Welcome to Australia – Teil 38

Das Licht ging aus und wir beiden zuckten zusammen.

„Ich mache eine Kerze an“, sagte ich, nach dem der Schreck nachgelassen hatte.

Das Streichholz entflammte und ich sah direkt in Timothys Augen. Ich war mir nicht sicher, ob ich all diese Gefühle, die mir dieser Blick zeigte auch richtig deuten konnte. Es war einfach zu viel passiert.

Nach einer Weile des Schweigens klopfte es an der Tür und wenig später stand Molly im Zimmer. Sie trug Henry auf dem Arm.

„Ist alles klar mit Henry“, fragte Timothy, stand auf und nahm den Pudel entgegen.

„Mum denkt, er trauert. Ist nur die Frage, ob es sich wieder legt, oder ob er daran… Sie hat ihm auf alle Fälle eine Aufbauspritze gegeben. Öhm… kann ich etwas bei euch bleiben?“

„Klar“, antwortete ich.

Molly setzte sich zu uns aufs Bett. Timothy kraulte gedankenverloren den Pudel. Immer wieder zuckten Blitze und der Donner ließ nicht lange auf sich warten.

„Heftig“, sagte ich.

Molly und Timothy nickten.

„Soll ich Musik…“, begann ich, doch da fiel mir ein, dass ich ja kein Strom hatte und ließ mein Gesicht hinter der Hand verschwinden.

Molly kicherte.

„Ja, da sieht man, wie sehr wir vom Strom abhängig sind.“

„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte Timothy plötzlich.

„Wie meinst du das?“, kam es von Molly.

„Ich meine, was wird jetzt. Gehen wir zur sogenannten Tagesordnung über, als wäre nie etwas geschehen, oder…?“

Timothy blickte auf und sah mich an. Ich zuckte mit den Schultern.

Erneut klopfte es an der Tür. Vielleicht sollte ich ein Bahnhofsschild an meine Tür hängen.

„Ja?“

Abby schaute herein.

„Timothy, du wirst wohl bei uns mitessen müssen. Bei dem starken Regen, denke ich nicht, dass dein Vater dich abholen kommt.“

Timothy nickte. Abby kam zu uns und setzte sich an meinen Schreibtisch.

„Ich weiß Timothy, dass ist alles nicht sehr einfach für dich. Dass mit deiner Mutter tut mir Leid…“

„Abby…, du musst das nicht sagen. Ich weiß meine Mutter war eine strenge und fiese Frau. Niemand konnte sie recht gut leiden…“

„… es tut mir aber wirklich Leid, denn niemand verdient es so zu sterben.“

Über Timothy Wangen kullerten Tränen.

„Es ist schwer Timothy, aber du musst versuchen nach vorne zu schauen. Du hast einen liebevollen Vater und bekommst noch eine Familie dazu. Du wirst sehen, wie schön es ist, zwei Bruder zu bekommen.“

Er wischte sich die Tränen weg und nickte.

„Und denke bitte nie, Linda will für dich die Mutterrolle übernehmen. Sehe sie als gute Freundin, jemand der dir hilft und da ist, wenn du sie brauchst.“

Wieder zuckte ein Blitz, aber der Donner schien dieses Mal ziemlich nah am Haus zu sein. Alle zogen wir die Köpfe ein. Sogar Henry fuhr zusammen.

„Boah war das laut“, meinte Molly.

Die Tür wurde aufgerissen und Bob kam herein.

„Die alte Eiche an der Einfahrt ist getroffen worden und brennt…“

Schon war er wieder verschwunden. Wir sprangen alle auf und folgten ihm. An der Haustür angekommen sahen wir das Desaster. Der Baum lag quer über der Einfahrt und brannte lichterloh.

Die Hunde bellten um die Wette, bis der nächste Blitz folgte und sie alle sich irgendeine Stelle auf der Veranda suchten und sich versteckten.

„Schade um den Baum…“, meinte ich.

Timothy lehnte leicht an mich und Molly lächelte mich an.

*-*-*

Vier Wochen später…

Es war schon komisch. Da wo noch vor Wochen das Haus der Johnsens stand, war jetzt nur noch eine große Sandfläche. Aber nicht nur hier, auch andere Häuser waren den Fluten indirekt zum Opfer gefallen.

„Kommst du?“, rief Molly.

Ich nickte und stieg wieder auf mein Rad.

„Lesley hat erzählt, dass Linda da Grundstück verkaufen konnte.“

„Gut“, meinte ich und radelte neben ihr her.

„Hast du Geschichte gelernt?“

„Versucht…, irgendwie stehe ich mit eurer Geschichte auf dem Kriegsfuß. Du könntest mich alles über Amerika abfragen…, aber Australien.“

„Was ist denn daran so schwer?“

„Einzig die Daten kann ich mir nicht merken. Da verwechsel ich noch zu viele, oder kann sie nicht zuordnen.“

„Wir werden sehen, was gefragt wird.“

Ich nickte. Wenig später kam auch schon die Schule in Sicht. Molly und ich schlossen unsere Räder ab und begaben uns zum Eingang der Schule.

„Nanu, wo sind die denn?“

Ich sah mich um und konnte Berry auch nicht entdecken.

„Vielleicht sind sie schon drinnen“, sagte ich und stellte meinen Rucksack auf den Boden.

Automatisch griff ich nach meinem Arm, wo noch vor Wochen die Wunde klaffte.

„Tut es weh?“, fragte Molly verwundert.

„Nein. Es ist immer nur ein komisches Gefühl, als wäre da etwas.“

Mehrere Wagen fuhren vor und weitere Schüler strömten auf das Schulgelände.

„Sollen wir hinein gehen?“, fragte Molly.

„Nein, als ich möchte noch etwas hier bleiben.“

„Gut, dann warte ich auch.“

Zuhai und Horaz kamen vom Fahrradständer.

„Morgen“, rief Molly.

Ein Morgen schallte zurück.

„Morgen“, meinte ich und entdeckte einen mir bekanntes Wagen an der Straße.

„Da sind sie“, gab ich von mir und lief dem Wagen entgegen.

Den Rucksack ließ ich bei Molly und den anderen. Lesley, Timothy und zum Schluss Berry verließen den Wagen. Wer am Steuer saß konnte ich nicht sehen, denn der Wagen setzte sich wieder in Bewegung.

„Hallo ihr“, rief ich und winkte.

Endlich erreichte ich die drei und wurde von Berry sofort in den Arm genommen. Doch mir fiel auf, dass die drei einen traurigen Eindruck machten.

„Morgen mein Schatz“, hauchte er und ein Kuss folgte.

„Morgen… „, gab ich zurück, „warum seid ihr so spät?“

Berry ließ mich los und gemeinsam folgten wir Timothy und Lesley.

„Wir haben heute Morgen Henry tot in seinem Körbchen gefunden.“

Betroffen schaute ich zu Timothy, der aber nichts sagte. Wenig später erreichten wir den Rest der Gruppe, der vor der Schule stand. Mittlerweile waren auch Nathaniel, Joshua und Horaz eingetroffen. Nichts erinnerte mehr an die Vorfälle des vergangenen Monats.

Er lief gleich zu Timothy und nahm in den Arm. Anscheinend wusste er schon Bescheid. Nathaniel humpelte zwar noch etwas, aber Timothy und ich hatten wieder uneingeschränkte Bewegungsfreiheit, sprich unsere Arme waren von Gips und Verbänden befreit.

Die übliche Begrüßung folgte, ohne dass jemand ein Wort über Henry verlor und gemeinsam betraten wir den Tempel des hohen Wissens.

„Sehen wir uns nachher?“, fragte Berry.

Da ich nicht in allen Kursen von Berry war, gab es mehre Schulstunden, die wir nicht zusammen hatte.

„Klar. In der Cafeteria…?“

„Weiß nicht ob ich das schaffe. Ich habe anschließend Training.“

„Dann lauf ich mit dir zur Sporthalle“, lächelte ich.

„Gut“, meinte Berry und stupste mich leicht an.

Moneypenny… Miss Culham kam auf uns zu.

„Guten Morgen“, sagte sie und reichte mir einen Zettel, dann lief sie ohne Worte weiter.

„Was war das jetzt?“, wollte Lesley wissen.

Ich lass den Zettel.

„Ich soll mich bei Steinhardt melden“, sagte ich und ließ den Zettel sinken.

„Warum?“, fragte Molly.

„Steht da nicht!“, meinte ich.

„Na dann, wir sehen uns später“, sagte Horaz und setzte sich wieder in Bewegung.

Allein gelassen, setzte ich mich in Bewegung. Trotz des Gongs waren immer noch genügend Schüler auf den Fluren. Am Rektorat angekommen, klopfte ich an der Tür, doch keine Antwort kam.

Da fiel mir ein, Moneypenny war in eine andere Richtung gelaufen und so konnte sie nicht vor mir hier sein. Vorsichtig zog ich die Tür auf und betrat Moneypennys heiligen Raum. Der Geruch von frischen Blumen strömte mir entgegen.

Den Schreibtisch fein säuberlich aufgeräumt und alles akkurat hingelegt. Das Fenster war gekippt und die Vorhänge wehten leicht im Wind, der von draußen herein kam. So genau hatte ich mir dieses Zimmer noch nie angeschaut.

Bilder hingen kaum welche an der Wand. Das typische Bild der Schule hing und zwei Portraits von Männern, deren Herkunft mir nichts sagte. Ich hörte Steinhardts Stimme durch die verschlossene Tür. Sollte ich einfach hier warten, oder gleich anklopfen?

Ich entschloss mich für letzteres, denn ich wusste ja nicht, wann er Zeit hatte oder Moneypenny zurück kam. Ich atmete tief durch und klopfte.

„Ja?“, hörte ich von drinnen und zog auch diese Tür auf.

Der Direx saß an seinem Schreibtisch und wie vermutet telefonierte er.

„Ja in Ordnung, dass werde ich bedenken… ich melde mich dann wieder“, sprach er in den Hörer und wies mich mit der Hand an, mich zu ihm zu setzten.

Er dagegen stand auf, redete ohne Unterlass weiter und schaute zum Fenster hinaus. Auch hier schaute ich mich im Zimmer genauer um. Ein dickes Bücherregal säumte die Wand neben der Tür.

Ich konnte einige Titel lesen. Neben irgendwelchen alten Schmökern, standen da pädagogische Teile, oder Lehrfaden. Steinhardt hatte keine Portraits an den Wänden hängen. Es waren durchweg Landschaftsbilder.

Einiges kannte ich sogar. Den See, an dem wir baden waren, oder der Fluss, den wir mit Bobs Wagen durchquerten. Die Szene mit dem Baumstamm kam mir wieder in den Sinn und irgendwie fühlte ich mich nicht mehr wohl.

Steinhardts Schreibtisch sah nicht so aufgeräumt auf. Mehrere Stapel von Papieren reduzierten den Platz zum Arbeiten erheblich. Ein kleiner Bilderrahmen stand rechts neben einem Monitor.

Sehen, was für ein Bild sich darauf befand, konnte ich es nicht. War da seine Familie drauf, hatte er überhaupt eine Familie. Der Direx drehte sich vom Fenster weg und kam zu mir an den Schreibtisch zurück.

„Nein, das machen wir nicht, dass hatten wir schon… du ich muss Schluss machen, ich habe hier einen Schüler sitzen… ja wir telefonieren wieder… ja du auch….bye.“

Er drückte das Gespräch weg und sah mich dann an. Ich wurde nervös.

„Okay. Du weißt, warum ich dich hier her bestellt habe?“

Ich schüttelte den Kopf. Er kramte in den Stapeln von Blättern, zog eins davon heraus und schaute kurz drüber.

„Gut…, das liest sich alles recht gut!“

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