Das 9. Türchen – eine Adventsgeschichte

Am nächsten Morgen kam ich wesentlich besser aus dem Bett. Ich fühlte mich wieder fit und so war ich diesmal recht früh am Frühstückstisch.

„Morgen Großer!”

„Morgen Mum… morgen Dad!”

„Oh, da scheint es einem wieder gut zu gehen”, kam es von Dad.

„Ja, ich bin zu allen Schandtaten bereit”, antwortete ich grinsend, was mir einen missbilligenden Blick von Mum einhandelte.

Mein Blick dagegen wanderte an Mum vorbei an die Wand, an der mein Adventskalender hing. Ich stand also auf und öffnete das auf Anhieb gefundene achte Türchen. Wie die Tage zuvor, zog ich einen Zettel heraus und las ihn.

„Hm… könnte stimmen”, meinte ich und steckte den Zettel ein.

„Was?”, fragte Mum.

Jeder Mensch trägt einen Zauber im Gesicht, der irgendjemandem gefällt.”

„Dann bin ich mal gespannt, welchem zauberhaften Gesicht du verfällst.”

*-*-*

 

Der Schultrott hatte mich schnell wieder eingeholt. Die letzte Woche und ihre ganzen Geschehnisse waren zwar noch lange nicht vergessen, doch es gab dennoch genügend anderes, was meine Aufmerksamkeit erforderte. Sehr zu meinem Leidwesen, denn so kurz vor den Weihnachtsferien dachte mancher Lehrer noch, uns ein paar Arbeiten rein drücken zu müssen.

So saß ich im Unterricht und versuchte den Ausführungen jeweiliger Lehrer einigermaßen zu folgen. Carsten war auch wieder erschienen, hatte mich aber keines Blickes gewürdigt. Zugegeben, der Rest der Klasse ließ ihn ebenso links liegen.

Wo er sich in den Pausen aufhielt, blieb mir ein Rätsel, obwohl ich ihn mehrmals gesucht hatte. Nach dieser Nacht auf dem Felsen bestand einfach Redebedarf und ich hatte zu viele Fragen im Kopf.

Der letzte Gong für heute erklang und ein erleichtertes Raunen ging durch die Klasse. Anscheinend war es nicht nur für mich mühsam gewesen, dem Unterricht zu folgen. Ich packte meine Sachen in den Rucksack und stand auf. Gleich drei Leute standen da und warteten auf mich. Eben jene, welche sich gestern bei mir eine heiße Diskussion über Carsten geliefert hatten.

„Was machst du heute Mittag?”, fragte Marcel.

„Mathe büffeln, was sonst”, gab ich zur Antwort und zog meine Jacke über.

„Hättest du etwas dagegen, wenn wir das gemeinsam machen würden?”, fragte Marcel weiter.

Ich schaute ihn an und senkte meinen Kopf leicht nach links.

„Gute Idee”, kam es von Thomas, „ich tu mich etwas schwer mit dem Thema und könnte Hilfe gut gebrauchen.”

„Wenn das so ist, schließe ich mich auch gerne an”, gab Gabriella zum Besten.

Nun schauten alle drei nur noch auf mich, während Marcel verlegen grinste.

„Okay, wird sicher lustig. So gegen halb drei?”

Einheitliches Nicken folgte als Antwort.

„Du Marcel, wohnst du nicht in der Gellertstraße?”, fragte Thomas.

„Ja, warum fragst du?”

„Ich wohne in der Brentstraße, also in deiner Nähe. Kann ich dich abholen?”

„Echt, das ist wirklich nah. Klar kannst du mich abholen.”

„Thomasssssssssss”, hörte ich eine leicht tukische Stimme rufen.

Wir drehten uns alle herum und sahen Thorsten im Türrahmen stehen.

„Mein Herr und Meister ruft”, spöttelte Thomas und Gabriella fing an zu kichern, „wir sehen uns nachher…tschüß!”

„Tschüss Thomas”, erklang es im Chor und schon war er verschwunden.

Etwas später standen wir zu dritt an der Bushaltestelle. Wie immer war es sehr laut, denn die Fünftklässler tobten um uns her. Mein Blick wanderte zu Carsten, der etwas abseits der Haltestelle stand.

Er war alleine, von seiner Truppe war nichts zu sehen. Zumindest nicht bei ihm, denn ich entdeckte sie wenig später an einem anderen Platz.

„Erde an Fabian, warum schaust du zu dem Depp?”, hörte ich Gabriela fragen.

Ich legte meine Stirn in Falten.

„Kann ich dir nicht mal sagen, aber irgendwie tut er mir leid”, antwortete ich.

„Bist du noch ganz jeck? Wie kann einem so ein Arschloch interessieren?”

„Ich sagte schon, ich weiß nicht warum.”

Eine weitere Ausführung zu dem Thema blieb mir erspart, da in dem Moment schon der Bus anrollte und das Gedränge um uns noch weiter zunahm.

„Pass doch auf! Der unterste war meiner”, brüllte Gabriela plötzlich einen Kleinen an.

„Fick dich!”, schrie er zurück.

Ich konnte nicht anders und musste grinsen, ebenso Marcel. Gabriella allerdings grinste keineswegs, sondern holte aus und verpasste dem Kleinen eine Kopfnuss, was der fast zeitgleich mit einem lauten *aua* quittierte.

„Du doofe Kuh, das hat weh getan!”

„Dein Fuß auf meinem auch!”

Grummelnd stieg der Kleine in den Bus, wir folgten wenig später. Fast verachtend schaute er Gabriella an und rieb seinen Kopf.

„Leg dich nicht mit ihr an”, gab ich zum Besten und Marcel fing hinter mir an zu lachen.

*-*-*

Pünktlich um halb drei klingelte es an der Haustür. Wie erwartet standen alle drei vor mir und ich wurde mit einem Hallo begrüßt. Ich geleitete sie ins Esszimmer, wo wir den genügend Platz hatten.

„Mit was fangen wir denn an?”, fragte Thomas.

„Ich denke mit den Gleichungen, dafür werden wir die meiste Zeit brauchen.”

Thomas seufzte und zog seine Sachen aus dem Rucksack.

„Ach, bevor ich es vergesse, dieser Umschlag lag auf der Treppe”, sagte Gabriella und reichte mir einen weißen Umschlag, der keine Beschriftung hatte.

„Wird sicher wieder eine Werbung sein, leg ihn einfach auf die Kommode neben dir. Dad liest so gerne Werbung.”

Wie geheißen legte sie den Brief ab und wir versanken nach und nach in die Welt der Mathematik. Nach spätestens zwei Stunden rauchten unsere Köpfe. Dass die Haustür aufgeschlossen wurde und ein *ich bin da* ertönte, ließ uns durchatmen.

„Hallo zusammen. Na seid ihr alle schön fleißig?”, kam es von Mum, als sie den Raum betrat.

Ich hatte sie vorher angerufen und gewarnt, dass hier Lernwütige einfallen würden. Alle grüßten artig zurück.

„Hat jemand Lust auf eine Tasse Tee und einem süßen Stückchen?”, fragte sie weiter.

Ein wildes Kopfnicken ging durch die Runde.

„Okay, dann bin ich mal in der Küche”, sagte Mum und verschwand wieder.

Eine weitere Stunde später, gut genährt mit Kuchen und abgefüllt mit Tee, hörten wir mit dem Lernen auf.

„Boah, in meinem Kopf sind nur noch Zahlen”, jammerte Thomas.

„Da geht es mir nicht anders”, kam es von Gabriella.

„Also mir hat es was gebracht”, gab Marcel seinen Kommentar ab.

„Ja, einen vollen Bauch”, kicherte ich.

Marcel rieb über seinen Bauch und nickte, während die anderen anfingen zu kichern. Es dauerte nicht mehr lange, da brachen die drei auf und wenig später saß ich alleine am Esstisch.

Mein Blick fiel auf den weißen Umschlag, den Gabriella auf der Treppe gefunden hatte. Mum war in der Küche zugange und so stand ich auf und griff mir den Umschlag. Nach Werbung sah der nun wirklich nicht aus.

Ich schnappte mir mein Lineal und öffnete ihn. Was dabei zum Vorschein kam, war tatsächlich keine Werbung, sondern ein Brief. In dem Moment wurde die Wohnungstür abermals aufgeschlossen und Dad kam nach Hause. Ich legte den Brief zu meinen anderen Sachen und lief ihm entgegen.

„Hallo Fabian.”

„Hi Dad.”

„Essen ist gleich fertig”, schallte es aus der Küche.

„Wie war dein Tag?”, fragte mich Dad.

„Keine besonderen Vorkommnisse.”

„Hat Carsten was gemacht?”

Ich schüttelte den Kopf.

„Er steht da wie ein Außenseiter.”

„Verdient hat er das ja”, meinte Dad nur und zog seine Schuhe aus.

„Ich weiß nicht, ob man so etwas verdient.”

„Huuu….. das hört sich grad verdammt erwachsen an, Sohnemann.”

Ich lehnte mich an Dad und er legte seine Arme um mich.

„Weißt du Fabian. Man macht in seinem eigenen Leben viele Fehler, das wirst du selber merken. Viele sind so klein, dass man sie oft nicht bemerkt, andere dagegen so groß, dass es scheint, sie nie wieder gut machen zu können.”

„Und die tun weh…”

„Ja klar, dabei wird immer jemand verletzt. Aber ab und zu denke ich, so groß der Fehler auch gewesen sein mag, jeder verdient eine zweite Chance.”

„Ich soll Carsten eine zweite Chance gegeben?”

„Das kannst nur du entscheiden. Ob sich Carstens Auffassung überhaupt ändert, kann ich dir nicht sagen.”

Ich seufzte. Mir war es zuwider, zu wissen, dass es irgendwo etwas gab, mit dem ich nicht zu Recht kam.

„Kommt ihr? Das Essen steht auf dem Tisch”, rief Mum.

Dad wuschelte mir noch übers Haar und lief voran in die Küche.

*-*-*

Ich packte meinen Rucksack zusammen, als ein Blatt Papier zu Boden fiel. Stimmt ja, der Brief. Ich hob das Blatt auf.

„Fabian kommst du mal bitte?”, rief Mum fragend aus dem Schlafzimmer.

„Ja, was ist denn?”, rief ich zurück und ließ das Blatt auf den Schreibtisch gleiten.

„Ich wollt wissen, ob dir dein Schneeanzug noch passt.”

„Glaube nicht, bin ja noch etwas gewachsen.”

„Zieh einfach mal an.”

„Okay, wenn es sein muss.”

Also zog ich meine Jeans aus und rutschte in die Skihose. Schließen konnte ich sie ja gerade noch, aber bei den Beinen schob ich Hochwasser. Mit der Jacke war es dasselbe, die Ärmel waren viel zu kurz.

„Dann ist wohl ein neuer Skianzug fällig”, meinte Mum seufzend.

„Glaube auch, so kann ich ihn auf alle Fälle nicht mehr anziehen.”

„Gut, dann kommt er in die Kleidersammlung.”

Ich lief in mein Zimmer zurück und entledigte mich meiner restlichen Klamotten, um danach gleich ins Bad zu verschwinden. Es war wieder heftig spät geworden.

Eine viertel Stunde später lag ich dann endlich im Bett und las am dritten teil von Eragon weiter. Eine weitere halbe Stunde später begann ich herzhaft an zu gähnen und beschloss, endlich zu schlafen.

Da fiel mit der Brief ein. Ich atmete also tief durch und stand noch mal auf. Er lag immer noch genauso auf dem Schreibtisch, wie ich ihn zuvor zurück gelassen hatte. Ich nahm das Blatt, ließ mich wieder aufs Bett fallen und faltete es auseinander, um zu lesen.

die Sehnsucht nach dir

vernebelt meine Gedanken

macht mich unfähig einen Gedanken zu halten

du du du immer du

schwirrst mir im kopf umher

die Bilder der Erinnerungen laufen vorbei

erwecken erneut Gefühle

du du du immer du

bohrst in meinem tiefsten Innern

findest Ecken

wo vor dir noch niemand war

du du du immer du

besänftigst meine Seele

die unruhig umher fliegt

kein Ende finden kann keinen Halt

du du du immer du

raubst mir die Sinne

das Verlangen nach dir

zur Sucht wird

du du du immer du

bist mein

gestern

heute und mein morgen

was ich aber auch nie wieder hergeben möchte…

 

Was sollte das jetzt? Wer schrieb mir so einen Mist? Na ja Mist, konnte man es auch nicht nennen. Wenn man jemanden liebt, dann schreibt man so etwas… aber wer sollte ausgerechnet mir sowas schreiben?

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