig und erklärte: „Das Gerücht habe ich heute auch schon einmal gehört, aber dem erst einmal keine große Beachtung geschenkt. Inzwischen weiß ich direkt von Sebastian, dass kurz vor Mitternacht alle Gäste im Gesindehaus ein Glas alkoholfreien Sekt bekommen, wohingegen im Restaurant und Saal richtiger Sekt ausgeschenkt wird. Sebastian, ich denke, den Traubensaft mit Kohlensäure kannst du deine Kids unbedenklich trinken lassen. Ich fürchte eher, dass die älteren Jugendlichen maulen werden, weil sie auch nur den alkoholfreien Sekt ausgeschenkt bekommen.“

 

Ich fing zu lachen an und sagte in Richtung Severin: „Damit ist das Rätsel gelöst, wer deinen Kids um Mitternacht ein Glas Sekt spendiert. Oh, ich muss mich berichtigen, es wird ja nur alkoholfreier Sekt ausgeschenkt und dafür musstest du jetzt so einen Aufstand veranstalten.“

 

Severin verließ mit einem beleidigten Blick die Chillout-Zone und Thomas meinte zu mir: „Eigentlich sollten wir beide um diese Zeit bereits in der Kaffeeküche stehen und mit Sebastian die Sektgläser spülen, er hat mir aber rechtzeitig eine Nachricht geschickt, dass die Gläser von seinem Personal gespült wurden und wir nur noch kurz nach halb zwölf gebraucht werden, um die Flaschen zu öffnen und die Gläser zu befüllen.“

 

Ich grinste fies und meinte, wann er mir das alles erzählen wollte. Thomas lachte und meinte, eigentlich erst, wenn ich dich zum Arbeiten in die Kaffeeküche geschleppt hätte. Beim Blick zu Uhr meinte ich zu Thomas, dass wir uns so langsam auf den Weg in die Kaffeeküche machen sollten, nicht dass Sebastian am Ende alles allein einschenken muss.

 

In der Kaffeeküche erwartete uns ein grinsender Sebastian der uns erzählte, dass er auf dem Weg in die Kaffeeküche von Severin aufgehalten wurde und er ihn angemeckert habe, weil er nicht davon informiert wurde, dass es um Mitternacht alkoholfreien Sekt für alle geben würde. Ich habe ihm dann erklärt, dass es dann wohl keine Überraschung für seine Meute gewesen wäre, wenn vorher alles ausgeplaudert wird. Ich habe ihm dann doch noch erklärt, dass nach dem Ende des Feuerwerks auch noch ein Mitternachtssnack für alle bereit gestellt wird.

 

Aber lasst uns lieber anfangen, die neunzig Gläser füllen sich nicht von selbst und wir haben weniger als zwanzig Minuten um alles vorzubereiten. Die Gläser stehen bereits auf den beiden Servierwagen, die wir nachher nur noch in den Saal schieben müssen. Er zeigte auf drei Kartons, die mit Sektflaschen gefüllt waren und meinte, wir sollten uns ranhalten, dass wir rechtzeitig fertig sind.

 

Sebastian öffnete die erste Flasche und drückte sie mir in die Hand. Ich meinte, er solle mir doch gleich eine zweite geben, dann kann ich immer zwei Gläser gleichzeitig befüllen. Als ich die zweite Flasche hatte ging zum Servierwagen und setzte beide Flaschen an und schenkte ein.

 

Sebastian beobachtete mich eine Weile und nachdem ich die ersten acht Gläser erfolgreich befüllt hatte, meinte er, ich habe noch nie einen Kellner gesehen, der das so perfekt beherrscht wie du und dann auch noch gleichzeitig mit zwei Flaschen. Wenn ich mir das so betrachte, ich werde dich engagieren, wenn wir wieder eine Feier im Restaurant haben, wo große Mengen an Sekt in kürzester Zeit eingeschenkt werden sollen.

 

Ich erklärte frech, er solle doch, anstelle mich dauernd zu beobachten, bitte die nächsten beiden Flaschen für mich öffnen, damit ich ohne große Unterbrechung weiterarbeiten könne. Er öffnete mehrere Flaschen und stellte mir die nächsten zwei auf den Servierwagen, damit ich ohne längere Unterbrechung weiterarbeiten kann.

 

Nachdem er acht oder neun weitere Flaschen geöffnet hatte, half er Thomas am zweiten Servierwagen, da die beiden nur jeweils mit einer Flasche problemlos einschenken konnten. Immerhin stellte er mir noch weiter Flaschen auf den Servierwagen, dass ich früh genug mit meinem Wagen fertig war.

 

Ich hörte aus dem Saal Dimitris Ansage, dass jetzt der letzte Titel vor Mitternacht laufen wird, weil Peter anschließend noch eine kurze Ansprache halten möchte, bevor wir dann kurz nach Mitternacht nach draußen gehen und das Feuerwerk genießen wollen.

 

Ihr könnt schon alle anderen aus dem Gamer-Paradies und aus der Chillout-Zone holen, dass Peter mit seiner Rede rechtzeitig anfangen kann, da ich noch eine kleine Überraschung für den Countdown habe.

 

Ich sagte zu Sebastian und Thomas, dass ich schon rausgehe und meine kurze Ansprache halten werde, ihr könnt nachkommen, wenn ihr mit eurem Servierwagen fertig seid. Ich ging direkt durch die Schwingtür in den Speisesaal und ging auf Dimitri zu, der mir eines seiner Mikrofone zu Verfügung stellte.

 

So langsam füllte sich der Raum und nachdem die letzten Klänge des Songs verklungen waren, fragte ich, ob alle anwesend sind und ich mit meiner kurzen Ansprache starten kann oder wir noch einen kurzen Moment auf die letzten Nachzügler warten sollten.

 

Nach etwa einer Minute sah ich Severin im Eingang, der den Daumen nach oben reckte, ich ging davon aus, dass jetzt alle anwesend sind und startete mit meiner Rede: „Ich freue mich heute Nacht mit euch zusammen, ein Neues Jahr begrüßen zu dürfe und ich kann für mich nur hoffen, dass es ruhiger verläuft als es das jetzt endende Jahr.

 

Eigentlich waren es sogar dreizehn Monate, denn bereits im Dezember des Vorjahres wurde es hektisch bei der Übernahme der Johannes Graf GmbH und in ihrem Schlepptau noch die Übernahme der G. Bauer GmbH und der Gründung der Stiftung Sonneneck. Der Januar brachte der Stiftung eine erste Erbschaft mit jeder Menge Wohnungen.

 

Schon im April wurden wir von einer weiter Erbschaft überrollt, die sogar noch größer war als die Erste. Mit ihr kamen weitere Herausforderungen auf uns zu, der Umbau des Hotels in Österreich zum Jugendhotel, der Planung für den Umzug einer Immobilienverwaltung von München nach Rosenheim, den wir im nächsten Jahr durchführen werden.

 

Ab Mai begannen die turbulenten Monate mit den Vorbereitungen des großen Zeltlagers, nachdem uns das Jugendamt in Rosenheim in Schwierigkeiten gebracht hat, weil sie ihren Kollegen der anderen Jugendämtern Zusagen gab und dabei übersah, dass unser Jugendhotel Gesindehaus, hoffnungslos überbucht war. In den Spitzenwochen hatten wir je Woche knapp zweihundertfünfzig Kinder und Jugendliche mit ihren Betreuern im Zeltlager.

 

Ende September gab es eine weitere Überraschung in Form eines Hotels an der Ostsee, dass der Stiftung als Erbschaft zufließen sollte, sofern wir es als Jugendhotel nach einem Umbau wiedereröffnen würden. Die Umplanung läuft und der Umbau wird im kommenden Sommer beginnen. Alle Auszubildenden des Hotels an der Ostsee werden während der voraussichtlich zwölfmonatigen Umbauphase hier im Gutshof ihre Ausbildung fortsetzen und einige auch beenden.

 

Ende November feierte der Gutshof eine einmalige Triple-Hochzeit, mit drei schwulen Pärchen und der großen Überraschung für zwei Jungs aus eurem Kinderheim, im Anschluss an die Eheschließung erklärte ihnen der Standesbeamte, dass sie beide von Thomas und mir adoptiert wurden.

 

Das war jetzt mein kurzer Rückblick und jetzt hat Sebastian noch eine kleine Überraschung für euch, zur Feier des Tages gibt es für jeden von euch ein Gläschen Sekt, mit dem wir um Mitternacht auf das neue Jahr anstoßen wollen. Holt sich bitte jeder ein Glas bei Thomas oder Sebastian.

Dimitri deute mir mit zwei Fingern an, dass es noch zwei Minuten bis Mitternacht sind. Ich blickte auf die Uhr und fragte, ob Thomas Dimitri und mir ein Glas ein Glas bringen könne, damit wir auch anstoßen können.

 

Ich schaute auf meine Armbanduhr und meinte Leute jetzt sind es noch dreißig Sekunde bis Mitternacht. Pünktlich startete Dimitri seinen vorbereiteten Countdown und ab sofort wurden die restlichen Sekunden laut heruntergezählt. Punkt Mitternacht hörten wir laut mehrerer Sektkorken knallen, die langsam von Kirchenglocken untermalt wurden und zuletzt ein Feuerwerk.

 

Währenddessen wurden die Gläser leicht angestoßen und alle wünschten sich gegenseitig ein gutes neues Jahr. Thomas und ich hatten uns nach dem Traubensaft mit Kohlensäure kurz geküsst und uns in den Arm genommen.

 

Dimitri erklärte: „Ich will euch ja nicht unterbrechen, aber ihr solltet langsam in eure warmen Jacken hüpfen, in kürze beginnt draußen das große Feuerwerk. Bringt euer Gläser an eure Plätze, damit ihr sie nachher wieder findet und viel Spaß beim Feuerwerk.

 

Innerhalb weniger Sekunden herrschte das absolute Chaos im Speisesaal, bis die ersten so langsam den Raum verlassen hatten. Ich hörte nur aus der Lobby die Ansage von Severin, dass er keinen nach draußen lasse, der nicht entsprechend angezogen sei, eine warme Winterjacke und festes Schuhwerk sei das mindeste.

 

Einer der zukünftigen Auszubildenden rief dazwischen, ob das für alle gelte, oder nur seine Kids aus dem Münchner Kinderheim betreffe. Severin antwortete ihm: „Wer an mir vorbei nach draußen zum Feuerwerk gehen will, hat sich an die Regel zu halten. Mich interessiert eure persönliche Meinung nicht im Geringsten.

 

Ich erwarte eher von euch, dass ihr den Jüngeren mit gutem Beispiel vorangeht. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass Peter davon begeistert sein wird, wenn er euch am zweiten Januar, krank euren Eltern übergeben darf.“

 

Inzwischen hatte sich der Raum sichtlich geleert, so dass Thomas, Dimitri und ich ebenfalls in die Lobby gingen, um unsere dicken Winterjacken anzuziehen. Dimitri schaute mich an und fragte, ob ich auch so rigoros vorgegangen wäre wie es Severin angekündigt hätte.

 

Ich grinste und erklärte ihm, dass ich es vielleicht etwas subtiler angekündigt hätte, nur im Ergebnis wäre dasselbe dabei herausgekommen. Wir durften anstandslos passieren, während vorher einzelne von Severin nach oben geschickt wurden, um sich vernünftig anzuziehen.

 

Obwohl es bereits eine viertel Stunde nach Mitternacht war, stellte ich fest, dass das Feuerwerk am Gutshof noch nicht angefangen hatte. Rund herum wurden bereits fleißig Feuerwerkskörper in die Luft gejagt und es gab einiges zu bestaunen. Ich hörte, wie einer der kleineren Jungs meinte, in München würde auch nicht mehr los sein.

 

Sebastian stand plötzlich neben mir und meinte, dass unser Feuerwerk etwas später gestartet wird, da es im Restaurant etwas länger gedauert hat, bis die Meute nach draußen gehen wollte. Es wird aber gleich losgehen.

 

Mit einem ohrenbetäubenden Knall und einer einsetzenden Musik wurde der Start des Feuerwerks eingeleitet. Mich faszinierte von Anfang an, dass das Feuerwerkwerk im Einklang mit der Musik in die Luft gejagt wurde.

 

Ich hatte schon davon gehört, dass es in München und Hamburg Veranstaltungen gab, wo das Feuerwerk abgestimmt auf die Musik abgefeuert wurde, nur selbst erlebt hatte ich das bisher noch nicht. Ich lauschte der Musik und betrachtete die Leuchteffekte, die sich dazu am Himmel zeigten.

 

Zwischendurch riskierte ich immer wieder auch einen Blick auf die Kids, für die meisten von ihnen war es sicher auch das erste Mal, dass sie ein solches Spektakel erlebten. Bei den meisten Leuchteffekte war aus dem jugendlichen Publikum ein vielstimmiges „Ah“ oder „Oh“ zu hören, wobei ich mir sicher war, dass das bei den Restaurantgästen sicher ähnlich sein dürfte.

 

Euch ein solches Feuerwerk angemessen zu beschreiben, fällt verdammt schwer, so etwas muss man einfach selbst erlebt haben und in die Faszination eingetaucht sein. Als sich das Feuerwerk langsam dem Ende näherte zupfte jemand an meinem Ärmel. Ich sah in die Richtung und erkannte, dass Florian neben mir stand und mir sagte: „Peter, allein dieses Feuerwerk ist Grund genug, für immer auf dem Gutshof leben zu wollen.“

 

Ich reichte ihm meine Hand und wünschte ihm ein gutes neues Jahr und erklärte ihm: „Ich kann dir leider nicht versprechen, dass in den nächsten Jahren an Silvester immer ein derartig faszinierendes Feuerwerk geben könne, da es auch davon abhängig sei, wie es beim Publikum im Großen Saal und im Restaurant im Gutshaus angekommen ist.“

 

Nach kurzer Pause ergänzte ich: „Ich freue mich schon auf den Tag, an dem du endgültig auf den Gutshof umziehen darfst. Am sechsten Januar geht es trotzdem für dich erst noch einmal zurück nach München ins Kinderheim. Ob wir dich am siebten bereits wieder abholen können, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Ich bin zumindest zuversichtlich, dass alles nach Plan ablaufen wird.“

 

Nachdem das Feuerwerk am Gutshof beendet war, konnte man in Rosenheim sehen, dass immer noch Feuerwerksraketen in den Himmel geschossen wurden. Da es bereits nach nulluhrdreißig war, bewegten sich unsere Gäste im Gesindehaus so nach und nach in die warmen Innenräume zurück.

 

Thomas, Florian und ich waren bereits auf dem Weg ins Gebäude, als der Caterer, Herr Baumann uns stoppte und wissen wollte, ob wir mit dem Feuerwerk zufrieden waren. Ich antwortete ihm, dass der junge Mann neben mir gemeint hat, dass es sich allein deswegen lohnen würde auf dem Gutshof zu wohnen.

 

Er erzählte uns, dass zum Ende hin sehr viele Fahrzeuge auf das Gutshofgelände gekommen seien, um den Rest unseres Feuerwerks zu bewundern. Die Gäste der Silvestergala hätten sich überwiegend positiv zum Feuerwerk geäußert. Er erklärte, wenn wir im nächsten Jahr wieder eine Silvestergala veranstalten, wird es mit Sicherheit wieder ein grandioses Feuerwerk geben.

 

Er verabschiedete sich und ging zurück ins Restaurant, um dort weiter mit seinen Gästen zu feiern. Wir schafften es endlich ins Haus zu kommen, wo die Tanzparty bereits wieder im vollen Gang war. Im Gamer-Paradies waren nur wenige, die momentan spielen wollten. In der Chillout-Zone waren vor allem die ganz jungen Kids versammelt, die noch nicht unbedingt mit Disco-Musik viel anfangen konnten.

 

Thomas blieb in der Chillout-Area und ich machte mich auf die Suche nach Severin oder Konstantin. Ich fand beide im Saal, wo sie den Tanzenden zuschauten. Ich fragte Severin, ob wir uns kurz in Ruhe unterhalten können. Er nickte und folgte mir in die Lobby des Gesindehauses.

 

„Wie läuft das jetzt bei euch ab, gibt es einen geplanten Ablauf, wann die einzelnen Altersgruppen ins Bett gehen, oder bleibt es dem Einzelnen überlassen, wie er das handhaben will? Ich habe mit Dimitri vereinbart, dass die Tanzparty um halb drei endet, damit die letzten Hausgäste spätestens um drei Uhr im Bett sein sollten“ sagte ich zu Severin.

 

Severin erklärte: „Wir haben ausnahmsweise keine festen Regeln für die einzelnen Altersgruppen festgelegt, jeder kann ins Bett gehen, wenn ihm danach ist. Ich vermute, die jüngeren werden sich so nach und nach verabschieden und nach oben in ihre Betten verschwinden. Alle wissen, dass sie um zehn Uhr zum Brunch wieder fit sein sollten. Da es für den ersten Januar kein festes Programm gibt, waren wir der Meinung, dass wir das in der Form verantworten können.“

 

Ich erklärte ihm noch, dass Thomas und so gegen zwei Uhr verschwinden werden, da es für mich doch wieder ein langer Tag gewesen sei und ich morgen Nachmittag noch einmal für Einzelgespräche mit unseren zukünftigen Auszubildenden zur Verfügung stehen werde.

 

Ich ging mit ihm zurück in den Saal und ging direkt zu Dimitri. Ich fragte ihn, ob Dennis das geregelt hätte, dass er in einem der Zimmer in der zweiten Etage übernachten könne.

 

Er antwortete mir: „Inzwischen bin ich froh, dass ich dein Angebot mit der Übernachtung angenommen habe, denn bis ich mein gesamtes Equipment abgebaut und ins Auto eingeladen habe wäre es sicher halb vier geworden und zu Hause hätte ich mein Auto zumindest noch ausladen müssen. So liege ich spätestens um drei Uhr im Bett und baue am späten Vormittag in Ruhe und ausgeschlafen mein Equipment ab.“

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