Das 18. Türchen – eine Adventsgeschichte

Fabi ging zu Boden und bevor ich reagieren konnte, spürte ich schon einen dumpfen Schmerz im Rücken. Ich schlug um mich, ohne zu sehen, wen ich traf. Fabi lag immer noch auf dem Boden.

Einer dieser Arschlöcher trat Fabi ins Gesicht und in dem Moment rastete ich komplett aus, vergaß mich völlig. Ich sprang den Typen an und ging ihm an die Gurgel. Ohne Skrupel drosch ich auf ihn ein, immer wieder. Eigentlich rechnete ich damit, dass die anderen sich meiner annahmen, aber so war es nicht.

Aus dem Augenwinkel sah ich plötzlich meine Klassenkameraden, wie sie die anderen zurückhielten. Cosmo kam und zog mich von den Typen weg.

„Carsten hör auf, du bringst ihn um”, schrie Cosmo.

„Na und? Er hat Fabian ins Gesicht getreten.”

„Trotzdem…”

Mittlerweile hatte sich eine große Menge um uns gebildet. Ich kniete mich neben Fabi auf den Boden. Aus einer Wunde am Gesicht rann Blut und färbte den Schnee rot.

„Fabi, hörst du mich?”

Vorsichtig nahm ich seinen Kopf hoch und legte ihn auf meinen Schoss. Irgendjemand reichte mir ein Taschentuch, welches ich auf die Wunde drückte.

„Was ist denn hier los?”, hörte ich Fastricks Stimme.

„Die Tu… Typen haben Carsten und Fabian zusammen geschlagen”, hörte ich jemanden rufen.

Fastrick schien sich durch die Menge zu drängen, bis er bei Fabi und mir angekommen war.

„Was ist mit Fabian, Carsten?”, fragte er und kniete sich um uns.

„Jemand hat ihm ins Gesicht getreten”, sagte ich leise und spürte, wie sich langsam Tränen über meine Wangen bahnten.

„Könnte mal jemand die Polizei und einen Krankenwagen verständigen?”, rief Fastrick.

„Schon passiert.”

Das war Marcels Stimme. Cosmo und die anderen hatten die Schläger immer noch fest im Griff. Fastrick stand auf und baute sich vor ihnen auf.

„Ich weiß nicht, was euch geritten hat oder auf welchem Trip ihr seid, aber das hat ein Nachspiel.”

Es dauerte eine Weile, bis der Krankenwagen eintraf. Fabian war mittlerweile wieder zu sich gekommen und wimmerte vor Schmerzen.

„Der Krankenwagen ist gleich da, mein Engel halt mir bitte durch”, flüsterte ich leise.

„Das wird wieder”, sagte Gabriella neben mir und legte den Arm um mich.

*-*-*

Fabian

Mein Körper fühlte sich an, als hätte mich jemand durch die Mangel gedreht. Mein Gesicht brannte und in meinem Mund hatte ich den Geschmack von Blut.

„Kannst du mich hören?”, fragte jemand.

Ich öffnete etwas die Augen und sah verschwommen jemanden in heller Kleidung.

„Ja…”, sagte ich heiser.

„Soweit ich feststellen konnte, hast du keine inneren Verletzungen, aber jede Menge Schürfwunden. Und in deinem Gesicht ist eine Platzwunde, die wir vorerst geklammert haben.”

Ich war nicht fähig eine Antwort darauf zu geben und nickte nur.

„Deine Eltern haben wir verständigt, sie werden bald hier sein!”

Wieder nickte ich. Dann schienen die mich alleine zu lassen, ich hörte eine Tür. Erneut versuchte ich die Augen zu öffnen und ein Gesicht erschien vor mir.

„Ich bin bei dir…”, hörte ich Carstens Stimme.

Eigentlich hätte ich jetzt gerne gelächelt, aber da schon das sprechen so weh tat, ließ ich es sein.

„Der Fastrick ist zu deinen Eltern gefahren und holt sie.”

Ich nickte.

„Hast du arge Schmerzen?”, fragte Carsten besorgt.

„Es… geht… und du?”

„Nicht so schlimm, ich habe nicht so viel abbekommen.”

Ich wollte etwas darauf sagen, aber Carsten legte seine Hand sanft auf meinen Mund.

„Nicht sprechen Engel, versuch zu schlafen, ich bleibe bei dir.”

Carsten

Seit einer viertel Stunde waren Fabians Eltern da. Für mich ein Anlass mal schnell auf die Toilette zu verschwinden. Als ich wieder auf den Flur trat, fand ich mich plötzlich meinen eigenen Eltern gegenüber.

„Was macht ihr denn hier?”, fragte ich erstaunt.

„Was machen wir hier wohl. Die Schule hat angerufen, du wärst in eine Schlägerei verwickelt gewesen und ins Krankenhaus gekommen. Und…”, fing mein Vater an.

„Halt, das muss ich mal richtig stellen. Fabian und ich wurden niedergeschlagen, wobei Fabian einiges abgekriegt hat, ich mich aber wehren konnte. Wir haben nicht angefangen.”

„Fabian? Ist der auch hier?”

„Ja.”

„Und dir ist wirklich nichts passiert?”, fragte nun meine Mutter.

Sie hatte sich bis jetzt im Hintergrund gehalten. Vorsichtig trat sie an mich heran und schaute mich besorgt an. Ich verstand das jetzt nicht, warum sie sich vorher zurück gehalten hatte.

„Ein paar Prellungen und Schürfwunden…”, dann schaute ich zu Boden, weil ich spürte, wie es mir die Tränen in die Augen drückte, „Fabian haben sie ins Gesicht getreten.”

„Oh mein Gott, der arme Junge.”

„Seine Eltern sind bei ihm…”

Vater zog mich zu der Bank am Fenster und setzte sich neben mich.

„Carsten ich weiß, in der letzten Zeit haben wir uns nicht viel verstanden. Wir hatten viel Krach und unser Vertrauen in dich… na ja, war etwas eingeschränkt. Ich hoffe, das wird sich wieder ändern…”

Bevor ich etwas erwidern konnte, ging die Tür zu Fabians Zimmer auf und Fastrick trat heraus.

„Hallo Herr und Frau Kammerer”, sagte er und streckte seine Hand zur Begrüßung aus.

Meine Eltern erhoben sich und schüttelten ihm die Hand.

„Schade, dass wir uns unter solchen Umständen treffen, aber Ihrem Sohn geht es ja so weit gut.”

„Und Fabian?”

*-*-*

Fabian

Mum streichelte mir sanft durchs Haar. Ich sah an ihren Augen, dass sie geweint haben musste.

„Warum musste dir so etwas passieren?”, fragte sie.

„Ich hätte wohl… nicht so… abweisend sein dürfen.”

„Wieso abweisend.”

„Thomas’ Bruder Thorsten ist auch schwul, aber der tuckt so herum, ich mag so etwas nicht.”

„Deswegen muss man dich doch nicht gleich zusammenschlagen.”

„Ja, aber…”

„Nichts aber!”

Ich seufzte.

„Hast du Schmerzen?”

„Nein, wie kommst du da drauf, ich liege zum Vergnügen hier im Bett.”

Dad schaute mich komisch an.

„Sorry, ja ich habe Schmerzen, aber es geht.”

„Sollen wir die Schwester rufen?”, fragte Dad.

Ich schüttelte den Kopf. Die Tür ging auf und ein Mann im weißen Kittel kam herein.

„Hallo. Ich bin Rüdiger Frenchke und der zuständige Arzt.”

Er schüttelte Mum und Dad die Hand.

„Also laut der Röntgenaufnahmen hat Ihr Sohn definitiv keine inneren Verletzungen, aber wir würden ihn gerne noch eine Nacht auf Beobachtung hier behalten.”

Wenig später verabschieden sich meine Eltern, auch Dirk kam noch einmal herein, mit den Kammerers im Gefolge. Am Schluss saß nur noch Carsten an meinem Bett, als alle weg waren.

Er saß ruhig da und hielt meine Hand.

„Das nennt man wohl… keinen guten Start”, sagte ich leise.

„Was meinst du?”

„Der Beginn unserer Freundschaft.”

„Nur Freundschaft?”

„Du weißt, was ich meine.”

„Ja…”

*-*-*

Ich hatte wieder einmal eine schlechte Nacht gehabt. Carsten war noch bis spätabends da gewesen, bis ihn die Nachtschwester regelrecht rausgeworfen hatte. Nun lag ich alleine nach der Stippvisite da und langweilte mich.

Groß bewegen wollte ich mich nicht, da es nur unnötige Schmerzen verursachte. Da klopfte es an der Tür.

„Ja?”

Die Tür ging auf und Dirk kam herein.

„Hallo Fabian.”

„Hallo Dirk. Du hier? Ist wieder keine Schule?”

„Doch, aber ich habe zwei Freistunden. Wie geht es dir?”

„Wie soll es mir gehen, schau mich an.”

Dirk verzog etwas das Gesicht und reichte mir einen kleinen Umschlag.

„Deinem Gesicht nach zu urteilen nicht gut”, sprach ich weiter.

„Weißt du, dass ihr etwas ganz Großes losgetreten habt? Das ist noch von deiner Mum.”

„Was?”

„Seit gestern steht das Telefon im Sekretariat nicht mehr still und der Umschlag ist von deiner Mutter.”

„Warum das denn?”, fragte ich und öffnete den Umschlag.

„Wegen angeblicher, schwulenfeindlicher Übergriffe.”

Verwirrt schaute ich Dirk an.

„Anscheinend wurde zu Hause kräftig erzählt, was geschehen war.”

„Aber Thorsten und seine Leute sind doch auch schwul.”

„Nur Thorsten, die anderen stammten aus seinem Gothikverein. Die sind außer Thorsten jetzt auch alle in Haft.”

„Und was ist mit Thorsten?”

Ich zog einen Zettel aus dem Briefumschlag, dessen Papier mir bekannt vorkam.

Keine Erkenntnis im Leben geht tiefer,

als die Gegenwart des Geliebten.

Erneut klopfte es an der Tür.

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