Das 1. Türchen – eine Adventsgeschichte

Ich starrte zum Fenster hinaus und beobachtete die ersten Flocken, wie sie ihren Weg auf die Erde fanden. Wie immer stand eine Kerze am Fenster. Zusammengekauert saß ich auf meinem Stuhl vor dem Schreibtisch, nur der Computer lief noch und das dunkle Desktopbild brachte auch nicht sehr viel Licht.

Ich fröstelte leicht. Innerhalb einer Woche waren die Temperaturen auf unter Null Grad gefallen, der Wetterdienst hatte Schnee angekündigt. Ich nahm die Tasse Tee vom Tisch und nippte daran, da vernahm ich ein sanftes Klopfen an meiner Tür.

Die Tür ging auf, Licht fiel vom Flur ins Zimmer.

„Möchtest du Abendbrot, Fabian?”, fragte meine Mutter.

„Ich habe keinen Hunger…, danke Mum.”

„Du solltest aber etwas essen!”

Ich drehte meinen Kopf und schaute sie an.

„Mir ist jetzt wirklich nicht nach Essen.”

Sie kam herein und schloss wieder die Tür. Der Raum wurde nun wieder ganz allein von der Kerze am Fenster erhellt. Mum setzte sich auf das Bett neben mir.

„Wie geht es dir?”, fragte sie.

„Geht”, seufzte ich, „ging schon mal besser.”

„Hat sich irgendwer gemeldet?”

Vorwurfsvoll schaute ich sie an.

„Wer sollte sich denn melden?”

„Ich dachte nur.”

„Mum… die Sache ist gegessen, spätestens morgen weiß es die ganze Schule.”

„Und Volleyball?”

„Weiß ich nicht…, weiß ja nicht mal, ob der olle Kerner mich noch in der Mannschaft haben will… er hat es ja auch mitbekommen… und nur… weil ich so doof war… meinen Anhänger nicht zu Hause auszuziehen, sondern ihn anzubehalten.”

„Aber das ist doch nur ein Anhänger in Regenbogenfarben.”

Nur?! Ich lachte kurz auf.

„Ja… nur! NUR weiß jeder in den zwei Mannschaften, was er bedeutet.”

„Dann bist du eben schwul und alle wissen es. Hast doch selber gesagt, du hast diese Versteck-Sein-Rolle satt.”

Mir stiegen wieder die Tränen in die Augen.

„Mum”, fing ich an, „wenn du gehört hättest, was sie in der Dusche alles losgelassen haben…”, ich schluchzte kurz auf, „dann würdest du das nicht sagen.”

Sie streichelte zärtlich durch mein Haar.

„He mein Großer, gemeinsam schaffen wir das. Du weißt, Papa und ich stehen beide voll hinter dir.”

Ich lehnte mein Kopf auf ihre Schulter und weinte. Ein Siebzehnjähriger mit 1,87 m, was für ein Bild. Bild… das Bild vom Duschen am Mittag erschien wieder vor meinen Augen.

*-*-*

Es war ein anstrengendes Training gewesen. Total ausgepowert waren wir in die Umkleidekabinen gekommen, hatten über das Trainingsspiel diskutiert. Wie üblich hatten wir uns alle ausgezogen und waren wir unter die Duschen gelaufen. Und wie üblich kamen die blöden Sprüche von Knut.

„He Henning, mit dem Teil machst aber keine Frau glücklich.”

Alle fingen dreckig an zu lachen.

„Deiner steht ja nur, weil der zu klein ist, um zu hängen”, erwiderte Henning trocken.

‚1:0 für Henning’, dachte ich und rieb meine Haare mit Shampoo ein.

„He, Fabi, hast eine neue Kette?”, rief Knut und kam zu mir her.

Scheiße, die hatte ich vergessen auszuziehen. Knut kam also zu mir und schaute sich den Anhänger genauer an. Ich hatte immer noch meine Hände voll Schaum und in den Haaren.

„Regenbogen…? Sach mal…bist du schwul oder was, das tragen doch nur Schwule!”

Mir schoss das Blut in den Kopf. Augenblicklich war es still im Duschraum geworden.

„Bist du etwa einer von diesen dreckigen Schwanzlutschern?”, rief Carsten.

„Der fickt Kerle?”, fragte Cosmo.

Hilflos schaute ich mich um. Alle schauten mich angewidert an, nur Marcel schaute weg. Einer nach dem Anderen hatte den Duschraum verlassen. Ich konnte Worte wie >Dreckschwuchtel<, >Arschficker< hören.

Marcel hatte mich kein einziges Mal angesehen… war einfach gegangen… schöner Freund. Es trieb mir die Tränen in die Augen. Ich wusch den Schaum aus meinen Haaren und konnte Gelächter aus der Umkleide hören. Obwohl ich mit dem Duschen schon fertig gewesen war, stand ich weiterhin starr da und wartete. Wartete, bis die Geräusche in der Umkleide weniger geworden waren und schließlich ganz verhallten. Ich hatte mich einfach nicht in den Umkleideraum getraut.

Langsam drehte ich mein Wasser ab und griff nach meinem Handtuch. Es herrschte Totenstille in der Jungenumkleide. Zögernd lief ich aus dem Duschraum und konnte mich davon überzeugen, dass wirklich niemand mehr da gewesen war. Nur meine Sachen lagen noch quer über den ganzen Raum verstreut herum.

Unter Tränen sammelte ich alles ein und zog mich an. Nein, es war nicht, weil es die anderen rausgekriegt hatten… was sie eben gesagt hatten… Nein, es war wegen Marcel… meinem Traum und gleichzeitig meinem besten Freund.

Plötzlich wurde die Tür zur Umkleide aufgestoßen und augenblicklich stand Kerner vor mir. „Fabian, schau dass du heim kommst… ich denke”, er schüttelte kurz den Kopf, „du hast genug angerichtet.”

Ich bekam kein Wort raus, nickte nur verlegen. Dann zog ich meine restlichen Sachen aus meinem Fach und stopfte alles ungeordnet in meinen Rucksack. Als ich diesen verschlossen hatte, warf ich meine Jacke über und wickelte mir den Schal um den Hals.

Kerner hatte einfach nur da gestanden und mich wortlos beobachtet. Ohne ihn direkt anzusehen, hatte ich meinen Rucksack geschultert und mich drückte an ihm vorbeigedrückt, denn er war kein Stück zur Seite gewichen. Ich begann zu laufen, wischte mir die Tränen aus den Augen.

Erst als ich die Eingangstür aufgestoßen hatte und mir die eiskalte Luft entgegen wehte, blieb ich stehen. Ich sank am Pfosten des Vordaches zusammen und fing an laut zu schluchzen. Warum hatte ich nur diesen Scheiß Anhänger gestern angezogen.

Die Hälfte der Mannschaft war auch in meiner Klasse, also würden es morgen alle wissen.

*-*-*

„Willst du morgen zu Hause bleiben?”, fragte meine Mutter in meine Gedanken hinein.

Ich hob meinen Kopf wieder an, zog ein Tempo aus der Box und putze mir erst Mal die Nase.

„Nein… geht nicht, wir schreiben morgen in Geschichte eine wichtige Arbeit…, die kann ich nicht verpassen.”

Meine Mum nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich.

„Ach Junge, wenn ich dir nur helfen könnte.”

Ich erwiderte ihre Umarmung schweigend, während dein Blick auf den Tisch fiel, wo die Kette mit dem Regenbogenanhänger lag.

*-*-*

Schon im Bus zur Schule war kein einziger aus meiner Klasse in meiner Nähe gewesen. Nur die aus den anderen Klassen, die wahrscheinlich noch nichts wussten.

Marcel saß recht weit vorne, bei den anderen und hin und wieder schaute einer der Gruppe zu mir nach hinten. Ich versuchte standhaft zu bleiben, damit ich nicht losheulte und schaute einfach zum Fenster hinaus.

Der Schnee hatte über Nacht alles ins Weiße getaucht. Zwar nicht viel, die Straßen waren immerhin frei, aber doch genug, dass man nichts mehr von den Rasenflächen sehen konnte. Der Bus näherte sich der Schule und jetzt hieß es durchhalten. Als er am Bushalteplatz stoppte, war der Großteil der Schülermeute sofort johlend ausgestiegen. Ich nahm meinen Rucksack an mich und lief zur hinteren Bustür. Die Truppe um Marcel benutzte den vorderen Ausstieg.

Keiner drehte sich noch nach mir um, sie liefen alle direkt in die Schule. Die Lust auf den Unterricht war mir zwar ordentlich vergangen, aber es hatte keinen Zweck, ich brauchte diese Arbeit und ich durfte sie vor allem nicht verhauen. Noch so eine Note wie das letzte Mal und ich würde auf eine Drei rutschen.

Langsam trotte ich zum Eingang unserer Schule. Als ich die Tür aufzog, kam mir sofort eine angenehme Wärme entgegen, weswegen ich meine Mütze abnahm und den Schal lockerte. Schweren Herzens schlug ich die Richtung zu unserem Klassenzimmer ein.

„Morgen Fabian!”

Frau Schindler, unsere Biolehrerin, sauste an mir vorbei.

„Morgen.”

Die Klassentür stand noch offen. Ich stoppte kurz, atmete tief durch und betrat dann das Klassenzimmer. Der Lärm, den ich eben noch von draußen gehört hatte, verstummte augenblicklich. Alle Blicke waren auf mich gerichtet.

Mit gesenktem Kopf lief ich zu meinem Platz, schmiss meine Jacke über die Lehne und setzte mich. Der Platz neben mir war leer. Wo war Marcel? Ich traute mich nicht aufzuschauen, ob er nun woanders saß oder einfach noch nicht da war.

Fastrick, unser Lehrer, kam herein und schloss die Tür hinter sich.

„Morgen!”, rief er.

Und ein „Morgen” schallte es aus der Klasse zurück. Er warf seine Tasche auf das Pult und setzte sich auf die Vorderseite. Schüchtern schaute ich auf und guckte, was los war. Er stand einfach nur da und sagte gar nichts.

Sein Blick wanderte durch die Klasse, blieb kurz bei jedem Einzelnen hängen. Der letzte war ich und sein Blick blieb stehen.

„Ihr wisst, ich interessiere mich ja normalerweise nicht für Sport, aber dennoch bekam ich gestern einen Anruf vom Trainer der hiesigen Volleyballmannschaft.”

Schweigen. Nur einige drehten den Kopf kurz zu mir, Blicke trafen mich und schauten wieder nach vorne.

„Gregor hat mir erzählt, was gestern nach dem Sport noch abgegangen ist… und euren Gesichtern nach zu urteilen, wissen es auch alle hier!

Er erhob sich und schritt langsam auf mich zu.

„Ich dachte, wir haben Feindlichkeiten gegen Randgruppen zur genüge durchgenommen, oder? Sehe ich das falsch?”

Es kam keine Antwort.

„Ihr habt große Töne gespuckt, ihr hättet nichts gegen Homosexuelle”, sprach er weiter.

Mir wurde das zuviel…, ich stand auf, schnappte nach meiner Jacke und meinem Rucksack und lief zur Zimmertür.

„Fabian, setz dich wieder hin!”, befahl Fastrick.

Ich blieb zwar abrupt stehen, schaute aber nicht auf.

„Setz dich bitte!”

Ich dagegen bewegte mich kein Stück, sondern atmete tief durch. Da lief Fastrick um den Tisch und stand nun vor mir.

„Fabian?”

Zu keiner Regung fähig, stand ich weiterhin einfach nur da. Plötzlich legte Fastrick seine Hand auf meine Schulter.

„Buch Seite 57 aufschlagen und lesen, wir unterhalten uns gleich darüber! Und wir zwei gehen mal kurz vor die Tür, aber leg die Sachen vorher auf deinen Platz!”

Wieder atmete ich tief durch, drehte mich auf der Stelle und brachte meine Sachen zurück. Mein Blick viel kurz auf Jasmin, die mich fragend anschaute. Ohne etwas zu sagen, verließ ich dann mit Fastrick das Klassenzimmer.

Ich lehnte mich an die Wand zum Klassenzimmer, während Fastrick die Tür schloss.

„Fabian…, vertraust du mir?”

Statt einer Antwort schaute ich ihn nur schweigend an.

„Weißt du, warum ich dieses Thema überhaupt in den Plan aufgenommen habe? Nur wegen dir.”

„Mensch Fabian, du weißt doch selber, dass dein Vater und ich schon so lange befreundet sind. Meinst du, ich wusste nicht über dich Bescheid?”

„Du… Sie wissen…?”

Fastrick kannte ich schon von klein auf, er hatte immer viel mit Dad unternommen. Die beiden waren sogar so etwas wie beste Freunde. Zu Hause redeten wir im üblichen Du, nur hier in der Schule, vor den anderen, sprach ich ihn mit Sie an… der Form halber.

„Ja, ich weiß es!”

Das hatte ich nicht gewusst, sondern hatte eigentlich immer angenommen, Mum und Paps würden dicht halten.

„Als mich Gregor anrief und mir erzählte, was gestern im Training abgegangen war, wäre ich am liebsten sofort zu euch gekommen, doch deine Mutter riet mir ab.”

Meinen seit dem Morgen so mühsam erfochtenen Kampf verlor ich in dem Moment und konnte nicht mehr verhindern, dass erste Tränen über mein Gesicht liefen.

„Komm, wir gehen da jetzt wieder, Florian,  ich steh dir bei, versprochen, egal was kommt oder wer etwas sagt!”

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