Mit anderen Augen – Teil 10

„Tiger, hast du nichts vergessen?“

„Nicht, dass mir jetzt noch etwas einfällt. Die Anzüge und Fracks sind in dem großen Koffer, der zusammen mit dem kleinen direkt nach Mailand geht. Für München haben wir den mittleren Koffer und Max’ Rucksack. Aber du solltest doch noch einmal durch die Räume hier gehen.“

Das tat Andreas dann auch zusammen mit dem Zimmermädchen, welches ihnen beim Packen der Koffer behilflich war. Nein, Carsten hatte wirklich nichts vergessen. Im Bad hingen die hoteleigenen Bademäntel und gebrauchten Handtücher.
Im Schlafzimmer standen nur noch die Koffer und der Rucksack. Der Schrank war leer und auch zwischen den Türen befand sich nichts mehr. Im Tageszimmer sah es auch aufgeräumt aus.
Nein, die Jungs hatten ihre Sachen alle beisammen. Selbst Max trug ihr Führgeschirr schon. Andreas ging zum Telefon und rief die Rezeption an. Wenige Minuten später klopfte es an der Tür und der Page trat ein.
Andreas zeigte ihm, welche Koffer sie mitnehmen und welche durch den Kurier abgeholt werden. Der junge Mann nickte und verteilte die Gepäckstücke entsprechend auf seinem Kofferkuli.

„Das war es Carsten: Unser Aufenthalt in London. Wie schnell doch die Zeit wieder vorbei ist. Es kommt mir vor, als sei ich gestern hier erst angekommen.“

„Ja, der Aufenthalt war sicher nicht langweilig.“

„Was geschieht mit unserer Post?“

„Die wird direkt nach Mailand an die Adresse deine Großeltern gesandt. Du müsstest nur nachher noch einmal prüfen, ob die auch richtig ist. Und eventuell deinen Großeltern Bescheid geben, dass Post von uns ankommen könnte.“

„Mache ich Schatz. Wann geht unser Zug?“

„In einer dreiviertel Stunde von St. Pancras International. Wir haben wieder First Class.“

Gemeinsam verließen sie die Suite. Die Jungen nahmen die Treppe. An der Rezeption begrüßte sie Mr. Grand. Der Page stellte das Reisegepäck neben dem Schalter ab und nahm die restlichen Koffer mit.

„Danke, Mr. Grand. Haben sie die Rechnungen fertig?“

„Sofort Mr. von Feldbach. Wie abgesprochen werden ihre persönlichen Ausgaben gesondert berechnet. So, da haben wir erst einmal die allgemeine Hotelrechnung. Dürfte ich um ihre Kreditkarte bitten?“

„Bitte schön. Meine Mutter möchte gern eine Kopie für ihre Unterlagen.“

„Sehr wohl. Würden sie bitte mit ihrer PIN bestätigen? Hier ist das Terminal.“

Carsten gab an dem Ziffernblock eine Nummernfolge ein und wenige Augenblicke später ertönte ein kleines Signal. Carsten erhielt seine Karte zurück. Dann fragte der Concierge, ob die persönlichen Ausgaben zusammen addiert werden sollen. Carsten zögerte einen Moment.

„Ja, machen sie bitte eine Rechnung. Es wäre jetzt sowie so ein wenig schwer alles zu trennen, oder Carsten?“

„Bitte addieren sie alles zusammen, Mr. Grand.“

Mr. Grand nickte nur und es dauerte nicht lange, bis die Rechnung mit ihren persönlichen Ausgaben vorlag. Auch hier ließ es Andreas zu, dass Carsten bezahlte.
Nachdem die Rechnungen beglichen waren, lies der Concierge jeweils eine Kopie ausdrucken, machte einen Vermerk darauf, faltete diese fein säuberlich und steckte sie jeweils in die hoteleigenen Couverts.
Andreas nahm die beiden Couverts an sich und verstaute diese. Während er das tat, unterhielt sich Mr. Grand weiter förmlich mit ihnen.

„Ja, wir werden ihr Hotel in guten Erinnerungen behalten. Max hat sich hier wohl gefühlt und wir haben auch nichts zu beanstanden. Oder Andreas?“

„Nein, wir wurden immer zuvorkommend behandelt. Darf ich sie fragen, wann der Kurier unsere Koffer abholen wird?“

„Morgen während des vormittags. Die Adresse ist die Ihrige in Italien, Mailand? Würden sie bitte noch einmal nachsehen Mr. Zahradník?“

„Ja Mr. Grand, die Adresse ist korrekt. Danke.“

Mr. Grand gab einem Pagen im Hintergrund ein Zeichen und kam selbst hinter dem Tresen hervor. Gemeinsam begleitete er die Jungen zum Eingang, öffnete die Tür und sah Mr. Taylor mit dem Van vor dem Hotel warten.
Der Page folgte ihnen mit dem Reisegepäck. Am Van verstaute er die Sachen und erhielt von Andreas ein kleines Trinkgeld. Mr. Grand blieb am Eingang stehen und sah dem Treiben zu. Nachdem Mr. Taylor wieder eingestiegen war, ging auch der Concierge ins Hotel zurück.
Die Fahrt zum Bahnhof ging überwiegend schweigend vor sich. Die Jungen hingen ihren Gedanken nach. Dass sie bei den Angestellten einen guten Eindruck hinterlassen haben, zeigte sich schon zum Frühstück.
Henry servierte ihnen ein Breakfast, so dass manch einer der übrigen Hotelgäste neidisch zum Tisch der Jungen blickte. Der Petservice stellte für Max ein leicht bekömmliches Menü zusammen, das den Vorgaben entsprach.
Selbst Proviant für die Reise hatten sie für die charmante Hündin vorbereitet.Zum Abschluss überreichte ihnen Henry, im Namen der Angestellten, kleine Präsente. Carsten und Andreas hatten sich dafür bedankt.
Als der Wagen vor dem Bahnhof anhielt und der Chauffeur ihnen die Tür offen hielt, verabschiedeten und bedankten sich Carsten, Andreas und Max bei Mr. Taylor mit einem großzügigen Trinkgeld.
Dann trennten sich ihre Wege. Andreas dirigierte seinen Freund zum Schalter des Eurostars. Nachdem er die Tickets vorgelegt hatte, wurden sie zu ihren Plätzen begleitet. Der Koffer und der Rucksack wurden verstaut und die Jungen setzten sich. Max machte es sich neben Carsten unter dem Tisch bequem.

„Tja Carsten, London ist passé und nun geht es mit einem neuen Abenteuer weiter.“

„Stimmt, allein die Fahrt heute ist schon nicht ohne und ich bin wirklich einmal gespannt, wie Max diesen Stress übersteht.“

„Also bis jetzt scheint ihr das nicht sehr viel auszumachen. Aber wo wir schon einmal dabei sind, wie sieht die Route denn aus?“

„Wenn ich mich recht erinnere, geht es jetzt bis Paris. Dort wechseln wir wieder den Bahnhof, dafür haben wir dieses Mal nur eine dreiviertel Stunde. Dann weiter mit einem TGV nach München. Wenn du mir nachher meinen Rechner gibst, kann ich noch weiter ins Detail gehen.“

„Okay, später wenn der Zug fährt.“

Der Zug setzte sich langsam in Fahrt. Die Häuser zogen immer schneller am Fenster vorbei. Londons Zentrum hatten sie hinter sich gelassen. Max hatte zwischenzeitlich ihren Kopf auf Carstens Schoss gelegt und ließ sich von ihm kraulen.
Andreas sah aus dem Fenster, ohne die Bewegung wahr zu nehmen. Erst als der Zugchef ihre Tickets sehen wollte, reagierte er wieder auf seine Umwelt. Der Mann sah sich die beiden an und nickte kurz beim Prüfen der Billetts.
Bevor er ging, erwähnte er höflich, dass sie auf den Hund aufpassen sollten. Andreas sah es lediglich als einen Pflichtspruch des Personals an, als an einen wirklichen Hinweis. Denn er wusste, dass Max sich nicht von ihrem Platz entfernen würde.
Daher fragte er den Schaffner noch, wo er denn das Bistro finden konnte. Er wollte für sich noch einen Kaffee und für die Hündin eine Schüssel Wasser.

„Wenn sie wünschen, schicke ich ihnen einen Kellner.“

„Ja, das wäre sehr nett von ihnen und ich achte darauf, dass der Hund nichts anstellt.“

Der Zugchef lächelte und ging. Die Kellnerin kam prompt und nahm die Bestellung entgegen. Carsten hatte den Wunsch geäußert, neben Kaffee noch eine Kleinigkeit essen zu wollen. Die Kellnerin servierte ihnen und Andreas bezahlte. Dann stand er auf und holte Carstens kleinen Rechner hervor.

„So, wie war jetzt unsere Route genau?“

„Wie schon gesagt, jetzt erst bis Paris. Dann den Bahnhof wechseln. Ich würde vorschlagen, dass wir wieder gehen, damit Max sich noch lösen kann. Weiter geht es mit dem TGV um 15:24 Uhr nach München. Laut Fahrplan kommen wir gegen 21:36 Uhr am Hauptbahnhof in München an. Kommen deine Großeltern?“

„Ich weiß es nicht, wenn wir nachher in Deutschland sind, rufe ich sie mal an.“

„Die Route geht über Strasbourg, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und Augsburg…“

„So genau will ich es gar nicht wissen. Aber sollen wir noch im Zug essen?“

„Das wäre zu überlegen, deine Großmutter ist sicherlich nicht begeistert, spät abends zu kochen.“

„Nein, sie würde uns eher eine Pizza bestellen oder so. Also essen wir nachher im Zug.“

Carsten wollte noch etwas sagen, doch Andreas hatte recht. So spät wollte er auch nicht essen und rund zehn Stunden Bahnfahrt sind auch nicht ohne. Eine Stunde mehr schlafen würde ihnen sicherlich gut tun. Carsten schaltete seinen kleinen Computer aus und übergab ihn Andreas, der ihn wieder sicher verstaute.

„Tiger?“

„Ja, Schatz?“

„Mich beschäftigt da noch etwas von diesem Vorspiel Interview in der Royal Academy of Music. Da war eine Frage über die verschiedenen Mechaniken bei Klavieren…“

„Du meinst die Stosszungen- und Repetitionsmechanik?“

„Genau die. Also ich habe verstanden, dass die Stosszungenmechanik die direktere ist, aber wohl auch die langsamere. Auch, dass diese Technik kaum in heutigen Instrumenten zu finden ist. Woher konntest du dann aber mit den Unterschieden, und ich gehe davon aus, dass zum Beispiel der Anschlag anders ist, so gut umgehen? In deinem Umfeld gibt es doch nur die modernen Instrumente?“
„Du bist wirklich gut. Es gibt tatsächlich Unterschiede im Anschlag. Die Stosszunge bedarf eines stärkeren als die Repetitionsmechanik. Deine Beobachtungen treffen ebenfalls zu. Alle meine mechanischen Instrumente sind mit der modernen Technik ausgestattet. Aber das gilt nicht für mein Digitalpiano. Volker und ich haben nämlich auf dem Instrument verschiedene Instrumente und deren Spezifikationen programmiert. Die Grundeinstellung, beim Einschalten ist ein modernes Grand Piano. Daneben stehen mir insgesamt noch weitere zehn Flügel zur Verfügung. Verschiedene Marken aus verschiedenen Zeiten. Der Flügel aus der Royal Albert Hall war mir von seinen Eigenschaften nicht ganz unbekannt, aber dennoch: Die Digitaltechnik ersetzt nicht das reale Instrument.“

„Du bist ja pfiffig.“

„Ich denke, man muss die Technik für sich nutzen können Schatz.“

Carsten nahm seine Tasse und trank einen Schluck und aß das Sandwich. Zwischendurch wurde immer wieder einmal Max gekrault. Als sie durch den Tunnel fuhren, wusste Andreas jetzt mit dem Druckunterschied umzugehen.
Dann waren sie auch schon in Paris. Diesmal ging auch der Wechsel der beiden Bahnhöfe leicht von der Hand und Max nutze die Zeit, um sich zu lösen. Dann erreichten sie ihren Zug im Gare de l’Est.
Der Schaffner erwartete sie schon und führte sie zu ihrem Coupé. Andreas kannte ja schon, dass sie erste Klasse fuhren, doch wie Carstens Vater es angestellt hatte, ein ganzes Abteil für sie zu reservieren, war neu. Zumal der Zug gut frequentiert war.
Der TGV fuhr pünktlich los und bald schon erschien der Zugchef um ihre persönlichen Billets zu prüfen.

„Darf ich sie etwas fragen?“

„Nur zu, Monsieur Zahradník.“

„Warum haben wir ein ganzes Abteil für uns?“

„Weil ich es so angeordnet habe. Sehen sie, ich habe das Konzert von Monsieur von Feldbach gesehen und da sie unserer Gesellschaft den Vorzug geben, möchte ich, dass sie in Ruhe reisen können. Außerdem ist die erste Klasse selten ganz ausgebucht, so fällt es nicht schwer, diesen kleinen Salon für sie zu reservieren. Haben sie noch einen Wunsch?“

„Ja, eine Flasche Wasser für meinen Hund.“

„Kommt sofort.“

Der Schaffner gab ihnen die Tickets zurück und wünschte eine gute Reise. Ein junger Kellner brachte eine Flasche Wasser und eine Speisekarte. Andreas bedankte sich dafür, darüber hinaus bestellte er noch Kaffee und Kekse.
Der Kellner nickte und bestätigte die Order. Carsten holte währenddessen einen Reisenapf hervor und füllte das Wasser hinein. Andreas sah sich um, neben einem Sitz war genügend Platz und er stellte den Napf dort auf.
Jeder im Coupé konnte hören, das Max Durst hatte. Dann drehte sich die Hündin um, sah zu den beiden Jungs und entschied sich, bei Carsten ein Nickerchen zu machen. Auch Andreas steckte seine Füße aus, über seinem Buch schlief er ein und Carsten dachte nach und trank Kaffee.
Eine größere Anzahl von Weichen und die Geräuschkulisse eines Zuges, der schnell darüber hinweg fuhr, weckten Andreas. Etwas irritiert sah er sich um. Carsten saß noch immer am Tisch hinter seinem Notebook und las. Max hatte sich ganz unter die Bank verkrochen und schien fest zu schlafen. Dann sah er auf die Uhr. Gerade mal eine Stunde war vergangen, als sie Paris wieder verließen.

„Ist noch Kaffee da, Tiger?“

„Willkommen unter den Lebenden, Schatz. Nein, ich habe mir die letzte Tasse eingeschenkt. Möchtest du noch?“

„Ja, ich gehe mal. Etwas Bewegung täte mir jetzt sicherlich gut. Soll ich noch Kuchen oder so mitbringen?“

„Kekse wenn sie haben und kannst du Max mitnehmen, falls sie möchte.“

„Dein Mädchen schläft.“

„Sie langweilt sich momentan, eventuell kannst du ja mit ihr den Zug entlang gehen. Neue Eindrücke sammeln. Dann sollte es eine Zeitlang reichen. Ich bleibe und lese noch etwas über Beethoven.“

Andreas sagte dazu nichts. Als er aufstand, reckte sich die Hündin und sah ihn erwartungsvoll an. Andreas deutete das als eine Aufforderung zu einem Spaziergang. Also machte er ihre Leine am Geschirr fest. Gab seinem Freund noch einen Kuss und gemeinsam mit Max, verließ er das Coupé.
Die Hündin ließ Andreas nicht die Zeit schnell zu gehen. Andauernd steckte sie ihre Nase in Ecken und Nischen. Er fragte sich, wie Carsten es anstellte, dass Max bei ihm solche Schnuffeltouren vermeidet.
Ach was soll es. Max will Abwechslung und die soll sie haben. Die Passagiere sahen sich das an, wie ein Junge mit Hund langsam durch den Zug lief und lachten. Es sah ja so aus, dass der Hund den Jungen dirigierte und nicht umgekehrt.
Auf halbem Weg ging es durch den Versorgungswagen, der Kellner erkannte Andreas und grüßte freundlich. Andreas nahm die Gelegenheit wahr und bestellte den Nachschub an Kaffee und Keksen.
Dann setzten sie ihren Weg fort. Der TGV war gerade mal zweihundert Meter lang und Max schaffte es mit links, für beide Wege eine dreiviertel Stunde zu benötigen. Im Abteil ging sie erst wieder auf Carsten zu, der sie ausgiebig wuselte.

„So Max, das muss erst einmal reichen.“

„Da seid ihr ja wieder, der Kellner war schon da.“

„Du hast mir noch etwas übrig gelassen?“

„Sicher doch, bedien dich.“

Andreas ließ es sich nicht zweimal sagen und der Kaffee war noch sehr heiß. Er erzählte von dem, was sie auf dem Weg durch den Zug so erlebt haben. Carsten war sehr zufrieden und Max verkrümelte sich um die vielen neuen Gerüche zu verarbeiten.

„Du sagtest vorhin etwas von lesen über Beethoven oder so?“

„Ja, ich möchte noch etwas mehr über ihn im Zusammenhang zu diesem Konzert erfahren.“

„Es ist sein letztes komponiertes Klavierkonzert?“

„Ja. Es gibt noch das umgearbeitete Violinen Konzert zu einem Klavierkonzert.“

„Das war doch für Beethoven sicherlich einfach.“

„Das weiß ich nicht, ob es für Beethoven einfach war. Die Solostimme der Violine wurde zwar vom Klavier übernommen, doch hat Beethoven diese für das Klavier weiter auskomponiert. So wie ich es gelesen habe, entstand die Endfassung der Klavierversion etwa ein halbes Jahr bevor das Violinkonzert in der heute bekannten Version fertig gestellt wurde. Der Knabe war ein Perfektionist und im Grunde ist es ein eigenständiges Werk und auch unter dem Namen 6. Klavierkonzert bekannt. Bezweifelt wird zwar, dass Beethoven es selbst transkribiert hat, aber das wäre mir egal. Mir gefällt es so wie es ist. Obendrein gibt es noch ein Klavierkonzert in Es Dur WoO 4 aus dem Jahr 1784. Ein Jugendwerk des vierzehnjährigen Beethoven, was den äußerst sinnigen Namen „nulltest Klavierkonzert“ erhielt.“

„Und du beschäftigst dich mit Beethoven zur Zeit der Entstehung des fünften Klavierkonzertes?“

„Ja!“

„Wozu?“

„Damit ich die Komposition besser verstehe.“

„Ist das jetzt nicht ein wenig übertrieben? Du bist erst siebzehn und hast noch keine Komposition studiert.“

„Irgendwo hast du recht. Ich habe in London gemerkt, dass ich mich schwer vom Brahms lösen kann. Der haut mir oft dazwischen. Ich habe mir gedacht, dass wenn ich mich intensiv mit Beethoven beschäftige, ich den Brahms vergessen kann.“

„Aber du glaubst selbst nicht daran? Schließ ich jetzt aus deinen Worten. Dann verrate mir doch einmal, was dein roter Faden für das 5. Klavierkonzert in Es Dur ist?“

„Ich habe keinen, das ist es ja. Der Monet passte für den Brahms, aber Beethoven: Nothing!“

„Dann pack jetzt einmal alles weg und genieße die Fahrt. Ich verordne dir Spielverbot während des Aufenthalts in München. Wir haben eh kein Instrument, auf dem du spielen könntest. Und wir gehen die Sache gemeinsam an, sollte doch gelacht sein, wenn wir deinen roten Faden nicht wiederfinden. Kannst du damit leben?“

„Du bist echt streng mit mir, Schatz.“

„Darf ich das als dein Okay auffassen?“

„Ja.“

„Gut und was nun?“

„Jetzt wo wir schon Kaffee und Kekse haben, machen wir ein Kaffeekränzchen: Erzähl mir von deinen Großeltern und München.“

„Gerne. Babi und Děda sind nach München gezogen, als Papa sein Studium dort begonnen hatte. Dort sind sie dann geblieben. Als Papa geheiratet hatte, haben sie ihre Wohnung renoviert. Papa hatte gefragt, warum sie das täten und Děda sagte aus der Hüfte heraus, dass sie das Zimmer für ihre Fitnessgeräte gebrauchen.“

„Cool.“

„Ja und meine Eltern haben ihnen geholfen wo sie nur konnten. Děda und Babi haben ihnen auch geholfen ihr Geschäft aufzubauen. Jedenfalls wohnen sie noch immer da.“

„Haben die den Fitnessraum noch?“

„Den hatten sie nie, Papas Zimmer haben sie nie verändert. Es war sein Raum und später dann meiner. Ich habe Babi irgendwann gebeten das Zimmer renovieren zu dürfen. Das haben wir gemeinsam gemacht. Sie waren Mitte Fünfzig, als das mit dem Unfall passierte. Babi hatte schon die ersten Anzeichen von Rheuma. Aber sie hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Beide haben sich in den Vorruhestand versetzen lassen. Zwar gab es Abschläge in der Rente, doch sie hatten gut vorgesorgt. Erst als ich auf dem Gymnasium war, bekam ich öfters mit, dass Babis Krankheit ihr nun doch immer mehr zu schaffen machte. Also nahm ich ihnen Arbeit ab.“

„Wie ist das heute, wie verläuft ihr Tag?“

„Morgens wachen sie meist gemeinsam auf. Da Babi aber mehr Zeit benötigt auf Touren zu kommen, bleibt sie einfach noch länger liegen. Děa macht sich dann schon mal frisch und läuft zum Bäcker und bringt die Zeitung mit. Gefrühstückt wird gemeinsam, es artet auch schon einmal in einen Brunch bis Mittags aus. Aber im Normalfall gehen sie ihrem Bewegungsdrang nach. Děda macht einen Spaziergang oder sitzt bei schlechtem Wetter auf seinem Hometrainer. Babi geht regelmäßig schwimmen.“

„Wow, das wäre auch etwas für mich. Der Hotelpool war ja schön, doch etwas klein für ordentliche Bahnen.“

„Frag Babi, ob sie dich mitnimmt. Das Schwimmbad hat eine Wettkampfbahn, also soll diese dir wohl entgegenkommen.“

„Deine Großmutter schwimmt die gesamte Länge?“

„Na nicht mehr wie eine junge Forelle, aber immerhin schafft sie noch ihre 1000 Meter. Děda hat in dieser Hinsicht mit Wasser nicht allzu viel am Hut. Aber er geht gerne an die Isar oder in einen der vielen Parkanlagen. Nachmittags legen sie sich schon mal für eine Stunde oder so hin. Ihren Tee trinken, sie gemeinsam.“

„Wie halten sie es mit Musik und Kultur?“

„Musikalisch geht bei ihnen alles. Von Volksmusik bis Oper. Selbst Popmusik schreckt sie nicht ab. Sie lesen beide gern, Zeitung, Bücher ect. Nur mit dem Fernsehen haben sie es nicht so.“

„Aha und wie läuft das während unseres Aufenthalts?“

„So wie ich Děda verstanden habe, gibt es nur drei Vorhaben: Einen Biergarten, der Olympiapark und eine Kulturstätte, entweder das Prinzregenten Theater oder die Münchener Residenz.“

„Die Residenz ist doch Deutschlands größtes Innenstadt Schloss?“

„Ja. Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts war an der Stelle eine Art Fluchtburg der residierenden Herzöge. Erst ab Herzog Wilhelm IV. wurde die Veste in ein Schloss verwandelt und bis Ludwig III. von Bayern von den Herzögen, Königen und Prinzregenten Bayerns in die noch heutige Form gebracht.“

„Das wäre sicherlich Interessant im Vergleich zum Schloss Sans Souci vom alten Fritz. Preußen zu Bayern.“

„Du solltest doch aus den Geschichtsstunden in der Schule gelernt haben, dass es sich durchaus nicht miteinander vergleichen lässt. Selbst wenn man noch den sächsischen Hofstaat dazwischen nehmen würde. Dafür sind doch letztendlich die kulturellen Entwicklungen zu unterschiedlich.“

„Du hast sicherlich recht, aber es würde mich dennoch mehr interessieren als das Theater.“

„Ist gebongt. Děda freut sich schon, dir seine Stadt näher zu bringen. Das war alles was geplant ist. Děda ist der Meinung, dass ein wenig Müßiggang uns besser täte als die drei Tage mit Attraktionen voll zu stopfen. Dem kann ich nur zustimmen.“

„Ich denke ihr habt recht. Wo sind wir jetzt eigentlich?“

„Laut dem Fahrplan an der Grenze, nächste Station wäre Karlsruhe. Du denkst wir sollten mal langsam ans Essen denken?“

„Zum Beispiel, was haben die denn gutes?“

„Warte mal, also komplette Menüs haben die nicht. Wie wäre es mit einer Suppe, gefolgt von Hacksteak und Salat?“

„Hört sich gut an. Dann lass uns das mal in Angriff nehmen nach dem nächsten Stopp.“

Andreas tat wie ihm geheißen. Es war Fertigessen aus der Mikrowelle, nicht unbedingt herausragend im Geschmack, dafür aber reichlich. Max bekam ebenfalls ihre Ration, die sie genüsslich verschlang.
Nach dem Essen hatte Carsten ein Bedürfnis und ging mit Max hinaus. Auf dem Gang traf er den Schaffner und unterhielt sich mit ihm. Andreas nutze die Zeit, um mit seinen Großeltern zu telefonieren.

„Ahoj Babi, wie geht es euch? Děda nicht da?“…

„Ich verstehe, er ist noch unterwegs….“

„Wann wir ankommen? Laut Fahrplan um 21:36 Uhr, ist der TGV aus Paris…“

„Děda kommt uns abholen? Gut, sag ihm, dass wir ein Taxi nehmen, das geht schneller als die Tram… Ob wir noch essen wollen?…“

„Nein, wir haben schon gegessen, das wird uns doch sonst etwas zu spät. Zug hin oder her, die Fahrt schlaucht. Carsten ist gerade zur Toilette…“

„Das mache ich Babi. Ahoj.“

Andreas sah sich noch eine Weile das langsam verlöschende Display an. Erst mit Carstens eintreten wurde er wieder aktiv. Dieser informierte Andreas über das Gespräch mit dem Schaffner.

„Schatz, ich habe vom Zugchef erfahren, dass wir einen längeren Aufenthalt in Ulm haben.“

„Gut und was habe ich davon?“

„Einen Spaziergang mit Max. Ich möchte dich bitten mit Max vor den Bahnhof zu gehen. Der Zug wird auf dich warten. Ich würde es ja selbst machen, doch dafür reichen die zehn Minuten nicht aus.“

„Na wenn du das organisiert hast, wird es schon schief gehen. Gehst du in München dann noch einmal mit ihr Gassi?“

„Ja. Hattest du schon deine Großeltern angerufen?“

„Ich soll dir Grüße von Babi ausrichten und Děda kommt uns abholen. Ich habe gesagt, dass er ein Taxi nehmen soll, die Tram braucht so lange.“

„Okay, keine Einwände. Max wird sicherlich nicht die einzige sein, die sich auf etwas mehr Schlaf freut.“

„Du glaubst allen Ernstes, du wirst heute Nacht mehr schlafen können? Und wenn ich dich nicht lasse?“

„Dann gehst du eben mit Max um sieben Uhr Gassi…“

„Du machst jetzt einen Joke?“

„Nicht im Geringsten, Schatz.“

Okay, Carsten musste sich schon zusammen nehmen um nicht zu lachen. Aber Andreas entsetzter Eindruck, morgens um sieben Uhr – zu nachtschlafender Zeit für Jugendliche – mit einen Golden Retriever Gassi zu gehen, wollte er mit ruhigem Gewissen ausnutzen.

„Gut, gut. Ich lasse dich schlafen.“

„Naja, gegen Kuscheln mit dir habe ich nichts einzuwenden… ach Andreas, Schatz?“

„Ja, was noch?“

„Du weißt aber schon noch, dass ich doch aus dem Bett werfe wenn es Gassi Zeit ist? München ist ein unbekanntes Terrain.“

„Es gibt keine Chance, dass Max länger still hält?“

„Ihre Zeit ist zwischen sieben und acht, daran geht kein Weg vorbei. Aber wenn du länger schlafen willst: Dein Großvater hat gegen einen kleinen morgendlichen Spaziergang sicherlich nichts einzuwenden.“

Ihre Unterhaltung wurde durch die Ansage unterbrochen, dass sie den Hauptbahnhof Ulm erreichten und der Aufenthalt länger dauern würde. Andreas schnappte sich Max’ Leine und machte sich auf.
Bevor er den Zug verließ, meldete er sich beim Schaffner ab, der über dieses Unterfangen schon unterrichtet war. Andreas sah sich kurz um und ging zügig mit Max von dannen.
Carsten hatte sich gerade noch eine Tasse Kaffee eingeschenkt, als sein Handy eine bekannte Melodie von sich gab.

„Hallo Papa, wie geht es euch?“…

„Hört sich doch alles gut an. Ercan hat sich an den Gips gewöhnt?…“

„Ah, Hartschalen anstelle eines Gipsverbandes. Ansonsten ist er wohl auf und macht schon wieder Unsinn. Lausebengel. Andrea auch schon aus den Ferien zurück?“…

„Wir? Sind jetzt im Ulmer Bahnhof, Andreas ist mit Max vor der Tür. Der Zug hat hier einen längeren Aufenthalt. In München treffen wir kurz nach halb Zehn ein. Andreas hat mir für die nächsten Tage Klavier-Spielverbot erteilt.“…

„Nein, sie haben kein Instrument. Im Grunde kommt es mir entgegen. Ich kann mich zur Zeit nur schwer auf das nächste Konzert konzentrieren. Ich hoffe dann in Mailand besser in Form zu sein. Wann fahrt ihr los?“…

„Ach so, dann macht ihr in Österreich einen Tag Pause. Dann treffen wir fast zur gleichen Zeit ein. Wir kommen irgendwann am Donnerstagvormittag in Italien an. Nein, Andreas’ Großeltern fliegen von München aus, sie treffen vor uns ein. Darf ich dich um einen kleinen Gefallen bitten?“…

„Gut, guck doch mal auf dem Flügel oder in der Klavierbank, da sollten Noten liegen und zwar die Sonate für zwei Klaviere in D-Dur KV 448 von Wolfgang Amadeus Mozart. Im Einband steht Andreas’ Name“…

„Du findest sie nicht? Dann könnten sie auch auf meinem Zimmer sein. Wenn du sie findest, bring sie bitte mit. Es handelt sich dabei um Mozarts Werk mit einem Arrangement von Andreas’ Mutter. Ich denke, wir sollten sie mal Andreas’ Großeltern vorspielen.“

„Danke Papa. Nein, das war es schon. Grüß alle von uns beiden, bis Donnerstag.“

Carsten hörte noch den Ton, dass die Verbindung beendet wurde. Er steckte das Telefon wieder ein. Danach griff er sich ans Handgelenk und las die Zeit ab. Die zehn Minuten waren um. Gerade als der Zug mit einem kleinen Ruck anfuhr, öffnete sich die Tür.

„So wir sind wieder zurück, Max hat beides gemacht.“

„Das freut mich, einen schönen Gruß von Papa soll ich dir ausrichten.“

„Danke, wann treffen sie in Milano ein?“

„Er wusste es nicht genau, Mittwoch oder Donnerstag. Mama möchte eventuell einen Tag Pause in Österreich einlegen. Also ich lasse mich überraschen. Ich habe ihn gebeten, die Noten von der Mozart Sonate mitzubringen.“

„Was willst du damit?“

„Deinen Großeltern vorspielen, ich glaube sie haben es noch nicht im Zusammenhang gehört.“

„Aber wir haben nur ein Instrument.“

„Höre ich da etwa Angst heraus? Nein, es lässt sich schon ein zweites Instrument auftreiben, ggf. spielen wir ihnen es in der Scala vor. Ich denke es ist eine schöne Geste, das Andenken an deine Eltern aufrecht zu halten.“

„Ein schöneres Geschenk könnten wir ihnen wirklich nicht machen. Aber ob ich das noch einmal so hinbekomme?“

„Red keinen Unsinn. Du bist gut.“

Andreas sah sich Carsten an. Nein, einen Zweifel ließ er nicht aufkommen. Er kannte ihn recht gut und mit seiner Hilfe, bekommt er – Andreas – das auch hin.

*-*-*

München

Der TGV fuhr pünktlich in den Hauptbahnhof ein. Die Jungen warteten, bis die Passagiere der ersten Klasse ausgestiegen waren. Andreas ging als erster, nahm Koffer und Rucksack an sich und machte etwas Platz.
Dann stieg Max aus und blockierte wie üblich den Weg vor der Tür und dann folgte Carsten. Er orientierte sich an den Griffen und Andreas sagte ihm, dass die letzte Stufe mit der Bahnsteigkante abschloss. Dann nahm Carsten wieder den Rucksack.
Andreas sah seinen Großvater und winkte ihm. Sie gingen aufeinander zu. Erst wurde Andreas und danach Carsten und Max begrüßt.

„Ihr seid wirklich pünktlich Jungs. Wie war die Fahrt?“

„Děda lang, sehr lang. Wenn wir jetzt nicht so weit weg wohnen würden, hätte ich vorgeschlagen, den Weg zu Fuß zu gehen.“

„Habt ihr schon gegessen? Sonst hat dieser Schnellimbiss noch auf!“

„Haben wir Děda.“

„Gut, dann kommt mal.“

Jetzt waren die Jungs doch etwas überrascht, wie eilig der Mann es hatte. Andreas sah das etwas irritierte Gesicht seines Freundes.

„Was ist?“

„Ich wundere mich gerade wie eilig es dein Großvater auf einmal hat.“

„Wirklich? Es zieht wie Hechtsuppe, der Bahnsteig sieht dreckig aus. Die Beleuchtung lädt auch nicht zum verweilen ein. Ich würde hier auch keine Minute länger bleiben als nötig.“

„Okay, Max scheint es genauso zu empfinden, sie will auch hier weg.“

Andreas’ Großvater dirigierte die Gruppe zu einem abseits stehenden großen Taxi. Der Fahrer kam ihnen entgegen und half Andreas beim Gepäck. Er verstaute alles sicher und half Andreas’ Großvater beim Einsteigen.
Nachdem alle saßen, ging es zügig los. Andreas wunderte sich etwas, wie der Fahrer ohne Adresse einfach losfuhr.

„Das sind also dein Enkel und sein Freund, der bekannte Pianist, Karel?“

„Ja Joseph, der mit dem Hund ist Carsten von Feldbach. Meinen Enkel sitzt neben ihm und zwischen den beiden das ist Max. Jungs unser Fahrer ist Joseph. Mit ihm spiele ich im Park regelmäßig Schach. Schön, dass du Zeit für uns hast.“

„Karel, heute war nicht besonders viel los. Mit ein paar guten Touren zum Flughafen und dem Stadtzentrum habe ich einen guten Verdienst gemacht. Antonia wird sich freuen, wenn ich heute früher nach Hause komme. Ihr seid meine letzte Fahrt.“

Während der weiteren Fahrt redeten die beiden älteren Herren und die Jungen schwiegen. Die Fahrt dauerte auch eine Weile, doch wenn Andreas sagte, dass es mit einem Taxi schneller ging, dann wohnten sie schon nicht mehr im Münchener Zentrum.
Das Taxi verlangsamte die Fahrt und hielt vor einem Mietshaus an. Wie schon am Bahnhof half Joseph Andreas’ Großvater beim Aussteigen. Dann holte er das Gepäck, wünsche allen einen guten Abend und fuhr wieder davon.
Andreas nahm den Koffer und Carsten den Rucksack. Andreas’ Großvater ging ihnen voraus. Sie nahmen den Fahrstuhl. Max setzte sich wie gewohnt neben ihrem Herrchen ab und stand erst wieder auf, nachdem sich die Lifttür geöffnet hatte.
Noch bevor die Wohnungstür aufgeschlossen wurde, öffnete sie sich.

„Da seid ihr ja schon. Kommt herein. Willkommen in München. Ihr seht gut aus Jungs.“

„Ahoj Babi, schön wieder hier zu sein.“

„Ahoj Pani Zahradníkova.“

„Er kann es noch.“

„Ja, aber bevor wir es uns jetzt gemütlich machen, möchte ich mit Max ihre letzte Gassirunde machen.“

„Andreas du gehst mit. Das Gepäck lasst ihr hier stehen, darum könnt ihr euch später kümmern.“

Andreas nahm seinen alten Hausschlüssel vom Brett und verließ mit Carsten und Max die Wohnung. Keine Viertelstunde später waren sie wieder zurück. Carsten zog Max das Geschirr und das Halsband aus.
Andreas nahm den Rucksack und das Gepäck mit in sein Zimmer. Dort legte er die Hundedecke für Max aus. Es dauerte nicht sehr lange, bis Max es sich darauf gemütlich gemacht hatte.
„Hm, Carsten… jetzt wo wir schon mal in meinem Zimmer sind. Du stehst mit dem Rücken zum Bett. Die Tür befindet sich jetzt links von dir und geht nach rechts auf. Dahinter steht der Kleiderschrank. Dir gegenüber befindet sich eine Regalwand. Zwei Meter breit und dreißig Zentimeter tief. Der Schreibtisch befindet sich rechts davon, also von dir aus auf drei Uhr. Dort ist auch ein Fenster. Max’ Decke liegt ebenfalls rechts davon, in eineinhalb Meter Abstand zum Bett.“

„Soweit ganz gut, Andreas. Tisch und Stühle hast du keine?“

„Nein, dazu ist das Zimmer zu klein. Aber ich habe links vom Bett einen Hocker, darauf kannst du deine Sachen legen.“

„Gut, wie ist es mit der Wohnung an sich?“

„Gehst du aus der Tür, befindet sich gegenüber das Schlafzimmer meiner Großeltern. Zum Bad geht es rechts den Korridor entlang. Dort gibt es nur die eine Tür. Küche und Wohnzimmer sind links herum. Das Wohnzimmer ist auf der anderen Seite neben dem Zimmer meiner Großeltern. Die Küche am Ende des Flures. Der Wohnungseingang ist die letzte Tür auf der linken Seite. Zwischen meinem Zimmer und dem Eingang haben wir noch einen Abstellraum. Die Tür ist schmaler als die anderen.“

„Gut, ich denke ich habe das soweit verstanden, dann werde ich jetzt einmal euer Bad aufsuchen, der viele Kaffee will wieder heraus.“

„Gut, du findest uns dann in der Küche.“

Die Jungs verließen das Zimmer. Andreas lehnte die Tür an, falls Max doch Gesellschaft wünscht kann sie hinaus. In der Küche saß seine Oma am Tisch und sein Opa stand am Herd und goss frischen Tee auf.

„Alles okay, du siehst müde aus?“

„Ja, die Fahrt hat doch geschlaucht. Haben wir noch etwas zum Knabbern?“

„Sie mal im Schrank nach. Da steht auch einiges für Max’ Futter. Herr von Feldbach war so freundlich, uns einige Zutaten zu nennen. Aber dieses Pansenzeug nee, das war dann doch zu viel… komm Carsten, setz dich zu uns.“

„Das ist auch etwas Besonderes für Max. Pansen hat ja einen strengen Geruch. Ich gebe ihr hin und wieder frischen, wenn unser Dorfmetzger welchen da hat. Oder Papa es anordnet.“

„Ist das denn auch Medizin?“

„In gewisser Weise ja. Pansen enthält im angedauten Grünfutter viele Bakterien, die sowohl den pH-Wert im Magen regulieren als auch die Verdauung an sich positiv beeinflussen. Aber wie überall bei der Ernährung gilt, nur zu viel davon ist auch nicht gut für Max.“

„Siehst du Karel, wieder etwas dazugelernt. Jedenfalls kann dir Andreas beim Futter machen helfen.“

„Möchte jemand Tee oder etwas anderes von euch Jungs?“

„Ein kleines Bier wäre mir jetzt lieber.“

„Andreas wo du schon stehst, sieh doch bitte mal im Kühlschrank nach.“

Andreas grinste seine Babi an. Er entnahm dem Kühlschrank eine Flasche und stellte diese neben zwei Gläsern auf den Tisch. Dazu noch eine Schale mit Kartoffelchips und für seine Großeltern noch ihre Cookies.
In gemütlicher Runde erzählten sie ein wenig von der Fahrt im Zug. Dennoch machten sie nicht mehr allzu lange.

*-*-*
„Andreas Schatz, aufstehen.“

„Hä? Was ist los? Bin doch gerade erst ins Bett.“

„Das ist auch schon wieder Stunden her. Max will raus und hat uns gnädiger weise schon etwas länger schlafen lassen.“

„Tiger?“

„Ja, Schatz?“

„Bekomme ich heute keinen guten Morgen Kuss?“

„Beschleunigt das deine Aktivitäten?“

„Ja……“

Andreas kam nicht mehr dazu, mehr zu sagen, weil Carsten seine Lippen auf die seinigen drückte. Mit dieser Leidenschaft hatte Andreas nicht gerechnet und auch andere Körperregionen wurden bei ihm munter.
So die Lebensgeister auf Touren gebracht, verschwanden die Jungs später im Bad und machten sich frisch für den Tag. Zurück im Zimmer reichte Andreas Carsten sein Tagesoutfit aus dem Koffer.
Die gebrauchte Kleidung warf er in seinen Wäschekorb. Carsten zog Max das Geschirr und Halsband an. Danach gingen sie in die Küche, Andreas wollte eine Notiz für seine Großeltern schreiben, doch das war nicht nötig.
Auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem geschrieben stand, dass Andreas doch bitte beim Bäcker ihre Bestellung abholen sollte und auf dem Rückweg die Tagespresse am Kiosk.

„Hm, Darling? Ich denke wir sollten jetzt schon eine größere Runde mit Max laufen.“

„Kein Problem, meine Großeltern sind auch noch nicht auf, zumindest habe ich sie noch nicht gehört. Wir sollen zum Bäcker gehen und ihre Backwaren und auf dem Rückweg Dědas Zeitung mitbringen. Dauert in etwa 45 Minuten, wäre das genug?“

„Hört sich vernünftig an. Dann nehme ich noch Max’ Frisbee mit und sie kann sich austoben.“

Andreas schrieb auf Tschechisch ein guten Morgen unter den Zettel und dass sie unterwegs seien. Dann schnappte er sich wieder seinen Hausschlüssel und eine Tragetasche. Das Wetter war warm und der Betrieb auf der Straße hörte sich ruhig an.
Andreas orientierte sich und lenkte sie dann zu einer freien Grünfläche, wo Max ihre Geschäfte erledigen konnte. Nachdem Andreas den Haufen wieder beseitigt hatte, wurde erst einmal ausgiebig gespielt.
An einem öffentlichen Brunnen mit einem kleinen Wasserspeier wusch er sich seine Hände und Max schlabberte etwas. Dann ging es weiter zum Bäcker. Andreas fragte, ob Carsten mit hinein kommen wollte, doch der lehnte ab.
Mit Max wartet er vor der Tür und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen der Morgensonne. Es dauerte bis Andreas wieder erschien.

„Sag mal, mussten die erst noch alles backen?“

„Nein, der Kunde vor mir wusste nicht, was er haben wollte und als ich an der Reihe war, wollte die Verkäuferin mir unsere Sachen nicht geben, weil sie mich nicht kannte. Erst als die Bäckersfrau auf der Bildfläche erschien ging es flotter.“

„Ist das noch eine richtige Bäckerei oder schon so ein Backshop?“

„Eine richtige Bäckerei mit Backstube und allem was dazu gehört. Schon in der dritten Generation und es steht auch schon ein Nachfolger der vierten Generation in den Startlöchern.“

„Lohnt sich denn das noch, bei all der Konkurrenz?“

„Ja, die backen auch spezielle Sachen, glutenfreies Brot, Diätbrot, Diabetikerbrot und so weiter. Da die Mengen nicht sehr groß sind, lohnt sich das für die Shops nicht. Dann beliefert er auch den Supermarkt des Viertels mit dem allgemeinen Backzeug zum Aufbacken im Markt. Hat einen zuverlässigen Brötchen Lieferservice. Ist zwar alles etwas teurer, aber dafür umso frischer. Und das mögen die Menschen hier im Viertel.“

„Hmm.“

„Wir gehen jetzt über einen anderen Weg zurück, wir brauchen ja noch die Zeitung. Was möchtest du heute Vormittag machen?“

„Gilt das Angebot noch mit dem Schwimmen?“

„Da fragen wir am besten Babi nachher. Sie kennt sich da besser aus. Ich gehe dann mit Děda und Max spazieren. Ich glaube nicht, dass Hunde in dem Bad erlaubt sind.“

„Normalerweise nicht, das stimmt. Dass ich sie zu meinem Training ins Bad der Kreisstadt mitnehmen darf, habe ich dem Umstand zu verdanken, dass der Bademeister selbst einen Hund hat. Er passt auf Max auf, wenn ich meine Bahnen ziehe.“

„Warte einmal, ich gehe eben über die Straße zum Kiosk. Bin gleich zurück.“

Andreas ließ Carsten und Max stehen. Der schüttelte nur seinen Kopf und die Retrieverhündin setzte sich neben ihm ab. Es dauert doch etwas, bis Andreas zurück war.

„Schwätzer dieser Kioskbesitzer. Der macht aus jeder Mücke einen Elefanten. Sorry, dass du warten musstest.“

„Nicht tragisch, wir haben ja Zeit. Nur wäre es schön gewesen, wenn du mich nicht mitten auf dem Gehweg hättest stehen gelassen.“

„Du stehst nicht mitten auf dem Gehweg, Schatz. Neben dir steht eine Parkbank, du hättest dich auch setzten können. Nur weil ich euch ein wenig dirigiere, heißt es noch lange nicht, dass du nicht auch selbstständig sein darfst.“

„Okay, der Punkt geht an dich. Hast du jetzt alles?“

„Ja, wir können weiter. Babi und Děda warten sicherlich schon auf uns.“

Carsten grinste den ganzen Rückweg. Andreas führte ihn vor und machte kein Geheimnis daraus, dass er zwar blind war, aber eben nicht hilflos. Daher entschied er, sich bei Andreas einzuhängen und Max laufen zu lassen.
Andreas’ Großeltern waren gerade fertig, als Andreas den Hausschlüssel in die Tür steckte. In der Küche war nur sein Großvater, der am Herd stand und Tee kochte. Andreas stellte die Tasche mit den Backwaren auf der Anrichte ab und legte die Zeitung daneben.

„Ahoj Děda. Seid ihr schon lange auf?“

„Ahoj Andreas, nein eine halbe Stunde vielleicht. Veronika braucht noch etwas, sie schüttelt unsere Betten auf. Möchtest du mit Carsten das Futter zubereiten?“

„Ahoj Herr Zahradník, das wäre sicherlich besser, dann ist Max auch ruhig.“

„Gut. Andreas die Zutaten stehe unten im Schrank. Hilf ihm.“

Andreas nannte Carsten die einzelnen Produkte und Carsten sagte, was er davon in welchen Mengen haben wollte. Zuletzt nahm Carsten einen Löffel, rührte alles noch einmal um und füllte es in Max’ Reisenapf.
Andreas stellte diesen neben dem Wassernapf auf. Jetzt sah Karel wie gehorsam Max sein konnte. Sie rührte das Futter nicht eher an, bis Carsten das Kommando sagte. Dann aber sah Andreas’ Großvater, wie Max kurzen Prozess damit machte.
Andreas räumte die Sachen wieder weg und stellte das benutze Geschirr in die Spülmaschine. Dann bereitet er den Kaffee zu und deckte den Tisch. Carsten ging ins Zimmer, da er nicht sehr viel in der Küche machen konnte und checkte seine E-Mails.
Neben den normalen Forenmails waren nur die von Mr. McCollins interessant. Dieser informierte Carsten über den Probetermin in Mailand. Dabei würde er nicht nur seinen Assistenten kennenlernen, sondern auch die Nachwuchsmusiker.
Denn das Konzert in Mailand war eine Zusammenarbeit zwischen den Nachwuchsmusikern seines Orchesters und denen des Opernhauses. Das ganze Konzert würde von seinem Assistenten dirigiert werden.
Die Besprechung würde am gleichen Tag erfolgen, wo Carsten ihnen seine Wünsche äußern konnte. Carsten beantwortet die Mail, dann holte ihn Andreas auch schon zum Frühstück.

„Guten Morgen Frau Zahradníkova.“

„Guten Morgen Carsten. Setz dich zu mir, lassen wir unsere angetrauten den Rest erledigen.“

Carsten tat wie ihm geheißen. Er setzte sich neben Andreas’ Großmutter. Andreas schenkte Kaffee und Tee ein. Andreas’ Großvater stellte den Brotkorb auf den Tisch und ihre Medikamentenboxen.
Als alle saßen, erklärte Andreas seinem Freund die Tafel und dann langten sie zu.

„Hm Carsten, Karel und ich haben überlegt. Sage doch bitte du zu uns. Wenn du uns immer so förmlich ansprichst, kommen wir uns so alt vor. Nenn uns ruhig bei unseren Vornamen oder wie Andreas Babi und Děda.“

„Wenn ihr es wünscht, dann Babi und Děda.“

„Da das jetzt geklärt ist, Andreas sagte du willst einige Bahnen ziehen?“

„Ja, das wäre schön.“

„Dann gehen wir gemeinsam. Ich kann dir die Örtlichkeit erklären und mit dem Badeaufseher sprechen, damit er dir hilft.“

„Darf ich fragen, ob das Bad auch zu Wettkämpfen benutzt wird?“

„Ja, warum möchtest du das wissen?“

„Weil die manchmal akustische Unterwassersignale an den Bahnenden haben.“

„Ja die haben die. Wenn dort parallel trainiert wird, höre ich die manchmal.“

„Gut, Andreas hat sich schon bereit erklärt dann auf Max aufzupassen und zu bespassen.“

„Hört deine Hündin auf ihn?“

„Děda, in London hat sie es jedenfalls getan. Sie muss mich ja nicht führen, sondern läuft ganz normal an der Leine neben mir her. Sie hört auch auf die allgemeinen Kommandos wie ‘Hier’, ‘Sitz’, ‘Platz’, ‘Halt’.“

„Dann machen wir es so, Veronika und Carsten gehen Schwimmen und wir drei spazieren.“

„Hast du interessante E-Post bekommen? Du saßt so gedankenverloren vor deinem Laptop.“

„Sir McCollins hat geschrieben und mir den Termin für die Generalprobe genannt. Die Proben werden von seinem Assistenten geleitet. Es handelt sich um die Jungmusiker zweier Orchester. Ich habe den Termin bestätigt.“

„Proben? Soviel wie in London?“

„Nein nur zwei. Eine ist für den Donnerstag angesetzt und die zweite am Freitag. Abends ist dann das Konzert. Die Musiker kommen am Mittwochabend in Mailand an, da bleibt auch nicht viel Zeit zum Proben. Volker sagte mal etwas von einer Partnerschaft zwischen den Jugendabteilungen der Orchester. Also jenes der Scala und dem Deutschen Sinfonischen Orchesters. Es ist auch das einzige Klavierkonzert, dass sie auf ihrer Tournee in Italien geben.“

„Haben die dort viele Konzerte?“

„Das Orchester ja. Florenz, Neapel, Rom, Turin und Mailand. Das Mailänder Konzert ist das letzte. Und es muss etwas besonderes sein, weil es im Teatro alla Scala gegeben wird.“

„Das ist eigentlich nichts Besonderes. Die Scala ist ein Opern- und Konzerthaus. Das Programm umfasst neben Oper, Ballett, Schauspiel, eben auch Konzerte und manchmal Performance der schauspielernde Kunst oder Konzertkunst.“

„Wow, ist ja nicht gerade wenig. Schatz?“

„Ja, Darling?“

„Warst du öfters in dem Teatro?“

„Mit Mama und Papa, regelmäßig zu den Kinderveranstaltungen. Später dann mit Nonna und Nonno. Es ist Bestandteil unsere Familienphilosophie sich auch damit auseinander zu setzen. Papa war zuerst nicht außerordentlich davon begeistert, doch als er sich damit beschäftigen musste – Mama war da unerbittlich – gefiel es ihm auch. Da er sich revanchieren wollte, hatte er Mama zu einem Rockevent eingeladen. Der Schuss ging nach hinten los, Mama wusste mehr über diese Musikrichtung als Papa lieb war.“

„Ja Pavel hat sehr viel von Francescas Philosophie profitiert. Ich konnte es an seiner Art sehen, wie der mit den Jahren die Gartenanlagen plante. Aus der streng getrennten Gartenkultur wurden immer öfters die Übergänge verschwommen. Das wirkte sich besonders für die Fauna positiv aus.“

„Und wart ihr auch mit Andreas im Theater?“

„Nicht ganz so oft. München ist teuer.“

„Ist auch nicht schlimm, ich habe es hier jedenfalls nicht vermisst.“

Damit wechselte Andreas das Thema. Nach dem Frühstück zogen die beiden Jungs getrennt los. Andreas’ Großmutter und Carsten gingen gemütlich zum Schwimmbad, was sich vor Ort als ein Badezentrum herausstellte.
Dort bezahlte sie den Eintritt und sprach mit dem Badeaufseher. Als Carsten aus der Umkleide kam, war schon eine Bahn für ihn abgetrennt. Der Schwimmmeister sprach mit ihm und informierte Carsten über die Gegebenheiten vor Ort.
Der Junge bedankte sich, die ersten Bahnen nutze er zur Orientierung und um warm zu werden. Er schwamm gemütlich neben Andreas’ Großmutter her. Dann fing er langsam an, eine Bahn nach der anderen zu schwimmen.
Wo Carsten zwei Bahnen schwamm, hatte Frau Zahradníkova eine geschwommen. Sie bewunderte den Jungen, wie diszipliniert und konzentriert er sein konnte. Auch seine Kondition konnte sich sehen lassen.
Seine Geschwindigkeit blieb konstant. Erst mit den letzten Bahnen wurde er ruhiger. Nach dem vielen Schwimmen, lud sie ihn noch auf eine entspannende Massage im Wellnessbereich ein, welche beide genossen.
Ganz entspannt verließen sie die Schwimmhalle nach drei Stunden. Die Sonne wärmte sie und Carsten setzte sich seine Sonnenbrille auf.

„Carsten, darf ich dich noch auf etwas einladen?“

„Wie wäre es, wenn ich sie einladen darf?“
„Du – Carsten. Wie wäre es, wenn ich dich einladen darf? Da sage ich nicht nein, wenn du das möchtest. Mir steht der Sinn nach einem Tee.“

„Gut, hast du ein spezielles Café? Ich kenn mich hier nämlich nicht aus?“

„Ich begleite dich. Wir gehen zu meinem Café, dort gehe ich fast immer hin, nach dem Schwimmen. Etwas Luxus muss sein.“

Carsten klappte seinen Stock zusammen hielt diesen in der Hand und ließ sich von Andreas’ Babi führen.

„Du bist wirklich fit, mein Junge. Erst dachte ich, wir schwimmen ein paar Bahnen parallel. Dann als du angezogen hast… Ich kann nur sagen mein Kompliment. Trainierst du viel?“

„Im Internat habe ich jede Woche Training und ich versuche das auch immer durchzuziehen. Mein Schwimmtrainer hat mir mit vielen Tipps zur Seite gestanden. Ich werde zwar nie einen Wettkampf machen wollen, doch wehe ich lasse nach. Mein Trainer hat mir einmal meinen Kopf gewaschen. Ich kann dir sagen, das reichte. Sieh mal Babi, ich habe nicht die riesige Auswahl an eigenständigen Sport. Schwimmen habe ich gewählt, weil es ein erstklassiger Sport gegenüber dem Klavierspiel ist. Richtig trainiert ist es ideal um Verspannungen in den Muskelgruppen an Brust und Armen zu verhindern. Im Freistil lockert es die Muskeln am Po und in den Beinen.“

„Du weißt aber schon, dass du gut aussiehst?“

„Das sagen viele, doch wenn sie bemerken, dass ich in ihren Augen behindert bin, werde ich für sie uninteressant. Andreas hat bei unserer ersten Begegnung kein Geheimnis daraus gemacht, aber ich als Mensch interessierte ihn. Und heute Morgen kam quasi dazu seine Bestätigung.“

„Wie das?“

„Nun, wir waren doch unterwegs um für das Frühstück zu sorgen, als wir an einem Kiosk waren, ließ er mich stehen und ging die Zeitung holen. Als er zurück kam, beschwerte ich mich, dass er mich hat einfach so stehen lassen. Darauf sagte er wörtlich: Du stehst nicht mitten auf dem Gehweg, Schatz. Neben dir steht eine Parkbank, du hättest dich auch setzen können. Nur weil ich euch ein wenig dirigiere, heißt es noch lange nicht, dass du nicht auch selbstständig sein darfst. Für ihn ist meine Blindheit nichts besonderes, ein kleines Manko vielleicht, aber nichts worauf er große Rücksicht nehmen will.“

„Ja, den Eindruck habe ich auch.“

Carsten grinste charmant und schwieg weiter dazu. Von da an ging es gemütlich voran. Hin und wieder wurde er von ihr angesprochen, wenn zum Beispiel eine Stufe oder ähnliches zu nehmen war.
An ihrem Ziel, einem kleinen Pavillon-Café, suchten sie sich ein sonniges Plätzchen aus. Die Bedienung ließ nicht lange auf sich warten. Sie begrüßte Frau Zahradníkova und Carsten zuvorkommend und bald schon standen ein Kännchen Tee und ein ebensolches Kaffee vor ihnen.
Andreas’ Großmutter sah, wie Carsten sich den Kaffee einschenkte. Sein Zeigefinger tauchte etwas in die leere Tasse und als der heiße Kaffee diesen berührte hörte er auf.
Prompt kam vom Nachbartisch eine entsprechende Bemerkung, wie unhygienisch das sei und warum er sich den Kaffee nicht einschenken lässt. Andreas’ Großmutter fiel der Löffel aus der Hand, als sie das hörte. Dann wurde sie zornig.

„Wenn sie keine Ahnung von irgendwelchen Dingen haben, dann halten sie sich mit ihren unqualifizierten Kommentaren bitte zurück. Er weiß was und wie er etwas zu machen hat. Nun, ihre Bemerkung lässt darauf schließen, dass sie sich selten ihre Hände waschen…“

„Lass gut sein Babi. Sie werden es doch nicht verstehen. Stil hat man oder eben nicht…“

Frau Zahradníkova sah sich Carsten an, ein geheimnisvolles Lächeln umspielte seinen Mund. Dann nahm er seine Tasse samt Untertasse in die Hand, lehnte sich gemütlich in seinen Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und trank elegant seinen Kaffee.
Andreas’ Großmutter konnte nicht anders, sie grinste. Selbst jetzt bewahrte sich Carsten seine Würde und stach mit formvollendeten Manieren und Gesten hervor. Selbst als er die Tasse wieder absetzte hörte man keinen Ton.

„Nun Babi, ich spüre, dass du etwas auf dem Herzen hast.“

„Oh, ja. Karel und ich möchten zu Andreas’ Großeltern nach Mailand ziehen. Wie haben hier kaum noch Freunde und Francescas Eltern haben uns angeboten, doch bei ihnen zu wohnen. Das spart uns nicht nur viel Geld, sondern täte auch unserer Gesundheit gut. Unser Hausarzt hat sogar eine Empfehlung für einen Mailänder Arzt, der uns dann auch betreuen würde. Von daher sind wir abgesichert. Jetzt weiß ich nicht, wie Andreas darauf reagieren würde, wenn wir Deutschland verlassen.“

„Nun, er sprach mich in London schon einmal darauf an. Bei seinem letzten Besuch bei euch hat er etwas in dieser Richtung aufgeschnappt. Er sagte, dass er das Gefühl hätte, er würde seine Eltern ein zweites Mal verlieren…“

„Er hat mit dir darüber gesprochen? Dann sollen wir es besser sein lassen?“

„Nein, im Gegenteil, ihr solltet mit ihm offen darüber sprechen. Er macht sich seine Gedanken in Bezug auf eure Gesundheit. Seine Vorstellung, er könne euch dann nicht mehr sooft besuchen habe ich sofort eine Absage erteilt, denn von Deutschland gehen täglich Linienflüge nach Mailand. Er ist sogar schneller in Mailand als von Leipzig mit dem Zug nach München.“

„Oh!“

„Dann war er sogar sehr empört, als ich ihm nicht zustimmte. Ich sehe mich als sein Freund und da steht es mir zu, ihm die Gedanken ruhig auf den Kopf zu stellen. Also, sprecht mit ihm darüber.“

„Das haben wir auch vor. Mit Francescas Eltern haben wir vereinbart, dass wir es gemeinsam in Italien machen. Zumal es diesen Herbst geschehen sollte. Wir haben schon Angebote von Umzugsunternehmen eingeholt.“

„Was wird mit der Wohnung?“

„Die wird verkauft. Da sie in einer guten Wohngegend liegt, sollte es kein Problem sein. Andreas’ Sachen nehmen wir, soweit er es möchte, mit nach Italien. Dort hat er sein eigenes Zimmer.“

„Ja, das finde ich gut.“

Carsten stellte seine leere Tasse auf dem Tisch ab, schenkte sich nach. Am Nachbartisch sollte bezahlt werden. Die Bedienung stellte ein kleines Silbertablett samt Rechnung vor den Gästen ab.
Als sie einen Geldschein entgegennehmen sollte, bat sie den Gast diesen auf das Tablett zu legen, gab passend mit der Bemerkung heraus, dass es für sie andernfalls unhygienisch sei… dabei zwinkerte sie Andreas’ Großmutter zu. Stammgäste sind ihr wohl bei weitem lieber.

*-*-*

Andreas zog mit seinem Großvater und Max los. Mit der Tram fuhren sie zu einem Park, in dem Hunde auch frei laufen durften. Gemeinsam gingen sie eine Weile ruhig nebeneinander her. Dann nahm der Junge Max die Leine ab und als ob Max darauf gewartet hatte, stob sie geschwind davon.

„Du bist dir sicher Max hört auf dich?“

„Moment Děda. Max hier!“

Die Retrieverhündin drehte sich im Lauf um und stürmte auf Andreas zu. Vor ihm machte sie ‘sitz’ und grinste ihn in Retrievermanier an. Von Andreas bekam sie ihren Keks und eine Streicheleinheit. Dann durfte sie wieder laufen.

„Gut, das war Beweis genug. Spielst du auch mit ihr?“

„Sicher, Frisbee ist ihr Lieblingsspiel, neben Äste sammeln und schreddern und im Wasser zu planschen. Aber am liebsten ist ihr, nach einem langen Tag, dass Carsten ihr den Bauch krault. In dieser Geste steckt ein unendliches Vertrauen zwischen den beiden.“

Andreas’ Großvater nickte nur. Er verstand was sein Enkel ihm mitteilen wollte. Dann musste er unweigerlich lachen, denn Max kam mit einem nassen Fell und schwarzen Matschpfoten zurück.
Andreas schüttelte lachend den Kopf, danach holte er den Frisbee hervor und warf ihn in Max’ Richtung. Das Spiel begann und sein Großvater setzte sich auf eine Bank und sah dem Treiben der beiden zu.
Als nach einer halben Stunde Max und Andreas wieder zu ihm kamen, war das Fell so gut wie trocken und von den schwarzen Pfoten war nicht mehr viel zu sehen. Beide sahen glücklich aus.
Dann legte sich Max noch etwas hin und Andreas setzte sich zu seinem Großvater. Sie genossen gemeinsam die wärmenden Strahlen der Sonne. Nach einer Weile lud Andreas auf ein erfrischendes Getränk ein und sein Großvater stimmte ihm zu.
Gemeinsam gingen sie weiter. Max lief ohne Leine locker neben den beiden her. Bei Begegnungen mit anderen Hunden entschied Max ganz souverän, ob sie näheren Kontakt haben wollte oder nicht.
Jogger und Radfahrer waren per se uninteressant für die Retrieverhündin. Kurz vor einem Gartenlokal leinte Andreas die Hündin an. Max würde nicht auf die Idee kommen wegzulaufen, doch es könnte andere Gäste im Lokal stören, wenn ein Hund nicht angeleint war. Und auf diesen Stress hatte er einfach keine Lust.

„Was möchtest du Děda?“

„Einen Tee und ein Glas Wasser.“

„Gut, such dir einen Platz aus, ich geh die Getränke holen.“

Andreas gab seinem Großvater die Leine in die Hand und ging davon. Wenig später kam er mit einem Tablett zurück. Neben dem Tee und einer kleinen Flasche Wasser, hatte er für sich ein großen Milchkaffee und für Max eine Schale Wasser.
Sein Děda hatte einen schattigen Platz unter einer Linde gefunden und Max schredderte schon fleißig einen größeren Zweig. Andreas stellte alles vor ihnen ab.

„Spielst du heute kein Schach?“

„Joseph arbeitet heute draußen am Flughafen. Unsere Tage sind der Dienstag und der Donnerstag. Da haben wir nachmittags unsere Ruhe.“

„Aha, was glaubst du was Babi und Carsten jetzt machen?“

„Nun, wenn ich richtig liege, sind sie in ihrem Stammcafé. Veronika geht nach dem Schwimmen gern mal einen Tee trinken. Besonders wenn es so warm ist wie heute.“

„Oh, das macht Carsten auch ganz gerne. Nach dem Schwimmen relaxen und etwas trinken gehen. Dabei verpasst er schon mal seinen Bus.“

„Dein Carsten ist mir schon sehr sympathisch, Junge. Er weiß sein Leben zu genießen.“

„Ja, das kann er.“

Andreas sah verträumt in seine Tasse. Sein Großvater schmunzelte. Nach ein paar Minuten blickte er auf und musste ebenfalls verlegen grinsen, da sein Děda ihn beobachtet. Aber in dessen Gesicht konnte er lesen, dass er sich für seinen Enkel freute.
Das gab ihm Anlass ein anderes Thema anzusprechen, welches Andreas schon länger im Kopf schwirrte.

„Darf ich dich etwas fragen Děda?“

„Nur zu.“

„Ich habe mitbekommen, dass ihr eventuell zu Nonna und Nonno ziehen wollt….“

„Das wollten wir eigentlich in Italien mit dir besprechen. Ja das stimmt. Wir haben uns das sehr gründlich überlegt. Wir haben hier kaum noch Bekannte und München ist nicht gerade die günstigste Wohngegend.
Es spart uns Geld und Francescas Eltern haben es uns angeboten. Seit sie im Ruhestand sind, fehlt ihnen etwas und finanziell mussten sie etwas zurückstecken. Wir verkaufen die Wohnung hier. Hast du bedenken?“

„Nein, jetzt nicht mehr. Carsten hat meine Zweifel in London schon ausgeräumt. Ich dachte er würde meiner Meinung sein, doch weit gefehlt. Er hat alles auf den Kopf gestellt und seine Argumentation hatte etwas für sich. Ich mache im kommenden Jahr mein Abitur und stelle die Weichen für mein weiteres Leben. Ich denke ihr habt lange Zeit auf mich Rücksicht genommen, jetzt nehme ich auf euch Rücksicht.“

„Danke Junge. Die Details werden wir dann gemeinsam besprechen, einverstanden?“

„D’accord. Noch einen Tee, Děda?“

„Nein, wir sollten wieder los.“

Andreas nahm das Tablett und stellte die gebrauchten Dinge wieder darauf und brachte sie zurück. Währenddessen nahm sein Großvater die Leine in die Hand und ging mit Max zum Eingang zurück, wo sie auf seinen Enkel warteten.
Am späteren Nachmittag gingen sie in die Residenz. Gemeinsam ließen sie sich durch das Schloss führen. Neben der Geschichte und den Geschichten rund um das Schloss war es sehr Informativ.
Selbst Andreas gestand später ein, viel Neues erfahren zu haben. Der Tag wurde mit einem zünftigen Abendessen in einem Biergarten beendet, was sich hinzog und allen Spaß machte. Carsten hatte schon den Eindruck, dass Andreas’ Großeltern die Örtlichkeiten sorgfältig auswählten, damit sie keine Probleme bekamen. Es war ihm aber auch recht.
Gemeinsam mit Andreas ging es am nächsten Tag ins Olympiastadion. Babi und Děda hatten einen Termin bei ihrem Hausarzt und waren froh, dass die Jungen sich selbst beschäftigen konnten.
Im Olympiadorf trafen sie auf eine Gruppe mit Hunden und wie es so kommen musste, mischte Max bei einem gemeinsamen Spiel kräftig mit. Andreas sah sich das an, wie die Hündin hinter anderen Hunden herjagte und selbst gejagt wurde.
Dann meinte Carsten, dass es genug ist. Ein kleines Kommando und Max trottete grinsend an.

„Nun Andreas, ich hätte nichts gegen einen kleinen Imbiss.“

„Babi sagte, dass bei uns das Mittagessen ausfällt und wir ruhig essen gehen sollten. Wonach steht dir der Sinn?“

„Nicht nach Wabbelfood!“

„Okay, dann lass und mal ein Gartenlokal aufsuchen.“

Andreas sah sich um, einen Plan hatte er nicht, also entschied er sich aufs gerade Wohl für eine Richtung in der sie gingen. Es war auch zeitig, so dass keine Eile geboten war und das Wetter schien auch auf ihrer Seite zu sein. Ein schöner wolkenloser Himmel und angenehme Temperaturen.

„Du Carsten, mir ist aufgefallen, dass Max nie an Lebensmittel geht, die herumstehen. Auch so Reste die herumliegen. Schnuffeln ja, aber in die Schnauze nehmen, nie.“

„Das konnte sie von Anfang an. Neugierig, ja das ist Max. Verfressen? Das kann ich ihr nicht nachsagen. Wie kommst du darauf?“

„Nun gestern im Biergarten lagen so manche Wurstreste auf dem Boden und dein Mädchen interessierte das nicht.“

„Ich finde es auch gut so. Sieh mal, Schatz, ich weiß nicht was sie in ihre Schnauze nimmt. Ob es gut oder böse ist. In Papas Praxis kommen immer wieder mal Tiere die Gift gefressen haben. Da bleibt Papa oft keine andere Wahl als das Tier einzuschläfern. So schützt Max uns davor.“

„Clever deine Hündin. So ich sehe ein uriges Restaurant. Schatten oder Sonne?“

„Halbschatten!“

Andreas sah sich um, eine abgelegen Sitzmöglichkeit bot sich an und er führte sie dort hin. Die Bedienung ließ auch nicht lange auf sich warten. Sie entschieden sich jeweils für ein Schnitzelgericht mit unterschiedlichen Beilagen.
Andreas wählte dazu ein Bier und Carsten eine Cola. Da es sehr warm war, sorgte Andreas noch für eine Schüssel mit Wasser für Max. Ansonsten lag sie schlummernd unter dem Tisch. Den restlichen Nachmittag verbrachten die Jungs damit, ihre Sachen für die Bahnfahrt zu packen, da sie den Nachtzug nehmen wollten.
Für Max wurde eine Portion Reiseproviant vorbereitet, den Rest sollte sie später bekommen.
Der Abend begann mit einem typischen tschechischen Abendessen. Danach brachten Andreas’ Großeltern sie zum Bahnhof, wo ihr Zug nach Milano abfuhr.
Da Andreas’ Großeltern am nächsten Tag einen Flug gebucht hatten, würden sie etwas früher als die Jungs in Mailand eintreffen. Es wurde vereinbart, dass sie zuerst am Flughafen abgeholt werden sollten und dann die Jungs vom Bahnhof.
Der Zug war alles andere als komfortabel. Gegenüber der langen Fahrt von Berlin nach Paris, war das Abteil kleiner und deutlich abgenutzt. Auch der Service war nicht sehr zuvorkommend.
Die Jungs verschwanden schnell im oberen Bett und Max durfte es sich auf dem unteren gemütlich machen. Zum Frühstück gab es mäßigen Kaffee und die Sandwiches schienen auch in München an Bord gekommen zu sein.
Andreas sah in Carstens Gesicht seine Enttäuschung darüber. Nur gut, dass sie gemeinsam mit Carstens Eltern wieder zurück fuhren. Noch eine Nacht in so einem Zug wollte auch Andreas sich nicht mehr antun.
Die kleine Verspätung fuhr die Italienische Bahngesellschaft noch heraus. Andreas war stolz darauf und so erreichten sie Milano Centrale etwas früher. Andreas sah auf die Uhr und musste feststellen, dass sie dennoch eine Stunde warten mussten, bis seine Großeltern sie abholen kommen würde.
Nach dem mäßigen Frühstück im Zug, kümmerte er sich erst einmal um ein gastfreundlicheres in Italien. Seine Aktion wurde von Carsten und Max sehr positiv begrüßt, da sie nicht sehr weit vom Bahnhof weggehen konnten.
Andreas rief seine Großeltern an und teilte ihnen den Treffpunkt mit. Eine kleine, ältere Frau erschien eine halbe Stunde später an ihrem Tisch.

*-*-*

Nonna & Nonno

„Ciao Nonna, dove è il nonno?“

„Ciao Andrea, è nel ristorante e aiutare tuo zio. Dove si trova la tua ragazza?“

„No, nonna. Nessuna ragazza. Un amico, il mio amico e il suo nome è Carsten!“

„Carsten, Nonna steht zu meiner rechten.“

„Buongiorno, Signora Bondaz.“

„Ciao Carsten. Benvenuti in Italia, e nella nostra famiglia…“

„Nonna, Carsten non comprende la lingua italiana.“

„Ciao Carsten, herzlich willkommen in Italien und in meiner Familie. Der Hund ist wohl die berühmte Max? Andreas hat mir alles geschrieben…e devo dire, mio nipote ha gusto. Se desidero essere discepoli, egli è stato anche il capo mi torsione. Carsten sembra buono, veramente buono, Andrea.“

Andreas konnte es nicht verhindern und bekam rote Wangen, ob dieses Kompliments seiner Großmutter.

„Danke, Nonna. Carsten…“

„Danke, sehe wirklich gut aus, Signora Bondaz?“

„Ja! Du verstehst ja doch etwas.“

„Ein wenig, woher können sie so gut die deutsche Sprache?“

„Das ist eine lange Geschichte, später. Jetzt sollten wir zusehen nach Hause zu kommen. Gabriele bereitet das Mittagessen vor.“

Damit war klar, dass Andreas’ Großmutter gehen wollte. Andreas nahm den Koffer und Carsten den Rucksack. Max lief neben Andreas her und Carsten orientierte sich an ihr.

„Andreas, wer ist Gabriele?“

„Das ist Nonno, mein Großvater. Nonna, sind Babi und Děda schon da?“

„Sie kommen später, das Flugzeug hatte in München Verspätung. Aber seit gestern Abend ist deine Familie schon da Carsten.“

„Wow, da sind sie aber schnell gefahren.“

„So wie ich deine Mutter verstanden habe, waren die Straßen frei. Aber ihr habt ein großes Auto.“

„Nein, das Auto ist nur geliehen. Zwei Erwachsene, vier Kinder und zwei Hunde brauchen viel Platz. Unsere eigenen Autos sind ansonsten Mittelklasse. Außerdem brauchten sie ein großes Auto mit Anhängerkupplung. Papas Auto hat zwar eine, das wird aber für die Tierarztpraxis gebraucht.“

„Kommen denn die Hunde in den Anhänger?“

„Nein, da ist nur das Gepäck drin. Ich glaube du hast den Anhänger schon gesehen, der stand schon vor der Tür als wir aus dem Internat gekommen sind.“

„Stimmt.“

Am Auto angekommen, verstaute Andreas das Gepäck im Kofferraum. Max und Carsten setzten sich in den Fond und Andreas auf die Beifahrerseite des Wagens. Signora Bondaz mahnte alle sich anzuschnallen, flott und sicher fuhr sie den Wagen durch die Straßen von Mailand. Ein wenig gehupe unterstützte sie dabei. Dann wurde es ruhiger.

„Wenn es zieht Carsten, sag Bescheid, wir fahren noch eine Weile.“

„Mach ich. Ist es denn soweit vom Stadtzentrum entfernt?“

„Mit dem Zug braucht man schon eine dreiviertel Stunde. Wir wohnen in einem Vorort, der siebten Zone Mailands. Gabriele hatte ein kleines vernachlässigtes Anwesen gefunden, nachdem wir geheiratet haben. Wir waren jung und hatten einen Traum. Dort haben wir ihn verwirklicht. Damals nur eine Pizzeria, unser kleines Restaurant. Die erste Zeit war nicht gerade einfach für uns. Aber wir haben an unserem Traum festgehalten. Dann hat sich herumgesprochen, dass Gabriele ein Meister seines Faches ist und das Restaurant lief. Auch dank eines treuen Kundenstamms.“

„Ich verstehe.“

„Du musst einmal kommen, wenn wir Natale feiern. Leider waren Veronika und Karel im letzten Jahr krank. Aber ich habe gehört, sie konnten bei euch feiern.“

„Ja, Nonna. Carsten hatte die Idee und seine Familie hat uns dabei unterstützt.“

Daraufhin wurde es einen Moment still im Auto, dann fragte Signora Bondaz Andreas etwas auf Italienisch und Andreas antwortete gleichfalls in der Sprache. Carsten versuchte herauszufinden, worüber die beiden redeten.
Irgendwann fiel der Groschen, denn die beiden sprachen über Andreas’ Zeugnis und die Schule. Dass auch das Thema Melanie nicht ausgelassen wurde, merkte Carsten an dem zornigen Unterton, den Andreas’ Nonna plötzlich anschlug.
Doch Andreas beruhigte sie und erzählte, dass neben Carsten und seiner Clique auch die Lehrer auf seiner Seite waren und dem Mädchen ihre Lektionen erteilt haben. Andreas’ Großmutter lachte nach weiteren Details herzlich und es war ansteckend.

„So wir sind gleich da. Andreas kümmerst du dich um euer Gepäck?“

„Natürlich…“

„Darf ich noch etwas einschieben? Max müsste mal Gassi gehen.“

„Na, kein Problem. Dann gehen wir mit Max erst eine Runde und um das Gepäck kümmern wir uns später.“

„Vergiss es aber nicht Bambino.“

Noch bevor der Wagen durch ein Tor auf ein ummauertes Grundstück fuhr, stiegen die Jungen und Max aus. Andreas nahm Carsten und führte ihn ein wenig abseits und die Retrieverhündin folgte ihnen.
Dann war es soweit. Andreas sah der Hündin nach. Weit lief sie nicht und nach drei kleinen Kreisen um eine Stelle herum hockte sie sich hin. Mit einem erleichterten Ausdruck kam sie auf die Jungen zu.
Andreas sah sich um und fand einen Ast, den er werfen konnte. Das taten sie einige Male und dann hatte Max genug. Sie setzte sich neben Carsten ab und behielt den Stock im Fang.

„Wir können Tiger.“

„Dann mal los, langsam bekomme ich Hunger. Aber beschreib mir doch mal euer Haus.“

„Also, wir kommen von der Rückseite durch den Garten auf das Grundstück. Es ist mit einer eineinhalb Meter hohen Mauer umgeben. Der Weg geht direkt auf das Haus zu und etwa zwei Meter davor nach links zum Hintereingang des Restaurants. Der Garten ist in mehrere Segmente eingeteilt. Hinter dem Restaurant ist ein großer Gemüsegarten, von einem Holzzaun umgeben. Der ist für die Hunde tabu, weil einiges daraus für das Restaurant gebraucht wird. Hinter dem Gemüsegarten kommt eine durch Bäume beschattete Fläche. Dort steht auch ein großer Tisch, da wird im Sommer oft gegessen und die Familienfeiern abgehalten. Das alles findest du links vom Weg. Rechts sind die Blumenrabatte meiner Großeltern. Entlang der Mauer und nur wieder links vom Weg kommt ein rund eineinhalb bis zwei Meter breiter Wildwuchsstreifen. Wenn die Hunde da hin machen ist es nicht tragisch. Zum Spielen eignet er sich nicht.“

„Wow, ist ja nicht gerade klein.“

„Hat auch keiner behauptet, Tiger.“

„Neben dem Hauptweg gibt es noch ein kleinen Pfad, den nehmen wir gleich. An beiden Wegen gibt es Tore, beziehungsweise Pforten. Das Tor vom Hauptweg ist abends geschlossen. Die Pforte ist nur zu, aber nicht abgeschlossen.“

„Ich verstehe. Wer ist denn alles gleich da?“

„Meine Großeltern, deine Eltern und Geschwister und wir beiden.“

„Wenn ich mich nicht irre, sind wir also acht Personen und zwei Hunde!?“

„Drei Hunde. Mein Nonno hat einen Wachhund, er ist ein großer Mischling und hält sich sehr oft im Garten auf. Wenn dich also etwas total Wuscheliges berührt, ist er es.“

„Und ….?“

„Friedemann!“

„Friedemann? …und Friedemann läuft nicht weg, wenn das Tor offen steht?“

„Wozu? Der Knabe springt zwei Meter hoch wenn es sein muss, da macht er die Mauer mit links. Nein, er bleibt auf dem Grundstück und ist meinem Nonno schon seit acht Jahren treu. Eigentlich wollte Nonno einen echten klassischen Hund, ein Schäferhund oder so.“

„Hm und wieso hat er sich anders entschieden?“

„Hm, als sie damals nach der Beerdigung meiner Eltern zurück nach Italien gefahren sind, haben sie auf einem Rastplatz gehalten. Nonna wollte einen Kaffee trinken und ihre Beine vertreten. Als sie wieder zu ihrem Auto gingen, hörte Nonno ein Winseln. Jemand hatte einen jungen Hund mit einem Strick an eine Parkbank gebunden. Im Winter. Nonno also nicht lange gefackelt und ihn ins Auto gesetzt. Dort hat Nonna ihm erst einmal Wasser gegeben, während Nonno noch einmal ins Rasthaus ist und etwas Passendes zu Fressen für den Hund besorgt hat. Sie haben ihn heimlich über die Grenzen mit Heim genommen. Hier ist er dann mit ihm zum Tierarzt, ihn impfen und einen Chip setzen lassen, damit er seine Papiere bekommt. Seitdem ist er treu an seiner Seite geblieben.“

„Deine Großeltern sind mir schon sympathisch.“

„Grazie, aber weiter im Text, denk doch mal an deinen Hund. Max läuft ja auch nicht davon. Weder im Internat noch bei euch Zuhause.“

„Der Punkt geht an dich. Dann steht im Garten auch Wasser für die Hunde bereit?“

„Sicher, allein an der Regentonne eine kleine Wanne voll, warum fragst du?“

„Max hechelt sehr stark, es ist warm und sie hat schon länger nichts mehr geschlabbert.“

„Oh, aber gut, wir sind gleich da. Du Carsten?“

„Ja, Schatz?“

„Ich bin ein wenig nervös dich meinen Großvater vorzustellen.“

„Warum, weiß er denn nicht, dass wir zusammen sind?“

„Ich denke, ich habe es etwas verduselt, ich sprach immer von Freund im Zusammenhang mit deinem Namen. Mir war es ja klar, doch die Reaktion am Bahnhof, meine Nonna, hat mich doch überrascht.“

„Na, das wird schon… ich halte dir auch die Hand.“

Andreas führte sie zur kleinen Gartenpforte. Als sie hindurch gingen, blieb Max stehen. Carsten spürte die Anspannung in ihrem Körper. Andreas sah den Rüden sehr spät und informierte Carsten davon.
Ansonsten unternahm er nichts, sondern beobachtete. Friedemann war es gewohnt im Restaurant andere Hunde zu dulden. Doch der Garten war eindeutig sein Revier und wie er auf eine souveräne Hündin reagierte, wusste er nicht.
Der Hund blieb einige Meter vor ihnen stehen. Er fixierte Max und Max fixierte ihn. Carsten überlegte einen Moment, dann entfernte er das Führgeschirr und ließ seine Hündin frei.
Es war schon erstaunlich wie Hunde miteinander kommunizieren. Max setzte sich in Bewegung und ging in einem kleinen Bogen auf Friedemann zu. Seine Körperhaltung entspannte sich und lief locker auf Max zu und beide beschnüffelten sich.
Dann wurde Max zum Spielen aufgefordert und die beiden Hunde stoben davon.

„Ist doch immer wieder erstaunlich wie die Hunde sich unterhalten.“

„Ja, du hast recht. Die beiden haben wohl gerade Freundschaft geschlossen. Aber wo ist Leon? Wenn meine Familie hier wäre, würde er doch sicherlich hier herum wuseln?“

„Vielleicht sind die gar nicht da?“

Carsten hielt sich an Andreas fest, der ihn weiter führte. Er ging direkt auf den schattigen Platz zu, wo seine Großeltern schon saßen. Carsten hörte wie sie sich lebhaft unterhielten. Andreas blieb stehen und nahm Carstens Hand.

„Ciao, Nonno!“

Zwei Wörter brachte die Unterhaltung zum Erliegen. Andreas drückte etwas fester zu. Carsten hörte wie jemand aufstand und auf sie zu kam.

„Ciao, Bambino!“

Dann ließ Andreas seine Hand los und ging auf die Person zu. Carsten hörte wie zwei Menschen sich umarmten und auf die Schulter klopften. Und er hörte ein leises schluchzen. Es schien also alles gut zu sein.
Eine feuchte Nase berührte ihn an der Hand, indem er seinen Blindenstock hielt. Da Max zur Gewohnheit hatte, ihn immer erst an ein Bein zu schubsen, konnte es sich eigentlich nur um Friedemann handeln.
Carsten ließ ihn gewähren und mit der anderen Hand holte er einen von Max Keksen hervor. Gab sie dem Hund und kraulte ihm sein wirklich wuscheliges Fell. Obligatorisch wurde die Hand dann auch abgeleckt.
Es könnte sich ja doch noch ein Krümel darin verstecken. Dann räusperte sich Andreas.

„Nonno, darf ich dir Carsten, meinen Freund vorstellen? Carsten, mein Nonno steht zu meiner linken Seiten.“

„Ciao Carsten.“

„Ciao Signor Bondaz.“

Der Mann hob wie gewohnt seine Hand zum Gruß, doch da Carsten nicht reagierte, ging er einen Schritt auf ihn zu. Er nahm Carstens rechte Hand und legte sie in seine eigene und seine linke obenauf.
Carsten ließ es geschehen. Es wurde ein stummer Dialog zwischen den beiden. Andreas sah es mit Zufriedenheit. Obwohl sein Großvater nichts sagte, wurde ihm bewusst, dass sein Nonno Carsten als den Freund von seinem Bambino akzeptierte. Und wie er es von seinem Großvater gewohnt war, kam etwas völlig unerwartetes.

„Geschmack hast du Andreas, aber etwas mager auf den Rippen ist Carsten schon.“

„Nein Nonno, so wie er ist gefällt er mir und er ist ein guter Esser.“

„Wenn du es sagst… im Zug gab es sicherlich nur dieses wabbelige Fastfood. Junge Männer brauchen etwas Anständiges, Handfestes. Kommt wir wollen gleich essen.“

Signor Bondaz drehte sich zwischen den Jungs und legte Carstens Hand auf seinen Arm. Damit war für alle klar, dass er den Jungen führte.

„Friedemann scheint dich zu mögen Carsten. Es kommt nicht oft vor, dass er aus fremden Händen einen Keks annimmt.“

„Ich denke meine Hündin Max hat da gute Vorarbeit geleistet. Zumindest habe ich den Eindruck sie verstehen sich prächtig.“

„Dein Eindruck täuscht dich nicht. So setzt euch.“

„Darf ich fragen wo meine Familie ist?“

„Die Frauen sind mit dem Zug nach Milano einkaufen und die Männer plus Hund mit dem Auto zu einem Hundefreizeitgelände gefahren. Sie wollten alle am späten Nachmittag zurückkommen. Andreas hilfst du mir mit dem Auftragen?“

„Was gibt es denn Gutes, Nonna?“

„Komm mit und sieh.“

„Hm, ich würde mir gern die Hände waschen. Sie kleben.“

„Dann komm mit mir, Carsten.“

Noch einmal standen alle auf und gingen ins Haus. Andreas und seine Nonna in die Küche um das Essgeschirr und die Speisen zu holen. Signor Bondaz führte Carsten zum Bad, wo dieser sich die Hände wusch.
Als sie alle wieder im Garten am Tisch saßen, schenkte Andreas jedem von dem Landwein ein. Dann trug Signora Bondaz das Nudelgericht auf und jeder erhielt ein Stück Weißbrot und einen Teller mit Salat.
Wie gewohnt beschrieb Andreas Carsten den Speiseaufbau auf dem Tisch. Dann begann die Unterhaltung. Viel bekam Carsten nicht mit, weil sich alle überwiegend auf Italienisch unterhielten.
Er war auch zufrieden nur zu zuhören. Andreas sprach viel und von dem Tonfall her freute er sich, wieder hier zu sein.

„Ach Carsten, Andreas hatte mich gebeten, die Anzüge aus dem Koffer zu nehmen und aufzuhängen. Das sind wirklich schöne Sachen die du hast, aber warum alles doppelt?“

„Nein Signora, nicht alles doppelt, die Hälfte gehört Andreas. Sowohl ein Frack als auch ein Suite.“

„Siehst du Gabriele, habe ich dir doch gesagt. Nein, sagtest du, nein, unser Bambino hat so etwas nicht.“

„Na eigentlich war der Frack nicht geplant. Doch Carsten hatte ein stichhaltiges Argument: Er möchte mich an seiner Seite haben, da macht es sich nicht gut, wenn ich nur mit einer Jeans komme. Das mit dem Suite wusste Nonno aber, ich habe mir von ihm die Erlaubnis eingeholt, weil es doch ein etwas teurer Spaß ist.“

„Gute Kleidung schadet niemandem. Wann ist Modenschau?“

„Wenn alle da sind. Babi und Děda möchten sie auch gerne sehen.“

„Gut und was habt ihr noch vor?“

„Wir packen unsere Sachen aus, dann zeige ich Carsten und Max nachher das Haus und die Gegend.“

„Ach, wir haben dich und Carsten in dein altes Zimmer einquartiert. Deine Eltern Carsten sind in unserem Gästezimmer und Andrea in Francescas Zimmer.“

„Und unser Jüngster?“

„Der schläft bei unserem Enkel Alessandrom die beiden verstehen sich prächtig. Dein Hund schläft bei dir. Hat sie denn auch ein Körbchen mit?“

„Papa sollte eigentlich ihre Kudde von Zuhause mitbringen. Ich habe nur ihre Hundedecke mit und in London hatten wir eine Gästehundekudde des Hotels. Sicherlich ist ihre noch im Anhänger.“

Ob es wohl bei den Bondaz üblich war? Jedenfalls zog sich das Essen hin. Nach dem Wein, der Carsten bei den Temperaturen schon etwas zusetzte, nahm er nur noch Wasser. Als Dessert wurde frisches Obst serviert und ganz zum Abschluss ein Espresso.
Andreas half seinen Großeltern den Tisch wieder abzuräumen und Carsten wartet. Die Erkundung des Hauses unternahmen die beiden Jungs und Max gemeinsam.

„Sorry Andreas, jetzt sind wir alle Stationen hier abgegangen, doch es wäre für mich hilfreicher, wenn wir die wichtigen Räume etwas kennzeichnen könnten.“

„Wir haben keine Brailleschilder, Tiger.“

„Dann machen wir uns welche. Ich habe meine Brailletafel und etwas Papier mit. Und dann heften wir diese mit Klebefilm an den Türrahmen auf der Höhe der Klinken. Es wäre mir wirklich peinlich, anstelle im Bad im Schlafzimmer deiner Großeltern zu stehen.“

„Dann schreib mal, soll ich dann noch darunter die Bezeichnung leserlich für uns schreiben?“

„Solltest du eventuell tun, damit keine Verwechslung beim Anbringen passiert.“

Gesagt, getan. Carsten schrieb und Andreas befestigte die kleinen Papierstücke an den Rahmen der Türen. Als sein Nonno ihn fragte, was er da mache, erklärte er es ihm und er nickte verständnisvoll.
Anschließend informierte er seinen Enkel, dass sie zum Flughafen fahren wollten um Veronika und Karel abzuholen. Ein Blick auf die Uhr zeigte die fortgeschrittene Zeit und Andreas meinte, dass sie gemeinsam ruhig die Gegend etwas unsicher machen könnten.
Carsten rief Max zu sich und legte ihr das Geschirr im Garten an. Friedemann sah sich das an und wuselte ebenfalls um Carsten herum. Kurz entschlossen sagte Andreas seinem Nonno Bescheid, dass sie Friedemann auf eine größere Runde mitnehmen.
Max sollte ja die Gegend kennenlernen, also führte sie Carsten. Es blieb ihr auch nicht sehr viel anderes übrig, denn Andreas war gut mit dem Hund beschäftigt. Zumal Friedemann keine Anstalten machte, auch nur einmal auf ein Wort von Andreas zu hören.
Wo Max bei ‘Sitz’ sich setzte, guckte Friedemann Andreas nur grinsend an.

„Mir scheint Schatz, du hast alle Hände voll zu tun.“

„Ja, es war eine dumme Idee Friedemann mitzunehmen.“

„Nein, sicherlich nicht. Kommt er denn oft raus?“

„Nonno geht mit ihm raus. Ich dachte er würde sich von Max etwas abgucken. Hast du Hundekekse mit?“

„Ja, wozu brauchst du sie?“

„Um Friedemann zu bestechen.“

„Hier, du kannst es probieren, nur du musst konsequent sein und noch etwas…“

„Ja?“

„Dein Hund versteht kein Deutsch.“

Andreas lachte, aber Carsten hatte recht. Friedemann war in Italien zu Hause und da spricht man im Normalfall italienisch. Also die ganzen Kommandos auf Italienisch und siehe da, Friedemann regierte etwas besser.
Von dem Erfolg ermutigt, schlug Andreas eine neue Richtung ein. Direkt durch den Ort. Sein Ziel war sein alter Klavierlehrer. Er fand es als eine Notwendigkeit, ihm einen Besuch abzustatten.
Er informierte Carsten davon. Auf dem Weg dorthin beschrieb er seinem Freund die Lokalität. Das Haus, in dem sein Klavierlehrer lebte, war ein altes Schulhaus. Das Erdgeschoss hatte er an ein Musikfachgeschäft vermietet.
Es machte sich sehr gut und war recht bekannt. Die Unterrichtsräume des Lehrers befanden sich in der zweiten Etage. Er hatte die alten Klassenzimmer entsprechend umgebaut und konnte so auch Schülern die Chance zum Üben geben, welche kein eigenes Instrument hatten.
Er selbst bewohnte die Wohnung in den obersten Etagen mit einer Haushälterin. Andreas drückte auf den Klingelknopf. Die Tür wurde geöffnet. Der Mann erkannte in Andreas seinen alten Schüler und war über seinen Besuch erfreut.

„Ciao, Andreas. Du hast dich lange nicht mehr blicken lassen. Spielst du noch Klavier?“

„Ciao Signor Pittore, ja ich spiele noch Klavier und habe auch regelmäßig Unterricht.“

„Kommt herein, ich trinke gerade mein Nachmittagskaffee. Du musst mir mehr erzählen.“

Gemeinsam gingen sie durch das Haus in einen kleinen schattigen Garten. Carsten hörte die Vögel zwitschern. Der Mann stellte ihnen seine Haushälterin Maria vor. Eine resolute Frau, wie sich herausstellte, die mit den Eigenheiten von Musikern leben konnte.

„Setzt euch zu uns, du möchtest sicher einen Latte Macchiato Andreas? Und dein Freund?“

„Oh, das ist Carsten und seine Hündin Max.“

„Ciao Carsten.“

„Ciao Signor Pittore, ich nehme einen Café macchiato und Max wäre sicher mit etwas Wasser zufrieden.“

„Dann lass sie laufen, hier im Garten stehen Eimer mit Wasser. Friedemann war ja auch öfters hier. Maria würden sie bitte?“

„Si Signor.“

„So Andreas erzähl einmal, wie geht es dir?“

„Mir geht es gut. Ich gehe jetzt auf ein Internat und habe dadurch auch ein Instrument zur Verfügung um jeden Tag zu üben. Ich mache Fortschritte.“

„Du scherzt? Andreas, du könntest auch am Conservatorio di musica Giuseppe Verdi di Milano Musik studieren. Hast du das gehört Carsten, mein Schüler gibt sich bescheiden. Das hast du von deiner Mutter, Andreas. Sie war genauso bescheiden. Wenn ich dir einen Tipp geben darf, in drei Wochen wird im Teatro ein Klavierkonzert gegeben. Das solltest du dir anhören. Der Pianist ist mir zwar noch nicht bekannt, doch er hat vor kurzem in London gespielt.“

„Ja, ich habe davon gehört, der Pianist…“

„Ich denke der Künstler wird noch von sich reden machen. Ich habe ihn am Radio gehört und seine Interpretation des zweiten Klavierkonzerts von Brahms hat mir gefallen. Ich würde ihn gerne einmal kennenlernen. Leider wird es mir nicht vergönnt, das Konzert ist seit langem ausverkauft… Wer sagtest du sei dein Klavierlehrer?“

„Signor Kramer.“

„Signor Kramer? So hieß auch der Lehrer deiner Mutter, ich erinnere mich. Ja der ist mir bekannt. Spielst du auch ein Instrument, Carsten?“

„Ich spiele ebenfalls Klavier. Auch mein Lehrer ist Signor Kramer. Er bemühte sich, mir die Musik beizubringen.“

„Ist sicherlich schwer für dich?“

„Zuerst schon, doch ich habe einige Fortschritte gemacht. Ein paar Etüden bekomme ich ganz gut hin.“

Andreas grinste, ein paar Fortschritte ist weit untertrieben. Er hätte seinen Meister auch über Carsten aufklären können, dass er auch sein Klavierlehrer hätte sein können. Aber schon als sein Schüler konnte er es nicht lassen, seinen Lehrer hin und wieder auf den Arm zu nehmen.
Während des weiteren Gesprächs tranken sie gemütlich ihren Kaffee. Andreas erzählte seinem alten Klavierlehrer viel von dem, was er in der Zwischenzeit erlebt und gelernt hatte. Max und Friedemann hatten es sich unter einem Baum bequem gemacht und schlummerten verträumt vor sich hin.
Irgendwie kamen sie noch einmal auf das Thema Klavier zurück und der Pädagoge wollte sich die Fortschritte bei seinem ehemaligen Schüler anhören. Gemeinsam gingen sie in sein Kabinett, wo seine Instrumente standen.
Andreas beschrieb seinem Freund den Unterrichtsraum, es war der größte der Räume und beherbergte zwei Unterrichtsflügel. Andreas wurde eingeladen an einem Instrument platz zu nehmen.
Seine Darbietungen waren ganz gut und überzeugten den Meister von den Fortschritten.

„Ja, du hast wirklich sehr viel gelernt Andreas. Wenn es etwas gibt, was ich für dich tun kann, sag es.“

„Signor Pittore, da gibt es wirklich etwas, was sie für uns tun können. Sehen sie, Carsten und ich hatten im Frühjahr die Sonate KV 448 von Mozart einstudiert, nach Noten von meiner Mutter. Wir möchten sie ganz gerne unseren Familien vorspielen, dazu benötigen wir aber ein zweites Instrument.“

Der Maestro zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Andreas wollte zusammen mit Carsten eine Sonate vorspielen. Er sah sich skeptisch den blinden Jungen an. Da aber Andreas’ Worte eine gewisse Ernsthaftigkeit inne hatten, wollte er Carsten spielen hören.
Andreas führte seinen Freund zu dem Flügel. Nachdem sich Carsten eingerichtet hatte, spielte er seine üblichen Fingerübungen. Signor Pittore sah sich das an und nickte stumm. Danach bat er ihn etwas anderes zu spielen.
Carsten sagte nichts weiter und begann etwas aus dem Repertoire des Vorspiels zu spielen. Signor Pittore sah zu Andreas hinüber, der verträumt Carsten seinem Spiel zuhörte. Nachdem Carsten sein Spiel beendete, hatte der Signor keine weiteren Einwände Andreas’ Idee aufzugreifen.
Der ältere Mann ging in seinem Kabinett mehrere Male hin und her. Andreas sah in angestrengt nachdenken.

„So ganz spontan fällt mir nichts ein. Ich werde darüber nachdenken. Aber eure Idee ist schön, wenn ihr möchtet, könnt ihr es hier bei mir üben.“

„Das wäre ein Anfang. Nonno hat sicherlich nichts dagegen, dass ich mir bei ihnen Maestro noch Lektionen hole. Während Carsten bei uns auf dem Flügel für sein nächstes Konzert probt.“

„Für welches Konzert übst du denn Carsten?“

„Das fünfte Klavierkonzert in Es Dur, Op. 73 von Ludwig van Beethoven. Ich spiele es im Teatro alla scala.“

„Andreas?“

„Ach, das habe ich fast vergessen: Carsten von Feldbach. Der Pianist, den sie gerne kennenlernen wollten.“

„Junge, so veralberst du mich? … Aber ich hätte es mir denken können, immer noch der kleine freche Bambino. So und nun werfe ich euch raus, mein nächster Schüler kommt gleich. Ruf mich doch morgen Nachmittag einmal an. Bis dahin sollte ich mehr wissen und wir, Signor von Feldbach, unterhalten uns ohne den Bengel.“

Signor Pittore begleitet sie grinsend hinaus und die Jungs setzten ihre Runde weiter fort. Als sie wieder am Restaurant eintrafen, wurden sie stürmisch begrüßt. Im Garten ging es auf einmal lebhaft zu.
Erst wurden sie von Alessandro und Ercan begrüßt. Carstens Bruder trug eine blaue Hartschale um seinen Arm, es schien ihm aber nicht im Geringsten zu stören. Danach nahm Andrea Carsten in die Arme.
Für coole Teenager etwas uncool, jedoch nicht für Geschwister. Und Andreas sah Carstens Schwester ihren Urlaub an. Ihr Teint war sanft braun und ihr helles Haar, was sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, noch etwas heller.
Da unterschieden sich die Zwillinge, Carstens Haar wirkte dagegen im Licht noch etwas rötlicher. Paul und Luise, sowie Veronika und Karel beließen es bei einem Handschlag mit einem schlichten Ciao.
Paul unterrichtete seinen Sohn davon, dass er die Noten und Max Körbchen noch im Auto hatte. Ergo gingen Paul und Andreas gemeinsam erst die Sachen holen. Andreas nahm beides an sich, da er die Absicht hatte, sich zuerst etwas frisch zu machen.
Da konnte er Max Schlafstelle auch schon mitnehmen und diese in ihrem Zimmer stellen. Carsten ging zur Küche. Dort roch es nach feinen Gewürzen.

„Ciao Carsten, hast du einen Wunsch?“

„Ja, ich möchte Fragen, ob ich Max’ Futter nachher zubereiten kann?“

„Das ist nicht nötig, das hat deine Mutter schon gemacht. Es war auch mir lieber, nicht das wir durcheinander kommen. Die Rationen für die Hunde sind in Plastikdosen verpackt. Bekommt dein Hund jetzt schon?“

„Nein, erst wenn auch wir essen.“

„Das dauert aber noch. Konntest du unserem Ort schon etwas abgewinnen?“

„Es scheint eine ruhige Gegend zu sein. Zum Vorteil für Max, nach dem aufregenden London und München kann sie hier einen Gang zurückschalten, was auch ich begrüße. Andreas hat mit mir seinen Klavierlehrer besucht.“

„Ah, Signor Pittore. Wie geht es ihm? Ich habe ihn schon lange nicht mehr im Restaurant gesehen.“

„Wir waren zum Kaffee bei ihm.“

„Ja, Maestro Pittore weiß das Leben zu genießen. Die Kaffeezeit ist ihm heilig. Er hat immer gut zu tun. Morgens gibt er Kurse in einer Schule beziehungsweise an einem Conservatorio. Bis zum Kaffee hat er private Schüler reicher Familien. Abends gibt er Musikunterricht für Kinder ärmerer Familien.“

„Darf ich fragen wie er das finanziert?“

„Signor Pittore kann sich das leisten und ehemalige Schüler unterstützen ihn dabei. So möchtest du dich auch noch frisch machen? Der Abend wird sicherlich lang werden.“

Carsten bedankte sich und ging ebenfalls nach oben. Eine halbe Stunde später tauchten die Jungs gemeinsam wieder auf. Die Tafel im Garten war gedeckt. Von weitem hörte er schon die anregende Unterhaltung der Erwachsenen.
Dann bekamen die Hunde ihre Rationen und Carstens erstes Italienisches, abwechslungsreiches Abendessen begann. Jeder erzählte von den ersten drei Wochen der Ferien. Die Teenager was sie so erlebt haben und die Erwachsenen eben was sie so bewegte.
Dabei stellte Carsten fest, dass seine Eltern sehr gut italienisch sprachen und verstanden.
Der Abend zog sich wirklich lange hin. Später kamen noch Andreas’ Onkel und Tante hinzu, die eigentlich ihre Kinder ins Bett bringen wollten. Weit nach Mitternacht verabschiedeten sich die Teenager und zogen sich zurück.

*-*-*

Il piano da coda

Max schubste Carsten an und er verstand ihren Wink. Es war ihre Zeit, daheim hätte er sie einfach in den Garten gelassen, aber hier? Er stand auf und weckte Andreas dabei.

„Was ist los, Tiger?“

„Wir haben nach Sieben es ist Max’ Zeit.“

„Warte mal, willst du jetzt mit ihr Gassi gehen?“

„Ja.“

„Würde der Garten nicht bis nach dem Frühstück reichen?“

„Doch, eigentlich schon, wie bei uns daheim.“

„Gut, dann leg dich noch einmal hin, ich lasse sie in den Garten und komme dann wieder. Um diese Zeit ist das Tor noch zu und Friedemann wuselt meist da auch schon herum.“

Andreas stand auf, zog sich etwas über und ließ Max in den Garten. Wie vermutet lief Friedemann ihnen über den Weg entgegen. Dass er sich freute, konnte der Junge schon an seiner rotierenden Rute erkennen.
Max fackelte nicht lang und raste ihm entgegen. Andreas sah ihnen kurz nach, Friedemann würde der Hündin schon alles zeigen.

„Ciao Andreas, schon auf? Ist ja ganz etwas Neues.“

„Ciao Nonna, nicht freiwillig. Max musste raus, ich denke im Garten wird sie ihren Spaß haben. Das Tor ist doch noch zu?“

„Ja, keine Sorge. Ich denke auch nicht, dass sie wegläuft wenn das Tor offen wäre. Dafür hat sie zu viel Spaß daran, verloren geglaubtes Spielzeug von Friedemann wiederzufinden.“

„Dann ist es ja gut.“

„Keinen Cappuccino?“

„Überredet!“

„Andreas, Schatz?“

„Er nennt dich Schatz, Andreas?“

„Si, Nonna und ich ihn Tiger.“

Andreas bekam eine gesunde Gesichtsfarbe und seine Nonna lachte.

„Ciao Carsten, Andreas ist bei mir in der Küche. Ich habe deinen Schatz mit meinem Cappuccino verführt.“

Als Carsten zur Tür hineinkam, steigerte sich Andreas Farbe noch einmal um einen Note ins rötliche. Carsten hatte sich ein Hemd und wie er selbst eine Short übergezogen. Nur sein Hemd war offen und gab Einblicke auf einen sehr appetitlichen Body.
Selbst Andreas’ Großmutter zog ihre Augenbrauen bewundernd hoch. Dann stand Andreas auf. Ging auf Carsten zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange und führte ihn zum Küchentresen, um den sie auf Hockern saßen.

„Wenn das so ist, hätte ich auch gerne einen. Ist Andreas früher auch so früh aufgestanden?“

„Francescas Bambino? Um diese Zeit hat er sich höchstens noch einmal im Bett umgedreht. Aufgestanden ist er nur äußerst selten vor zehn.“

„Ah ja…“

„Munter wurde er erst nach dem Frühstück, oder…“

„… oder eben nach dem zweiten Cappuccino von meiner Nonna… du findest auf der ganzen Welt keinen besseren.“

Carsten probierte einen Schluck und ein Lächeln legte sich auf seinen Lippen. Andreas hatte nicht übertrieben.

„Es wirkt Nonna.“

„Mmm, das ist der beste Cappuccino den ich jemals getrunken habe.“

„Das sieht man dir auch an, Tiger.“

„Wenn er euch so gut schmeckt, dann würde ich jetzt vorschlagen ihr deckt den Tisch für das Frühstück. Gabriele kommt sicher gleich vom Bäcker zurück.“

„Hm, ich müsste eigentlich erst Max Ration machen.“

„Buongiorno. Da kann ich dir auch helfen. Leon will ja auch sein Futter haben.“

„Danke Papa. Los Andreas, du hast deine Großmutter gehört, der Tisch deckt sich nicht von allein.“

„Oller Sklaventreiber.“

Die Anwesenden lachten, es war auch mit einem spaßigen Ton unterlegt und Carsten bekam vom ihm noch einen liebevollen, leichten Klaps auf den Allerwertesten. Während Andreas mit seiner Nonna den Tisch im Garten deckte, machten sich Carsten und sein Vater daran die Hunderationen vorzubereiten.
Paul war einmal mehr erstaunt, wie genau es Carsten mit der Ernährung seiner Hündin nahm. Das Paul wusste wo die Zutaten zu finden waren, lag schlicht daran, dass Andreas’ Großvater es ihm zuvor gezeigt hatte wo diese untergebracht werden konnten. Ein Teil des Hundefutters hatte er in Kunststoffdosen mitgebracht.
So waren zum Frühstück die Hunde versorgt und am Tisch ging es lebhaft zu. Nach dem Frühstück zogen die drei Jungs mit den Hunden los. Signora Bondaz bat ihren Enkel Friedemann mitzunehmen.
Andreas hatte einen kleinen Teich als Ziel ausgemacht, ob dieser im Hochsommer aber noch Wasser führte, wusste er nicht. Doch allein der Weg dorthin war ideal für eine größere Runde mit Hunden.

„Ich würde ja Friedemann laufen lassen, aber ich weiß nicht, ob er immer auf mich hört.“

„Gestern ging es schon ganz gut. Probier es doch erst einmal mit Leine aus. Wie lang ist die?“

„Zehn Meter.“

„Dann lass ihn mal laufen und ruf ihn zurück. Wenn er das gut macht, gibst du ihm Leckerlis von Max. Bist du dir sicher lässt, du die Leine einfach los, die kann er dann hinter sich her ziehen.“

„Das geht nicht, ist so ein Flexidingen.“

„Dann nimm die von Max, ist zwar nicht so lang, tut es aber auch.“

Andreas begann mit den Übungen und da Max und Leon keine Spielverderber sein wollten, machten sie mit und schnorrten ebenfalls Leckerlis. Mit jedem Mal klappte es besser und als Andreas sich sicher war, tauschten sie die Leinen und die Hunde stoben davon.
Aber immer in Sichtweite zu ihren Herren oder besser: Zur Futterquelle.
Der Teich entpuppte sich als ein kleines Gewässer, was durch einen Bach mit Wasser versorgt wurde. Genug damit die Hunde ihren Spaß darin haben konnten. Abwechselnd warfen die Jungs einen Stock ins Wasser und die Hunde wetteiferten darum, diesen wieder zurück zu bringen.
Nach guten zwei Stunden trafen sie wieder am Haus ein und Andreas’ Großmütter konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. Nicht nur die Vierbeiner sahen verwuschelt aus, sondern auch den Jungs konnten sie ansehen, bei der Gassirunde auf ihre Kosten gekommen zu sein.

„Veronika glaubst du die Jungs ändern sich noch mal?“

„Warum sollten sie? Mein Karel schafft das auch locker. Nur, nicht ganz so offensichtlich wie der Lausebengel und seine Freunde. Ercan ich glaube du sollst zu Luise kommen.“

„Immer ich und die Großen?“

„Deine Eltern wollen mit dir in den Minitalia Leolandia Freizeitpark.“

„Oh ja… Mama ich komme.“

„Und was wollt ihr machen Jungs?“

„Jetzt kümmere ich mich erst um Max’ Fellpflege.“

„Friedemann könne auch ruhig einmal gebürstet werden. Er war im übrigen ganz brav, Nonna. Aber habt ihr noch etwas Limo im Haus?“

„In der Küche steht noch ein Krug. Geh ruhig.“

„Bringst du mir bitte etwas Wasser mit, Andreas?“

„Gerne, sonst noch etwas?“

„Die Pflegeartikel von Max?“

„Die hol mal ruhig selbst, Männe.“

Wieder lachten die beiden Frauen am Tisch. Erinnerte sie doch der Ausspruch, an das Verhalten ihrer eigenen Ehemänner. Aber in dem, wie Andreas das zu Carsten sagte, lag sehr viel Achtung vor dessen Leistung im täglichen Leben und ein kleiner Anflug des Flirtens.
Die Großmütter sahen den beiden mit Bewunderung nach. Die Hunde wuselten, von ihren Geschirren befreit, zur nächsten Wasserstelle und bedienten sich.
Nach einer Weile saßen Andreas und Carsten Rücken an Rücken auf dem Rasen und jeweils mit der Pflege ihrer Hunde beschäftigt. Nebenbei lernte Carsten ein wenig Italienisch. Leon lag im Schatten eines Baumes und beschäftigte sich mit dem Schreddern eines Stocks, den er auf dem Grundstück gefunden hatte.

„So das war es Max, hier ist noch ein Keks und nun ab.“

„Das ging aber schnell.“

„So wie du eben herumgezappelt hast, würde ich sagen Friedemann hat nicht still gehalten. Obendrein ist er doch etwas größer und wuseliger als die zierliche Max.“

„Was hast du jetzt vor?“

„Deinen Großvater fragen, irgendwann muss ich es tun und ich denke es wird langsam Zeit wieder Klavier zu spielen. Du weißt nicht wo ich ihn finde?“

„Um dieser Zeit ist er normalerweise im Gemüsegarten. Vor dir aus fünf Meter nach rechts und dann links den Weg entlang.“

„Danke, Schatz. Würdest du nachher noch die Pflegeartikel wieder wegpacken?“

„Geh, ich kümmere mich schon darum.“

Carsten stand auf und nahm seinen Stock. Nach Andreas Beschreibung fand er den Eingang des Gartens recht schnell. Er öffnete eine kleine Pforte und lauschte. Jemand kratzte auf dem Boden.

„Signor Bondaz?“

„Ja? Hier hinten Carsten. Ist dein Hund dabei?“

„Nein, Andreas sagte gestern schon, dass Hunde hier nicht erlaubt sind.“

„Si. Folge einfach den Weg zwischen den Tomatenstauden. Ich bin am Ende beim Salat.“

Carsten atmete tief durch und machte sich auf. Hin und wieder schlug er mit dem Stock gegen einen Stab, dann korrigierte er seine Richtung und folgte der Stimme. Denn Andreas Nonno redete weiter.
Er erzählte über Salatpflanzen, dass er den Boden etwas auflockere damit das Wasser besser die Pflanzen erreicht. Als der Junge ihn erreichte, richtete sich der alte Mann auf.

„Was kann ich für dich tun?“

„Nun, ihre Frau sagte mir, dass ich sie fragen soll, ob ich ihr Klavier zum Üben meiner Etüden und des Konzertes benutzen darf: Signor Bondaz, erlauben sie mir auf ihrem Instrument zu spielen?“

„Andreas hat dir sicherlich gesagt, dass es ein besonderes Instrument ist?“

„Ein wenig. Sie haben es ihrer Tochter zum bestandenen Abitur geschenkt. Er erwähnte auch, dass sie seiner Zeit mit der Studienwahl ihrer Tochter nicht ganz einverstanden waren. Nachdem sie erfuhren, dass sie neben dem Studium Klavier- und Musikunterricht nahm, waren sie wohl der glücklichste Mann der Welt.“

„Oh, ja. Ich war sehr Stolz auf meine Bambina. Im Nachhinein: Sie hatte eine sehr kluge Wahl getroffen. Francesca war keine Musikerin mit Leidenschaft. Schon in der Schule war Mathematik ihr Lieblingsfach und sie hatte ein Sprachtalent. Sie musizierte gerne, aber mehr als ein Hobby würde es nie werden. Immer wenn sie hier war, spielte sie darauf. Sie hat es sogar Andreas beigebracht. Dem kleinen Jungen hat es Spaß gemacht und er hatte jeden Tag etwas geübt. Francesca spielte oft, spielte mir vor… Dann kam der Unfall und… und das Instrument blieb stumm. Francesca spielt nicht mehr… nie mehr… mir vor…“

Carsten verstand die Worte. Er ging auf Signor Bondaz zu und nahm ihm einfach im Arm. Der gestandene Mann konnte seine Tränen nicht mehr unterdrücken und der blinde Junge stützte ihn. Nach einigen Minuten hatte sich der alte Mann wieder gefasst. Er entfernte sich etwas von Carsten und stützte sich auf den Stiel seiner Harke. Dann fuhr er fort.

„… Immer wenn Andreas dann hier zu Besuch war, in den Ferien, habe ich für ihn Klavierunterricht organisiert. Der Lehrer war sehr zufrieden mit ihm und dem Jungen hat es Freude bereitet, doch il Pianoforte klang nicht wie bei seiner Mutter. Es fehlte etwas. Glaubst du, dass es jemals genauso klingen wird wie bei meiner Tochter?“

„Nein, das wird es nicht. Denn es wird keinen geben, der die Liebe zu ihnen in Musik ausdrücken kann wie eben ihre Tochter.“

Signor Bondaz sah zu Carsten auf. Die Worte hatten was für sich. Sie waren ehrlich und entsprachen der Wahrheit: Seine Tochter lebte nicht mehr. Der junge Mann ihm gegenüber war blind, aber er nahm die Wirklichkeit und deren Bedeutung an.
Hier im Garten gab es nichts mehr zu tun. Er bat Carsten die Harke zu nehmen und gab ihm das Gerät in die Hand. Dann führte er ihn zum Haus und nahm dort ihm das Gartenwerkzeug wieder ab.
Drückte auf einen Schalter um die Bewässerung einzuschalten. Carsten hörte wie Wasser zischend Luft aus Düsen drückte.

„So, das Wasser läuft jetzt für ein paar Minuten. Das reicht aus, damit der Boden nicht ganz austrocknet. Andreas’ Vater hatte uns diese Bewässerungsanlage gebaut. Sehr effizient. Wir benötigen weniger Wasser für den Garten und dennoch bleibt alles grün. Die Anlage ist so programmiert, dass sie sich in den späten Abendstunden einschaltet und wenn es sein muss noch einmal in den frühen Morgenstunden.“

„Mama kümmert sich bei uns um den Garten, es ist ihr Heiligtum.“

„Ich verstehe sie. Francesca und Pavel liebten die Natur und ich bin sehr froh, dass Andreas sich für den Beruf seines Vaters interessiert. Komm gehen wir ins Haus.“

Signor Bondaz führte Carsten ins Haus. In der Küche wuschen sie sich die Hände. Dann führte er ihn ins Musikzimmer. Nachdem er die Tür öffnete, kam ihnen etwas feuchte, abgestandene Luft entgegen. Der Raum war wohl längere Zeit nicht mehr betreten worden.
Der Flügel stand etwas seitlich vom Eingang wie Carsten feststellte. Wie gewohnt tastete er das Instrument ab. Es war ein kleiner Salonflügel. Noch geschlossen. Unterhalb der Tastatur stand eine Bank mit einem Kordbezug, diese zog er ein wenig vor.
Dann tastete er sich zum Flügeldeckel und öffnete ihn um ein Drittel. Signor Bondaz sah ihm dabei zu. Carsten ging zu der Klavierbank zurück. Setzte sich hin und justierte die Höhe und Entfernung zu den Pedalen.
Erst dann öffnete er die Tastatur. Seine Finger glitten sanft über die Tasten vom Diskant bis hin zu den Bässen. Noch einmal setzte er sich auf der Klavierbank um. Er drückte die Tasten leicht hinunter.
Der Anschlag war etwas leichter als bei seinem eigenen Flügel. Doch der Sound des Instrumentes überraschte ihn. Der Klang der Töne war warm und rein. Die Resonanzen schmeichelten seinem Gehör.
Er spielte die Tonleiter der 7¼ Oktaven. Dann unter Zuhilfenahme des Quintenzirkels die unterschiedlichen Tongeschlechter. Das Instrument klang perfekt gepflegt.

„Andreas hatte mich gebeten, das Instrument stimmen und intonieren zu lassen, bevor ihr kommt.“

„Danke. Sie wussten, dass ich sie fragen werde?“
„Nicht mit Sicherheit. Aber als du vorhin im Garten vor mir standest … du hättest auch ein nein akzeptiert. Aber was nutzt mir ein Instrument, wenn keiner darauf spielt?“

„Danke. Wenn mich meine Orientierung nicht im Stich gelassen hat, würde ich sagen, dass von diesem Raum auch ein Fenster zum Garten hinaus geht?“

„Ja, darf ich es öffnen? Es stört dich nicht?“

„Es wäre mir sehr lieb Signor. Darf ich ihnen etwas vorspielen?“

„Nein, nicht im Moment. Mach einfach deine Übungen.“

*-*-*

Andreas beendete die Fellpflege. Wie Max schüttelte sich der Schäferhund ordentlich. Ganz so pflegeleicht wie Max war Friedemann nicht. Doch er hatte es genossen. Der große Haufen an Hundehaare neben Andreas zeugte auch davon, dass es wieder nötig gewesen ist.
Der Junge stand auf, kraulte Friedemann ordentlich das Fell, bevor dieser sich wieder Max zuwandte. Er sammelte die Utensilien ein und gesellte sich zu seinen Großmüttern. Die Pflegeartikel legte er auf einen freien Stuhl neben sich ab.

„Carsten ist bei Gabriele?“

„Ja, er möchte ihn um Erlaubnis fragen.“

„Er ist sehr konsequent!“

„Ja und selbst wenn Nonno nein sagen würde, fände er eine andere Möglichkeit.“

„Dein Großvater wird nicht nein sagen. Wir haben schon darüber gesprochen. Er hätte nur dann seine Zustimmung verweigert, wenn Carsten nicht gefragt hätte. Er hat sich die Übertragung aus der Royal Albert Hall angesehen und war von Carsten angetan.“

„Ich verstehe. Im Übrigen haben er und Mama einiges gemeinsam. Zum Beispiel ihre bevorzugte Klavierstimmung. Mutti hatte immer darauf gepocht, dass der Kammerton bei ihrem Klavier tiefer als normal war. Genauso wie Carsten. Auch ihre Interpretationen sind ähnlich. Er hatte im vergangenen Jahr nach Weihnachten ein Konzert gegeben und als er die Zugabe spielte – unser Kinderlied – dachte ich zuerst Mama sitzt da am Flügel und nicht Carsten.“

„Das ist interessant, Junge. Weiß er, dass es das Lied ist, was Francesca Gabriele immer vorgespielt hat?“

„Nein, das weiß er nicht und so soll es auch vorerst bleiben. Wo ist Děda?“

„Der ist noch auf seiner Morgenrunde.“

„Nein, Veronika ich bin schon zurück.“

„Dann bringe ich mal die Sachen wieder zurück. Möchte von euch noch jemand etwas? Ich geh mir noch Kaffee holen.“

„Bring doch einfach die beiden Thermoskannen mit. Eine ist mit Tee, die andere mit Kaffee gefüllt… hört mal… Carsten spielt.“

Es wurde im Garten still und sie lauschten der Klaviermusik. Andreas sah zum Haus und dort stand sein Großvater in der Tür. Er lächelte zufrieden. Der Junge stand auf, nahm die Sachen und ging auf ihn zu.

*-*-*

Signor Bondaz ging gerade durch die Tür, als Carsten seine Fingerübungen beendete und mit seiner typischen Czerny Etüde begann. Er lächelte. Dann sah er Andreas auf sich zu kommen. In den Händen hielt er Bürsten und Kämme.

„Nonno, du lächelst?“

„Ja, mir wird gerade bewusst, wie sehr ich diese Musik vermisst habe. Und Carsten hat gefragt, ob ich das Fenster aufmachen kann. Wie Francesca.“

„Ja, sie mochte es auch nicht geschlossen. Gerade wenn es kalt war. Kommst du zu uns? Ich bringe die Sachen hier weg und komme mit Kaffee und Tee zurück.“

„Dann helfe ich dir mal Bambino. Braucht Carsten eigentlich keine Noten?“

„Für die Fingerübungen und seine Etüden nicht. Die Noten für das Konzert hat er auf seinem kleinen Computer. Er kann sie mittels seiner Braille Zeile lesen.“

„Braille Zeile?“

„Ja, das ist so eine Leiste welche die Buchstaben, so wie wir sie kennen in Blindenschrift darstellt. Diese besteht aus einer einzigen Zeile von 44 Feldern mit jeweils acht Löchern, in der kleine Stifte sind. Je nach Buchstabe kommen die Stifte ein kleines Stück heraus und bilden das entsprechende Schriftzeichen. Im Internat hat er noch eine zweizeilige Braille Zeile.“

„Du kennst dich gut aus Bambino. Kannst du das auch schon?“

„Ein wenig. Ich lerne sie. Wenn Carsten mir aber eine wichtige Nachricht hinterlassen will, tippt er diese in seinem Computer ein und schickt sie mir auf mein Handy.“

„Und diese Noten braucht er jetzt nicht?“

„Ich kann ihn ja fragen, dann bringe ich sie ihm. Ist kein Thema.“

Beide verschwanden wieder im Haus. Andreas ging ins Musikzimmer und sprach mit Carsten. Dieser bedankte sich und Andreas brachte ihm sein Equipment. Anschließend gesellte er sich wieder zu seinen Großeltern. Sein Großvater hatte noch Geschirr mitgebracht, er selbst die Getränke und seine Matheunterlagen.

„Du lernst jetzt Mathe Junge?“

„Ano, Babi. Einmal möchte ich am Ball bleiben und außerdem, wenn mein Freund seine Hausaufgaben am Klavier macht, kann ich ja wohl schlecht faulenzen.“

Die Erwachsenen sahen sich an und lachten. Das Argument hatte etwas für sich. Andreas zog schmunzelnd die Achseln hoch und setzte sich mit an den Tisch. Bald schon war er in der Welt der Trigonometrie abgetaucht. Im Hintergrund hörte er Carsten spielen und seine Großeltern sich unterhalten. Er fühlte sich wohl.
Nach einer Stunde, merkte er, dass er nur noch allein am Tisch saß. Carsten spielte noch immer, da er die gleiche Passage öfters spielte, musste es sich wohl um das Konzert handeln. Er sah sich um, Leon und Friedemann dösten im Schatten.
Er packte seine Sachen und brachte sie zurück. Es ging auf Mittag zu. Im Haus ging er direkt ins Musikzimmer. Wie er schon vermutete, Max lag unter dem Flügel. Ihren Kopf auf die Pfoten gelegt und blinzelte nur kurz zu Andreas hinüber.

„Na, schon fertig mit lernen?“

„Hey wer hat dir das verraten?“

„Dein Nonno, der war vorhin noch einmal hier und hat gefragt, ob alles in Ordnung wäre. Er hat mir auch Strom für den Computer besorgt. Dabei hat er erwähnt, dass du Mathe lernst.“

„Ja, mein Tagespensum Mathe habe ich geschafft, Tiger. Du hast meinem Nonno eine große Freude gemacht, weil du das Fenster geöffnet haben wolltest.“

„Sorry, das war Eigennutz. Die Luft war etwas stickig. Wenn ich die zwei Stunden lang geatmet hätte, hätte ich jetzt Kopfschmerzen.“

„Ich werde es keinem Verraten. Machst du jetzt Schluss?“

„Ja, heute Abend eventuell noch einmal und dann war es das für heute. Hast du schon etwas vor am Nachmittag?“

„Was hältst du davon, diesen Schneider aufzusuchen? Nonno würde uns sicherlich fahren und ich denke es wäre auch gut, um euch gegenseitig besser kennenzulernen. Dann sollte ich Signor Pittore anrufen.“

„Ich habe nichts dagegen. Dein Großvater ist ein sympathischer Mensch.“

„Gut ich werde Nonno fragen.“

Carsten schaltete den Laptop aus und packte alles in die Umhängetasche, schloss die Tastaturabdeckung und den Flügel. Andreas ging zum Fenster hinüber und machte es wieder zu. Noch bevor die beiden den Raum verließen, gab er Carsten einen liebevollen Kuss. Dann verließen sie den Raum, Max folgte ihnen. Andreas schloss die Tür.

*-*-*

Ein Heimspiel

Am Nachmittag fuhren Andrea, Andreas, Carsten und Max mit der Bahn ins Zentrum. Andreas’ Großvater hatte dankend abgelehnt. Er meinte, dass sein Enkel für die Gäste der beste Fremdenführer sei. Also machten sie sich alleine auf. Andrea hatte angefragt, ob sie die Jungs begleiten dürfe und es sprach nichts dagegen.

„Jetzt wo wir unter uns sind Schatz, wann willst du Maestro Pittore aufsuchen?“

„Carsten wer ist Maestro Pittore? Und warum wollt ihr ihn aufsuchen?“

„Signor Pittore war mein hiesiger Klavierlehrer. Kannst du etwas für dich behalten?“

„Sie kann Schatz und es ist eventuell auch ganz gut, dass sie davon Kenntnis hat. Schwesterchen, Andreas und ich möchten ein Mozartstück für zwei Klaviere seinen Großeltern vorspielen. Eine kleine Überraschung. Da uns aber nur ein Flügel zur Verfügung steht, hatte Andreas gestern die Idee einmal seinen alten Klavierlehrer aufzusuchen. Er hat sich bereit erklärt uns in seiner Schule proben zu lassen. Nur wann wissen wir nicht.“

„Ich verstehe, von mir erfährt keiner etwas.“

„Danke, Schwesterherz.“

„Morgen am Samstag, da ist die Schule und das Conservatorio geschlossen. Außerdem haben wir hier in der Lombardei Schulferien. Wir gehen nach Max’ Gassirunde zu ihm.“

„Glaubst du nicht, dass Maestro Pittore Besseres zu tun hat?“

„Ich denke nicht, dass er am Samstagvormittag Unterricht erteilt. Wir sollen ihn ja anrufen, da kann ich fragen, ob er morgen für uns Zeit erübrigen kann.“

„Gut, nur möchte ich dich daran erinnern, dass ich selbst täglich mindestens zwei Stunden noch an dem großen Konzert üben muss.“

„Das habe ich schon mit einkalkuliert. Nonno sagte gestern etwas davon, dass mein Onkel etwas Hilfe in seinem Restaurant benötigen könnte. Gerade bei den Vorbereitungen am späten Vormittag. Da kann ich mich auch nützlich machen. Dann habe ich gesehen, dass im Garten auch etwas zu tun ist. Einige der Sträucher und Stauden im „Wildwuchsstreifen“ müssten etwas zurückgeschnitten werden und so weiter.“

„Ich dachte der heißt so, weil eben alles dort wachsen darf wie es will?“

„Genau, aber nicht alles zuwuchern. Einiges möchte ich stutzen, den Boden wieder etwas auflockern und die „Wiese“ darunter mähen. Außerdem kann ich in Mathe auch etwas tun. Meine Großeltern fanden es vorhin lustig, als ich sagte, ich mache Mathe während du übst.“

„Das ist ja auch nicht normal für einen Teenager, oder?“

„Vielleicht nicht normal, aber es hilft mir außerordentlich mich jeden Tag mich mit der Materie auseinander zu setzen Andrea. Mathe ist nun einmal nicht so mein Ding und ich kann es lediglich nur durch Lernen wett machen.“

„Ich verstehe.“

Der Zug ruckelte, kam an ihrer Station zum Stehen. Die Teenager stiegen aus. Nachdem sie die Station verlassen hatten, setzten Andrea und Andreas sich ihre Sonnenbrillen auf. Carsten zögerte auch nicht lange gleiches zu tun. Dann lenkte Andreas sie durch die Straßen.
Carsten wusste nicht wo sie sich befanden, doch schien in der Nähe ein Markt zu sein. Denn es roch nach frischem Obst und Gemüse. Außerdem hörte er viele Stimmen, Kinderlachen und diese ermahnenden Eltern.
Andreas bestätigte ihm, dass es sich wirklich um Straßenstände handelte und die Läden sich dahinter befanden. Hin und wieder rief man ihnen etwas zu und Andreas antwortet im gleichen Stil. Carsten spürte, dass es für seinen Freund ein Heimspiel war.
Es war auch eine wahre Freude ihn so in Aktion zu erleben. So ganz anders als in London oder München lebten die Straßen von Mailand.

„So da sind wir, Via Paolo Sarpi.“

„Dann auf zum Schneider.“

„Ihr wollt zu einem Schneider? Jetzt?“

„Ja, du kannst uns gerne begleiten. Es ist von Vorteil, wenn wir das so früh wie möglich machen. Die Meister der Zunft brauchen ihre Zeit. Obendrein haben wir eine Empfehlung aus London für diesen Herrenschneider.“

„Komm Schwesterchen, du berätst uns.“

Gemeinsam gingen sie die Straße noch ein Stück entlang und bogen in eine kleine Gasse ein. Diese liefen sie hinunter. Dann blieb Andreas vor einem Hauseingang stehen.

„So wir sind da.“

„Ist recht frisch hier.“

„Stimmt Tiger. Die Gasse ist schmal und die Häuserfronten sind hoch, hier ist kaum Sonne.“
„Und du glaubst der Schneider hat hier sein Geschäft?“

„Nein, sicherlich nicht. So wie es aussieht ist seine Werkstatt in den oberen Stockwerken.“

Nachdem Andreas einen Klingelknopf drückte, wurde ihnen kurz darauf die Tür geöffnet. Mit einem Fahrstuhl fuhren sie in die vierte Etage. Ein kleiner Mann trat ihnen an der Eingangstür entgegen. Andreas begrüßte ihn und stellte ihm Andrea, Carsten und Max vor. Dann übergab er ihm das Schreiben aus London.

„Oh, von meinem alten Meister. Kommen sie herein.“

„Danke. Das hier ist ihre Schneiderei?“

„Eigentlich mehr mein Atelier. Hier entwerfe ich meine Kollektionen. Meine Gehilfen haben heute ihren freien Tag, nicht das ihr denkt ich wäre allein. Was kann ich für euch tun?“

„Sehen sie, ihr Maestro sagte, dass wir für einen klassischen Smoking doch noch etwas zu jung seinen. Carsten ist Pianist und muss entsprechend gekleidet auftreten. In London war es noch einfach, durch die konservative Haltung einen Frack zu tragen. Aber ich finde, dass es nicht unbedingt seine Persönlichkeit unterstreicht.“

„Wie lange seid ihr in Mailand?“

„Mein nächstes Konzert ist in zweieinhalb Wochen.“

„Da kommt eine ganz neue Kreation nicht in Frage. Ich habe da noch Modelle aus den vergangenen Jahren. Ja ich glaube, ich weiß etwas. Wartet bitte hier.“

Der Mann verschwand durch eine Tür und es dauerte bis er wieder kam. Inzwischen sah sich Andrea etwas um. Die beiden Jungen hatten es wirklich weit gebracht. Ein einziges Schreiben öffnete ihnen in einem anderen Land die Türen.
Die Tür die sie eben durchschritten haben, war mehr als nur eine kleine Gefälligkeit. Das Atelier hatte einen Hauch von individueller Exklusivität und ihr Bruder war mitten drin dabei. Ihre Gedanken wurden durch den eintretenden Schneider unterbrochen und sie musste auflachen.

„So hier habe ich zwei Muster, die sollten euch passen. Der Farbton ist ein helles Anthrazit.
Der Stoff ist ein Satin. Das Sacco kann auch einzeln zum Beispiel zu einer Jeans getragen werden.“

Zuerst war Carsten an der Reihe. Wie Andreas feststellte, der Schnitt gefiel ihm. Wie schon in London, steckte der Schneider etwas ab, maß an anderer Stelle nach. Nach gut eineinhalb Stunden waren die Muster auf die Jungen angepasst.

„Euer ganzes Erscheinungsbild passt sowohl als Ensemble als auch solo. Was meint ihr?“

„Carsten, wie sitzt es?“

„Bequem ist es auf jeden Fall. Lässt mir ausreichend Bewegungsspielraum. Wie ist das mit Hundehaaren, sieht man die sofort?“

„Der Stoff lädt sich statisch nicht auf und bei normalen Bewegungen fallen die meisten Haare und Staubfussel ab.“

„Was meinst du Andrea?“

„Ja, das gefällt mir. So könnt ihr beiden herumlaufen.“

„Dann würde ich sagen, machen sie es so, wie sie es vorgeschlagen haben.“

„Dem schließe ich mich an. Wie lange dauert das?“

„Hm, in zehn Tagen könnte ich fertig sein. Ja, kommen sie zur Anprobe in zehn Tagen und wir haben noch Zeit kleine Änderungen durchzuführen.“

„Gut haben sie auch etwas für die junge Dame?“

„Carsten das ist nicht Nötig.“

„Du solltest deinen Bruder schon etwas besser kennen, Andrea.“

„Hm, tatsächlich habe ich zu dieser Kollektion auch eine passende Kreation für Damen. Wie möchten sie es haben: Kurz oder Lang? Warten sie ich hole sie einmal, damit sie eine Vorstellung haben.“

Sprach’s, verschwand wieder und kam mit den entsprechenden Kleidern zurück. Andrea wählte die länge Version. Andreas schmunzelte etwas. Carstens Schwester hatte wirklich keine Hemmungen sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden.
Nachdem sie den Zweiteiler angezogen hatte, warf ihr Andreas bewundernde Blicke zu. Er beschrieb Carsten das Design. Auch hier maß der Schneider nach, steckte etwas ab und war danach mehr als zufrieden.
Dabei bemerkte der Mann, dass Andrea und Carsten sich ähnlich sahen und sprach sie darauf an, ob sie denn Zwillinge seien. Was prompt von Andrea und Carsten gleichzeitig bestätigt wurde.
Das Kleid saß soweit. Auch hier versprach der Schneider es in dem Zeitraum anfertigen zu lassen. Carsten vereinbarte einen Termin und die Jugendlichen verabschiedeten sich von dem Schneider, der ihnen noch eine Visitenkarte seiner Boutique im Zentrum Mailands gab. Dort sollten dann auch die Anproben stattfinden.
Max hatte wirklich lange still gehalten und nun war sie an der Reihe. Andreas führte sie erst zu einem kleinen öffentlichen Park. Nachdem sich die Retrieverhündin erleichtert hatte und Andreas ihre Hinterlassenschaften soweit beseitigte, ging es weiter. Carsten tastete seine Uhr ab und fand, dass es Zeit für einen Cappuccino wurde.

„Jungs, wir sind vorhin an einem kleinen Café vorbeigekommen.“

„Worauf warten wir noch?“

Andreas grinste. Er lenkte die Gruppe zu dem Café und war wieder einmal überrascht, wie souverän Max mit den Gegebenheiten zurechtkam. Das Lokal war zwar schmal, doch es schien auch gemütlich zu sein.
Sie suchten sich einen freien Tisch an der Straße aus. Die Kellnerin ließ nicht lange auf sich warten. Neben den Getränken brachte sie auch einen Schüssel Wasser für Max. Andreas orderte noch für jeden einen kleinen Fruchtsalat. Dann verschwand er kurz im Café zum Telefonieren.

„Weißt du, an dem Modell gefiel mir, dass der Schnitt modern ist und doch passt es in das Bild eines klassisch gekleideten Orchesters. Es gibt Pianisten, die tragen weiße Anzüge, einfach gemusterte Hemden, irgendwelche Kopfbedeckungen und so weiter. Dein Stil ist einfach schlicht. Ich habe auch die Übertragung aus London im TV gesehen und deine Kleidung hat dein Können an den Tasten nur unterstrichen.“

„Danke Schwester. So und nun zu dir, was ist zwischen dir und Mark vorgefallen?“

„Wie kommst du darauf, dass da etwas vorgefallen ist?“

„Zum einen, ich bin dein Zwillingsbruder und ich lese in dir wie in einem offenen Buch. Zweitens, du hast mir gegenüber ihn noch nicht einmal erwähnt. Das widerspricht deinem Verhalten vor euren Urlaub.“

„Also gut, ich habe ihm den Laufpass gegeben. Ich habe ihm vertraut und er hat mich mit einer Inselschönheit hintergangen. Nur weil ich nicht bereit war mit ihm zu schlafen. Er hat mich ein prüdes Frauenzimmer genannt. Da ist mir die Sicherung durchgegangen und habe ihn vor die Tür gesetzt. Ich habe mich dann nur noch um Diogenes gekümmert. Mark ist dann wohl schon bald abgefahren. Papa und Mama wissen Bescheid, Papa hat mich und Diogenes abgeholt. Mit Mama habe ich mich lange unterhalten. Der Arsch hat mir so weh getan und ich möchte auch nicht weiter darüber sprechen.“

„Ich verstehe, dann belassen wir es dabei. Von mir erfährt es keiner, kleine Schwester.“

„Danke. Es ist gut zu wissen, dass ich mit dir über alles reden kann…“

„Also ihr beiden, Signor Pittore erwartet uns morgen Nachmittag. Er hat wohl auch schon eine Idee, wie das mit den zwei Instrumenten zu bewerkstelligen ist… Oh störe ich euch bei etwas?“

„Nein, Andreas. Carsten und ich haben nur ein kleines Problem erörtert. Das war es auch schon.“

Andreas ging hinter Carsten her zu seinem Platz, dabei strich er ihm sanft über die Schulter. Carsten schüttelte sich etwas durch die angenehme Berührung. Andreas setzte sich und trank seinen Latte Macchiato.
Während sie noch ihren Kaffee tranken, schwätzen sie über dies und das. Andrea interessierte sich vor allem für das Vorspiel in der Royal Academy of Music. Nie hätte sie gedacht, dass Carsten London für ein Studium in Betracht ziehen würde.
Andreas zahlte und die Jugendlichen machten sich auf. Sie gingen sie durch das Viertel. Andreas’ Ziel war das Cimitero Monumentale. Der Friedhof ist eine große architektonische Parkanlage in Mailand.
Andreas wusste viel davon zu berichten. Das Eingangsgebäude bestand aus drei zusammenhängenden Komplexen. Zentral war das Famedio, das als Kirche geplant, aber als Pantheon gebaut wurde, die anschließenden Gebäudekomplexe links und rechts in eine Galleria superiori und einer Galleria inferiori.
Am Eingang wurden sie erst einmal angehalten, weil Max dabei war. Andreas erklärte dem Bediensteten, dass Max Carstens Blindenführhündin ist und damit nicht unter dem Verbot fällt. Er versprach ihm darauf aufzupassen, dass sie nirgendwo hinmacht und das auf eine charmante Weise, dass der Angestellte keine Einwände mehr hatte.
Dann erkundeten die vier den Friedhof. Andrea war von den vielen Skulpturen fasziniert. Abwechselnd erklärten und schilderten sie Carsten das eine oder andere besondere daran.

„So Carsten hier ist ein besonderes Grab: Arturo Toscanini (1867 – 1957)“

„Was soll daran berühmt sein Andreas?“

„Arturo Toscanini, Schwesterherz, war ein bedeutender Dirigent seiner Zeit. Er leitete Orchester in der ganzen Welt. War einer der ersten Dirigenten, welcher die neun Sinfonien von Beethoven aufgenommen hatte. Mit seinem Schwiegersohn Vladimir Horowitz hat er bei einer Benefiz Veranstaltung in der Carnegie Hall mit dem 1. Klavierkonzert von Tschaikowski viel Geld für Kriegsanleihen eingespielt. Auf seiner Veranlassung wurde nach Puccinis Tod 1924 dessen Oper Turdandot von einem seiner Schüler nicht nur fertig gestellt, sondern auch in die heute noch oft aufgeführte, kürzere Fassung gebracht.“

„Aber was hast du davon? Du spielst das Tschaikowski Konzert nicht und mit den Interpretationen von Sinfonien und Opern hast du auch nicht sehr viel am Hut.“

„Das stimmt, aber ich kann von seinen Interpretationen lernen. Sowohl betreffend der Musik im Allgemeinen als auch für das Klavierspiel an sich.“

„Da hast du wohl recht und dieser Vladimir Horowitz sagt mir auch etwas. Du hast auch einige Aufnahmen von ihm, richtig?“

„Ja, vor allem seine Interpretationen von Liszt, Schumann und Rachmaninov. Obendrein er war ein Meister seiner Klasse vor allem in Sachen Spieltechnik. Einige bezeichneten ihn als den letzten echten Romantiker am Klavier. Mein Lieblingszitat von ihm: Klavierspiel besteht aus Vernunft, Herz und technischen Mitteln. Alles sollte gleichermaßen entwickelt sein. Ohne Vernunft sind Sie ein Fiasko, ohne Technik ein Amateur, ohne Herz eine Maschine. Ich versuche es zumindest zu befolgen.“

Andrea dachte einen Moment nach und sah sich die Grabstelle noch mal an. Ihr Bruder hatte im Grunde recht und es galt nicht nur für die Musik. Wenn sie alles bisher gesehene etwas abstrakter betrachtet, konnte sie diesem Friedhof viel Positives abgewinnen.
Die Künstler der Denkmale, Staturen und selbst der Architektur der Wege. Alles wirkte auf einmal so friedlich. Als sie wieder am Ausgangspunkt waren, wunderte sich Andrea, dass mit den beiden Jungen die Stunden wie im Flug vergangen sind.

„Wir sind etwas spät, Leute. Ich rufe bei Nonna an und sage Bescheid, dass es bei uns noch dauert und sie mit dem Essen nicht warten sollen. Einverstanden?“

„Gute Idee, Andreas. Sag ihnen auch, dass ich euch beide Verliebte zum Essen einlade.“

„Ok.“

Andreas sah sich um und fand ein öffentliches Telefon. Nach fünf Minuten kam er zurück.

„So wir können. Unsere Familien wissen Bescheid und warten nicht auf uns und Max’ Ration steht schon fertig in der Küche.“

„Danke Schatz. Und wohin nun?“

„Andreas du kennst dich doch hier am besten aus, wo ist ein gutes Restaurant?“

„Dann kommt einmal mit.“

Andreas lotste die Gruppe quer durch das Viertel und nach einiger Zeit standen sie vor einem Restaurant, das sehr edel aussah. Andreas hielt Andrea galant die Tür offen. Dann folgten Carsten und Max und zuletzt trat Andreas selbst ein.
Im Foyer kam ihnen ein gut gekleideter Kellner entgegen, der sie auf Italienisch begrüßte. Andreas antwortete ihm und bat um einen Tisch für drei Personen und ein Hund. Der Kellner guckte die Jugendliche skeptisch an.
Andreas sah sich bemüht noch seinen Namen anzufügen. Das schien der Angestellte zu verstehen und geleitete sie zu einem etwas abgelegenen Tisch, entfernte einen Stuhl für Max und winkte einen Tischkellner herbei, der auch gleich drei Menukarten brachte.
Andrea öffnete diese und machte große Augen, dann beschwerte sie sich bei Andreas, weil alles nur auf Italienisch geschrieben stand. Carsten lachte. Andreas antwortet ihr, dass es in Italien schon einmal vorkommt, dass die Speisekarte nur in Italienisch abgefasst wird. Dann übersetzte er für die beiden Geschwister die Speisen.
Der Tischkellner kam zu ihnen an den Tisch und nahm die Bestellung auf. Als erstes bekam Max eine Schüssel Wasser. Dann folgten die Getränke der Teenager.
Andreas ließ ich noch einmal die Bestellung durch den Kopf gehen. Ihm fiel auf, dass Andrea einen ähnlichen Geschmack wie Carsten hatte. Die Speisefolge der Beiden lag nicht so weit auseinander.
Dann wurde serviert. Das Menu zog sich hin und sie plauderten über alles Mögliche, was sie in den nächsten Tagen noch vor hatten. Dazu kam, dass Andrea auf die Idee kam, gemeinsam mit Andreas ein wenig Musik zu machen.
Sie hatte ihre Querflöte mitgebracht. Carsten fand die Idee grandios, er fragte sie, ob auch die Anderen ihre Instrumente mitgenommen haben, was Andrea bestätigte. Als es ans Bezahlen ging, dachte Andreas Carstens Schwester würde große Augen machen.
Doch genauso wie Carsten sah sie sich die Rechnung an, legte ihre Kreditkarte auf das kleine Silbertablett und wartete. Sie unterschrieb die Quittung und nahm die Karte wieder an sich. Dann tranken sie ihren Kaffee. Bevor sie das Restaurant verlassen konnten, kam noch ein älterer Mann an ihren Tisch, begrüßte sie alle sehr höflich und unterhielt sich eine Weile mit Andreas. Zum Anschluss gab er ihm noch seine Visitenkarte, danach verließen sie das Restaurant.

„Ein nettes kleines Restaurant.“

„Ja und wie ich gehört habe, wurde dort fast nur Italienisch gesprochen. Woher kanntest du das? Schließlich scheint dein Name dort bekannt zu sein.“

„Das war das Lieblingsrestaurant meiner Eltern. Eigentlich ist auch eine Reservierung obligatorisch. Papa hat mal für den Inhaber, der ältere Mann der vorhin noch da war, gearbeitet. Italiener vergessen so etwas nicht, schon gar nicht wenn das Ergebnis einem gefällt. Und wie Andrea schon bemerkte, sollte man schon Italienisch lesen und sprechen können, um dort zu speisen. So hält sich der Besitzer die einfachen Touristen vom Leib. „

„Genial.“

„Ja, Nonno kann dir ein Lied davon singen. Die meisten Touristen wollen immer nur das, was sie von Zuhause kennen. Dabei ist die italienische Küche ein Genuss für den Gaumen. Lass dir mal von Nonno eine simple Minestrone zubereiten. Du wirst Augen machen, Andrea.“

„Ich werde es probieren, Mama und Papa möchten auch gerne bei euch im Restaurant speisen. Nun, wie kommen wir jetzt nach Hause?“

„Wir sind schon auf dem Weg zur nächsten Station. Die Straßenbahn braucht abends nicht ganz so lange.“

Auf dem Heimweg machten sie noch an ein einer Eisdiele halt und jeder bekam noch eine Portion Eis. Selbst Max genoss die Kugel und die Waffel.
Als sie durch den Garten gingen, waren die Erwachsenen noch in geselliger Runde. Auf dem Tisch standen viele Gläser und einen Krug Wein, zu dem sie die Jugendlichen einluden. Carsten versorgte zuerst Max und kam dann dazu.

„Ihr wart beim Schneider erfolgreich?“

„Ja Mama und für mich fällt auch noch etwas ab.“

„War dein Bruder so spendabel? Aber ihr wisst, dass wir für die Kleidung aufkommen…“

„Hmm, Mama, ich komme gegebenenfalls noch einmal darauf zurück. Ob ich es zu dem Konzert anziehen kann, weiß ich noch nicht. Aber als Konzertausgabe werde ich es wohl nicht abrechnen können.“

„Mal sehen, Carsten wir setzen uns morgen schon einmal zusammen um deine Buchhaltung der bisherigen Ausgaben zu aktualisieren. Dein Steuerberater hätte gerne einen Zwischenbericht.“

„Ich habe mich schon gefragt, wann du damit kommst Mama. Am frühen Vormittag?“

„Das passt. Am Nachmittag kümmerst du dich bitte um Ercan. Paul und ich möchten gerne ohne euch etwas unternehmen.“

Andreas sah zu Carsten und danach zu seiner Nonna. Diese schien Andreas auch nonverbal zu verstehen und sah ihm an, dass es ihm nicht so ganz recht war. Währenddessen dachte Carsten einen Moment nach.
Er und Andreas hatten am Nachmittag schon den Termin bei Andreas Klavierlehrer. Gerade als er etwas sagen wollte, fiel Andrea ihm ins Wort.

„Och Mama und ich darf nichts mit Ercan unternehmen? Ich denke ich bin auch einmal dran auf meinen kleinen Bruder aufzupassen.“

„Si, Alessandro wollte morgen mit ihm auf den Sportplatz. Samstags treffen sich dort immer einige der Bambini zum Fußballspielen.“

„Da kann ich ja auf ihn und Leon aufpassen und anfeuern helfen.“

„Okay, wie du willst.“

Zwar sahen sich Paul und Luise etwas verwundert über Andreas Initiative an. Letztendlich war es ihnen aber auch recht. Dann berichteten die Jugendlichen von ihrem weiteren Nachmittag.
Gerade der Friedhof war ein interessantes Thema bei Andreas’ italienischen Großeltern. Sie konnten vieles über das Cimitero Monumentale berichten, was auch für Andreas neu war. Als sie dann auf das Restaurant zu sprechen kamen, fanden Carstens Eltern das ein gutes Ziel, um ihren freien Tag zu beenden.
Andreas gab ihnen die Visitenkarte und erwähnte, dass sie einen Tisch reservieren sollten.

*-*-*

Signore Pittore

Nach dem Frühstück setzten sich Luise und Carsten zusammen und machten dessen Konzertbuchhaltung. Dass der Teenager nicht gerade eine perfekte Liste seiner Ausgaben führte, störte Mama von Feldbach nicht sonderlich.
Carsten behielt jedoch immer einen guten Überblick seiner Ausgaben und sammelte die Belege, eine Eigenschaft welche Luise bei ihrem Mann vermisste. Daher dauerte es auch nicht lange, bis sie mit der Londoner Konzertbilanz fertig waren.
Sie musste sogar etwas schmunzeln, ihr Sohn hatte in London unter dem Strich schon einen guten Verdienst gemacht.

„So wie willst du es mit der neuen Kollektion halten? Paul sagte schon, dass wir für eure Kleidung aufkommen.“

„Meine Sachen lasse ich unter den Konzertausgaben für Mailand laufen und Andreas möchte seine Großeltern fragen. Da ist er ein wenig eigensinnig. Andreas neues Outfit ist ein Geschenk für eine bemerkenswerte junge Frau. Nein, ihr werdet wohl nicht zum Zuge kommen Mama. Aber bei einem Dutzend neuer Jeans und Shirts komme ich gerne darauf zurück. Das wäre es.“

„Wie du möchtest Sohnemann. Dann wären wir soweit fertig. Ich maile es unserem Steuerberater zu. Dann kann er das schon einmal zu den Akten legen. Die gesammelten Belege bekommt er nach den Ferien.“

„Gut. Habt ihr euch schon einmal das Angebot aus London angesehen?“

„Haben wir, Paul hat es auch unserem Anwalt vorgelegt, so wegen Jugendschutz, versteckten Klauseln, ect. Er hat keine Bedenken, zumal du ja dann volljährig bist. Du kannst das Angebot annehmen.“

„Danke, dann werde ich das fürs nächste Jahr einplanen. Ich sollte dann aber mit Max schon einmal das Fliegen üben. Mit dem Zug ist es ja schön, doch der braucht ewig.“

„Ich werde mich einmal umhören, welche Gesellschaften für dich da in Frage kämen, einverstanden?“

„Si, signora.“

Luise wuschelte Carsten grinsend durchs Haar, packte die Unterlagen zusammen und schrieb die Mail an ihren Steuerberater. Damit war das erledigt.

„Was habt ihr heute noch vor?“

„Nachher setze ich mich ans Klavier und übe weiter an dem Beethoven. Ich finde, im zweiten Satz habe ich noch einige Schwierigkeiten in der Dynamik. Ansonsten läuft es recht gut. Ab nächster Woche übe ich dann wieder mit der CD. Andreas hat mir schon das Headset herausgelegt. Nach dem Mittagessen gibt es eine große Relax-Runde mit Max und Friedemann.“

„Gut, Paul und ich fahren bald schon und kommen erst sehr spät zurück. Dein Vater hat mich zum shoppen eingeladen.“

„Hmm, meinst du unser Auto reicht dann noch für die Rückfahrt?“

„Nö, dich und Andreas lassen wir hier, den Platz brauchen wir für meine neuen Schuhe und Kleider. Du wolltest ja ohnehin probieren mit Max zu fliegen…“

„Mutti dein Humor ist echt einmalig. Ich wünsche euch viel Erfolg und wenn ich dir einen Tipp geben darf, frag Andreas nach der Adresse unseres Schneiders. Der hat in der City auch eine Boutique.“

„Das werde ich tun. Wann wollt ihr uns eure neue Kleidung vorführen?“

„Wie wäre es morgen mit einer kleinen Modenschau?“

„Schon notiert. So und nun mach dich mal auf. Max scheint mir auf eure erste Runde zu warten.“

„Ja, es wird Zeit. Wo ist Leon?“

„Der ist mit Paul und Ercan unterwegs. Dein Vater wollte sich die Fortschritte bei Leon ansehen, in wie weit er auf Ercan hört.“

„Aha, dann mache ich mich mal auf. Mama?“

„Ja?“

„Danke.“

Carsten stand auf und rief Max zu sich. Die Retrieverhündin lief um die Ecke und stand mit dem Geschirr im Fang vor ihm. Sie legte alles vor Carsten ab. Dann zog der Junge seiner Hündin das Geschirr über und befestigte den Bügel daran.
Die Laufleine nahm er in die andere Hand zu seinem Stock.

„Du willst raus?“

„Ja, Max’ Runde steht an, Schatz. Ich wollte einfach mit ihr für eine halbe Stunde raus. Noch ist es angenehm warm und bis zu meiner Klavierstunde habe ich noch Zeit. Außerdem kann ich auch etwas Bewegung gebrauchen.“

„Dürfen Friedemann und ich mitkommen?“

„Ja, warum fragst du?“

„Hätte ja sein können, dass du alleine losziehen möchtest?“

„Scherzkeks, ich kenne mich doch hier in der Gegend nicht aus! Willst du mich nachher suchen gehen?“

„Okay, treffen wir uns gleich an der kleinen Pforte.“

Carsten brauchte nicht lange zu warten. Max hatte ihren Frisbee im Maul. An einer Grünfläche machten sie halt und die Jungen begannen mit den Hunden zu spielen. Die Hunde liefen um die Wette um den Diskus zu fangen.
Wieder einmal war Andreas von der Motivation für Friedemann, die von Max ausging überrascht. Da haben sich wirklich zwei gefunden und Andreas sah, dass der Rüde sich noch einiges von der Lady auf vier Pfoten abguckte. Leider ging bei dem Spiel der Frisbee kaputt und Andreas bekam einen Schreck, als jeder der Hunde ein Teil brachte.

„Scheiße, Friedemann hat Max’ Spielzeug ruiniert. Den werde ich dir dann ersetzen.“

„Wovon sprichst du Andreas?“

„Max’ Frisbee. Jeder der Hunde trägt ein Teil im Fang.“

„Ach so, ich dachte es wäre etwas Schlimmes. Nein den brauchst du nicht zu ersetzen. Papa hat davon noch ein paar im Auto. Seit Leon bei uns eingezogen ist, haben wir einen etwas höheren Bedarf daran. Also nichts Tragisches oder sieht Max irgendwie traurig aus?“

„Nein, eher das Gegenteil. Zufrieden.“

„Siehst du, also vergiss es. Komm es wird Zeit. Wann sollen wir bei Signor Pittore aufkreuzen?“

„Ich habe mit ihm zwei Uhr ausgemacht, so haben wir Zeit bis zum Kaffee. Dann wird er uns auch seine Idee vorstellen.“

„Sag einmal, kennt er sich auch in der Scala aus? Ich meine welche Instrumente mir zur Verfügung stehen?“

„Ich denke schon, aber ich weiß es nicht genau. Wozu möchtest du das wissen?“

„Jedes Instrument ist an sich ein Einzelstück. Die Charaktere, Eigenschaften in der Klaviatur et cetera der einzelnen Instrumente unterscheiden sich. Ich habe nur die zwei Proben und ich fände es besser vorher zu wissen welches Instrument ich zu erwarten habe.“

„Okay, du kannst ihn fragen.“

„Aber? Ich höre da ein ‘aber’ heraus.“
„Ich habe mit dir nächste Woche einen Termin, das Teatro alla Scala zu besichtigen und zwar auch Backstage. Ich habe schon in London einmal nachgefragt, ob es überhaupt möglich ist. Heute Morgen war die Bestätigung in meinem Postfach. Dienstagvormittag um zehn Uhr sollen wir da sein. Obendrein, kannst du dir das Instrument anhören. Es steht zwar nicht auf der Bühne, doch der Instrumentenwart ist einverstanden, dass du es spielen darfst. Aber mach dir keine großen Hoffnungen, dass es einwandfrei gestimmt ist.“

„Wow.“

Carsten blieb stehen und war sprachlos. Andreas hatte im Vorfeld schon etwas für ihn organisiert. Dafür gab es einen leidenschaftlichen Dankeschönkuss. Wieder einmal war Andreas von Carstens Aktion angenehm überrascht.
Wie zwei frisch Verliebte gingen sie den restlichen Weg zurück. Die Hunde ließen sie nach der Pforte frei. Sie selbst steuerten auf die Sitzecke zu, wo Gabriele hinter seiner Zeitung saß und vor sich hersummte. Als Friedemann um ihn herumwuselte, sah er auf.

„Ciao Bambini, wie war die Runde?“

„Entspannend. Friedemann war echt gut drauf, Nonno. Wartest du auf jemanden?“

„Ja auf dich. Deine Tante ist mit auf dem Markt, heute Abend hat sich eine Abendgesellschaft angemeldet. Sie bat mich mit den Vorbereitungen in der Küche zu beginnen. Du wolltest doch helfen?“

„Si, ich geh mir nur die Hände waschen und dann können wir loslegen.“

Sprach’s und verschwand.

„Signor Bondaz?“

„Ja Carsten?“

„Ich möchte sie um etwas bitten. Andreas hat doch Geburtstag, würden sie mir helfen etwas für ihn vorzubereiten?“

„Gerne, möchtest du eine Party oder so in der Richtung?“

„Eine Feier wäre gut. Er weiß nämlich nicht, dass unsere Freunde aus dem Internat hier sein werden. Britta, Ralph, Chris und Marco kommen hier am Airport an.“

„Meine Antonia wird sie gerne dort abholen. Marco ist Italiener?“

„Si, eigentlich ist er geborener Deutscher italienischer Eltern. Er ist momentan auf Sizilien und lernt dort bei einem Verwandten ein wenig die Kunst eines Galaciere.“

„Si, Carsten. Wir helfen dir gern. Das besprechen wir aber später, Andreas kommt.“

„Si Signor.“

Andreas gesellte sich zu seinem Nonno und Carsten sagte, dass es jetzt Zeit ist, um Klavier zu spielen. Andreas gab seinem Freund einen Kuss auf die Wange, danach trennten sich ihre Wege. Carsten ging tastend zum Haus. An der Küche wurde er von Andreas’ Nonna noch mit einem Cappuccino verführt.

„Ihr geht nachher zu Signor Pittore? Andreas sagte etwas von Lektionen bei seinem alten Maestro nehmen. Er kann doch hier spielen.“

„Ja, es schadet nie, sich Lektionen bei mehreren Klavierlehrern zu holen. Ich gehe davon aus, was er lernt wird er hier auch üben wollen.“

„Ich verstehe und du?“

„Was und ich? Ach ob ich mir auch Rat bei Signor Pittore einhole? Ja, warum nicht. Es ist zwischen mir und Herrn Kramer kein Geheimnis, dass er mir nicht mehr viel Spieltechnik beibringen kann. Dafür habe ich in der Theorie noch einige Baustellen.“

„Du bist klug, Bambino.“

Über den ‘Bambino’ lächelte Carsten. Nach dem Cappuccino half sie ihm, sich im Musikzimmer einzurichten. Öffnete das Fenster, weil sie es doch etwas muffig im Raum fand. Doch schon beim hinausgehen, war Carsten in seinen Etüden vertieft.
Signora Bondaz sah ihn, in der Tür stehend, noch eine kleine Weile lächelnd zu. Dann drehte sie sich um, ging in die Küche wo sie sich ihren Aufgaben widmete. Dabei hatte sie das Gefühl, dass ihr die Hausarbeit leichter von der Hand ging mit Carstens Spiel im Hintergrund. Sie fühlte sich wohl.
Nach dem Mittagessen ging es auf zur großen Runde. Andreas sagte Bescheid, dass es lange dauern würde, besonders weil er noch Klavierunterricht bei Signor Pittore hat. Seine Großeltern stimmten dem wohlwollend zu. Alessandro, Ercan, Andrea und Leon waren schon zum Sportplatz unterwegs. So stand auch Andreas’ Großeltern ein ruhiger Nachmittag ins Haus.

*-*-*

„Ciao.“

„Ciao Maestro.“

„Ciao Signor Pittore.“

„Kommt, wir gehen ins große Musikzimmer.“

Andreas führte Carsten und Max lief hinter den beiden her. Im Unterrichtsraum hatte Signor Pittore schon etwas vorbereitet, die beiden Flügel standen nicht mehr nebeneinander, sondern so ineinander, dass Andreas Carsten gegenüber saß. Der Maestro informierte sie, dass er beide Flügel noch einmal hat stimmen lassen und ließ die beiden Jungen dann machen.

„So Andreas, ich denke du beginnst mit deinen Fingerübungen und anschließend einige Etüden in D-Dur und b-Moll. Sag Bescheid wenn du fertig bist. Ich lade mir schon einmal die Noten auf mein MacBook.“

Sprach’s und Andreas begann mit den Übungen. Signor Pittore erkannte seinen alten Schüler nicht wieder. Wo Andreas früher etwas gelangweilt wirkte, saß er heute hochkonzentriert an der Tastatur.
Und das Carsten sein Handwerk verstand, war auch nicht zu überhören. Gerade bei den Etüden, wenn Andreas einen falschen Ton anschlug oder sein Spiel ins Stocken geriet, wusste Carsten ihm zu helfen. Manchmal spielten sie die Passagen gemeinsam. Die letzte Etüde spielten sie zusammen.

„Schatz, wir spielen einfach mal die Sonate durch und hören wo es Unstimmigkeiten gibt.“

„Okay, du zählst an und gibst den Einsatz.“

Es dauerte etwas, bis Andreas seine Noten vor sich aufgestellt hatte. Er sagte Carsten Bescheid, dass er fertig war. Carsten gab ihm einen Takt vor und den Einsatz. Den ersten Satz spielten sie durch, dann brach Carsten ab.
Gemeinsam gingen sie den ersten Satz, das Allegro con spirito durch. Mal stellte Carsten eine, mal beantwortete er eine Frage. Hin und wieder mischte Signor Pittore mit und gab den beiden Tipps.
Er war über die Disziplin der beiden Jungen erstaunt. Auch wenn es hin und wieder etwas zu lachen gab, die Kommunikation ergänzte sich zwischen den beiden. Nach einer guten Stunde beendete sie die Klavierstunde.
Signor Pittore lud beide noch zu einem Kaffee ein, den seine Haushälterin im Garten vorbereitet hatte.

„Ich muss sagen Jungs, ihr habt mich in Erstaunen versetzt. Selten habe ich zwei so gut zusammenspielen sehen dürfen. Andreas hat viel von dir gelernt Carsten.“

„Ich denke, das beruht auf Gegenseitigkeit Maestro Pittore. Von ihnen habe ich heute auch schon wieder gelernt.“

„Ja, du hast eine gute Auffassungsgabe und einen Sinn für dein Instrument. Deine Technik ist wirklich bemerkenswert. Ich habe Elemente von Richter und von Rachmaninoff in deinem Spiel gesehen. Nur der Horowitz, sein Stil passt nicht in dieser Sonate. Aber falls du Lust hast, bringe ich dir noch ein wenig die Technik des Spiels mit der flachen Hand von Horowitz nahe.“

„Das wäre schön, ich mag seine Liszt Interpretationen. Nun, sie haben uns ja spielen gehört, glauben sie, das wäre etwas für Andreas’ Großeltern?“

„Etwas Schöneres könnt ihr ihnen gar nicht machen, zumal die Arrangements von Francesca sind. Folgendes, in eineinhalb Wochen, das wäre vor deinem Konzert Carsten, habe ich meinen diesjährigen Tag der offen Tür. Ich biete dort auch Schnupperunterricht für neue Neugierige an. Diese Veranstaltung ist hier im Stadtteil sehr beliebt, da könnt ihr es Vorspielen. Antonia und Gabriele sind jedes Jahr dabei und helfen bei der Verköstigung mit Kaffee und Kuchen im Garten.“

„Das ist eine super Idee, Signor Pittore. Wenn sie möchten helfen wir ihnen auch.“

„Wenn ihr vorspielt, ist das schon sehr viel. Danke. Nun ihr beiden, ich denke Montag, Mittwoch und Samstag wären gute Tage für die kleine Überraschung und ein paar Lektionen. Andreas, um den Schein zu wahren, Carsten hatte dir bei den beiden Etüden gute Tipps gegeben, die übst du daheim. Gerade wenn du im Diskant spielst, verlierst du gern die Bässe aus den Augen. Deine Mutter mochte Muzio Celementi, du kannst die Etüden des Gradus ad Parnassum Op. 44 dafür nehmen.“

„Gut, das mache ich.“

„Nun Carsten, wie du gesagt hast, spielst du das 5. Klavierkonzert von Beethoven? Wenn du Fragen hast, ich freue mich dir helfen zu können.“

„Ich werde darauf zurückkommen, Grazie Signor. Andreas sollten wieder nicht wieder los?“

„Oh, ich habe die Zeit ganz vergessen, Jungs. Also Montag gleiche Zeit?“

„Si, Signor.“

Die Jungen standen auf und verabschiedeten sich. Andreas dirigierte und Max führte Carsten. Der Weg zog sich etwas hin, es war ruhig im Viertel und die drei gingen sehr gemütlich.

„Carsten, heute Abend wirst du dich etwas allein beschäftigen müssen. Ich habe meiner Tante versprochen ihr zu helfen.“

„Ok…. Du hilfst bei der angekündigten Gesellschaft?“

„Nein, im Restaurant. Mit der Gesellschaft habe ich nichts zu tun. Das machen die Angestellten. Zia meinte, das ich ihr eine große Hilfe wäre, wenn ich bis Zehn bleiben könnte. Dann ist der Ansturm an Gästen rückläufig.“

„Okay, ich beschäftige mich dann schon. Ich könnte zur Abwechslung auch mal wieder etwas lesen und dabei Radio hören.“

„Wenn du willst. Meine Großeltern sind jedenfalls im Garten, wenn dir nach Gesellschaft ist.“

„Mal sehen. Jedenfalls wäre mir nach einem ruhigen Abend zumute. Die vielen neuen Eindrücke schlauchen mich ein wenig. Ah, da fällt mir ein: Richte dich morgen auf eine kleine Modenschau ein… wir kommen eh nicht drum herum.“

„Ups…gut. Dann haben wir es auch hinter uns. Was die daran wohl so toll finden?“

„Das scheint in den Genen der Erwachsenen zu liegen. Bei der Damenwelt kann ich es mir ja noch einigermaßen zusammenreimen, aber Papa? Der steht dem in nichts nach.“

Lachend erreichten sie die Pforte, an der sie schon von Leon schwanzwedelnd erwartet wurden. Carsten entfernte bei Max bis auf das Halsband alles und Andreas bei Friedemann die Leine.
Dann liefen die Hunde davon. Andreas und Carsten gingen direkt zur Sitzgruppe, wo die Großmütter und Andrea saßen. Von Ercan und den Großvätern fehlte jede Spur.

„Ciao!“

„Ciao.“

„Wie war der Unterricht?“

„Maestro Pittore war sehr zufrieden mit mir. Carsten hat er angeboten, ebenfalls Lektionen zu erteilen. Wie war das noch, Horowitz – Stil?“

„Ja, ein wenig das Spiel mit der flachen Hand.“

„Oh, da bist du in guten Händen, Signor Pittore hatte bei ihm Stunden erhalten. Man kann ja über Signor Horowitz sagen was man möchte, doch beim Klavierspiel war er sehr zuvorkommend.“

„Sie kennen ihn auch?“

„Ja, er war einige Male Gast bei uns im Ristorante wenn er hier Konzerte gegeben hatte oder seine Familie besuchte. Er fand unser Lokal so schön, ruhig. Gabriele macht auch kein Aufhebens um Persönlichkeiten. Für ihn sind es einfach Gäste. Aber er hält ihnen die Reporter vom Leib. Sein Motto ist, wer seine Gäste und Freunde belästigt hat in diesem Ristorante nichts zu suchen. Dabei unterstreicht er seine Worte schon einmal mit einem Blick auf einen Cricketschläger an der Wand.“

Carsten lachte auf und es wirkte bei allen ansteckend. So fanden sie auch die restlichen Männer. Lachend und Anekdoten erzählend am Tisch. Ercan setzt sich auf Carstens Schoss und berichtete von dem Fußballspiel.
Alessandros Mannschaft spielte ein gutes und hart umkämpftes Unentschieden heraus. Aber das Ergebnis war den Jungen nach dem Abpfiff schon wieder unwichtig. Viele Gegner gingen gemeinsam nach Hause oder wie bei Alessandro und Ercan noch mit einigen anderen ein Eis essen. Mit fröhlichem Geschwätz und keiner konnte sagen wie die Kinder es anstellten: Sie verstanden sich einfach, multilingual oder auch nonverbal.

*-*-*

Andreas hatte so recht keine Lust mehr. Er sah auf die Uhr. Halb elf durch. Das Lokal war den ganzen Abend über gut besucht und es sah nicht so aus, als ob er früh Feierabend machen konnte. Viele der Gäste waren in seinen Augen nur oberflächlich.
Er sah sich die Liste auf seinem Terminal an, sie sah etwas eintönig aus, aber es waren auch gute Bestellungen dabei. So ganz in Gedanken, schreckte er auf.

„Andreas, du kannst Schluss machen, der große Ansturm ist vorbei. Du hast uns sehr geholfen. Ich weiß wirklich nicht, wie wir das heute ohne dich geschafft hätten.“

„Dafür ist doch die Familie da, Zio. Dann rechne ich Tisch fünf gleich ab und die am Tisch neun sind beim Dessert, die mache ich noch fertig, danach nehme ich dein Angebot gerne an. Ich räume schon mal die sieben ab. Sie sind eben gegangen.“

Sein Onkel stimmte ihm zu. Sein Neffe hatte wirklich sehr viel geschafft. Er hatte wirklich nichts verlernt. Er war gegenüber den Gästen freundlich und zuvorkommend. Dabei half ihm auch sein Sprachtalent, wenn Gäste des Italienischen nicht so ganz mächtig waren.
Bei machen gab er Menüempfehlungen und wurden einige Gäste unfreundlich oder laut, konterte er gewitzt und mit Charme. Nein, Andreas war seiner Mutter Francesca sehr ähnlich. Er sah ihn das Geschirr abräumen, die Tischplatte abwischen und eine neue Tischdecke auflegen.
Selbst die Stühle richtete er aus. Der Tisch sah einladend frisch und sauber aus. Andreas brachte alles in die Küche. Als er sie wieder verlassen wollte, kam ihm sein Onkel mit fragendem Blick entgegen.

„Sorry, Andreas, kannst du bitte noch den Tisch sieben machen?“

„Nun, Zio, wenn ich ausschlafen kann? Na klar übernehme ich den.“

„Du kümmerst dich ab jetzt nur noch um den Gast und danach kannst du Feierabend machen.“

Andreas ging zurück und sah den Gast. Dann wurde ihm bewusst, warum er ihn übernehmen sollte. Als erstes brachte er eine Schüssel frischen Wassers und stellte sie neben den Tisch ab.

„Buona sera, Signor.“

„Buona sera! Signor, wären sie so freundlich mir die Karte vorzulesen?“

„Si Signor… ich habe ihrem Hund schon eine Schale Wasser bereitgestellt. …“

Während Andreas die Karte vorlas und der Gast wählte, sah er sich den Gast an. Er hatte Geschmack, seine Erscheinung und seine Aussprache waren gepflegt und die Wahl des Menüs lag meilenweit Abseits von Touristenwünschen.
Andreas bestätigte die Bestellung mit einem ‘ok’ auf der Terminaltastatur und ging in die Küche. Er servierte dem Gast und so wie bei Carsten, erklärte er den Aufbau des Menüs.

„Sie sind ein bemerkenswerter Kellner. Danke.“

„Gern geschehen Signor, ich wünsche ihnen einen guten Appetit.“

„Darf ich sie fragen woher sie das können?“

„Das ist mir schon zur Gewohnheit geworden. Ich lebe mit einem blinden Jungen zusammen.“

Der Gast nickte nur und begann zu essen. Andreas sah immer wieder mal nach ihm, schenke Wein nach, servierte die restlichen Speisen und hielt sich sonst im Hintergrund. Nach dem Bezahlen und dem letzten Café, half Andreas ihm noch sich im Lokal zu orientieren und geleitet ihn zum Ausgang.
Dann endlich hatte er Feierabend. Sein Onkel räumte den Tisch ab. Bevor Andreas sich ganz zurückzog, nahm ihn sein Onkel zur Seite und bat ihm das einmal in Ruhe zu erklären. Denn selten hatte er einen seiner Gäste so zufrieden das Ristorante verlassen sehen.

„Zio, das wichtigste ist, die Menschen so zu respektieren wie sie nun einmal sind. Blinde Menschen nehmen die Welt anders wahr, sie benötigen Orientierungspunkte, aber sie sind selbstständig und das zu unterstützen ist nicht schwer. Ansonsten empfehle ich dir, dich einmal mit Carsten zu unterhalten. Er ist offen wenn jemand sich dafür interessiert und von ihm kannst du vieles lernen.“

„Danke, ich werde deinen Rat befolgen.“

„Gut, ich gehe zu den Anderen in den Garten, machst du meine Abrechnung fertig?“

„Geh Andreas, ja mache ich.“

Andreas gab ihm sein Terminal und die Geldbörse. Nachdem er sich etwas Bequemeres angezogen hatte, ging er hinaus in den Garten. Wie er schon erwartet hatte, saßen seine Großeltern, Andrea und Carsten und dessen Eltern gemütlich am Tisch.
Es war ein schöner lauwarmer Abend und es strömte ein feines Aroma zu ihnen hin. Andreas stellte sich hinter Carsten und legte seine Hände auf dessen Schultern.

„Da bist du ja, ich dachte du machst im Ristorante durch.“

„Es war viel zu tun, meine Zia hatte noch einen Angestellten mehr aus dem Restaurant für die Gesellschaft abgezogen… Danke Tiger für deine Hilfe.“

Er beugte sich von hinten über Carsten und gab ihm einen sehr zärtlichen Kuss auf die Stirn.
Ganz erstaunt von dieser Aktion, zog Carsten ein wenig seine Brauen hoch.

„Wie habe ich dir geholfen? Ich war doch den ganzen Abend hier.“

„Das du mich gelehrt hast, mit deiner Blindheit umzugehen. Mein letzter Gast war blind und ich denke, wir haben einen neuen Stammgast.“

„Nun, wenn das so ist… 50 Prozent von deinem Trinkgeld genügt mir als Obolus…“

„Nix da Tiger, wenn du selbst Trinkgelder haben möchtest stellst du dich da hin…“

„Also, Antonia, von den beiden Jungen können unsere Männer in Sachen Flirten noch lernen…“

Die Runde lachte und nach einem weiteren Kuss setzte sich Andreas neben Carsten. Von dem Tablett auf dem Tisch nahm er ein sauberes Glas und schenkte sich Wein ein. Dann erzählte er, was so alles los war.
Er fragte nach Alessandro und Ercan. Paul erklärte ihm, dass die beiden Jungs schon in ihren Betten lagen. Dann begann Paul von seinem und Luises Nachmittag zu berichten. Nach dem Einkaufsbummel in Milano suchten sie das Ristorante auf, in dem die Jugendlichen auch schon waren.

„Andreas, Schatz. Luise bedankt sich für den Tipp mit der Boutique unseres Schneiders. Sie konnte Papa davon überzeugen ihr seine Kreditkarte zu geben.“

„Ja, die Kleider die meine Frau kaufte waren es allemal wert.“

„Dann führt Luise auch ihre Neuerwerbungen morgen vor?“

„Nein, die Garderobe muss noch etwas geändert werden. Aber ich kann euch sagen, sie sieht darin umwerfend aus.“

Irgendwann konnte Andreas ein Gähnen nicht mehr unterdrücken und zog sich zurück. Carsten hatte nicht mehr allzu viel von ihm… Andreas schlief schon nach wenigen Augenblicken in seinen Armen ein.
In den folgenden Tagen lernten sich Carsten, Nonna und Nonno besser kennen. Mal ging Andreas’ Großvater mit ihm auf Gassirunde. Dabei bemerkte Carsten, dass Friedemann sehr gut auf die Kommandos von Gabriele hörte.
Ein anderes Mal unterhielten sich Nonna und Carsten über die kleinen Dinge des Lebens. Beide hörten ihm gerne beim Klavierspielen zu und unterstützen ihn wo sie es für richtig hielten. Carsten wusste wirklich nicht, ob es an ihm lag oder ob es ihre Mentalität war.
Jedenfalls bemerkte er, dass Andreas’ Großeltern sehr wohl etwas von Musik verstanden. Wenn Nonna im Haushalt etwas tat oder Nonno im Garten werkelte, summten sie Melodien und es war kein falscher Ton dabei. Wie kompliziert auch die Melodie gewesen sein mag.

*-*-*

Teatro alla scala

Carsten wurde durch ein Gewitter in der Nacht geweckt. Er ging auf die Toilette und anschließend kuschelte er sich wieder bei Andreas an und schlief weiter. Am folgenden Morgen wurde er ganz sanft durch Andreas geweckt.

„Na, hast du gut geschlafen Tiger?“

„Wie in Morpheus Armen, wie spät haben wir?“

„Ist gleich Acht, dein Mädchen ist schon im Garten. Ich habe sie herausgelassen bevor sie dich wecken wollte. Kommst du Frühstücken?“

„Gerne, ich ziehe mir nur schnell etwas über. Reichst du mir bitte meinen Morgenmantel?“

„Hier bitte. Du weißt, dass du echt sexy aussiehst?“

„Nein, sich sehe mich selten selbst im Spiegel…“

„Arsch…“

„Den habe ich auch…“

„Du musst immer das letzte Wort haben?“

„Nicht immer…“

„Gut.“

„… aber oft.“

Andreas lachte herzlich auf. Carsten schaffte es immer wieder ihn zum Lachen zu bringen. Carsten zog sich etwas über, nachdem er aus dem Bad zurückkam. Gemeinsam gingen sie hinunter.
Am Frühstückstisch in der Küche wurde lebhaft diskutiert, als die beiden Jungen auftauchten. Carsten verstand nicht worum es ging und hielt sich erst einmal zurück. Als Andreas ihm erklärte, dass durch das Gewitter im Nachbarhaus das Dach undicht geworden ist und die obere Wohnung durch Regenwasser beschädigt wurde, war Carsten im Bilde.
Die beiden Großväter unterhielten sich weiter und schienen zu einem Ergebnis gekommen zu sein. Zumindest schloss es Carsten daraus, dass er auf einmal angesprochen wurde.

„…Du musst dich sicher langweilen Carsten?“

„Nein, warum Děda? Ein heiles Dach über dem Kopf ist doch wichtig. Das ich nichts dazu beitragen kann ist doch nicht schlimm.“

„Was habt ihr heute vor?“

„Oh, Carsten und ich haben nachher eine Besichtigungstour durch das Teatro. Danach gehen wir ein wenig auf eine Sightseeing-Tour.“

„Ja, ich habe gelesen die Giardini di Villa Reale sollen ein Erlebnis sein.“

„Ja das ist es und bei Andreas bist du in den besten Händen. Möchtest du noch Kaffee?“

„Lieber einen von deinen berühmten Cappuccino. Der ist so genial.“

Nonna lachte und erfüllte Carstens Wunsch. Sie machte auch noch einen für ihren Enkel. Nach dem Frühstück machten sich Andreas und Carsten in Begleitung von Max zur Scala auf. Am Seiteneingang wurden sie schon erwartet.
Dann begann für sie eine private Besichtigung des Theaters. Zuerst gingen sie in das Foyer, die riesigen Marmorsäulen allein waren schon beeindruckend. Ihre Begleitung erläuterte dazu die Unterschiede vor und nach dem Umbau.
Das machte er so geschickt, dass Carsten eine sehr gute Vorstellung von dem Teatro bekam. Danach gingen sie gemeinsam die Treppen hinauf und betraten die zentrale Loge. Auf der Bühne arbeiten einiger Techniker an der Beleuchtung und unterhielten sich, ansonsten war es sehr ruhig im Theater.
Andreas, der das Theater schon kannte, sah sich um, in dieser Loge war er noch nie. Danach ging es weiter in Richtung der Bühne. Carsten hielt sich an Max und sie folgte Andreas. Als sie an den letzten Logen der Galerie vorbei gingen, stand eine Tür offen.
Andreas sah kurz hinein bis auf die Bühne. Er blieb einen Moment stehen. Wie Andreas versprochen hatte, bekam Carsten auch Gelegenheit die Flügel zu testen. Ihm standen im Fundus mehrere Instrumente zur Auswahl.
Nachdem er jedes Instrument angespielt hatte, entschied er sich für einen mittleren Konzertflügel. Nach seinem ersten Eindruck spielte er noch ein längeres Stück. Andreas schmunzelte.
Spielte Carsten doch den Hummelflug Rimsky-Korsakov. Nachdem er sein Spiel beendet hatte, schloss er behutsam die Tastaturabdeckung.

„Ja, dieser Flügel ist der Richtige für mich. Sie können mir das Instrument für das Konzert vormerken?“

„Gerne, der junge Dirigent hatte mich sogar noch einmal gebeten sie darauf anzusprechen. Sie haben sich für diesen Konzertflügel entschieden. Der wird ihnen zu den Proben und dem Konzert zur Verfügung stehen. Dieser wird dann auch für Es Dur gestimmt sein.“

„Bitte richten sie dem Instrumentenwart aus, dass der Kammerton, das eingestrichene a, auf 435 Hz gestimmt werden sollte.“

„Ich habe es mir notiert. Haben sie einen bestimmten Wunsch zur Klavierbank?“

„Nein, da können sie die Standardbank benutzen. Danke.“

Es war erstaunlich wie umfangreich die Scala doch war. Neben der Bühne sah Andreas hoch oben die Bühnentechnik mit diversen mobilen Hintergründen. Hinter der eigentlichen Bühne, über dem Backstagebereich, gab es Proberäume auf mehreren Etagen verteilt.
Daneben direkte Zugänge zu Umkleideräumen, selbst die Künstlergarderobe besuchten sie. Sie war riesig, wie Andreas fand. Der Assistent bescheinigte ihnen, dass für Carsten hier ein Instrument zum Einspielen bereitstehen würde.
Es war einmalig und Andreas ein wenig Stolz italienische Wurzeln zu haben. Mit dem Assistenten gingen sie den Weg von der Garderobe zur Bühne ab. Carsten fand sich zurecht. Zum Konzert würde er aber den Dirigenten bitten, ihn zu begleiten.
Andreas fragte dann noch, wie die Bühne zum Konzert dekoriert sein würde. Der Angestellte zeigte ihm auf seinem Tablet die Bestuhlungsskizze. Andreas fragte an, ob es möglich wäre, den Flügel etwas weiter vom Rand zu stellen.
Außerdem musste der Weg zum Klavier breiter sein, eine der Minikameras musste dort weichen. Ihr Begleiter nahm sein Handy zur Hand und wenige Augenblicke später stand ein Techniker vor ihnen.
Andreas erklärte ihm, anhand der Skizzen auf dem Tablet, das eine bestimmte Kamera mitten im Weg stand. Der Techniker sah das Problem und nickte. Er schlug vor die Kamera stattdessen am Lichtmast unter dem Catwalk zu positionieren, damit war sie ganz aus dem Weg und bot einen Blick von oben auf das Klavier.
Dabei zeigte er Andreas die Position auf dem Tablet des Assistenten. Andreas stimmte dem zu. Der Techniker holte einen kleinen Notizblock hervor, notierte es sich und verabschiedete sich wieder. Carsten der mit Max daneben stand, ließ sie machen und hörte nur zu. Nach Zwei Stunden beendeten sie die Führung.

„Na Carsten, wie gefällt dir das Theater?“

„Groß und die Akustik ist super, fast schon familiär.“

„Wie kommst du darauf? Du hast doch noch gar nicht gehört wie Musik klingen könnte.“

„Ich habe euch eben sehr gut zugehört und jedes Wort verstanden. Anders als die Royal Albert Hall in London, hallt sie nicht. Als wir vorhin in der Loge waren, sagten einige Techniker auf der Bühne etwas. Ich habe zwar den Sinn nicht verstanden, doch ich konnte ihre Unterhaltung auch dort gut hören. Sie haben in normaler Lautstärke gesprochen. Andreas du weißt doch, dass ich auf das Hören angewiesen bin?“

„Ops, ich vergesse leider zu oft, das du blind bist.“

„Das ist gut, Schatz. So und nun, ich habe etwas Hunger und Max braucht ein wenig Auslauf.“

Andreas gab seinem Freund einen Kuss. Dann strebten sie einen kleinen Park an, wo sie Max spielen lassen konnten. Dort suchten sie auch ein Straßencafé auf, um ihren Hunger zu stillen, um anschließend sich zu den Giardini di Villa Reale aufzumachen.
Andreas führte sie souverän die zwei Kilometer durch die Straßen Mailands. Am Eingang wurden sie höflich aufgefordert auf Max aufzupassen. Dann ließ Carsten sich auf das Abenteuer ein, gemeinsam mit Andreas die Parkanlage zu erkunden. Die Parkanlage war wirklich ein Erlebnis und Andreas wusste viel zu berichten.
Nicht nur die Pflanzen waren für sie interessant, sondern auch die Architektur. Sie sprachen mit Gärtnern und anderem Personal des Giardini und erfuhren so manches mehr, als in den Reiseführern zu lesen war.
Selbst Max kam auf ihre Kosten, sie durfte in einen der vielen Teiche springen und sich abkühlen und selbst einem Frisbee-Spiel zusammen mit einigen Angestellten konnte sie etwas abgewinnen.

„So Carsten das war ein Teil der Giardini di Villa Reale.“

„Ich muss schon sagen, das war lebende Kunst vom Feinsten. Nie hätte ich gedacht, dass ich der Flora und Fauna so viel abgewinnen kann wie ich heute mit dir hier erlebt habe. Selbst Max ist entspannt.“

„Das mit dem Personal war wirklich ein glücklicher Zufall. So konnte ich sogar noch einiges lernen. Was mich jetzt natürlich an die verlorenen Skizzen aus London erinnert.“

„Du hast noch keine Nachricht bekommen?“

„Nein, ich denke die Skizzen sind futsch. Aber bevor ich hier Trübsal blase, wie steht es mit einem kleinen Imbiss?“

„Lieber einen gepflegten Milchkaffee. Bevor es wieder zurück geht.“

„Oh, ich dachte wir gehen noch etwas aus. Ich möchte, dass du mehr über die Mailänder und meine Familie erfährst. Durch die vielen Touristen und die florierende Wirtschaft wirken Mailand und die Lombardei scheinbar ein wenig snobistisch. Aber gehst du durch die Straßen und Gassen, abseits der Attraktionen lernst du die Herzlichkeit der Menschen kennen.“

„Okay, Schatz. Ich begebe mich in deine Hände.“

„Das sagst du jetzt nur so.“

Carsten hörte die Enttäuschung seines Freundes, das gefiel ihm aber nicht im Geringsten. Er drehte sich zu Andreas um, stand ihm gegenüber und machte ein sehr ernstes Gesicht. Seine Stimme war fest und leise.
„Andreas Zahradník, ich sage das sicher nicht nur so. Woher sollte ich denn wissen, dass du noch mehr vorhattest, außer dem, was geplant war? Also, ich begebe mich in deine Hände und möchte gerne die Menschen näher kennenlernen. Außerdem Schatz, wenn wir hier noch länger herumstehen, glaubt Max, dass wir noch angewachsen sind.“

Andreas dachte einen Moment nach. Dann änderte er seinen Entschluss, sie suchten sich ein kleines Café wo sie etwas tranken. Andreas verschwand zwischendurch einmal um zu telefonieren, wie er sagte.
Nach einer guten halben Stunde gingen sie weiter. Andreas dirigierte sie durch ein Viertel, das nicht von Touristen belagert wurde. Es war wirklich eine andere Seite Mailands. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt und die Menschen, die sich am Tag vor der Hitze überwiegend in ihren Häusern aufhielten, belebten das Viertel.
Kinder spielten auf den Straßen. Ihr Lachen und Lärmen war eine komplett andere und angenehmere Geräuschkulisse als die Motoren der Autos. Hin und wieder wurden die Jungen angesprochen.
Kinder, die nicht verstanden, warum Max so ein seltsames Geschirr hatte und sie einfach danach fragten. Oder Erwachsene, die sie auf etwas einluden. Einige versuchten sich auf Deutsch mit Carsten zu unterhalten.
Was immer wieder mal zu kleinen Missverständnissen führte, die Andreas charmant auf Italienisch auflöste. Andreas, so schien es Carsten, kannte das Viertel sehr gut. Denn er gewann den Eindruck, Andreas strebe ein Ziel an.

„So Carsten, wir sind gleich da.“

„Wo sind wir gleich?“

„Beim meinem Großonkel, er ist der Schwager meiner Nonna.“

„Deine Nonna und er verstehen sich nicht gut? Oder warum war er nicht auch am Wochenende da?“

„Er war nicht in Italien. Sie verstehen sich prächtig. Nonna wäre ohne ihn nicht Nonna und umgekehrt. Ohne Nonna wäre er nicht der Mann der er jetzt ist.“

„Was ist er von Beruf?“

„Künstler, Bildhauer um genau zu sein. Nebenbei malt er gerne. Aber womit er seinen Lebensunterhalt verdient ist Nebensache. Nonna mag ihn, weil er ein kleiner Philosoph ist. Er gibt nie einen Rat und doch, ist man immer gut beraten wenn man Hilfe braucht.“

„Wie geht denn das….“

„Du stellst zu viele Fragen Schatz. Warte.“

Andreas öffnete einfach eine Tür und bat Carsten und Max einzutreten. Er folgte ihnen. Die Tür schloss leise und selbstständig. Carsten nahm ein gewürztes Aroma in der Luft wahr. Es war sehr angenehm, denn auch Max blieb sehr gelassen.
Andreas führte seinen Freund und Carsten ließ Max laufen. Der Gang in dem sie sich befanden, war sehr breit. Andreas steuerte auf eine weite Wendeltreppe zu. Gemeinsam gingen sie viele Stufen hinauf.
Carsten wurde immer neugieriger, aber Andreas sagte nichts. Am Ende der Treppe gingen sie wieder einen Gang entlang. Carsten glaubte, dass es sich dabei um eine Galerie handeln müsse. Denn er spürte einen frischen würzigen Luftzug.
Das gleiche Aroma, was er schon beim Hauseingang wahr genommen hatte. Dann wandten sie sich nach links und gingen einen weiteren Gang entlang. Jetzt mischte sich ein süßlicher Duft in das Aroma.
Nach wenigen Metern blieben sie stehen. Andreas legte Carstens Hand auf eine Metallbrüstung und stellte sich ihm gegenüber, so dass er ihn ansehen konnte. Dann nahm er seine freie Hand und hielt sie einfach nur fest.
Andreas wollte in das Gesicht seines Freundes sehen. Dieser wollte etwas fragen, doch Andreas legte seinen Zeigefinger ganz sanft auf dessen Lippen. Carsten ließ es geschehen und da er eh nicht wusste was Sache war, machte er das, was er am besten konnte: hören.
Sie standen bestimmt ein paar Minuten still nebeneinander. Von sehr weit hörte Carsten den Verkehr, leise. Einige Vögel und Kinder in der Nähe. Miauende Katzen, Blätterrauschen. Leise Stimmen.
Es war sehr friedlich hier an diesem Ort. Carsten konnte nicht anders, sein Gesicht entspannte sich. Er schloss seine Augen und tauchte in die Atmosphäre dieses Ortes ein. Er fühlte sich sehr wohl. Andreas freute sich, als er das sah.
Dann lies er seinen Blick zum Himmel über Carsten wandern. In dem dunklen blau sah er schon einige Sterne. Er hatte den Eindruck, dass sie nur für sie beide allein besonders leuchteten.
Das seine Eltern gerade jetzt besonders nah bei ihm sind. Dann wandte er seinen Blick wieder Carsten zu. Ein schwaches mildes Licht hob dessen weiche Züge hervor.

„Es ist ein magischer Ort, Andreas. So standen auch deine Eltern da… Salam Andreas.“

Andreas hörte die sanfte, tiefe Stimme seines Großonkels. Ohne das einer von ihnen erschrak. Der alte Mann trat aus einer Eingangsnische heraus und Max stand neben ihm und ließ sich kraulen. Die Jungen wandten sich dem Mann zu, ohne dass Andreas Carsten losließ.

„Salam Zio Jihan, das ist Carsten, mein Freund.“

„Salam, schön dich kennenzulernen Carsten. Andreas hat in vielen Briefen von dir gesprochen. Ich fühle mich geehrt, dich endlich einmal kennen zu lernen.“

„Salam…“

„Nenn mich wie Andreas einfach Zio Jihan.“

„Salam Zio Jihan… ich vermute einmal Max hat sich schon selbst bekannt gemacht?“

„Ja das hat sie. Du hast eine feine Lady an deiner Seite. Kommt herein, das Abendessen steht auf dem Tisch.“

„Danke Zio Jihan. Komm…“

Carsten wurde von Andreas geführt und Max lief hinter Andreas’ Großonkel her. Um sie herum nahm Carsten das süßlich exotische Aroma wahr. Dann wurde es lauter und viele Stimmen sprachen durcheinander.
Als Andreas und Carsten stehen blieben, wurde es schnell leiser. Jihan stellte sie einander vor. Dabei merkte Carsten schnell, dass es sich durchaus um eine lustige Familie mehrerer Generationen handelte.
Die neben Italienisch auch noch eine arabische Sprache sprachen. Carsten setzte sich an den Tisch und Andreas neben ihn. Dann wurde gegessen. Max bekam Wasser und mit Carstens Erlaubnis eine Dose Fertigfutter.
Danach legte sie sich abseits zu Zios eigenem Hund ab. Dann erklärte Andreas’ Onkel dem Jungen die einzelnen Speisen, die allesamt aus dem orientalischen Raum stammten.

„Schatz, Zio Jihan hat syrische Wurzeln und ist ein sehr guter Hobbykoch. Genieße und Staune.“

„Das werde ich, danke Tiger.“

Dann trug Andreas Carsten die unterschiedlichen Speisen auf und Zio Jihan erläuterte, um was es sich handelte. Dass die orientalische Küche sehr scharf war, konnte Carsten nicht bestätigen.
Sie war dafür sehr interessant und abwechslungsreich gewürzt. Nuance im Geschmack. Es war für Carsten ein neues Erlebnis. Der Abend zog sich und Carsten fühlte sich rund um wohl.
Andreas hatte recht, dieser Abend zeigte eine andere Seite Mailands. Zio Jihan war von Carsten angetan. Der Junge hatte ein sehr feines Gespür für die Feinheiten der Kunst. Daher lud er die beiden ein, sich einmal sein Atelier anzusehen.
Nach Mitternacht, bestellte Andreas ein Taxi, mit dem sie dann zurückfuhren. Der Abend war mehr als gelungen und ein wunderschöner Abschluss des Tages. Bei seinem Nonno angekommen, ließ Carsten Max noch einmal in den Garten bevor sie sich endgültig zurückziehen wollten.
Andreas hinterließ seiner Nonna noch einen Notiz auf dem Küchentresen. Danach folgte er Carsten. Sein Freund kam gerade aus dem Bad und in seiner Short sah er mehr als appetitlich aus. Andreas beeilte sich mit seiner Nachttoilette und wurde von Carsten schon erwartet.
Max ließ sich in ihrer Kudde nicht von den Geräuschen stören.
Am nächsten Morgen lief sie einmal um das Bett, wandte sich zur Tür, sprang daran hoch und öffnete sie geschickt. Dann lief sie in den Garten, wo sie schon von den anderen Hunden erwartet wurde.
Andreas sah sich verschlafen um. Die Tür stand etwas auf und von Max war nichts zu sehen. Sein Blick wanderte weiter zu Carsten. Seine Hüfte wurde bis zur Lende von der Bettdecke bedeckt.
Ein schmaler Streifen Sonnenlicht beschien dessen rechtes Bein. Hob die feine goldene Behaarung hervor. Carsten drehte sich, die Bettdecke fiel ganz von ihm. Andreas richtete sich etwas auf, stützte seinen Kopf auf seine Hand und bewunderte Carstens Körper von den Füssen an.
Bei seinem Po blieb sein Blick etwas haften um dann anschließend direkt zum Brustkorb zu wandern. Andreas gestand sich ein, Carsten war gut trainiert. Athletisch, aber nicht übertrieben. Muskulöse Arme und Schultern, aber sie wirkten ästhetisch schön. Carsten räusperte sich, hob die Decke und kuschelte sich wieder an. Andreas ließ es geschehen.

*-*-*

Alltägliches im Urlaub

Am folgenden Tag gingen Nonno und Carsten nach dem Frühstück mit den Hunden spazieren. Carsten genoss es, da Friedemann doch besser auf Nonno hörte und er Max und Leon dann auch mit gutem Gewissen ohne Leine laufen lassen konnte.
Friedemann, ganz Gentledog, war es wohl am Herz gelegen, mit allen Sinnen auf die Gasthunde aufzupassen. Was wiederum Max dazu veranlasste, sich weiter zu entspannen. Sie achtete auf Friedemanns Gesten und orientierte sich daran.
Als sie schon eine Weile gegangen waren, sprach Nonno Carsten noch einmal auf Andreas Geburtstag an.

„Carsten, du hattest etwas für Andreas zum Geburtstag geplant?“

„Ja, unsere Clique aus dem Internat kommt her. Andreas weiß noch nichts davon. Sie haben es angeboten, als ich ihnen von meiner Idee, eine Geburtstagsparty für Andreas ausrichten zu wollen, erzählt habe.“

„Nun, da Andreas volljährig wird, gibt es schon eine große Familienfeier. Aber wozu brauchst du unsere Hilfe?“

„Einmal brauchen wir Übernachtungsmöglichkeiten für die vier. Sie kommen alle am Tag meines Konzertes an. Dann hat Marco angeboten etwas aus Eis zu machen, da wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn ihm das Equipment eines Glaciers zur Verfügung stehen würde.“

„Nun das mit dem Equipment und die Unterkunft stellen sicher kein Problem dar. Darum kann ich mich kümmern. Ich denke ein Bekannter wird die Küche seines Eiscafés Marco zur Verfügung stellen. Weißt du wie sie anreisen?“

„Alle kommen am Flughafen an, nur zu unterschiedlichen Zeiten. Chris und Marco mit der Linienmaschine morgens aus Palermo. Britta und Ralph am frühen Nachmittag mit der Maschine aus Frankreich. Sie werden schon von Mutti abgeholt. Sie wird sie auch etwas beschäftigen, da Andreas noch hier ist. Ich habe an dem Tag morgens noch eine Probe und abends sind wir im Konzert. Danach sollte die Party sein, so dass wir seinen Geburtstag feiern.“

„Chris und Marco kommen am Vormittag an, das ist gut. Meine Frau wird sie abholen, da kann sie die Beiden auch gleich zu dem Eiscafé bringen. Ihr Gepäck wird dann solange im Auto bleiben. Meine Schwiegertochter wird sich dann schon einmal um die Zimmer kümmern. Das wird alles keine Probleme machen.“

„Danke Nonno.“

„Für meine Enkel versetzt ich Berge wenn es sein muss. Wie kommt ihr mit dem Klavierunterricht zurecht?“

„Andreas hat Spaß und macht gute Fortschritte. Soweit ich es beurteilen kann. Ich denke es wird für ihn ein Hobby bleiben, dazu liebt er die Pflanzenwelt zu sehr. Ich für meinen Teil ganz gut, Maestro Pittore lehrte mich Klaviertechniken von Signor Horowitz. Diese Technik kommt mir bei den romantischen Klavierstücken sehr entgegen. Bei dem fünften Konzert von Beethoven hat er mir auch mit einigen Tricks und Tipps geholfen. Besonders bei dem Pedalspiel gab er mir Übungen, die ich bisher noch nicht kannte. So lerne ich aus einfachen Stücken allein mit dieser Technik verschiedene Stimmungen darzustellen. Seine Erfahrungen kommen mir wirklich zu gute.“

„Ist das Pedalspiel sehr schwer?“

„Nonno es ist nicht einfach, auch hier heißt es üben, üben und noch mal üben.“

„Carsten, ich habe dir ja schon oft zugehört. Ich dachte es wäre alles so einfach, doch wenn ich dich so reden höre, steckt da schon sehr viel Arbeit und Disziplin drin. Willst du das als deinen Beruf machen?“

„Ich habe nie behauptet das Klavierspielen auf diesem Niveau einfach ist. Ich spiele sehr gerne. Musik ist eine Leidenschaft. Da nehme ich es gern in Kauf täglich auch mehrere Stunden zu üben. Ob ich als Beruf Konzertpianist sein möchte? Nein, ich bin da doch zu sehr bodenständig. Ich möchte neben Musik auch Pädagogik studieren. Im Internat habe ich einem Schüler Nachhilfe im Klavierspiel gegeben. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und auch wenn es oft nicht ganz einfach war die eine oder andere Etüde dem Schüler zu vermitteln, ich denke das ist etwas, was ich als zweites Standbein machen möchte.“

„Das klingt vernünftig und wie soll deine Ausbildung laufen?“

„Nun, ich warte erst einmal welche Hochschule mich haben möchte. An allen kann ich neben Musik auch Pädagogik studieren. Ausschlag gebend wird sein, in wie weit die Hochschule resp. Academy mit meiner Behinderung umgeht. Für einige Hochschulen in Deutschland war das schon ein Ausschlusskriterium. Signor Pittore meint sogar, das ich an der Conservatorio di musica „Giuseppe Verdi“ di Milano studieren könnte. Ich müsste dann zwar Italienisch lernen, aber das ist kein Problem mit Andreas an meiner Seite.“

Dabei legte sich ein verträumtes Lächeln auf sein Gesicht. Andreas’ Großvater sah es und dachte selbst wie frisch verliebt an seine Frau. Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Das herumtollen der Hunde beruhigte sie beide. Manchmal blieben sie einen Moment stehen, wenn die drei Hunde etwas zurückblieben um dann stürmisch tobend angerannt zu kommen. Sowohl Nonno als auch Carsten gaben ihnen manchmal Leckerlies.

„Weißt du was Andreas nach der Schule machen möchte?“

„Er sprach davon eine Ausbildung zu machen und dann wie sein Vater Landschafts- und Gartenbau zu studieren. Ich hatte in London das Gefühl, er würde gerne dort an der Royal Horticultural Society ein Praktikum machen. Er besuchte dort einen ihrer Gärten und war an dem Design eines Knot Garden interessiert. Er machte auch Skizzen, die er an jemanden ausgeliehen hatte und noch nicht wiederbekam.“

„Fragt er deswegen sooft nach Post?“

„Ja, wir haben diese Adresse in unserem Londoner Hotel hinterlassen. Mutti sagte, dass wir uns darauf verlassen können. Es ist ihr Londoner Stammhotel und hat in dieser Hinsicht gute Erfahrung gemacht. Es wäre schön wenn die Skizzen wieder auftauchen würden. Ich wünsche es ihm. Denn immer wenn die Sprache darauf zurückkommt wirkt er traurig.“

„Dann muss es etwas besonderes sein. Kannst du nicht einmal in London anfragen ob sie es schon versandt haben?“

„Das kann ich machen, wieso bin ich nicht auf diese Idee gekommen? Danke Nonno.“

„Gern geschehen Bambino. So und nun sollten wir zurück. Die Rabauken scheinen wohl alle genug zu haben. Wie ich sehe, wirst du Leon und Max wohl nachher auch sauber machen müssen… sie scheinen ein Schlammbad genommen zu haben…“

Carsten lachte laut auf. Rief Max und Leon zu sich und wuselte durch ihr jeweils feuchtes, sandiges Fell. Aber nicht nur Max schien Gefallen daran gefunden zu haben. Als Nonno Friedemann sah, schüttelte er nur mit dem Kopf.

Andreas’ Großvater sah nun den Vorteil von Golden Retriever. Am Haus angekommen glänzte ihr Fell wieder, viel von dem Schlamm war nicht zu sehen, lediglich ihre Pfoten waren noch etwas schlammig. Friedemann dagegen sah man deutlich an, dass er sich im Schlamm gewälzt hatte.
Als die beiden Großmütter sie in Empfang nahmen, sahen sie sich nur grinsend und vielsagend an. Dann luden sie beide zu einer Tasse Kaffee ein.

„Wo ist Andreas?“

„Der ist mit Andrea und Paul unterwegs. Deine Schwester wollte reiten gehen und Andreas zeigt ihnen einen Reiterhof.“

„Hatten sie gesagt, wann sie wiederkommen wollten?“

„Nein, einen bestimmten Zeitpunkt haben sie nicht genannt. Hattet ihr heute noch etwas vor?“

„Nein, im Gegenteil. Ich weiß, dass Andrea einmal auf einem Pferd sitzend, die Zeit vergessen kann. Papa steht ihr in dieser Hinsicht auch nicht nach.“

„Kann Andreas auch reiten?“

„Meine Schwester sagte, als sie letzten Winter gemeinsam bei ihrem Reitverein waren, dass Andreas ein Gespür für das Reiten hat. Vielleicht lernt er heute wieder etwas dazu. Papa wollte sicher auch gern einmal etwas Zeit mit Andreas verbringen. Also lassen wir ihnen ihren Spaß. Mama und Ercan sind auch unterwegs?“

„Deine Mutter ist mit meiner Schwiegertochter und den Kindern zu einem größeren Spielplatz und dem Zoo unterwegs. Und was denkst du zu machen?“

„Wenn die ganze Bande heute ausgeflogen ist, werde ich mich am Klavier vergnügen.“

„Hm, Andreas hat mir eine Nachricht von Jihan hinterlassen, dass ich ihn heute anrufen sollte, du kennst meinen Schwager?“

„Ich hatte gestern das Vergnügen seine Kochkünste kennenzulernen. Andreas wollte mir eine andere Seite von Mailand zeigen.“

„Gut, wir sollen nämlich heute noch zu ihm ins Atelier kommen. Kannst du dein Klavierspiel auf heute Nachmittag verschieben?“

„Kein Problem.“

„Gut, dann können wir ja los.“

Manchmal konnte Carsten nicht anders, als sich über Andreas’ Großeltern wundern. Nonno und Děda mochten die Ruhe, Nonna und Babi mehr die Aktion. Obwohl Babi mehr unter dem Rheuma zu leiden hatte. Lange darüber nachdenken konnte der Junge nicht, denn Nonna wollte los.
Das Auto fuhr zügig durch den Verkehr. Nonna konnte fahren und wenn es sein musste, auch ordentlich schimpfen. Carsten musste manchmal ein wenig grinsen, wenn das Temperament mit ihr durch ging. Hin und wieder blickte Andreas’ Großmutter Carsten an und sah, dass er grinste.

„Du hast keine Angst Carsten?“

„Wovor? Wie du das Auto fährst? Ich denke du solltest mal mit Luise fahren, dann weißt du, dass ich abgehärtet bin. Nonna, gibt es bei euch im Viertel ein Schwimmbad?“

„Si, willst du schwimmen gehen?“
„Es wäre gut, wenn ich mich vor dem Konzert noch einmal ordentlich betätigen würde.“

„Dann sage ich Andreas Bescheid, er wird es dir zeigen.“

„Danke, darf ich dich fragen, warum Nonno kein Auto fährt?“

„Er hat keinen Führerschein mehr. Gabriele hat ihn abgegeben, nachdem sein Augenarzt ihm gesagt hatte, dass er nachtblind geworden ist. Er kann in der Dämmerung und eben auch nachts nicht mehr genug erkennen. Ein paar kleine Unfälle, zu seinem Glück nur Blechschäden an dem Auto, überzeugten ihn davon. Da er vor hatte, sich zur Ruhe zu setzen, verzichtete er ganz auf das Autofahren.“

„Ich verstehe und wenn doch, dann fährst du ihn?“

„Ja. Oder unsere Kinder. So wir sind da.“

„Salam Jihan.“

„Salam Antonia, Salam Carsten.“

„Salam Zio Jihan.“

„Ich muss mich bei dir entschuldigen Carsten, dass ich dich so kurzfristig und charmant entführen ließ. Ich habe mir gedacht, dass es gut wäre, Andreas zum Geburtstag etwas Besonderes zu schenken. Ich dachte an eine kleine Statue von dir.“

„Bekommst du das denn bis dahin hin?“

„Ja, das ist kein Problem. Heute mache ich Skizzen aus verschiedenen Perspektiven von dir, die ich dann auf ein Modell übertrage. Dann lade ich dich ein weiteres Mal ein für Feinheiten, dazu benötige ich aber schon einen halben Tag. Anschließend übertrage ich die Maße auf einen Marmorblock und fertige daraufhin die Statue an.“

„Gut, ich bin damit einverstanden.“

„Und damit es auch eine Überraschung bleibt, bitte ich Gabriele sich dann um Andreas zu kümmern.“

Carsten ließ es geschehen, Jihan machte sich Skizzen von Carsten, in der Pose, wie er ihn das erste Mal an der Brüstung gesehen hatte. Diese Anfertigung dauerte vielleicht eine Stunde. Danach verabredeten sie für den folgenden Vormittag die zweite Sitzung.
Zum Mittagessen waren sie wieder daheim und nun konnte Carsten sich selbst davon überzeugen, was es bedeutet, eine Minestrone von Andreas’ Nonno zu essen.
Nachdem er sich eine kleine Pause gönnte, in der er sich um Max kümmerte, setzte er sich an das Klavier. Diesmal fiel sogar das Familien-Kaffeetrinken für ihn aus. Nach guten vier Stunden fühlte er sich wieder einen Schritt sicherer. Zumal er das Gefühl hatte, einen neuen roten Faden für das Konzert zu haben.
Nonno klopfte leise an der offenen Tür. Max, die unter dem Klavier lag, sah ihn an. Für Andreas’ Großvater sah es so aus, als würde Carstens Hündin die Nähe zu Carsten suchen, wenn sie ihre Ruhe haben wollte.

„Bambino, ist es nicht genug für heute?“

„Fast, Nonno. Bitte setze dich, heute möchte ich dir etwas vorspielen. Es handelt sich um ein Stück welches Andreas mir beigebracht hat.“

Nonno setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Als Carsten sicher war, dass Andreas’ Großvater saß, begann er das italienische Kinderlied zu spielen.
Nonno hörte ihm aufmerksam zu, schloss seine Augen und tauchte ganz in die Stimmung ein. Carsten spielte das Lied genauso, wie er es das erste Mal als Zugabe spielte. Und er hatte den Eindruck, auf diesem Flügel klang es noch vertrauter. Nach der ersten Strophe hörte er wie Francescas Vater leise mitsang. Seine Stimme wirkte brüchig, jedoch festigte sie sich mit jedem weiteren Takt.
Carsten ließ den letzten Akkord leise nachklingen, bevor das Instrument ganz verstummte.
Für ein paar Minuten ließ er das gehörte auf sich wirken. Dann schloss er leise die Tastatur. Andreas’ Großvater stand auf, ging um den Tisch herum auf das Instrument zu, schloss behutsam und nachdenklich den Flügeldeckel.
Als Carsten aufstand und die Bank unter das Klavier geschoben hatte, nahm ihn Nonno einfach liebevoll in den Arm. So standen sie da, als auch Nonna ins Zimmer kam. Ihr Mann hatte Tränen in den Augen, aber sie wirkten nicht wie vor Trauer sondern vor Freude. Ein vertrautes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht, leise verließ sie wieder das Zimmer.

„Carsten. Bambino. Das war das schönste was du mir heute geschenkt hast. Das war das Kinderlied, welches ich Andreas und Francesca immer zum Schlafengehen vorgesungen habe. Und du hast es so gespielt, wie es auch meine Tochter mir immer vorgespielt hat. Carsten, das sage ich nur sehr selten: Willkommen in meiner Familie.“
Andreas’ Großvater sah sich den jungen Mann genauer an. Seine Züge wirkten weich. Sein Ausdruck ehrlich. Jetzt wusste er, dass sein Enkel in den besten Händen der Welt war. Gemeinsam verließen sie das Zimmer.
In der Küche wurde beide von Nonna schon mit einer Tasse Cappuccino erwartet. Nonno, Nonna und Carsten setzten sich an den Tresen. Sie waren allein und genossen die Stille.

„So ich gehe noch einmal in den Garten, es war sehr warm heute und bevor ich die Bewässerung einschalte, möchte noch ein wenig frischen Salat für das Restaurant holen.“
Nonno stand auf und verließ die Küche.

„Carsten, du hast meinem Gabriele vorhin sehr glücklich gemacht. Ich habe ihn schon sehr lange nicht mehr dieses Lied singen hören. Du weißt, dass es das Lied ist, welches Francesca ihm immer vorspielte. Immer wenn er es hörte, wurde er traurig… vorhin sah ich das erste Mal, dass er Freudentränen hatte. Ich glaube, du hast ihm die letzte Trauer vom Verlust seiner Tochter genommen.“

„Oh.“

„Das ist gut Carsten, Francesca wird in unseren Herzen sein, doch wir denken nicht mehr in Trauer an sie. Sie lebt in Andreas und dir weiter… was dich jetzt allerdings vor ein Problem stellt.“

Das lautet wie?“

„Tust du Andreas, unserem Bambino weh, dann kannst du hoffen, dass die Mafia dich vor uns findet…“

Carsten nickte. Dann lachte er auf, denn ihm fiel ein, dass seine Eltern ihm das auch schon sagten, beziehungsweise ähnliches. Seine Gedanken wurden noch einmal unterbrochen.

„Ich habe noch eine Bitte an dich. Mitte nächster Woche hat Signor Pittore seinen jährlichen Tag der offenen Tür. Traditionell kümmern Gabriele und ich uns um Kaffee und Kuchen. Hättest du etwas dagegen, an dem Tag etwas zur Demonstration zu spielen?“

„Das mache ich schon, dafür bekomme ich auch meine Lektionen. Danke, dass du gefragt hast.“

„Schön, Andreas macht schon mit. Direkt als er mir half das Frühstücksgeschirr wieder wegzuräumen, sprachen wir darüber. Dann hat Gabriele mit mir gesprochen, dass du eure Freunde zu Andreas’ Geburtstag eingeladen hast.“

„Sie haben es von sich aus angeboten.“

„Wer bezahlt ihnen denn den Flug?“

„Nonna, das Internat ist eine private Institution. Die meisten Schüler sind nicht mittellos. Die Flugtickets kosten nicht die Welt und wenn, dann hätte ich es bezahlt. Chris, Marco, Britta und Ralph sind Andreas’ Freunde, sie würden Berge versetzen, nur um an diesem Tag bei ihm zu sein.“

„Dann scheint Andreas ja wirklich echte Freunde gefunden zu haben.“

„Das hat er und er hat sie auch mehr als verdient.“

*-*-*
Auf dem Reiterhof war nicht sehr viel Betrieb, so dass die drei viel Platz hatten. Andrea hatte nach dem Frühstück gefragt, ob es auch einen Reitverein geben würde. Sie wolle gern mal wieder reiten.
Diese Idee fiel bei Paul auf fruchtbaren Boden und Andreas, als Gastgeber, wusste wo sie so etwas fanden. Carsten sagte ihm schon beim Aufstehen, dass er heute viel für das Konzert üben müsse.
Andreas schlug ihm vor, dann etwas mit Paul zu unternehmen, da Carstens Vater noch nicht all zu viel von ihm hatte. Darauf gab Carsten seinem Schatz eine stürmischen Kuss. Also machten sich die drei nach dem Frühstück auf zu diesem Reiterhof mit zugehörigem Reitverein.
Es war für Andreas etwas ungewohnt, eine von Pauls Reithosen anzuhaben, doch Paul bestand darauf. Als der Angestellte mit dem Pferd kam, wusste Andreas auch warum. Dann sagte Paul Andrea, dass sie dem Angestellten folgen sollte, sie würden noch zwei weitere Pferde erhalten.
Andrea wollte schon protestieren, doch der junge Italiener konnte sich sehr gut auf Englisch verständlich machen. Also begab sie sich in die Hände des Angestellten. Inzwischen gab Paul Andreas etwas Reitunterricht. Dazu führte er sein Pferd an der langen Longe und ließ den Hengst im Kreis laufen.

„Andreas sitz gerade, die Beine etwas näher am Bauch des Pferdes. Fühl’ die Bewegung und werde eins mit ihr.“

„Gar nicht so einfach ohne Sattel…“

„So lernst du es am ehesten. Das Pferd gibt dir den Rhythmus vor… und konzentriere dich.“
Paul sah, dass Andreas sich immer mehr dem Pferd anvertraute, nach weiteren drei Runden im Schritt, hatte Andreas es raus. Der Hengst und sein Reiter wirkten wie eine Einheit.

„So und nun lass die Zügel fallen, breite deine Arme aus und halte Balance.“

Andreas tat wie ihm geheißen. Er vertraute dem Pferd. Paul erhöhte das Tempo und im Trab saß Andreas noch immer sicher auf dem Pferd. Paul war zufrieden und ließ das Tier zu sich kommen.
Er machte die Longe los und sagte Andreas, dass er nun wieder die Zügel halten soll. Andrea kam mit zwei weiteren Pferden zu ihnen, alle beide ohne Sattel. Paul stieg auf dem noch freien Pferd auf.
Jetzt ritten sie zu dritt nebeneinander. Andrea souverän auf ihrem Araber, als würde sie nie mit Sattel reiten. Der junge Angestellte gesellte sich zu ihnen. Da nicht viel zu tun war, schloss er sich der Gruppe an.
Wie er erklärte, kümmerte er sich um eine Handvoll Pferde des Vereins. Da Andrea und der junge Mann sich durchaus allein beschäftigen konnten, gab Paul Andreas immer wieder kleine Anweisungen, der sie entsprechend umsetzte.
Nebenbei unterhielten sie sich über Andreas’ Zukunft. Paul sah, dass der Junge genau wusste, was er wollte und wohin sein Weg führen würde. Nach einer Stunde hatte Andreas es raus. Nicht die Zügel waren wichtig beim Reiten.
Die Verlagerung seines Gewichts reichte aus, dass das Pferd die Richtung änderte. Paul war zufrieden. Jetzt erhöhten sie das Tempo und Andreas hielt gut mit.
Dann kam die Arbeit. Auch da konnte Carstens Vater hart sein. Zum Reiten gehört auch, sich um das Tier zu kümmern. Also wurde es anschließend wieder trocken gerieben. Gestriegelt, gebürstet und mit dem Angestellten gefüttert.
Selbst die Boxen wurden gesäubert und neues Stroh ausgelegt. Nach guten zwei weiteren Stunden gingen sie dann gemeinsam Essen. Da sie alle nach Pferd rochen, wählten sie das Restaurant beim Reiterhof.

„Also ich kann dir nur sagen Andreas, reiten wäre etwas für dich. Du hast mir eben gezeigt, dass du dich in das Tier einfühlen kannst. Nicht jeder reitet ohne Sattel so sicher, wie du nach zwei Stunden.“

„Sind denn Sättel nicht gesünder für das Tier? Die Federn doch das Gewicht ab.“
„Nein, im Gegenteil, viele Reiter machen sich damit ihre Tiere kaputt, sie fühlen das Pferd nicht und machen genau die gegenteiligen Bewegungen. Andrea kann dir ein Lied davon singen, wie oft wir einem Besitzer schon sagen mussten, das sein teures Pferd nicht mehr geritten werden darf. Nur wenige haben Verständnis dafür. Dann heißt es oft einschläfern.“

„Dabei können die Pferde nichts dafür, wenn ihre Wirbelsäule verhunzt wurde. Papa hat einen guten Bekannten gefunden, dem es nichts ausmacht solche Tiere zu übernehmen. Er lässt sie dann mit seiner Herde über die Wiesen laufen. Geritten werden sie aber wirklich nicht mehr.“

„Das ist dann sicher teuer, so ein Pferd auszulösen?“

„Eigentlich schon, doch mein Bekannter hat nicht nur das nötige Kleingeld, sondern kann auch gut Verhandeln. Auch wenn er manchmal so etwas sagt wie: Dann ist der Deal geplatzt, schläfern sie das Tier ein. Leider weiß nicht jeder wie man Pferde artgerecht hält, Das sagt er dann vollkommen überzeugend und dann sind die meisten bereit sein Angebot anzunehmen.“

„Was passiert dann mit den Tieren?“

„Sie werden entsprechend der Diagnose behandelt und wie gesagt, sie kommen zu ihres Gleichen auf Wiesen, wo sie Pferd sein dürfen. Du musst ihn einmal besuchen.“

„Wo lebt er denn?“

„Oh, er lebt in den Highlands und hat dort ein riesiges Grundstück. Ein Paradies für Tiere. Sag einmal, weißt du, was Carsten heute vorhatte?“

„Er wollte sich dem Konzert widmen. Mit den Übungen und Tipps von Maestro Pittore hat er einiges an Pensum zu absolvieren.“

„Ich dachte, es sollte für ihn Urlaub werden?“

„Carsten? Er hat Urlaub, er genießt es hier zu sein. Seine Augen leuchten, ich sehe ihm an, wie er sich entspannt und wohlfühlt. Das Klavierspielen, das Konzert gehört dazu. Er kann sich intensiv um Max kümmern. Er schaltet herunter. Er kann sich in den Garten legen und dösen, liest viel. Das alles ist Urlaub für ihn.“

„Ich gestehe, du kennst meinen Sohn wirklich gut.“

„Ich? Kennst du Carsten?“

„Na, ja in den achtzehn Jahren habe ich ihn recht gut kennengelernt. Aber er kann mich noch immer überraschen mit seinem Handeln.“
„Siehst du, du hast schlappe siebzehn Jahre Vorsprung und ich soll es in einem Jahr schaffen? Ich denke selbst in fünfzig Jahren würde ich ihn noch nicht vollständig kennen. Das macht auch das Leben so interessant mit ihm. Nie genau zu wissen, was als nächstes kommt.“

„Da ist jemand schwer verliebt Papa…“

Paul sah grinsend die Jugendlichen an. Die Rechnung bezahlte Paul, wobei der Verein die Pferde nicht in Rechnung stellte. Paul fragte noch einmal nach, doch wie ihm beschieden wurde, war es in Ordnung.
Der Angestellte sah, dass sie keine Anfänger waren und gab ihnen die Pferde von denen er wusste, dass die Besitzer nicht im Lande waren. Welche die zu ihnen passten und eben auch bewegt werden mussten.
Dann fuhren sie wieder zurück und trafen zum Kaffee wieder ein. Als erstes zogen sie sich um und da Carsten noch Klavier spielte, kümmerten sie sich um die Hunde. Andreas nahm sich Friedemann vor, der noch immer kleine Sandklumpen im Fell hatte.
Andrea kümmerte sich um Leon, der die Fellpflege auch sehr genoss. Andreas fand Carsten später in der Küche bei seiner Nonna und fragte, ob für Max nicht noch eine Gassirunde anstünde.
Nonna zwinkerte ihren Enkel zu und verstand, dass die beiden einfach nur etwas Zweisamkeit haben wollten. Dass sie Friedemann mitnehmen sollten, verstand sich von selbst.
Paul erklärte sich zur Abwechslung bereit in der Küche zu helfen. Erst das Hundefutter zubereiten, wobei ihm Nonno über die Schulter schaute. Später schaute er Nonno nicht nur über die Schulter beim Abendessen vorbereiten. Dabei unterhielten sie sich über alles Mögliche.
Am nächsten Morgen holte Nonno die Jungs aus dem Bett. Er klopfte an der Tür und als er meinte, ein Murmeln zu hören, trat er ein. Max stand vor ihm und sah ihn aus großen Augen an.
Andreas’ Großvater ging einen Schritt zur Seite und ließ die Hündin passieren. Dann sah er zum Bett hinüber. Andreas lag seitlich neben Carsten und hatte seinen Kopf an dessen Schulter gelegt. Sein linker Arm lag über der nacktem Brust von Carsten und hielt ihn fest. Carsten selbst hielt Andreas, indem er seinen Arm um ihn legte. Nonno sah wie zufrieden und glücklich sein Enkel schlief.

„Nonno bist du es?“

„Ja, woher weißt du, dass jemand ins Zimmer gekommen ist?“

„Das Fenster ist offen und es geht ein leichter Luftzug, der bis vor wenigen Augenblicken noch nicht war.“

„Ich wollte euch wecken und zum Frühstück holen. Ich möchte Andreas bitten, mir anschließend im Gemüsegarten zu helfen.“

„Gib uns bitte noch fünf Minuten, ja?“

„Ja, fünf Minuten, wenn nicht kommt Nonna…“

Andreas’ Großvater verließ das Zimmer und schloss hinter sich die Tür. Grinsend ging er in die Küche zurück. Die fünf Minuten waren noch nicht um, da kamen die Jungs schon um die Ecke. Zwar noch leicht bekleidet, aber immerhin, passend für das Frühstück.
Die vier waren für sich allein. Nonno erklärte Andreas, dass er im Garten einiges zu tun hätte, bevor es zu warm dafür werden würde. Sein Enkel wunderte sich zwar etwas, aber sein Großvater hatte recht, allein wäre es für ihn zu viel gewesen.
Nonna nahm sich Carsten an. Sie wollte mit ihm und Max in die Stadt fahren. Ein paar Besorgungen machen wie sie sagte und Carsten sei sicher ein angenehmer Beifahrer.
Zio Jihan war über das frühe erscheinen der Beiden erfreut. Nonna trank noch eine Tasse Tee mit ihm und verließ sie anschließend. Sie hatte wirklich einiges zu erledigen und dazu benötigte sie Carsten nicht.
Im Atelier war es angenehm warm, was nicht zuletzt daran lag, dass die Sonne wohl durch ein Glasdach schien. So verbrachten beide Jungs den Vormittag getrennt voneinander.
Anstelle des Styropormodells, hatte Jihan schon nach der Skizze eine Gipsstatue angefertigt.

„Carsten darf ich dich anfassen?“

„Ja, wenn es hilft.“

Der Bildhauer dirigierte Carsten und Max in die Position. Dann begann er die kleine Statue zu bearbeiten. Dabei unterhielten sie sich über Musik. Carsten, der offen für jede Art von Kunst war, hörte Andreas’ Onkel gerne zu.
Dabei verstand er auch, was Andreas meinte, dass man bei ihm gut beraten ist, auch wenn der Künstler keinen Rat erteilte. Man musste ihm einfach nur zuhören können.
Nonna holte die beiden gegen Mittag wieder ab und sah sich die kleine Gipsstatue an.

„Jihan, wenn du fertig bist, dürfen wir die Statue aus Gips für unser Restaurant benutzen? Sie würde sich gut auf dem kleinen Podest neben dem Eingang machen.“

„Wenn Carsten nichts dagegen hat gerne.“

„Moment, du machst noch eine Statue für Andreas?“

„Ja, dieses Modell aus Gips ist nur die Vorlage. Gips lässt sich leichter bearbeiten. Das Material für Andreas’ Statue ist Macael, eine Marmorart aus der spanischen Provinz Andalusien.“

„Wenn das so ist, ich habe nichts dagegen wenn Nonna die Gipsstatue für das Restaurant benutzt.“

Damit war auch das erledigt. Nonna, Carsten und Max fuhren zurück. Als sie im Garten ausstiegen, kam ihnen schon Andreas entgegen. Er nahm Carsten in den Arm und gab ihm einen innigen, verliebten Kuss.
Danach half er den Kofferraum auszuräumen. Nonna hatte schon einiges eingekauft. Beim entladen kontrollierte sie mit ihrer Liste, was für sie privat war und was für das Geschäft. Andreas brachte es anschließend entsprechend weg.

„Was habt ihr heute Nachmittag vor?“

„Wir haben heute den Abholtermin beim Schneider.“

„Oh, da fahre ich euch hin. Wenn ihr nichts dagegen habt?“

„Nein, Mutti. Ist sicher auch besser als die ganzen Teile quer durch Mailand zu schleppen.“

Luise lies Andrea, Andreas, Carsten und Max an der Boutique aussteigen, parkte den Wagen und kam zur Anprobe dazu. Carsten und Andreas hatten ihre Anzüge schon an. Luise schluckte, die Jungs sahen darin blendend aus.
Ihr wurde bewusst, dass Carsten sehr wohl einen guten Geschmack hatte. Als dann auch Andrea sich dazugesellte im Kleid, war Luise verblüfft. Die Jugendlichen gingen ein wenig in der Boutique umher.
Carsten setzte sich auf einen Stuhl und hob seine Arme, als wolle er Klavierspielen. Das Jackett machte alle Bewegungen fließend mit. Carsten war zufrieden.

„Wirklich, ihr drei seht umwerfend aus.“

„Danke Mama, ich hoffe es ist nicht so extravagant.“

„Nein, es ist exklusiv aber wirklich schlicht. Es passt genau zu euch…“

„Dann haben wir ja richtig gewählt.“

Der Schneidermeister sah sich jeden von ihnen genauer an. Seinem prüfenden Blick entging nichts. Aber es gab nichts zu beanstanden. Also zogen sie Hosen und Jacken wieder aus. Ein Gehilfe des Schneidermeisters nahm sich der Kleider an, bügelte sie noch etwas auf und verpackte sie.
Dann war Luise an der Reihe, sie war überrascht, dass ihr Kleid auch schon fertig war. Als sie aus der Umkleidekabine kam, staunten Andrea und Andreas nicht schlecht. Luise hatte ein langes Abendkleid an, was dezent figurbetont wirkte. Keine überflüssigen Dekorationen, aber doch alles andere als schlicht.
Auch hier betrachtete der Maestro das Kleidungsstück sehr genau. Er nickte zustimmend. Luise zog sich wieder um. Ein Gehilfe nahm das Kleid, bügelte es ebenfalls auf und verpackte es in einen großen Pappkarton.
Nach dem Bezahlen gingen sie gemeinsam zu ihrem Auto, verstauten dort alles sorgfältig und weil Luise einfach gute Laune hatte, lud sie die Jugendlichen noch zu einem Kaffee in einem Eiscafé ein. Klar, dass sich jeder dazu noch etwas dazu bestellte. Für Max gab es die obligatorische Schüssel Wasser mit ein paar Eiswürfeln darin, woran die Hündin sehr viel Spaß zu haben schien.
Luise sah sich die Jugendlichen an. Andreas erzählte eine Anekdote und Andrea und Carsten lachten. Sie sahen sich so ähnlich. Die kleinen Grübchen, die Fältchen an den Schläfen, selbst viele ihrer Gesten glichen sich.
Doch sie waren auch Individuen unterschiedlicher wie Geschwister nicht sein können und beide waren so selbstbewusst. Luise war sehr stolz auf ihre Jugendlichen. Da sie schon einmal mitten in Mailand waren, wurde daraus auch noch eine kleine Sightseeing- und Shopping-Tour.
Nach dem Abendessen wollten die restlichen Familien ebenfalls die Anzüge sehen, doch sowohl Andreas als auch Carsten lehnten das ab.
Am folgenden Morgen nahmen Nonna und Nonno Andreas zur Seite. Er war ganz erstaunt, als ihm Nonna einen Brief gab, da die Post normalerweise erst gegen Mittag kam.
„Andreas, es tut mir Leid. Dieser Brief ist vor einigen Tagen schon gekommen und ich hatte ihn verlegt.“
„Passiert, es gibt Schlimmeres als das. Mich wundert nur, dass die Royal Horticultural Society mir schreibt. Alles was ich erwartete, sind meine Zeichnungen aus der Gartenanlage die ich in London besuchte.“

Andreas öffnete den Brief. Nonno gab er die Zeichnungen die dabei lagen und las selbst ein beigefügtes Schreiben. Nonna sah ihm dabei zu, während Nonno sich die Skizzen nacheinander ansah, dabei hörte er von Andreas ein ‘oh’ oder ‘aha’ und zuletzt ein ‘verstehe ich nicht’.

„Was verstehst du nicht?“

„Die Lady, der ich meine Zeichnungen und Skizzen gab, war vom Vorstand der Royal Horticultural Society.“

„Oh und das ist nicht gut?“

„Ganz im Gegenteil, die Royal Horticultural Society bietet mir eine Ausbildungsstelle im Bereich Landschaftsbau und Gartengestaltung nach dem Abitur an, wenn ich mich darum bewerben würde. Sie legte dem Vorstand meine Skizzen vor daher, dauerte es wohl auch so lange und sie entschuldigte sich sogar dafür.“

„Und was ist nun daran für dich unverständlich? Immerhin hast du Fachleute von deinem Können allein durch deine Zeichnungen und Skizzen überzeugen können.“

„Was ich nicht verstehe ist folgendes, weiter schreibt sie …und wir würden uns freuen, wieder einen Mr. Zahradník in unserer Gesellschaft begrüßen zu dürfen…. Woher kennen sie meinen Vater?“

„Du weißt nicht, dass Pavel für die Royal Horticultural Society gearbeitet und gelehrt hat?“

„Nein. Aus seinen Unterlagen geht zwar hervor, dass er immer wieder einmal im Vereinten Königreich Projekte hatte, aber nichts wo heraus vorgehen könnte, dass er für diese Society tätig war. Das ist mir neu.“

„Vielleicht solltest du dich doch noch einmal dazu mit deinen Großeltern zusammensetzen. Aber was ich hier auf deinen Zeichnungen sehe, gefällt mir. Auf mich wirkt das alles sehr harmonisch, gut proportioniert und du hast überall sogar die botanischen Namen der Pflanzen dazugeschrieben. Kein Wunder, dass sie dich haben wollen. Wirst du das machen wollen, ich meine dich bewerben?“

„Nonno, solche Chancen bekommt man nicht zweimal. Eine Ausbildung im Ausland, bei der Royal Horticultural Society kommt überall gut an in dem Bereich. Selbst im Studium.“

„Unseren Segen hast du…“

In der Nachbarschaft hörte man ihn jubeln. Dann umarmte er seine Großeltern und führte einen Freudentanz auf. Selbst Max und Friedemann wuselten auf einmal um ihm herum. Seine Nonno und Nonna schüttelten nur mit dem Kopf und freuten sich für ihren Enkel.
Dann gingen sie langsam wieder zum Haus zurück. Von weitem hörten sie, dass Carsten wieder am Flügel saß und spielte. Ihn hatten sie ganz vergessen. Was war mit Carsten wenn ihr Enkel in Großbritannien war? Da hatte Andreas noch etwas vor sich.

*-*-*

Tag der offenen Tür

Die Tage vergingen, Andreas und Carsten saßen abwechselnd mal am Vormittag mal am Nachmittag am Klavier. Der Eine übte seine Etüden, der Andere an dem Konzert. Auch die Hausmusik kam nicht zu kurz.
Andreas’ Großeltern sahen, dass Musik ein wichtiger Bestandteil in der Familie von Feldbach ist und waren auch nicht sonderlich überrascht, dass Carstens Familie auch gute Unterhaltung ohne ihren Sohn zustande brachte.
Auch die italienischen Kenntnisse von Carsten verbesserten sich. Andreas brachte ihm die Sprache näher und seine Großeltern übten mit ihm. Der Freund ihres Enkels war talentiert. Im Gegenzug lernte Carsten mit Andreas Mathematik, wenn dieser etwas nicht ganz verstand.
Signor Pittore und seine Haushälterin erschienen ein paar Tage vor dem Tag der offenen Tür bei ihnen im Garten. Als ein Bekannter der Familie Bondaz durften sie durch den hinteren Eingang kommen.
Nonno saß wie so oft am Tisch und las in seiner Zeitung. Luise war bei ihm und war in einem Artikel ihrer wissenschaftlichen Magazine vertieft. Nonna und Babi waren in die Stadt gefahren. Andreas und Carsten vergnügten sich im Schwimmbad.
Nonno begrüßte sie freundlich als gute Bekannte der Familie und stellte Luise den Besuch vor. Signor Pittore kam direkt auf sein Anliegen zu sprechen. Nonno hörte es sich an.

„Oh, Giacomo, glaubst du denn wirklich, meine Frau würde auf dieses Ereignis verzichten wollen? Sie ist heute mit Veronika, Andreas’ Großmutter in die Stadt gefahren um die letzten Besorgungen dafür zu machen. Du wirst in diesem Jahr das Vergnügen haben, von allen Großeltern deines Schülers Andreas unterstützt zu werden.“

„Entschuldigen sie bitte, aber um was handelt es sich bei ihrem Tag der offenen Tür Signor Pittore?“

„Signora von Feldbach, ich gebe neben meiner Lehrtätigkeit am Konservatorium selbst privaten Klavierunterricht. Neben den gut betuchten Schülern, erteile ich auch Unterricht für Kinder nicht so reicher Familien. Diese haben in der Regel auch keine eigene Instrumente, so dass ich ihnen gestatte, eben auch bei mir täglich üben zu können. Jedes Jahr gebe ich einen Tag der offenen Tür, wo jeder sein gelerntes vorspielen kann. Das ist bei uns im Viertel schon eine kleine Tradition geworden. Die Eltern hören sich die Fortschritte ihrer Kinder an, sonst haben sie leider nicht die Gelegenheit dazu. Ich persönlich berate auch die Eltern, wenn sie ihre Kinder weiter fördern möchten. Ob es sich lohnt ein Instrument zu kaufen, zu leihen oder zu mieten.“

„Das kostet doch sicher viel?“

„Das ist richtig, ich werde von ehemaligen Schülern dabei unterstützt. Die Klaviere die ich verleihe, sind generalüberholte Instrumente aus zweiter Hand und so weiter. Mein Mieter selbst ist gelernter Klavierbauer und betreibt ein Musikgeschäft. Er hilft mir oft, wenn es darum geht Klaviere zu stimmen, zu intonieren und das alles. Sehen sie Signora der springende Punkt ist: Jeder Jugendliche der von der Straße weg ist, macht keinen Unsinn.“

„Dann spreche ich mal für meinen Sohn Carsten, dass er sicher bereit sein wird, ihnen auch zu helfen.“

„Das hat er schon Signora. Der Tag ist soweit vorbereitet und organisiert. Ich bin nur gekommen, um die Verpflegung mit Signor Bondaz abzusprechen. Was ja wohl auch schon gut durchorganisiert ist.“

„Ja, Andreas’ Großmütter werden schon am Morgen kommen und alles vorbereiten. Karel und ich gehen hin und helfen ihnen bei allem. Meine Schwiegertochter bringt dann die Verpflegung hin. So sollten wir schon zu Mittag bereit sein, Eintopf und später dann Kuchen und Schnittchen zu servieren. Andreas und Carsten kommen auf ihrer Gassirunde dazu und bleiben dann auch.“

„Und können wir auch helfen? Ich meine mein Mann und ich?“

„Kommt einfach und seht wo es Engpässe gibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Alten schon einmal eine Pause brauchen.“

Dabei zwinkerte Nonno Luise zu. Signore Pittore nickte. Gemeinsam kaffeetrinkend fanden sie auch Nonna und Babi vor, setzten sich hinzu und unterhielten sich über alles mögliche, aber auch noch ausführlich über den Tag.
Max lief zuerst zu dem kleinen Tor, gefolgt von Friedemann und Leon. Sie zogen die Blicke der Anwesenden hinter sich her. An der Pforte setzten sie sich und wenig später traten Andreas und Carsten lachend hindurch.
Max machte sich bei Carsten wie gewohnt bemerkbar und wurde von Carsten entsprechend geknuddelt. Friedemann mischte sich vorsichtig dazwischen und suchte nach Keksen, die er und Leon dann von Andreas bekamen.
Nach wenigen Minuten stoben die Hunde davon und die Jungen gingen zu den Anderen. Nach einer Begrüßungsrunde setzten sich die Jungs dazu. Es dauerte nicht lange und die Jungs waren im Bilde.

„Sagen sie Maestro, was ist am Vormittag?“

„Nichts besonderes Carsten. Da kommen meist die Kinder selbst, um noch ein wenig zu üben.“

„Oh, da würde ich gerne dabei sein, wenn ich darf?“

„Schaden täte es nicht, du hast Erfahrung und ein gut fundiertes Wissen. Nur deine Sprache lässt zu wünschen übrig.“

„Dafür kann ich diese umso besser“, grinste Andreas seinen alten Klavierlehrer an. Signor Pittore lächelte zurück.

„Dann kommt so gegen Neun. Wenn ihr uns nun entschuldigt?“

Damit verließen Signor Pittore und seine Haushälterin die Bondaz’. Nonno stand ebenfalls auf und begleitete sie noch bis zur Pforte. Auf dem Rückweg stand Friedemann vor ihm und wollte wohl noch einmal vor dem Abendessen raus.
Nonno sah Andreas an und dieser verstand ihn auch ohne Worte. Wenig später sah man Carsten und Andreas mit den Hunden Gassi gehen.
Zum Abendessen überraschte Nonno alle mit einer besonders leckeren Lasagne. Selbst Andreas, der glaubte seinen Großvater wirklich gut zu kennen, wurde da eines besseren belehrt. Auch der Abend an sich war anders. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. So ging es auch spät zu Bett.
Am folgenden Morgen gingen beide wie verabredet schon früh zu Maestro Pittore. Nach einer obligatorischen Tasse Kaffee gingen sie in den großen Unterrichtsraum. Bevor die Schüler kamen, spielten beide noch einmal die Sonate durch und dann klingelte es auch schon. Sowohl Signor Pittore als auch Andreas und Carsten halfen den Kindern und Jugendlichen bei ihren Übungen.
Die Schule füllte sich langsam. Eltern kamen und sprachen mit dem Klavierlehrer über ihre Kinder. Die Schüler selbst spielten dann im großen Raum vor. Es schien keinen zu interessieren, ob nun ein Anfänger spielte oder jemand der schon Erfahrung hatte.
Die Zuhörer respektierten die Leistungen der Kinder und Jugendlichen. Es kamen auch einige, welche noch nie an einem Klavier saßen und sich einfach dafür interessierten. In einem der Nebenräume halfen Carsten und Andreas bei den Vorbereitungen der Schüler, beziehungsweise boten auch Hilfestellungen an für Kinder, die das erste Mal an so einem Instrument saßen.
Als es gegen Mittag wieder etwas ruhiger wurde, gönnten sich Andreas’ Großeltern eine Pause. Signor Pittore führte sie in den großen Unterrichtsraum. Er bat Andreas’ Großeltern sich zu setzen.
Andreas begann erst auf Italienisch, dann auf Tschechisch seinen Großeltern ihr Vorhaben zu erklären.

„Nonna, Babi, Nonno, Děda. Carsten und ich möchten euch eine Sonate von Mozart vorspielen. Das besondere dabei ist, Mama hat das Arrangement dazu geschrieben. Ihr hattet nie die Möglichkeit, sie fertig zu hören. Das möchten Carsten und ich heute nachholen.“

Dann setzte er sich an den freien Flügel, konzentrierte sich und gab Carsten den Einsatz vor. In der nächsten halben Stunde störte keiner, selbst eintretende Schüler und Eltern verhielten sich leise und hörten den beiden Jungen an den Flügeln zu. Es fühlte sich für den engeren Kreis an, als ob ihre Kinder Francesca und Pavel unter ihnen weilten.
Das kleine Konzert wurde mit viel Applaus belohnt. Andreas’ Großeltern nahmen ihren Enkel in die Arme und drücken ihn liebevoll. Andreas sah das Leuchten ihn den Augen seiner Großeltern. Mehr brauchte er nicht zu sehen, um selbst glücklich zu sein.
Nach der Darbietung, ging es weiter. Eltern stellten Fragen und die Jungs beantworten diese wo sie konnten oder verwiesen die Fragenden an Signor Pittore. Irgendwann machten auch Carsten und Andreas eine Pause. Sie gingen in den Garten, setzten sich an einen Tisch im Schatten, tranken Kaffee und aßen selbstgebackenen Kuchen von Babi.
Andreas blickte sich um und sah einen Jungen in Ercans Alter neben Max im Gras sitzen. Max vertraute ihm und hatte ihren Kopf auf seine Beine gelegt. Der Junge sprach mit der Hündin und strich ihr immer wieder sanft über das Fell.

„Schatz, Max wird von einem Jungen in Ercans Alter bespaßt. Er spricht mit ihr und streichelt sie. Sie hat es sich bei ihm richtig bequem gemacht. Soll ich dazwischen gehen?“

„Warum?“

„Na du sagtest doch, dass du das nicht magst, wenn andere Max streicheln.“

„Andreas, Max ist eine speziell für mich ausgebildete Blindenführhündin und in dieser Funktion weiß sie das auch. Kinder fragen mich, ob sie Max streicheln dürfen und tun es nicht einfach. Dann ist es in Ordnung. Jetzt ist sie einfach nur ein liebe Golden Retriever Hündin und entscheidet selbst, ob sie gestreichelt werden will oder nicht. Jetzt will sie. Du sagtest, sie hat es sich bequem gemacht, dann kann ich aus meiner Erfahrung mit ihr sagen, dass an dem Jungen etwas Besonderes ist.“

„Darf ich mich zu euch setzen?“

„Nur zu Signora.“

„Danke, ihr sprecht über Fabio und deine Hündin Carsten?“

„Sie kennen den Jungen?“

„Ja, er kommt jeden Dienstagnachmittag für zwei Stunden her. Seine Mutter geht arbeiten und möchte nicht, dass er allein Zuhause bleibt.“

„Er nimmt beim Maestro auch Unterricht?“

„Nein, er sieht ihm zu. Der Signor hat es mit einem bekannten Kinderlied versucht. Er lächelt, aber nichts.“

„Glauben sie, dass er taub ist?“

„Andreas, sagtest du vorhin nicht, dass er mit Max spricht?“

„Carsten hat recht, Fabio ist nicht taub. Er hört sehr aufmerksam zu. Ich weiß nicht, was er hat. In der Schule gehört er wohl zu den Besten. Vielleicht gehört er zu den Menschen, die mit Musik nichts anfangen können?“

Carsten legte seinen Kopf leicht schräg und dachte nach. Dann unterbrach Andreas seine Gedanken und beendete ihre Pause. Als sie beide gingen, holte Carsten seinen Laptop.
Max blickte nur kurz auf, blinzelte ihrem Herrchen hinterher und widmete sich dann dem Jungen. Andreas ging mit Carsten in den Vorbereitungsraum und stellte sich den Fragen der Besucher.
Als es wieder ruhiger wurde, ging Andreas noch einmal an die frische Luft. Als er wieder kam, lag Max neben Carstens Klavier und Fabio saß neben Carsten auf der Klavierbank. Bevor er den Raum betreten konnte, wurde er von seinem alten Klavierlehrer abgefangen.

„Andreas hast du Fabio gesehen, sein Vater möchte ihn gerne abholen?“

Über Andreas Gesicht huschte ein Lächeln. Dabei nickte Andreas mit seinem Kopf in Carstens Richtung. Fabio saß neben Carsten und gemeinsam spielten sie etwas. Andreas erkannte das Muster, Fabio drückte immer eine Tastenreihenfolge und Carsten spielte dazu. Signor Pittore und Andreas gingen zu ihnen.
Sie sahen sich das Spiel an. Aber was sie vorhin nicht erkannten, auf dem Steg des Flügels stand der Laptop, auf dessen Display in einem Notensystem immer wieder die gleichen Noten in den gleichen Farben aufleuchten.
Fabio sah immer wieder darauf. Irgendwann stoppte das Farbenspiel und auch Fabio hörte auf. Carsten drehte seinen Kopf zu Fabio und dieser sah den blinden Jungen neben sich an. Dann nahm er Carstens Hand und legte diese auf seinen auf seinen Mund. Carsten fühlte sein Lächeln. Dann ertönte die sonore Stimme des Maestro.

„Carsten, was machst du?“

„Ich bringe Fabio die Musik näher und ich muss sagen, er hat eine außerordentlich gute Auffassungsgabe und er kann sogar ein wenig vom Blatt spielen.“

„Wie das, ich glaubte, er könne keine Noten lesen?“

„Sollen wir das Stück von eben wiederholen? Ist ganz einfach, Fabio braucht nur immer einen Dreiklang zu spielen. Auf dem Monitor sollten zwei Notenzeilen zu sehen sein.“

„Ja, ich sehe sie.“

„Gut wir haben das eben erst zusammen gespielt. Das konnte Fabio sehr gut. Nun werde ich eine neue Zeile dazwischen schieben lassen und damit für Fabio das Stück unbekannt verändern.“

Carsten tippte einige Tasten und Kombinationen auf seinem Laptop und auf dem Monitor erschien eine neue Zeile. Diese füllte sich mit Noten, die in einem Takt jeweils einen Dreiklang bildeten.
Signor Pittore sah, dass die Tonart sich änderte und zum Schluss auf die Ausgangstonart zurückführte. Während Carsten mit dem Klavierlehrer sprach, übersetzte Andreas das Gespräch für Fabio.

„Ja, ich sehe was du machst und Fabio kennt das nicht?“

„Nein.“

„Gut und du sagst, dass Fabio das lesen kann?“

„Nicht nur lesen, auch spielen.“

Carsten wartete bis Andreas mit der Übersetzung für Fabio fertig war. An seinem Laptop startete er ein Programm. Erst ertönte ein Taktklopfen, danach wurde die erste Note mit einem bunten Kreis unterlegt und Fabio begann.
Carsten setzte seine Begleitung einen weiteren Takt später ein und orientierte sich an Fabio. Der Klavierlehrer sah nur auf Fabio, der nur hin und wieder auf die Klaviatur sah. Die zwei, drei Fehler bügelte Carsten geschickt aus, aber im Großen und Ganzen spielte Fabio fehlerfrei. Zum Schluss nahm Fabio wieder Carstens Hand, so dass er wieder sein Lächeln fühlen konnte.

„Signor Pittore, Fabio kann keine Noten im klassischen Sinne erkennen, genauso wenig wie ich. Für ihn ist die Musik einfach bunt. Er spielt nach Farben für die Töne und das Tempo bestimmt die Zeitspanne, welche eine Farbe aufleuchtet. Das macht er sehr gut. Er bräuchte nur einen Lehrer der ihm hilft.“

„Wie bist du darauf gekommen ?“

„Fabio sagte immer blu, wenn ich ein d’ spiele und verde bei einem G. Da erinnerte ich mich an einen Bekannten, für den die Musik ebenfalls aus Farben besteht. Damals sandte er mir ein Programm, das Noten in Farben darstellt. Ich ließ es für mich so verändern, dass es zu meiner Notenschrift in Braille passte. Fabio half mir bei seiner Kalibrierung und es funktioniert.“

„Genial, darauf wäre ich nie gekommen.“

„Werden sie ihn unterrichten? Er hat es verdient.“

„Selbstverständlich!“

Fabio saß still auf der Bank und folgte skeptisch dem Gespräch, dass Andreas für in übersetzte. Doch als Signor Pittore ihm sagte, dass er nach den Ferien zu ihm zum Klavierunterricht kommen kann, hellte sich sein Gesicht auf.
Als Fabios Vater den Raum betrat, lief der Junge auf ihn zu und zog ihn zu dem Klavier. Er bat Carsten, das Stück noch einmal gemeinsam spielen zu dürfen. So machten sie es auch und dieses Mal machte Fabio schon keinen Fehler mehr.
Anschließend sprach Signor Pittore ausführlich mit Fabios Dad und dass sein Sohn Klavierunterricht erhalten könnte. Fabios Vater bedankte sich bei dem Maestro und sie verließen die Schule glücklich.
Carstens Eltern und Andreas’ Onkel halfen ihnen später beim Aufräumen. Den Abend ließen sie gemütlich bei Signor Pittore im Garten mit einem erstklassigen Abendessen ausklingen. Andreas, Carsten und Max gingen später gemütlich nach Hause.
Dabei ließen sie noch einmal den Tag Revue passieren. Das gelungene Konzert, die vielen Hilfestellungen und so weiter, bis hin zu Fabio. Max und Friedemann hielten sich im Hintergrund.
Manchmal suchte Max Carstens Nähe, wurde von ihm gestreichelt und geknuddelt, danach verzog sie sich wieder in den Garten. Eltern und Großeltern, die sich um den ganze Background kümmerten. Selbst der Klavierbauer stand mit Rat und Tat zur Seite. Auch wenn es für die Jungs hin und wieder anstrengend wurde, sie hatten alle ihren Spaß dabei.
Bei Andreas angekommen, wünschten sie allen noch eine gute Nacht und verzogen sich schnell in ihr Zimmer. Diese Nacht wollten sie für sich da sein. Nonno und Nonna sahen ihnen verträumt lächelnd hinterher.

*-*-*

Vorbereitungen

Als Andreas aufwachte, war er allein im Bett. Er sah auf die Uhr, es war erst kurz nach sieben. Carsten und Max waren nicht mehr im Zimmer. Er beschloss, sich etwas anzuziehen und hinunter zu gehen. Als er die Bettdecke etwas aufschüttelte, sah er, dass das Bett neu bezogen werden musste. Also zog er schon einmal die Bettwäsche ab und legte sich neue bereit. Danach ging er in die Küche. Seine Großmutter war dabei das Frühstück vorzubereiten.

„Ciao Nonna. Wo ist Carsten?“
„Ciao Bambino. Er ist mit Nonno schon auf eine größere Gassirunde und bringt hoffentlich die Brötchen und das Brot vom Bäcker mit. Vermisst du ihn?“

„Ja, warum hat er mich schlafen lassen?“

„Andreas, ich weiß es nicht, er kam um halb sieben angezogen hinunter und wollte mit Max Gassi gehen. Er sah nachdenklich aus. Gabriele bot ihm an ihn zu begleiten, nicht dass er sich noch verlaufen würde. Carsten war froh, dass er mitgehen wollte.“

„Gut, wie kann ich dir helfen?“

„Indem du dich fertig machst. Carsten sagte gestern zu mir, dass heute die erste Probe für das Konzert mit dem Orchester ansteht. Nach dem Frühstück wollte er mit dir zur Scala, er sagte er mache das wie in London. Er probt und du bespaßt währenddessen seinen Hund.“

Oh, ich wollte eigentlich noch einmal zu Zio Jihan.“

„Das kannst du doch auch, Carsten sagte etwas davon, dass die Probe einige Stunden dauern würde. Jihan mag doch Hunde. Glaubst du nicht, dass Max sich irgendwann mal bei den Proben langweilen würde?“

„Schon…“

Nonna sah ihren Enkel erst verwundert an. Einige Sekunden später nahm ihr Gesicht einen ärgerlichen Ausdruck an. Sie richtete sich auf und stemmte ihre Hände in die Hüften.

„Andreas Zahradník, du bist mit Carsten eine Verantwortung eingegangen. Du wusstest von Anfang an, worauf du dich einlässt. Du hast in dieser Beziehung Rechte und Pflichten. Wenn mein Gabriele immer so pflegeleicht gewesen wäre wie dein Carsten, hätte ich einige graue Haare weniger. Er vertraut dir seine Hündin an, weil er sie bei dir sicher weiß und was machst du? Du machst Theater, weil du für ein paar Stunden einen Hund sitten sollst! Wenn du das nicht willst, dann sag es gleich beim Frühstück. Gabriele macht es nichts aus, seine Arbeit mit den Hunden zu teilen.“

Auf eine so frühe Ansprache war Andreas nicht vorbereitet. Er nickte nur und murmelte etwas von Duschen gehen. Seine Nonna sah ihm beim hinausgehen hinterher. Die Botschaft schien angekommen zu sein.
Das Wasser lief über Andreas Gesicht und mischte sich mit seinen Tränen. Er schämte sich für sein Verhalten. Seine Nonna hatte Recht, Carsten war wirklich pflegeleicht in ihrer Beziehung.
War offen für seine Aktivitäten und änderte auch schon mal seine Pläne, wenn er damit Andreas einen Gefallen tun konnte. Er selbst wirkte egoistisch. Es klopfte an der Badezimmertür. Andreas hörte, dass jemand das Bad betrat. Die sonore Stimme seines Nonno durchschnitt das Rauschen.

„Andreas, möchtest du nicht langsam zu uns runter kommen? Wir warten auf dich. Du musst doch schon ganz durchgeweicht sein…“

Andreas schob den Vorhang etwas beiseite und sah in das milde Gesicht seines Nonnos. Er nickte ihm stumm zu, ließ den Vorhang wieder fallen und spülte sich den letzten Schaum vom Körper. Dann drehte er das Wasser ab. Sein Nonno hielt ihm ein Badetuch hin.

„Komm Andreas, wir warten auf dich. Antonia sagte mir, was vorhin vorgefallen ist. Es wird Zeit, dass wir uns unterhalten. Aber nicht vor dem Frühstück. Nun beeil dich.“

Sie verließen gemeinsam das Bad. Andreas saß bald neben Carsten am Tisch. Dort wurde dann Carstens Tagesablauf noch einmal besprochen. Nonna und Nonno wollten sie gemeinsam zur Probe begleiten. Nonno wollte sich das einmal ansehen und Nonna ihre üblichen Besorgungen machen.
Andreas sagte, dass er sich gerne um Max kümmern würde, aber zu Jihan gehen wollte. So verabredeten sie, dass Nonno bei Carsten blieb und Andreas mit Max später einfach zurück fuhr.
Um den Garten könnte auch Karel sich kümmern, er wollte sich ja auch an den täglichen Aufgaben beteiligen und werkelte gemeinsam mit Gabriele schon einige Male im Gemüsegarten. Babi half schon oft in der Küche mit, sie hatte mit Nonna schon alles gut im Griff.
Nach dem Frühstück zogen sich Gabriele und Andreas zurück. Das Gespräch tat Andreas gut. Immerhin schien es auch in den vielen Ehejahren seiner Großeltern und Eltern Konflikte gegeben zu haben.
Einige Anekdoten daraus brachten Andreas sogar zum Lachen. Währenddessen half Carsten in der Küche und Max flüchtete in den Garten. Als alles erledigt war und sie sich zu einem letzten Cappuccino trafen, schrieben Nonna und Nonno Notizen für Děda, Babi und Carstens Eltern. Dann fuhren sie los.
Am Teatro stiegen Andreas, Nonno und Carsten mit Max aus. Nonna verabschiedete sich und wünschte ihnen einen gutes Gelingen. Carsten ging in die Hocke und knuddelte Max liebevoll. Dann gab er Andreas die Leine in die Hand.
Das Führgeschirr hatte er schon im Auto gelassen, Andreas reichte die Leine. Dann gab er Carsten einen sehr innigen Kuss, dass selbst Nonno etwas neidisch wurde. Ihre Wege trennten sich.
Carsten hängte sich bei Nonno ein. Sie gingen durch das Portal in das Teatro. Ein Bediensteter begleitet sie zu der Künstlergarderobe.

„Alle Achtung Carsten, ich dachte nicht, dass es hier so geräumig ist. Selbst ein Klavier haben sie hier drinnen stehen.“

„Das brauche ich, um mich vor dem Konzert warm zu spielen. Warst du noch nie hinter den Kulissen des Teatro?“

„Früher einmal, vor dem großen Umbau. Danach hatte ich immer gut im Restaurant zu tun. Es ergab sich einfach nicht mehr und in die Scala gehen wir auch heute noch ganz gern, wenn auch nicht mehr so oft. Aber es gefällt mir.“

„Wirklich? Ich habe mich auch ein wenig in die modernere Geschichte der Scala gelesen und in vielen Presseberichten hieß es, dass die Mailänder diesen Umbau nicht für gut befanden.“

„Das sind nur vereinzelte Stimmen Carsten, die Italiener und insbesondere die Mailänder lieben ihre Scala und sind stolz auf dieses Teatro. Und ich persönlich finde, dass die Akustik und der Klang nach dem Umbau besser geworden ist.“

„Also schön ist die Akustik ja, fast familiär. Nun, lass uns einmal auf die Bühne gehen. Nonno, kannst du mir nachher helfen meinen Laptop anzuschließen?“

„Sicher, wozu brauchst du den denn noch, du kannst das Konzert doch auswendig.“

„Im Grunde schon, doch es kommen immer kleine Spezifikationen des Orchesters dazu. Die notiere ich mir in meiner Partitur.“

„Machen das viele Pianisten?“

„Ich weiß nicht ob es viele machen, doch Herr Kramer hat es mir empfohlen. Es hat auch etwas für sich, so kann ich später auf diese Datei zugreifen und zum Beispiel verschiedene Orchester miteinander vergleichen oder meine eigene künstlerische Entwicklung verfolgen.“

Nonno schwieg. Gemeinsam gingen sie den Weg zur Bühne. Von den anderen Musikern war noch nichts zu sehen und die Bühne nur wenig ausgeleuchtet. Der Flügel stand bereit und Carsten setzte sich daran. Seinen Laptop stellte er auf dem Steg ab und Nonno fragte einen Techniker, wo er Strom dafür bekommen konnte. Dieser half ihnen, indem er auf eine im Bühnenboden versenkte Steckdose zeigte.
Somit war die Stromversorgung gesichert. Danach richtet sich Carsten am Instrument ein. Zuletzt begann er seine Etüden zu spielen. Nonno setzte sich auf eine der Musikerstühle und hörte Carsten zu. Allein waren sie nicht, Nonno hörte immer wieder einmal vereinzelte Stimmen im Hintergrund oder aus dem Saal.
Als erstes erschien der Dirigent auf der Bühne. Er begrüßte zuerst den älteren Mann und dann Carsten. In fließendem Englisch besprachen sie das Konzert. Nonno sah Carsten einige Notizen in seiner virtuellen Partitur machen. Dann spielte er etwas und der Dirigent notierte sich etwas.
Währenddessen füllte sich die Bühne mit jungen Musikern. Ganz diszipliniert gingen sie auf ihre Plätze und weil der Dirigent mit dem Pianisten arbeitete, waren sie auch leise. Erst als der Dirigent nickte und seine Unterlagen auf seinem Pult ablegte, wurde es etwas lauter.
Instrumente wurden gestimmt. Plötzlich wurde Nonno angesprochen, weil er auf einem der Musikerstühle saß. Er stand auf und ging zu Carsten hinüber. Der Dirigent gesellte sich zu ihnen und sprach mit Andreas’ Großvater.
Nonno und Carsten verließen die Bühne des Teatro. Hinter der Bühne wartete der Assistent auf sie. Er geleitete sie zur Künstlergarderobe. Carsten suchte die Toilette auf, Nonno stand etwas verloren herum.

„Signor Bondaz, während der Probe können sie nicht auf der Bühne bleiben.“

„Das habe ich auch nicht vor gehabt. Wenn sie erlauben, würde ich mir gern die Probe aus dem Publikumsraum anhören.“

„Ja, das ist möglich. Des Weiteren möchte die RAI ein Interview mit Signor von Feldbach machen. Die gaben mir drei mögliche Termine und fragen an, ob ein Dolmetscher gebraucht wird.“

„Ein Dolmetscher wird nicht benötigt, das wird mein Enkel übernehmen. Haben sie eine Kontaktadresse und die Termine?“

„Ja, bitte hier habe ich alles für sie notiert. Bitte antworten sie noch heute.“

„Nonno?“

„Einmal höre ich mir deine Probe vom Parkett aus an und dann möchte die Radiotelevisione Italiana ein Interview machen. Ich kümmere mich darum und mache einen Termin zusammen mit Andreas. Was meinst du morgen nach der Probe?“

„Das wäre ideal. Nur wollten Andreas und du nicht in der Küche etwas vorbereiten?“

„Nun Nonna soll dich wieder abholen, also nimmt sie Andreas für das Interview mit.“

Carsten nickte nur leicht, um zu signalisieren, dass er verstanden hat. Bald darauf kam der Dirigent und holte Carsten ab. Der Assistent und Nonno gingen hinunter ins Parkett. Nonno sah das noch mehrere Leute im Parkett saßen. Der Assistent machte sie alle miteinander bekannt. Unter anderem saßen dort der Intendant, Sir McCollins, der Cheftechniker und der Chef der Aufnahmeleitung. Auf einem kleinen Rolltisch standen Getränke für sie bereit.
Dann wurde es ruhig. Der Dirigent begrüßte die Musiker und stellte ihnen Carsten vor, anschließend den Ablauf der Probe.
Er gab ihnen auch eine Einführung in das Konzert samt Hintergründe zu den einzelnen Sätzen. Zum Abschluss stellte er die Frage, ob es noch Unklarheiten gäbe und sah sich um. Danach öffnete er auf seinem Pult die Partitur und wieder wurden Instrumente gestimmt.
Dieses Mal war es Carsten, der zum Stimmen den Ton vorgab. Nach wenigen Minuten ertönte nur noch dieser einzige, harmonisch gespielte Ton.
Der Dirigent winkte ab. Dann trat eine Stille ein, in der Nonno jede Stecknadel hätte auf den Boden fallen hören.
Einen Takt schlug der Dirigent leise hörbar vor, dann setzten Orchester und Klavier ein. Der Dirigent ließ die ersten Takte durchspielen, um dann abzuwinken, indem er mehrfach mit seinem Taktstock auf sein Pult schlug.
Er bat um Konzentration und fing noch einmal an. Beim zweiten Mal war der Anfang gut, daher ließ der Orchesterleiter durchspielen und besprach sich dann mit den Musikern. Selbst Carsten musste Fehler einräumen, spielte aber auch nach Aufforderung einige Passagen vor. Für den ersten Satz benötigten sie eine gute Stunde.
Dann war eine erste Pause. Nonno sah, dass sich Carsten noch ein paar Notizen machte, bevor er mit einem Oboisten die Bühne gemeinsam verließ. Im benachbarten Innenhof fand Nonno Carsten und den jungen Mann wieder. Er gesellte sich zu ihnen. Carsten stellte sie einander vor.

„Wie hat ihnen die Probe bisher gefallen Signor Bondaz?“

„Interessant. Ich sehe sonst ja nur die Aufführungen, nicht nur live sondern auch im Fernsehen und da sieht das immer so einfach aus. Seit ich Carsten kenne und weiß, wie oft er am Klavier sitzt und übt, dann diese Probe, da steckt sehr viel Arbeit drin.“

„Ja, einfach ist es oft nicht. Doch ich kann ihnen sagen Signor, nach der Aufführung, wenn der Applaus einsetzt, die Anerkennung durch das Publikum, lässt einen die ganze Arbeit vergessen. Ich freue mich oft zu sehen, dass ich die Menschen für die Zeit eines Konzertes aus dem Alltag entführe, ihre Sorgen vergessen mache.“

„Dem kann ich nur zustimmen. Ich sehe es zwar nicht, doch man hört es auch durch den Applaus.“

„Jungs, wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, macht ihr bis Mittag weiter. Dann eine große Mittagspause um den Nachmittag weiter zu proben?“

„Nein, nicht für mich Nonno. Ich probe nur das Konzert und darf dann gehen. Das Orchester probt danach an dem restlichen Programm weiter. Du möchtest gehen?“

„Wärst du mir böse?“

„Nein, nur müsste mich jemand heute nach der Probe abholen kommen.“

„Ich sage Jihan Bescheid. Er holt dich dann ab.“

Carsten grinste. Doch bevor sie auseinander gingen, kam Mr. McCollins auf die Gruppe zu und begrüßte sie. Mit den Musikern sprach er über die Probe und dass er bisher ganz zufrieden ist mit dem, was er gehört hatte.
Er hatte genug gesehen, vor allem war er mit der musikalischen Leitung seines Assistenten zufrieden. Dann wurde das Gespräch etwas persönlicher.

„Carsten ich habe für das Konzert noch zehn Karten. Du kannst sie haben.“

„Danke, Sir Simon. Nonno, würdest du bitte vier Karten für unsere Freunde zurücklegen, die restlichen, teile bitte zwischen Zio Jihan und Signor Pittore auf. Du kennst ihre Verhältnisse besser als ich.“

„Gerne Carsten. Sowohl Giacomo als auch Jihan freuen sich dabei sein zu können. Dann habe ich immer noch zwei Karten.“

„Brauchst du denn keine Karten für deine Familie Carsten?“

„Nein Mr. McCollins. Andreas, mein Enkel, erzählte mir, dass sein Freund in der Scala spielt, da habe ich mich darum gekümmert. Wir sind alle versorgt.“

„Nun wenn ich fragen darf, mein Vater und mein Bruder würden gerne dabei sein… leider waren sie nicht schnell genug.“

„Damit wären alle Karten weg Carsten. So ich mache mich einmal los, war schön bei einer deiner Proben dabei zu sein.“

„Ciao Nonno. So wir sollten uns auch wieder einfinden.“

„Sag einmal Carsten, diese kleine Abweichung im ersten Drittel des ersten Satzes, war das deine Idee?“

„Ja und nein. Ich schlug vor, das Orchester spielt statt des vorgesehen piano im pianissimo. Der Dirigent wollte es im piano belassen, aber più lento gespielt. Wir haben abgesprochen, dass wir das einfach mal ausprobieren. Das war nun das Ergebnis.“

„Jedenfalls klingt es gut. Vor allem, weil der Dirigent sehr viel Wert auf den Sound legt, als auf das Volumen.“

„Liegt das nicht auf der Hand? Das Orchester ist gut, teilweise auch doppelt besetzt. Volumen habt ihr doch, damit könntet ihr ohne Probleme das Klavier überstimmen. Das wäre aber nicht im Sinne Beethovens. Obwohl er nicht mehr viel hörte, seine Partitur spricht Bände. Das ist keines seiner überaus pompösen Werke, wie es oft dargestellt wird, es lebt von den vielen Feinheiten.“

Der junge Oboist und Carsten gingen zurück. Bei dieser Probe lernte Carsten, dass es auch anders zugehen kann. Dirigent und Musiker diskutierten öfters über bestimmte Passagen. Es war eine lockere Atmosphäre, wo auch der Humor nicht zu kurz kam. Gegen Mittag hin stand dann das Konzert, so dass sie es am Folgetag durchspielen konnten. Jihan wartete bereits vor dem Teatro auf Carsten und nahm ihn in Empfang.

„Salam Carsten. Wie geht es dir?“

„Salam Zio Jihan, mir geht es gut. Du kannst mir sicher helfen. Ich suche noch etwas für Andreas. Etwas als Zeichen unserer Freundschaft.“

„Ringe, Carsten. Komm fahren wir. Ich zeige dir welche, die dir gefallen werden.“

„Ich begebe mich in deine Hände. Was wollte Andreas von dir, es war ihm heute Morgen so wichtig.“

„Er wollte Rezepte haben über arabische Spezialitäten. Bemerkenswert finde ich, er hat ein Händchen für die feine Küche. Er könnte Profikoch werden.“

„Setz ihm nicht noch Flausen in den Kopf. Er möchte Landschaftsarchitekt werden.“

„Will ich auch nicht. Es ist ein guter Beruf den er wählte. Seine Talente, die Musik, die Sprachen, sein feines Gespür für die schönen Dinge und die feine Küche ergänzen diese Wahl. Ich unterstütze ihn da, wo ich kann. So aussteigen, wir sind bei mir. Ich zeige dir etwas.“

Eine Stunde später setzte er Carsten vor dem Restaurant ab und sie verabschiedeten sich. Anstelle zu klingeln, ging er ins Restaurant und wurde von Andreas’ Zia begrüsst, welche ihn auch zum Garten begleitet. Im Garten wuselten erst einmal die Hunde um ihn herum. Dann hörte er auch schon Nonno, der ihn zu sich rief.

„Ciao Carsten, Andreas ist noch mit Nonna unterwegs.“

„Ciao Nonno.“

Carsten tastete sich zur Sitzgruppe, wo ein Großteil der Familie bei Kaffee und Tee saß. Er gesellte sich zu ihnen und bekam nach Wunsch ein Glas Wasser.

„Nonna wollte noch Besorgungen machen und nahm Bambino auf meinen Wunsch als Träger mit. Also für morgen ist alles vorbereitet. Meine Frau wird sich um Marco und Chris kümmern. Mein Bekannter hat auch schon zugesagt, dass Marco seine Küche im Eiscafé benutzen darf. Nur sie müssen sich ab dann etwas allein beschäftigen.“

„Einem Italiener in Milano wird sicher nicht langweilig. Ein paar Stunden werden sie wohl mit der Überraschung beschäftigt sein.“

„Wir holen gegen Mittag Britta und Ralph ab. Wie abgesprochen kümmern wir uns um sie.“

„Danke Mama. Was ist mit Andreas? Ich könnte ihn mit zur Probe nehmen, damit wäre er den Vormittag beschäftigt?“

„Nein Carsten. Andreas weiß ja, das wir eine Party vorbereiten und traditionell bereiten wir das Essen vor. Das wird den ganzen Tag einnehmen. Alessandro, Ercan und deine Schwester werden mit Veronika und Karel die Dekoration des Restaurants übernehmen.“

„Wird ihn das nicht alles misstrauisch machen?“

„Sicher nicht, er ist auch Italiener und weiß, dass solche Anlässe entsprechend gefeiert werden. Das Restaurant ist geschlossen, also haben wir auch genügend Platz. Dann bereiten wir uns auf dein Konzert vor. Damit sind wir für weitere vier Stunden aus dem Haus. In dieser Zeit wird im Garten alles weitere vorbereitet. Meine Schwiegertochter und mein Sohn kümmern sich darum, dass die Musikanlage, Tanzfläche, Tische und Stühle aufgestellt werden, arrangieren das Buffet und so weiter. Davon weiß er allerdings nichts.“

„Klingt alles perfekt organisiert. Was, wenn wir wiederkommen?“

„Junge, im Theater werdet ihr schon auf eure Freunde treffen. Mama und ich haben vereinbart, dass ihr alle dann mit unserem Auto zurückfahren werdet. Gabriele sagte deine Garderobe dort ist groß. Wir werden für euch beide Kleidung zum Wechseln mitnehmen. Damit ihr euch frischmachen und umziehen könnt.“

„Andreas’ Großvater hat mir eine Route ausgesucht, die etwas länger dauert und mir einen Punkt genannt, wo ich dich und Andreas für eine Gassirunde aussteigen lassen kann.“

„Andreas kennt den Weg, ein paar Feld- und Wiesenwege. Ihr benötigt ungefähr zwanzig Minuten.“

„Das ist wirklich gut. Wie geht es dann weiter?“

„Ihr werdet vorn von der Straße aus kommen. Spätestens da wird er schon merken, dass es größer wird als er sich das dachte. Dann feiern wir.“

„Gut, aber ich habe noch eine Frage an euch alle, wie reagieren die Gäste darauf, dass wir schwul und ein Paar sind?“

„Das Carsten, haben wir im Vorfeld schon erkundet. Die geladenen Gäste sind informiert und akzeptieren das. Wenn es dennoch zu Problemen kommen sollte, die Familien stehen zu euch. Mach dir darum keine Gedanken.“

Nonna fuhr langsam den Weg zum Haus hinauf. Sie parkte das Auto auf seinem Platz und entließ Andreas aus ihrem Dienst. Dass Gabriele sie darum gebeten hatte mit Andreas wegzufahren, hatte sie ihm verschwiegen.

„Ciao.“

„Ciao Bambino.“

„Ciao Schatz, alles bekommen?“

„Nein Tiger.“

Dann setzte er sich zu Carsten und gab ihm einen sehr verliebten Kuss.

„Jetzt habe ich alles.“

„Schön, wie war es mit Max. Sie wirkt sehr locker.“

„Dein Mädchen hat auf dem Weg vom Teatro zu Zio Jihan keinen einzigen Brunnen oder Fontäne ausgelassen. Je größer umso besser und wenn es nur ein kleines plätscherndes Rinnsal war, musste zumindest die Zunge rein. Ich habe aber extra einen Weg mit vielen Wasserspielen gewählt, es war ja schon recht warm.“

Das Gelächter am Tisch war kaum zu überhören. Als Max erschien, sah sie alle mit ihren großen unschuldigen Augen an. Bei Nonno blieb sie einen Moment stehen und der gestandene Mann strich ihr sanft über den Kopf.
Andreas bediente sich bei dem Wein auf dem Tisch. Dann berichtete er weiter von seinem Tag. Gabriele und Antonia sahen ihm zu und es gab keinen einzigen Augenblick, wo Carsten ihm dabei nicht genau zuhörte.
Es interessierte ihn bis ins kleinste Detail, was Andreas erlebte. Die Zeit verstrich. Plötzlich fragte Ercan an, wann es etwas zu essen gibt und mit einem Mal war es wieder ruhig am Tisch. Die Erwachsenen sahen sich an, daran hatten sie nicht mehr gedacht. Dann räusperte sich Andreas.

„Jemand Lust auf Pizza?“

Alessandros und Ercans Arme schnellten in die Höhe. Dann grinsten Nonno und Andreas sich an.

„Gut, beschlossene Sache. Pizza. Wenn es nicht allzu lange dauern soll, helfen am besten alle mit.“

Darauf hin wurde es unruhig im Garten. Luise und Paul erklärten sich bereit, sich um das Hundefutter zu kümmern. Karel ging in den Garten und holte einige Zutaten für einen Salat. Andreas und Nonno verschwanden in der Küche des Restaurants.
Die Großmütter machten den Salat und eine kleine Überraschung zum Dessert. Andrea, Ercan und Alessandro deckten den Tisch.
Nonno und Andreas gingen direkt zum Platz, wo die Pizza zubereitet wird, dort waren sie auch dem Betrieb des Restaurants nicht im Wege. Dann wurden ihnen zwei Schürzen gereicht.
Die angestellten Köche sahen ihnen zu und staunten nicht schlecht, wie die beiden Pizzabäcker im Team arbeiten. Selbst einige Showeinlagen fehlten nicht, wenn Andreas und Gabriele den Teig durch die Luft wirbelten.
Es dauerte keine Viertelstunde und vor ihnen lagen elf Pizzen, fertig belegt und warteten in den Ofen geschoben zu werden. Das übernahm dann Nonno, während Andreas frischen Teig für das Restaurant zubereitet. Nonno half ihm dann noch beim Portionieren, sie räumten gemeinsam auf und als ihre Ecke wieder sauber war, waren auch die Pizzen fertig.
Einige Gäste sahen sich um, als sechs Personen hintereinander aus der Küche kamen und durch das Lokal in den Garten gingen.
Als jeder seine Pizza hatte, mussten Ercan und Alessandro lachen, Nonno hatte ihre Pizza mit Clownsgesichtern aus den Zutaten belegt. Ganz nach seiner Philosophie, das Auge isst mit und Essen soll Spaß machen. Dazu gab es typischen italienischen Salat. Es gab Limo für Ercan und Alessandro und einen guten Landwein für die anderen.
Ein kleiner Eisbecher für jeden, nach einem tschechischen Rezept, rundete das Abendessen ab.
Andreas, Carsten und Nonno unterhielten sich über die Probe und wie sie den folgenden Tag organisieren.
„Nein, Carsten. Nonno hat vollkommen Recht, ich helfe in der Küche und bereite die Party mit vor. Ich möchte auch mal etwas Neues an Rezepten ausprobieren und dazu brauche ich Zeit. Nonna bringt dich zur Scala und holt dich wieder ab. Ruf mich einfach auf dem Handy an.“

„Ok, wie geplant beginnt die Probe um 9:30 Uhr und für das Klavierkonzert haben wir eine Stunde angesetzt. Anschließend das Interview.“

„Kennst du schon das ganze Programm des Abends?“

„Es beginnt mit der Ouvertüre Le Villi von Giacomo Puccini, dann das 5. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Pause, die Suite Aus Holbergs Zeit von Edvard Grieg und zuletzt ein Potpourri von Giuseppe Verdi.“

Nonno sagte nichts weiter dazu, doch Carsten spürte, dass Andreas’ Großvater noch etwas auf dem Herzen hatte. Daher bat er Andreas, für ihn noch ein Glas Wein zu holen. Andreas stand auf und ging in die Küche. Er selbst sah es seinem Nonno an, das er für ein Augenblick allein mit seinem Freund sein wollte. Als er nach wenigen Minuten mit der Karaffe zurückkam, wirkten die beiden locker und wieder gelöst.
Sie ließen den Abend locker und entspannt ausklingen. Als Andreas später aus dem Bad kam, hörte er Carsten leise schnarchen. Es sah seinen Freund mit einem milden Lächeln an, löschte das Licht und kuschelte sich an. Carsten drehte sich noch zu ihm um und das Schnarchen verstummte.

*-*-*

Emperor

Nonna wollte die Jungs wecken, da kam ihr Max entgegen und aus dem Bad drang Wasserrauschen und die Stimmen von Andreas und Carsten. Also ging sie wieder in die Küche und bereitete zusammen mit Nonno das Frühstück vor.
Als Carsten und Andreas die Küche betraten, war schon einiges los. Andreas’ Großeltern waren alle schon auf und Andrea bereitete schon das Hundefutter vor. Beim Frühstück einigten sie sich auf die Aufgabenverteilung. Da Andreas und Nonno viel in der Küche zu tun hatten, erklärte sich Andrea bereit, auf Alessandro, Ercan und Leon aufzupassen. Max würde mit Carsten zur Generalprobe fahren und wie abgesprochen von Nonna wieder abgeholt werden.

*-*-*

Carsten saß in der Garderobe und spielte sich an dem Klavier warm. Der Dirigent ließ zuerst die Ouvertüre spielen. Ein Assistent versorgte Carsten mit Kaffee und für Max stand ein Napf mit Wasser bereit.
Neben den Etüden, dem Konzert, spielte er auch die abgesprochenen Zugaben. Nonno hatte ihn gebeten, das Kinderlied nicht zu spielen. Ein Wunsch den Carsten respektierte. Er konzentrierte sich auf die regulären Stücke. Als er sich sicher war, spielte er nur für sich das Kinderlied und träumte.
Er und Andreas kannten sich nun fast ein Jahr. Wie damals fühlte er die Kraft, die von Andreas ausging und er war froh, ihn getroffen zu haben. Sicher es gab in den letzten Monaten auch mal Streit zwischen ihnen.
Wenn ihre unterschiedlichen Meinungen aneinander prasselten, konnten sie wirklich äußerst stur sein. Aber so etwas verflog auch wieder und die Versöhnung war immer ein Erlebnis für sich. Auch konnten sie sich immer beide noch gut überraschen.
Carsten dachte an ein bestimmtes Winterwochenende, wo Andreas für sie im Internat ein fünf Gänge Candlelightdinner zubereitete und ihn damit überraschte. Selbst Daniel der Koch fragte seinen Freund hin und wieder nach neuen Rezepten oder kniffen beim Kochen.
Dann war Andreas oft genug seine erste Adresse, mit der er Schwierigkeiten und Probleme erörterte und meistens fanden sie auch eine Lösung. Max mochte Andreas. Das stand außer Frage. Sie respektierte ihn und das war für Carsten wichtig.
So konnte er das Sekretariat für das Hundesitten entlasten. Dann gab es etwas, was sie sich gegenseitig gönnten: Massagen. Andreas war ein Meister darin. Nein Andreas tat ihm wirklich gut und er fühlte sich in seiner Nähe wohl…
Seine Gedanken wurden durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Der Dirigent holte Carsten ab. Sie gingen nebeneinander den Weg ab. Max trottete hinter Carsten her und auf der Bühne legte sie sich unter den Flügel.
Alle waren konzentriert bei der Sache. Nach dem er sein Konzert beendet hatte, ging er in die Garderobe, wählte Andreas Nummer.

„Hallo Schatz, nein ich bin fertig, die Probe war gut. Wie lange benötigt ihr?“

„Ok, ich warte im Theatercafé auf euch. Bis dann. Kussi.“

Nonna und Andreas benötigten keine halbe Stunde. Sie holten Carsten und Max im Café ab und Andreas ging mit ihm zum Studio der RAI für das Interview, während Nonna mit Max eine Runde drehte. Nach weiteren dreißig Minuten war auch das erledigt und die vier fuhren zügig nach Hause.

*-*-*

Die Maskenbildnerin hatte Carsten vor wenigen Minuten verlassen. Carsten spielte noch ein wenig und Andreas hörte ihm zu, Max lag zu seinen Füssen und blinzelte ihr Herrchen an. Bis zum Konzert hatten sie noch Zeit. Andreas sah Carsten zu, wie er den Tastaturdeckel schloss.

„Fertig?“

„Ja, mehr kann ich nun nicht mehr tun. Andreas, wenn du magst, könnt ihr beiden schon auf eure Plätze gehen. Ich nehme an die Anderen treffen auch bald ein. Der Dirigent holt mich hier ab. Steht noch etwas Fruchtsaft bereit?“

„Ja auf dem Tisch eine Karaffe und daneben Gläser.“

Andreas stand auf, ging auf Carsten zu. Er gab ihm sein Jacket, half ihm dieses anzuziehen und wischte liebevoll ein paar unsichtbare Fusseln von seiner Schulter. Dann gab er ihm einen Kuss und wünschte ihm Hals- und Beinbruch. Max stand auf und ließ sich von Carsten noch einmal ihr Fell durchwuseln.

„Nun, dann machen wir uns auf. Komm Max!“

Dann gingen sie. Max war zwar angeleint, doch hing die Leine den ganzen Weg durch. An ihrer Loge hielt ein Page für sie die Tür auf.
Noch waren sie allein. Andreas sah, dass alles so vorbereitet war, wie er es mit dem Verantwortlichen abgesprochen hatte, dann leinte er Max ab. Die Hündin sah sich um und machte es sich dann in einer Ecke bequem. Einige Augenblicke später betraten Paul und Luise die Loge.
Paul zog seine Augenbrauen bewundernd hoch, als er Andreas in seinem Konzertoutfit sah und nickte ihm zu. Luise machte einen Schritt auf Andreas zu, sah an ihm hinunter. Ganz unerwartet sagte sie ihm, dass seine Fliege etwas schief saß.
Sie wollte diesen kleinen Fauxpas korrigieren, doch Paul trat zwischen sie und sanft schob er seine Frau in Richtung ihrer Plätze. Er zwinkerte Andreas wissend zu. Dann öffnete sich die Tür ein weiteres Mal.
Nonna und Nonno betraten die Loge. Beide blieben in einigen Abstand stehen und sahen sich ihren Enkel an. Auf Nonnos Gesicht sah Andreas Bewunderung und Stolz. Nonna musterte Andreas genauer und dann sagte sie ihrem Enkel auf Italienisch, dass sein Binder schief saß und hob schon ihre Arme.
Doch bevor sie handelte, lenkte ihr Mann sie ab, indem er nach ihren Plätzen fragte. Andreas schüttelte nur den Kopf. Babi und Děda waren die Letzten, welche die Loge betraten. Andreas’ Großmutter sprach in Tschechisch auf ihren Mann ein.
Andreas grinste, als er verstand worum es ging. Sein Großvater unterbrach sie höflich. Sie sahen Andreas sehr erstaunt an, denn bis auf Luise kannte keiner die Konzertkleidung der Jungs.
Dann folgten einige bewundernde Worte. Ein déjà vu überkam Andreas, als Babi ihn darauf hinwies, dass sein Halsschmuck etwas schief war und einen Schritt auf ihn zu machte. Andreas lächelte und wechselte einen schnellen Blick mit seinem Großvater.
Wissend was sein Enkel meinte, wechselte er das Thema und unterbrach das Vorhaben seiner Frau, etwas an Andreas zu richten. Denn irgendwie passte das ganze Outfit von Andreas. Es war nicht ganz symmetrisch geschnitten.
Nachdem sich Babi auf ihren Platz gesetzt hatte, sah Děda sich noch einmal um. Die Blicke der Männer trafen sich und allen huschte ein verlegenes, wissendes Lächeln ins Gesicht. Andreas schüttelte seinen Kopf unmerklich.
Auch alle anderen Besucher des Teatro nahmen ihre Plätze ein. Andreas sah sich um. Einige Personen erkannte er aus der Presse: Politiker, lokale Berühmtheiten und so weiter.
Dann ertönte ein sanfter Gong und über der Bühne erschien ein Hinweis, das Mobiltelefone ausgeschaltet sein müssen und das jegliche Art von Ton und Bildaufnahmen nicht erlaubt sind. Die Lichter im Saal wurden gedimmt. Die Musiker kamen aus zwei Türen auf die Bühne und erster Beifall setzte ein. Als sie ihre Plätze eingenommen hatten, stand der erste Violinist auf und gab dann dem Orchester den Ton vor.
Dann wurde es wieder still. Wenige Augenblicke später betrat der Dirigent die Bühne, es wurde laut durch den einsetzenden Applaus. Es folgten die obligatorischen Gesten.
Sobald er sein Podest betrat, wurde es ruhig. Das Licht im Teatro wurde noch weiter gedimmt. Die Ouvertüre von Puccini Le Villi begann.
Andreas war überrascht, wie sanft das Programm begann. Seine Gedanken wurden durch den einsetzenden Applaus unterbrochen. Dann verließ der Dirigent die Bühne, um sie kurz darauf wieder mit Carsten zu betreten.
Diesmal war der Applaus schon lauter. Scheinbar war sein Freund kein Unbekannter mehr. Andreas hörte Paul leise durch die Zähne pfeifen und sah sich um. Paul beugte sich vor und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Andreas lächelte daraufhin.
Das Licht wurde weniger und tauchte den Saal langsam ganz ins Dunkel. Was die Bühne und die Dekoration weiten in den Mittelpunkt rückte. Obwohl Andreas das Arrangement der Bühne kannte, wirkte sie nun durch diesen Effekt noch etwas sanfter, unterstrich das ganze Ensemble und Carsten.
Dieser saß schon am Flügel schraubte noch an der Höhe seiner Klavierbank. Der Dirigent und das Orchester warteten. Carsten nickte nur leicht, kaum merkbar, doch Andreas sah es. Es wurde sehr still im berühmten Opernhaus von Mailand.
Das Orchester und Carsten setzten mit dem Allegro des fünften Klavierkonzerts in Es Dur von Ludwig van Beethoven zum ersten großen Stück des Abends ein.
Andreas hörte weniger zu und ließ seinen Gedanken freien Lauf.
Er und Carsten kannten sich nun fast ein Jahr. Wie damals fühlte er die Kraft, welche von Carsten ausging und er war froh, gerade ihm begegnet zu sein. Sicher es gab in den Monaten auch Streit zwischen ihnen.
Wenn ihre unterschiedlichen Meinungen aneinander prasselten, konnten sie beide wirklich äußerst stur sein. Aber so etwas verflog auch wieder und die Versöhnung war immer ein Erlebnis für sich.
Auch konnten sie sich immer beide noch gut überraschen. Andreas dachte an ein bestimmtes Wochenende, wo Carsten ihn in ein sehr exklusives Restaurant zu einem Candlelightdinner einlud.
Oder die Sache mit dem Tanzunterricht. Carsten meinte, für ein schwules Paar gehört es auch, gemeinsam tanzen zu können. Carsten ließ sich hervorragend führen, seine Bewegungen waren geschmeidig.
Gab es Schwierigkeiten, war Carsten oft genug die erste Adresse mit der er das Problem erörterte. Aber es war nicht nur nehmen. Manchmal kuschelte sich Carsten ganz dicht an ihn und er spürte, wie verletzlich sein Freund war.
Dann war er es, der dem starken Jungen Halt gab. Andreas bereute keine Minute mit ihm. Mit Carsten lernte er auch die Brailleschrift. Oft berührten sich da wie zufällig ihre Hände und noch immer durchfuhr ihn ein wohliger Schauer wie ein elektrischer Impuls.
Wenn sie sich im Internat an ihren Schreibtischen gegenüber saßen, ertappte er sich dabei, Carsten einfach nur anzusehen. Sein leicht rötlich, blondes Haar, was im Sonnenlicht leicht golden glänzte faszinierte ihn noch immer.
Es fühlte sich kräftig an. Sein leicht gebräunter Teint und die paar vorwitzigen Sommersprossen auf seiner Nase. Wenn Carsten lächelte, bildeten sich die kleinen Grübchen. Wenn er las, zog er manchmal seine Augenbrauen etwas in die Höhe.
Seine Mimik war lebhaft und Gesten unterstrichen seine gesprochene Worte. Selbst Andrea konnte ihm nicht sagen, woher er das hatte. Doch ihre Gesten glichen sich. Bei ihm schien Carsten auch lockerer zu sein.
Wenn Carsten mit ihm sprach, waren seine Augen auf ihn gerichtet. Das machte sein Freund nur bei den Menschen, die er sehr gut kannte, die keine Scheu hatten, auch in seine Augen zu sehen.
Seine Augen sehen nichts, doch er – Andreas – sah in ihnen bis tief in Carstens Seele. Sah oft, was Carsten beschäftigte und wenn er ihn darauf ansprach, wunderte sich sein Freund auch nicht mehr, woher Andreas das wusste.
Das konnte Carsten aber auch, ihn damit überraschen, womit sich sein Geist beschäftigte. Es kam auch vor, dass sie lange diskutierten aber zu keinem Ergebnis kamen. Dann mischte auf einmal Max mit und wollte raus.
Sie wusste immer, wie sie die Jungs auf ganz andere Gedanken bringt. Andreas grinste. Auch wenn es bedeutet, dass sie mit den Beiden inmitten in einem Sturm, bei strömenden Regen raus wollte.
Carsten sagte dann oft, dass er ruhig sitzen bleiben könne. Immerhin ist Max ja sein Hund und er war nun einmal für sie verantwortlich. Dann antwortete er ihm, dass sie eben eine Zimmergemeinschaft bildeten und jeder für jeden Verantwortung trug, zog sich seine Jacke an und ging mit.
Es war nie ein Fehler mitzugehen, auch wenn selbst die beste Regenkleidung nicht lange half und sie alle bis auf die Haut nass waren. Max machte es sich da nach der Runde einfach. Erst ordentlich schütteln und dann mit einem Handtuch abgerubbelt werden.
Die Jungs nahmen anschließend eine richtig heiße Dusche, machten sich heiße Schokolade und dann sah man viele Dinge plötzlich von einer ganz anderen Seite. Das Team ergänzte sich wirklich perfekt.
Sein Freund machte auch beim Fitness keine schlechte Figur. Wenn er in den Kraftraum ging, saß er meist auf dem Ruderergometer. Das war eine Idee von Chris. Sie war der Ansicht, dass genau die richtigen Muskeln und Reflexe trainiert wurden.
Hin und wieder gingen sie dann im Doppelzweier auf den See. Das konnte sich durchaus sehen lassen. Carsten saß dann mit dem Rücken zu Chris und sie korrigierte ihn. Es machte sich bemerkbar, seine Schultern, Brust, seine Pobacken und Oberschenkel wirkten muskulöser. Selbst sein Schwimmtrainer bemerkte es, Carstens Zeiten wurden besser. Nur sein Klavierlehrer meinte, dass seine Hände und Finger leiden würden.
Doch spätestens beim Konzert in London wischte Carsten dessen Bedenken von der Tastatur. Ganz im Gegenteil, seine Finger wirkten sogar geschmeidiger. Sein Anschlag um Nuancen besser. So wie nun bei dem fünften Klavierkonzert vom Beethoven.
Andreas wandte sich wieder dem Geschehen in der Scala zu. Carstens Wahl des Flügels war genau richtig. Für dieses Orchester. Für diese Konzert. Für diesen Ort. Die Akustik im Teatro hatte sein Freund sehr gut analysiert.
Das machten jetzt auch die zarten Töne der zwei Fagotte am Ende des zweiten Satz, das Adagio un pocco mosso sehr deutlich, an dem sich der dritte und letzte Satz, das Rondo Allegro ohne Pause anschloss. Diesen Übergang mochte Andreas.
Er hat es selbst ein paarmal probiert, die Akkorde waren nicht das Problem. Ihm fehlte das gewisse Feeling dafür. Bei Carsten hörte es sich immer so einfach an. So wie nun. Das Spiel zwischen dem Orchester und dem Klavier zog alle Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich. Kein Geräusch störte die zarten Töne die vom Flügel ausgingen.
Ein leichtes Zögern von Carsten auf den Tasten steigerte die Spannung förmlich und zog alle in seinen Bann. Die Töne klangen leiser, zarter. Carstens Hände schienen förmlich über den Tasten zu schweben. Er streichelte diese förmlich beim Hinunterdrücken.
Carsten hatte seine Augen geschlossen, wirkte wie in Trance. Keine Show. Das war durch und durch ein hochkonzentrierter Pianist ohne Starallüren. Andreas fühlte, wie nah ihm sein Freund auf einmal war. Seine Mundwinkel hoben sich leicht. Im gleichen Augenblick bildeten sich auf Carstens Gesicht feine Grübchen.
Mit einem donnernden Fortissimo entlud sich die Spannung im folgenden Akkord. Andreas bekam jedes mal eine Gänsehaut und ein wohliger Schauer lief ihm über den Rücken. Was Carsten wohl dabei fühlte? Das wollte er ihn schon so oft fragen.
Doch nun war nicht der Zeitpunkt dafür: Der Schlussakkord ertönte. Dieser klang im Teatro nach und für einen Augenblick war es absolut still, bevor tosender Applaus einsetzte. So hatte Andreas das Publikum im Teatro schon lange nicht mehr erlebt.
Da capo! und Bravo! Rufe wurden laut. Carsten stand auf, wandte sich dem Publikum zu und verbeugte sich. Andreas nahm an, dass kaum einer sah, dass Carsten blind war. Carsten drehte sich zum Orchester um und verbeugte sich auch vor ihnen.
Was ihm dann auch das typische Klopfen mit dem Geigenbogen auf den Notenpulten einbrachte. Der Dirigent ging zu Carsten und gemeinsam verließen sie den Ort. Im Backstage bekamen sie beide ein Glas Wasser gereicht und Tücher um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Noch immer drang das Da capo! und Bravo! durch die Scala. Also einigten sich die beiden darauf, den zweiten und dritten Satz noch einmal zu wiederholen. Es dauerte etwas bis sich alle wieder beruhigten.
Dann kamen sie beide wieder. Carsten nickte noch einmal zum Publikum. Er setzte sich an den Flügel, während der Dirigent dem Orchester ein Zeichen gab, was gespielt werden würde. Wieder nickte Carsten dem Dirigenten zu und vom Klavierkonzert ertönte der zweite und dritte Satz unter dem Beifall der Zuhörer.
Anschließend folgte eine weitere, reguläre Zugabe. Frédéric Chopin’s Variationen des Mozarts Thema Là ci darem la mano erfüllten das Teatro. Andreas kannte wirklich viel von Carstens Repertoire, aber Chopin war keiner seiner Favoriten.
Es sah auch nicht sehr leicht aus, was da auf der Bühne von ihm geboten wurde. Nein, diese Zugabe war eine Art Auszeichnung. Das Publikum war in seinem Bann. Anschließend belohnten sie den Pianisten mit weiterem anhaltenden Applaus.
Nachdem der Beifall abklang, drehte der Dirigent sich dem Publikum zu und was dann kam, haute selbst Andreas vom Hocker.
Die Künstler hatten beschlossen auf ihre Gage zu verzichten und spendeten diese für ein Hilfsprojekt, das den Kriegskindern im Nahen Osten zugutekommen sollte. Neben wichtigen Medikamenten und Lebensmitteln, sollte es auch für Teddys, Spielzeug und Lernmittel verwendet werden.
Wer von den Anwesenden ebenfalls etwas spenden möchte, so der Appell, im Foyer waren dazu entsprechende Informationsständer aufgestellt. Dieser Vorschlag wurde durch Beifall angenommen.
Die Stimmung im Teatro war heiter, daher nahm sich Carsten Zeit für eine weitere Zugabe. Von Beethoven ertönte das Rondo alla ingharese quasi un capriccio, was unter der populären Bezeichnung Die Wut über den verlorenen Groschen seine zweite Zugabe war. Das brachte dann das Publikum zum Lachen. Selbst in der Loge. Ob da Carsten im Sinn hatte, für ihre Aktion zu werben?
Nach der Zugabe verbeugte sich Carsten. Ein Junge kam auf die Bühne und überreichte ihm ein kleines Präsent und einen großen Blumenstrauß. Gemeinsam mit dem Dirigent und den Musikern verließen sie die Bühne.
Im Teatro flammte das Licht wieder auf, die Türen wurden geöffnet: Konzertpause. Frische kühle Luft wehte durch die Loge.

„Nonno, ich gehe nun zu Carsten, bitte bring unsere Gäste in den Saal auf dieser Etage. Dort ist ein Empfang für uns alle vorbereitet.“

„Mache ich gerne. Braucht ihr lange?“

„Ich weiß es nicht.“

Andreas und Max verließen die Loge als letztes. Sie wurden schon von Carsten in der Garderobe erwartet. Er kam gerade aus dem kleinen Bad, wo er sich etwas frisch gemacht hatte. Andreas ging auf ihn zu und küsste ihn. Der Strauß Blumen stand in einer großen Vase auf dem Tisch. Die Farben gefielen ihm.

„Schatz, ich denke die Anderen warten auf uns, da müssen wir nun noch durch.“

„Fahren wir nach der Pause zurück?“

„Nein, Luise wollte sich auch den zweiten Teil anhören also bleiben wir auch. Komm gehen wir.“

„Schatz, verzichtest du auch auf deine Bezahlung?“

„Selbstverständlich. Die Kinder kämpfen dort um ihr nacktes Überleben. Ich bin in Sicherheit. Sprich mal mit deinem Onkel Jihan, er ist in diesem Projekt involviert.“

Damit beließ es Carsten. Max hatte ihr Geschirr an und führte nun Carsten. Andreas ging vorweg und Max folgte ihm. Andreas sah, dass vor der Tür zu dem kleinen Foyer auf der Etage ein Ständer stand mit dem Hinweis, dass es sich dabei um eine geschlossene Gesellschaft handelte.
Ein davor stehender Page öffnete ihnen die Tür. Andreas sah, dass es doch einige Gäste mehr waren, als er es dachte. Davon sahen einige wohl irgendwie wichtig aus, niemand mit dem er große Lust hätte, eine Konversation zu führen.
Er wollte sich einfach dazwischen mischen, doch das war ein Irrtum. Von irgendwo her begann es zu klatschen, als sie zur Tür hineinkamen und das zog die Anderen mit. Herr Kramer sah er sofort, er stand zusammen in einer Gruppe mit Signor Pittore, Sir McCollins und dem Dirigenten.
Andrea, Paul und Luise standen etwas abseits. Nach wenigen Augenblicken beruhigte es sich wieder und ihnen wurde ein Glas Champagner gereicht. Carsten ließ das Geschirr einfach los und Max suchte sich freiwillig eine etwas ruhigere Ecke.

„Alter Schwede, ihr seht aber umwerfend aus.“

Andreas drehte sich zu der Sprecherin um und sah die Gesichter ihrer Freunde vor sich stehen. Nachdem er sich wieder gefasst hatte, umarmten sie sich wie alte Freunde es eben tun. Chris und Marco erst Carsten. Britta und Ralph Andreas.

„Ciao! Wie kommt ihr hier her? Wolltet ihr beiden heute nicht zu einem Italiener in der Bretagne essen gehen?“

„Mit dem Flugzeug, heute Mittag. Carstens Eltern waren so freundlich uns abzuholen. Sind wir doch. Wer sprach denn davon, dass es ein Restaurant in der Bretagne ist?“

„Ciao, Britta und Ralph. Schön, dass ihr da seid.“

„Wusstest du davon Schatz?“

„Sicher doch, sonst hätten Luise und Paul sie nicht abgeholt.“

„Das merke ich mir, Tiger.“

„Euer Outfit gefällt mir.“

„Danke Chris. Es war ein Vorschlag von Carstens Schneider hier in Milano. Leicht und zeitlos. Aber auch ihr versetzt mich in Erstaunen. Ich habe dich noch nie in einem langen Abendkleid gesehen und Ralph muss sich wohl noch an der „Fliege“ um den Hals gewöhnen.“

„Das stimmt nicht ganz, Andreas. Auf der Jubiläumsparty im vergangenen Jahr trug ich auch ein Kleid.“

„Schon, doch nicht so eines. Carsten, Britta trägt ein elfenbeinfarbenes, schulterfreies Abendkleid. Figurbetont und es unterstreicht ihren Teint. Dazu hat sie eine frische neue Frisur, sie sieht wunderbar darin aus. Wo übernachtet ihr?“

„Danke. Wir sind in einer kleinen Pension untergekommen. Ruhig und für Milano sogar günstig. „

Andreas gab sich mit der Auskunft ihrer Übernachtung zufrieden. Dabei hätten sie auch bei ihnen Zuhause übernachten können. Ihre Pension war ja geschlossen und die Zimmer standen frei.
Lange konnte er sich nicht damit beschäftigen. Carsten wollten alle mal kurz sprechen und Andreas dolmetschte manchmal für ihn. So waren sie während der ganzen Pause zusammen. Dass Herr Kramer anwesend war, überraschte Carsten doch etwas.
In einem günstigen Moment, nahm Volker ihn beiseite, sie sprachen ruhig miteinander. Andreas sah hinüber und in Carstens Gesicht schlich sich für einen kleinen Moment der Hauch eines Schattens.
Dann bedankte sich Carsten bei ihm. Andreas ging auf ihn zu und gab ihm anstelle eines neuen Glas Champagners ein Glas Wasser. Sie standen etwas abseits von den Anderen und Andreas sah sich um, alle schienen zufrieden. Max stand plötzlich neben Carsten und der Junge ließ es sich nicht nehmen, sie zu knuddeln.
Es klingelte zum zweiten Teil des Abends und sie folgten den Anderen zur Loge. Das Orchester spielte das Potpourri von Verdi. Immer wieder gab es Applaus zwischen den einzelnen Stücken.
Carsten war beeindruckt, welche Atmosphäre vom Publikum ausging. Das Programm neigte sich dem Ende zu. Die Zuhörer applaudierten sich eine Zugabe nach der anderen. Der Dirigent kündigte eine letzte Zugabe an. Drehte sich um. Andreas sah die Anspannung im Orchester. Es dauerte etwas. Dann hob der Dirigent seinen Taktstock und leise Töne erfüllten das Teatro. Dann stand das Publikum auf.

„Aufstehen Tiger, jetzt erlebst du ein ganz besonderes Mailand: Va’ pensiero!“

Carsten tat wie Andreas ihm zuflüsterte. Nach wenigen Augenblicken wusste er warum. Das Publikum sang den Gefangenenchor aus Verdi’s Nabucco und das gut. So gut, dass er Gänsehaut bekam. Der dann einsetzende Beifall war enthusiastisch.
Das Theater lebte. Das Licht flammte auf und das Teatro leerte sich langsam. Sie warteten in der Loge, es wäre eh nicht sehr sinnvoll gewesen, mit dem Hund gegen den Strom zur Garderobe zu gehen, wo sie noch ihre Sachen hatten.
Luise und Paul genossen noch einmal den Blick ins Teatro. Es war für sie ein unvergessliches Erlebnis geworden. Und die Ehre das Carsten, ihr Sohn, zu ihrer Premiere spielte.
Carsten und Andreas gingen gemeinsam in die Garderobe, zogen sich um. Sie hatten mit Paul abgemacht, sich am Seiteneingang zu treffen. Andreas nahm ihre Anzüge und Carsten die Tasche mit den Utensilien. Dann gingen sie zu dem großen Auto, wo schon ihre Freunde auf sie warteten. Andreas wunderte sich.
Dann erklärte ihn Marco in ihrer Sprache, dass sie noch auf ein Glas Wein eingeladen wurden. Auch wenn es schon spät sei, schließlich sind Ferien. Andreas freute sich und Carsten schien absolut nichts dagegen zu haben, er wirkte entspannt.
So konnten sie doch noch in einer gemütlichen Runde ein Schwätzchen halten. Schon während der Fahrt sprachen sie über ihre Ferienerlebnisse.

„Leute ist ja eigentlich nicht fair. Carsten und ich laufen in Jeans herum und ihr tragt noch die Galakluft.“

„Passiert nun einmal, mach dir keine Gedanken darum.“

„Hm, Carsten, wir sind gleich da. Möchtest du noch etwas mit Max gehen, letzte Gassirunde.“

„Papa, alleine? Dann verlaufen wir uns doch!“

„Weißt du was, du und Andreas gehen Gassi und wir fahren schon weiter. In den Kleidern und Anzügen ist es sicher kein Vergnügen. Was meinst du?“

Chris war genial. So schafften sie sich selbst Luft zum Umziehen und Max bekam ihren Auslauf. So wie vorgeschlagen wurde es gemacht. Also ließ Paul die drei zur letzten Gassirunde aussteigen und fuhr dann weiter.
Bis zum Restaurant benötigten sie keine halbe Stunde. Dass sie von der Vorderseite kamen, störte nicht, Andreas hatte einen Schlüssel. Schon im Eingang befreite Carsten Max von allem und Andreas sah, wie sie in die Küche verschwand, wo ihr Wassernapf stand und hörbar das kühle Nass schlabberte. Danach schien sie einfach ihre Ruhe haben zu wollen und ging hoch.

„Tiger, Max will wohl in ihre Kudde. Ich gehe mit und klemme ein Handtuch zwischen die Tür, damit sie nicht zufällt.“

„Ja, ok. Ich bin in der Küche, prüfe die Näpfe und trinke einen Kaffee, falls noch welcher da sein sollte. Ich denke die anderen können noch etwas im Garten auf uns warten.“

„Ja, das ist eine gute Idee, guck mal ob für mich auch noch eine Tasse drin ist.“

Gesagt getan. Andreas kam etwas später in die Küche. Sein Freund saß am Tresen. Vor ihm standen zwei Tassen mit dampfenden Kaffee.

„So das wäre geschafft. Max hat sich dreimal in der Kudde gedreht und dann lag sie schon ausgestreckt. Ich denke von ihr werden wir heute nicht mehr viel merken. Kaffee?“

„Bedien dich, ist noch frisch.“

„Danke. Tut gut. Das war ein Abend.“

„Ja, vor allem lang.“

„Lang? Papa und Mama waren mal in der Oper Rigoletto von Verdi. Sie kamen nach viereinhalb Stunden zurück.“

„Waren sie sauer?“

„Iwo, es war die beste Vorstellung die sie gesehen haben. Schatz das Teatro hat eine ganz besondere Atmosphäre. Das mit dem Da capo! war heute sicher nicht vorgesehen. Es ist ein gutes Zeichen, damit gehen die Mailänder sehr sparsam um. Du hast dich in ihre Herzen gespielt. Dann noch der Gefangenenchor aus Verdi’s Nabucco ist ein Zeichen, dass dieser Abend gute Kritiken bekommt.“

„Das hoffe ich. Ich bin fertig, lass uns zu den Anderen gehen. Sie fragen sich sicher schon, wo wir bleiben…“

„Ja, ich bin gespannt was Marco und Chris auf Sizilien erlebt haben….“

Als sie in den Garten traten, ertönte ein Tusch und ein vielstimmiges international gesungenes Happy Birthday Andreas. Andreas war perplex. Neben ihrem Gartentisch war ein großer Baldachin aufgebaut, darunter wohl ein Buffet mit seinen Speisen und viele Getränke. Genau konnte er das nicht sehen, denn seine Clique stand dort. Eine kleine Tanzfläche und ein kleines Podest mit Musikern und Drumherum viele Tische und Stühle. Der Garten war voller Gäste. Andreas blieb die Sprache weg. Dabei wollte er seinen Geburtstag still feiern. Ohne etwas davon zu erfahren, wurde hinter seinem Rücken eine große Geburtstagsparty vorbereitet. Gemeinsam mit Carsten ging er weiter. Unterwegs wurden ihm schon viele Hände gereicht, Glückwünsche zugesprochen. An dem Gartenbaldachin angekommen, wurde er von seinen Freunden umzingelt.

„Ist unser Andreas nun endlich erwachsen geworden. Was meinst du Britta, sieht man ihm sein hohes Alter an?“

„Ohne Ausweis kommt er nicht einmal in einen Kinderfilm…“

„Was seid ihr liebenswürdig. Wo habt ihr euch umgezogen?“

„In unseren Zimmern, dort drüben. Dein Großvater meinte, dass wir hier wohl am besten aufgehoben sind. Ihr habt es echt gemütlich. Hier bist du also groß geworden.“

„Ja, hier habe ich meine ersten Schritte gemacht und bei Babi und Děda bin ich meine Windeln los geworden….“

„Ja, das war etwas…“

„Später Babi, wenn es interessiert.“

„Mich interessiert das schon…“

„Ralph….!“

Andreas zwinkerte ihm lächelnd zu. Dann ging er weiter und ließ Carsten zurück. Nonna nahm sich seiner an und sie setzten sich an einen der Tische. Sie gab ihm ein Glas Wein und prostete ihm zu. Carsten trank.

„Der Wein ist gut.“

„Wie kommst du darauf?“

„Er ist anders als der, den wir sonst trinken und doch haben sie etwas gemeinsam. Er ist im Geschmack trocken und dennoch weich.“

„Nicht schlecht Bambino. Ist die gleiche Kelterei. Nur ein anderer Jahrgang. Das ist ein Wein aus Andreas Geburtsjahr.“

„Geniale Idee. Nonno?“

„Francesca. Meine Tochter hatte die Idee. Der Jahrgang war damals schon einzigartig und wie unser Bambino, wurde der Wein mit der Zeit reifer und immer besser.“

„Nun, wenn Andreas wie dieser Wein in 18 Jahren so gut wurde, dann wird er in 18 Jahren grandios sein.“

„Charmant Carsten. Ich lasse dir noch einige Kisten übrig. Darf ich dich etwas fragen?“

„Immer Nonna.“

„Ich sah dich mit deinem Klavierlehrer. Schlechte Nachrichten?“

„Dir entgeht nicht sehr viel. Die Royal Academy of Music hat mich abgelehnt. Ich hätte schon gern gewollt, doch es soll nicht sein… es war ein Traum. Ich wäre gern in Andreas Nähe gewesen, wenn er die Stelle bei der Royal Horticultural Society annimmt.“

„Seit wann weißt du davon?“

„Euer Enkel, mein Freund, redet im Schlaf. Er macht sich Sorgen, dass ich es ihm nicht gönnen würde. Nonna, um bei ihm zu sein, würde ich auch in London einen Job als Klavierspieler in einem Pub annehmen. Nein, die Royal Academy of Music ist nicht die Welt und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Nun aber wollen wir feiern.“

„Eure Freunde sind freundlich, respektvoll und wirklich genial. Sie haben bei den letzten Handgriffen geholfen. Bevor sie ins Teatro fuhren und dann das Geschenk von Marco. Der junge Mann hat sein Handwerk gelernt.“

„Seine Eltern betreiben ein Eiscafé in der Nähe unseres Internats. Er lernte von seinen Eltern das Eis machen. Später überzeugte er seine Eltern, dass es von Vorteil ist, die Zutaten aus der Region zu beziehen. Der Verzicht auf viele künstliche Aroma- und Farbstoffe. Erdbeereis, zum Beispiel, schmeckte zwar nicht mehr so intensiv und weniger süß, doch die Qualität stimmt und es gibt viel echte Frucht dazu. Auch an Formen arbeitete er. Es gab auf einmal kleine Quader, Dreiecke, Rhomben und so weiter anstelle von Kugeln. Einigen von den Internatlern machte auf einmal die Geometrie Spaß. Sowie diverse Eistorten.“

„Ja und das hat er wieder getan. Ich weiß nicht, wie lange er genau daran gearbeitet hat, doch für Andreas hat er eine Eistorte gemacht. In den Farben seiner Nationen.“

„Marco eben. Es ist seine Handschrift. Wie viele Gäste sind geladen?“

„Nur die Familien und einige Freunde, an die fünfzig Gäste. Sie kennen alle unseren Bambino und es wäre eine Beleidigung sie nicht einzuladen.“

„Nonna, wer stellt mir nun die Gäste ein wenig vor?“

„Das mache ich Schatz. Nonna darf ich meinen Freund entführen.“

„Du immer Bambino. Doch erst trinken wir einen Wein auf dich.“

„Gerne, es ist ein guter Jahrgang, schmeckt so ganz anders als unser Wein…“

Nonna sah Carsten an und dann ihren Enkel. Auf Carstens Gesicht stand ein deutliches Fragezeichen. Auf Andreas nur Unverständnis. Dann zeigte Nonna ihm das Etikett der Weinflasche.
Sie lächelte ihren Bambino an und sagte, dass Carsten einen sehr feinen Geschmack habe. Danach gingen die Jungs sich unter die Gäste mischen. Andreas stellte sie nacheinander vor. Carsten wurde von allen willkommen geheißen.
Keiner der Gäste nahm Anstoß an ihrer Beziehung, sondern sie freuten sich für sie beide. Langweilig wurde die Party nicht, Andreas und Carsten eröffneten mit einem Tango die Tanzfläche.
Dann Nonna und Nonno und ihre Freunde. Später dann jeder wie er wollte und Carsten lernte mit Nonna noch eine Variante des Pasodoble und die Musiker wussten dazu Musik zu machen.
Italiener feiern mit Leidenschaft und allen Sinnen. Das lernte Carsten zu schätzen. Dabei waren die Geschenke weniger wichtig als die Anwesenheit der Personen.
Als Highlight servierten Chris und Marco die Eistorte mit 18 Wunderkerzen. Feierlich schnitt Andreas die Torte an und verteilte Stücke an die Gäste. Dann brachten Jihan und Carsten gemeinsam ihr Geschenk: Die Statue aus Marmor. Sie wurde der Blickfang an sich.
Andreas freute sich über dieses Präsent, anschließend nahm Carsten ihn zur Seite und übergab ihm sein ganz persönliches Geschenk. Er steckte Andreas einen Ring mit den Worten an.

„Andreas, ich liebe dich und möchte dir als Zeichen diesen Ring schenken.“

Andreas war perplex, mit allem hatte er noch gerechnet, doch Carsten setzte dem eins drauf. Der Ring bestand aus Platin und hatte eine feine goldene Gravur.

„Andreas, ich weiß, dass ich blind bin, also kann ich die Gravur auch nicht lesen. Jihan sagte mir, dass es In Ewiger Liebe, dein Carsten bedeutet. Nicht für jeden zu lesen, der des Arabischen nicht mächtig ist.“

„Ich kann es und der Ring ist wunderschön. Hast du auch einen für dich? Darf ich ihn dir anstecken?“

„Jihan gab mir zwei. Ja, wenn du magst.“

„Carsten, als Zeichen meiner Liebe zu dir, möchte ich dir diesen Ring mit der Widmung In Ewiger Liebe, dein Andreas schenken.“

Dabei steckte er Carsten den zweiten Ring an. Dann küssten sie sich. Als sie sich zu den den anderen begaben, hielten sie sich an den Händen und jeder der genau hinsah, bemerkte die kleine Veränderung.
Es graute schon am Horizont, als Carsten und Andreas endlich zu Bett gingen und Ruhe einkehrte. Andreas prüfte noch, ob das Tor zur Einfahrt geschlossen war. So konnten die Hunde im Garten toben, ohne dass jemand bei ihnen war.
Die Stunden mit der Clique taten ihm gut und irgendwie freute sich Andreas auf das Internat. Auf sein letztes Jahr gemeinsam mit seinen Freunden. In ihrem Zimmer trat Andreas hinter Carsten und legte seine Arme um ihn. Sein Freund lehnte sich an ihn. Andreas fühlte sich ihm so nah.

„Schatz, ich muss dir etwas sagen.“

„Ich weiß Tiger, die Royal Horticultural Society. Später. Ich fühle mich gerade sehr wohl.“

Andreas schloss seine Augen und genoss wie Carsten diesen Moment. Langsam wurde Carsten in seinen Armen schwer und dann bemerkte er, dass sein Freund in seinen Armen eingeschlafen ist.
Er nahm seinen Freund auf den Arm und legte ihn sanft ins Bett. Zog ihn aus und deckte ihn zu. Er selbst verschwand ins Bad, um sich wenig später an Carsten zu kuscheln.

*-*-*
Vor dem neuen Abenteuer

Die letzten Tage in Milano verbrachte die Clique gemeinsam und allen tat es gut. Gerade Andreas’ Großeltern freuten sich, die Freunde ihres Enkels kennenlernen zu dürfen. Die ohne wenn und aber zu ihrem Bambino standen.
Auf verschiedenen Wegen trafen alle gemeinsam zum neuen Schuljahr am Internat ein. Neben den organisatorischen Dingen der ersten Tage, richteten sich alle wieder in ihren Zimmern ein.
Das Lernpensum bis zum Abi war nicht gerade ohne und es gab viele Wochenenden, die sie im Internat zum Lernen verbrachten. Aber trotz allem Lernstoff, Carsten bestand darauf, dass der Sonntag zum Lernen tabu war. Andreas kam es entgegen und die Freunde unternahmen oft gemeinsame Dinge.
In den Herbstferien stand dann die Clique hinter Andreas und half ihm beim Umzug seiner Großeltern. Sie packten die Umzugskarton nach den Anweisungen von Babi, damit das Umzugsunternehmen sie abholen konnte. Die ganze Aktion nahm zwar die ganzen Ferien ein, brachte ihnen aber auch ein paar Tage Urlaub in Milano ein.
Andreas war vom Umbau mehr als überrascht. Er war nicht nur modern, sondern auch zweckmäßig. So konnte er ruhigen Gewissens seine Großeltern ihr Leben leben lassen.
Die Pension wurde ebenfalls erweitert und im gleichen Zug modernisiert. Aus einer Landhauspension wurde ein kleines Landhaushotel und es schien sich zu rentieren.
Zu den Konzertaufnahmen in London begleitete er Carsten. Die British Airways hatte keine Probleme damit, Blindenhunde im Passagierraum mitfliegen zu lassen. Das Hotel Three golden Star freute sich über ihren Besuch, auch wenn er jeweils kurz war. Sie wurden immer herzlichst willkommen geheißen und Henry kümmerte sich vorbildlich um sie.
Wie sich herausstellte, wurde das Album mit den Aufnahmen der fünf Klavierkonzerte ein Verkaufserfolg. Carstens Einnahmen waren nicht ohne. Bei einem verlängerten Wochenende spielte er beim Royal College of Music vor.
Die Zusage für ein Studienjahr bekam er wenige Wochen später ins Internat gesandt. Danach würde er sein Studium an der Royal Academy of Music fortsetzen. So konnten sich beide um ihre Ausbildung kümmern.
Zio Jihan erwies sich als sehr hilfreich beim Finden einer passenden Unterkunft. Seine Kontakte in Künstlerkreisen machten sich bezahlt und sie fanden eine geeignete Wohnung für sie drei, die bezahlbar blieb.
Selbst ein kleiner Garten für Max gehörte dazu, wo Andreas sich praktisch austoben konnte. Der größte Raum würde ihr Arbeitszimmer werden. Neben Schreibtischen und einem Reißbrett passte dort auch der Flügel von Carsten hinein.
Carsten bestand darauf, dass Studium und Privatsphäre voneinander getrennt werden sollten. Andreas hatte damit keine Probleme. Er fand die Idee sogar hervorragend. Jedenfalls war ihr Aufenthalt in London gesichert.
Die Weihnachtsferien verbrachten sie beide in Italien. Paul und Luise verzichteten auf Carstens Anwesenheit zum Fest, ihr Baby wurde eben flügge. Da konnten sie ihre elterliche Liebe ja noch auf Ercan und Andrea verteilen.
Doch für Carsten war es ein unverwechselbares Erlebnis. Andreas hatte nicht übertrieben, dass Natale in seiner Familie ein Fest für die Familie ist. Feiern mit Leib und Seele.
Dann begann die letzte Phase, lernen bis zu den Klausuren. Manchmal gingen sie sich bewusst aus dem Weg, um sich nicht an die Gurgel zu springen. Ihre Nerven lagen an manchen Tagen einfach blank.
Doch das verging spätestens, wenn es abends ins Bett ging. Auch wurden beide von widrigen Erkrankungen verschont. Und so starten sie gut vorbereitet in die Prüfungswochen, die wirklich alles von ihnen abverlangten.
Englische Literatur war ihr letztes Prüfungsfach. Sie hatten sich beide dafür entschieden, weil sie ja vorhatten, in England weiter zu machen. Dann waren auch die Abiturprüfungen geschafft. Andreas und Carsten freuten sich nun auf den Abitur- und Abschlussball des Internats.
Den Abiturball feierten sie gemeinsam mit den anderen Schulen der Stadt und dort waren sie nicht das einzige homosexuelle Paar. Aber sie gehörten mit zu den besten Tänzern des Abends und das brachte ihnen von vielen Seiten Anerkennung ein. Sie waren das erste Mal seit langem wieder richtig ausgelassen, fühlten sich von allem Druck befreit.
Der Abschlussball des Internats war ein anderes Kaliber, der am Abend der Verleihung der Reifeprüfung stattfand.

„Tiger, hast du deine Großeltern eingeladen?“

„Ja, sie haben alle zugesagt. Deine Eltern Schatz?“

„Kommen auch. Sie bringen auch unsere Anzüge mit.“

„Welche sollen wir denn tragen, die Suites aus London? Die anderen tragen alle Smoking. Meinen wäre etwas Besonderes.“

„Nein, wir nehmen die Anzüge aus Milano. Andrea meinte, das wäre das richtige Outfit für uns beide. Du hast doch noch die Worte des Schneiders aus London im Kopf, für Smokings sind wir noch zu jung.“

„Dann heben wir uns aber ab.“

„Andreas, das tun wir schon in mehrfacher Weise. Wir sind ein schwules Paar, tragen besondere Freundschaftsringe, du kannst sehen, ich bin blind. Du der kreative Künstler und Gärtner, ich der Künstler und Musiker. In machen Dingen können wir unterschiedlicher nicht sein… also warum nicht auch bei der Kleidung etwas aus der Rolle fallen? Obendrein sind die Anzüge sehr bequem.“

„Wo du Recht hast, da hat der junge Mann Recht. Und wenn du schon sagst, dass wir Künstler sind, können wir auch etwas eigenwillig sein.“

„Was wirst du anschließend machen, ich meine bevor wir nach London gehen?“

„Papa hat uns zu einem Erste Hilfe Kurs für Tiere angemeldet. Ich muss ihn regelmäßig machen, für dich ist er Pflicht. Papa besteht darauf, wenn wir drei in London quasi auf uns gestellt sind.“

„Das hatte ich auch schon vor und auch einen Erste Hilfe Kurs für Menschen. Die Zeit ist günstig, besser kann ich die kleine Pause nicht ausfüllen. Dann fahren wir noch einmal für zwei Wochen zu meinen Großeltern, um von dort aus dann ganz nach London zu ziehen.“

„Was ist mit unseren Sachen?“

„Das haben Jihan und seine Familie für uns organisiert. Sie fahren von Milano aus los und nehmen meine Sachen mit, auch einen Teil von den Studienunterlagen meines Dads. Danach fahren sie bei dir Zuhause vorbei und holen dort deine Sachen ab, inklusive dem Flügel. Ich nehme an Paul wird dir das noch einmal genauer erklären. Sie fahren dann durch bis nach London und helfen uns dort die Wohnung einzurichten. Dann haben wir noch gute vier Wochen Zeit, uns dort in London einzuleben, bevor wir das nächste Kapitel unseres Lebens schreiben.“

„Klingt alles sehr vernünftig. Schatz ich liebe ich.“

„Ich dich auch, Tiger. Komm lass uns endlich schlafen. Max hat schon alle viere von sich gestreckt.“

Andreas machte das Licht aus. Nahm seinen Freund in die Arme, kuschelte sich dicht an ihn und spürte dessen warmen Körper.
Der Tag der Verleihung des Abiturzeugnisses kam schnell näher. Von allen Prüflingen fielen nur zwei durch und vier konnten eine aussichtsreiche Nachprüfung machen. Statistisch lag das Internat weit über dem Landesdurchschnitt.
Weit über dem internen Durchschnitt hoben sich Andreas und Carsten ab. Sie bekamen für ihre Leistung einen Nachdruck von Shakespeares gesammelten Werken. Selbst da hatte sich die Leitung Gedanken gemacht.
Denn Andreas Werk wurde in Mainz auf einer Gutenberg Presse gedruckt und Carstens war ein mehrbändiges Werk in Braille. Beide Preise waren in Leder gebunden.
Die nächsten Auszeichnungen waren lederne Ausgaben des Grundgesetzes und der Bibel. Andreas verkniff sich einen Kommentar zur Reihenfolge.
Anschließend wurden alle durch das Internat geführt. Dabei half es den Jungs, das Paul und Luise sich teilweise der Großeltern annahmen.
Nonna und Nonno waren von dem Zimmer beeindruckt. Sie hatten viele Fragen, wie sie es da zu dritt aushalten konnten. Děda interessierte sich mehr für die Ausstattung in den Klassen. Erstaunt war er, wie viel moderne Technik zum Einsatz kam.
Andreas zeigte ihm einiges und wie sehr es Carsten half, den Stoff zeitnah aufzuarbeiten. Babi und Luise gingen in die Mensa auf einen Kaffee. So nach und nach trafen dort auch die anderen ein.
Der Abend wurde mit einem festlichen Dinner begonnen. Daniel und die anderen Köche hatten sich wirklich viel einfallen lassen. Internationale Küche vom Feinsten. Dann begann der Ball.
Während sich die Angehörigen an den vorbereiteten Tischen einfanden und Platz nahmen, warteten die Abiturienten vor der Tür, um dann paarweise einzutreten. Der Zug wurde von Andreas und Carsten angeführt und ihr Outfit führte zu manchem Raunen.
Sie eröffneten den Ball auch mit einem Walzer. Später tanzten sie noch ihren ganz speziellen Tango, der sehr erotisch und elegant wirkte. Beide Jungs ließen es sich nicht nehmen, auch mit ihren Großeltern und Eltern zu tanzen.
Später verabschiedeten sie sich und Paul fuhr Luise und Andreas’ Großeltern nach Hause. Anderen Angehörigen standen wahlweise Zimmer in Hotels und Pensionen, beziehungsweise im Internat zur Verfügung.
Andreas und Carsten zogen sich zum letzten Mal auf ihr Zimmer zurück, nachdem sie noch einen Spaziergang mit Max über den Campus machten.
Am folgenden Tag kam Paul und half ihnen ihre restlichen Sachen aus dem Internat zu transportieren. Dann kam der große Abschied.
Die letzten zwei Jahre hatten die Clique sehr zusammen geschweißt und keiner würde je den anderen vergessen wollen. Sie versprachen sich, einmal im Jahr an einem Ort zu treffen. Dann umarmten sie sich ein letztes Mal und ihre Wege trennten sich.
Paul nahm den Erste Hilfe Kurs für Tiere sehr ernst und er war unerbittlich mit den Jungs. Andreas lernte in dieser einen Woche sehr viel über die wichtigsten Handgriffe, die Max das Leben retten könnten. Aber auch so kleinere Dinge wie Temperatur bestimmen oder Spritzen geben oder Zecken ziehen. Auch den Umgang mit dem Trimmgeräten für das Fell lernte Andreas. Was bis dahin immer Paul machte, musste Andreas übernehmen. Carsten lernte obendrein noch die Ausstattung einer guten Hundeapotheke kennen. Er machte sich Notizen zu einigen Medikamenten und dessen Wirkung.
Er suchte auch einige Adressen von Veterinären in London heraus und ließ sich von Paul eine Kopie von Max’ Akte anfertigen und legte alles sorgfältig in Max’ Apotheke.
Dann schloss er sich Andreas an und sie absolvierten einen Erste Hilfe Kurs, schaden kann es nie helfen zu können. Ihre Sachen für London packten sie peu a peu zusammen. Am Ende der zweiten Woche waren es doch ein dutzend Koffer, wobei Max allein vier ganze für sich beanspruchte.
Paul stellte sie in die Garage zur Abholung durch Jihan bereit. Dann flogen Carsten, Max und Andreas nach Milano. Diese zwei Wochen wollten sie noch einmal ausspannen, bevor sie den Kontinent ganz verlassen würden.
Carsten dachte Jihan und seine Familie würden mit einem kleinen LKW ihre Sachen befördern. Weit gefehlt. Sie hatten ihr Umzugsunternehmen. Also auch richtige große Lastwagen. Fachkräfte, die sich damit auskannten, Möbel auf und abzubauen.
Gerade Carsten legte darauf Wert, bei seinem Flügel. Jihan war bei der Besichtigung dabei und war der Meinung, dass die Wohnung vor dem Bezug freundlicher renoviert werden sollte. Das fand auch Andreas.
Blümchentapeten und schwere, staubfangende Vorhänge waren nicht ihr Stil und ihr Arbeitszimmer benötigte eine bessere Akustik für den Flügel. Jihan versprach, sich um das alles zu kümmern.
Eine Woche vor dem großen Umzug bekam Andreas von ihm Bescheid, dass alles vorbereitet sei. Dann war es soweit und Carsten staunte nicht schlecht, wie viele Hände ihnen halfen.
Am Tag als sie selbst in London ankamen, war die Wohnung hergerichtet. Andreas erkannte sie nicht wieder und teilweise wurde sie modernisiert. Die Küche wurde so gestaltet, dass Carsten sich darin zurecht fand und sich selbst versorgen konnte.
Für Max gab es einen eigenen Kühlschrank und Staufach. Auf Türschränke wurde verzichtet und stattdessen Schubladen- und Apothekerschränke verwendet, die selbsttätig schlossen. Die Küche war großzügig eingerichtet und hatte eine Sitzecke, wo kleine Mahlzeiten eingenommen werden konnten. Auch die Ecke für Max’ Näpfe war praktisch ein Teil der Einrichtung.
Das Arbeitszimmer war lichtdurchflutet und der nussbraune Flügel von Carsten war ein Blickfang darin. Für Andreas gab es ein modernes Reißbrett. Es bot ihm an zum einen klassisch zu Zeichnen als auch digitale Pläne zu erstellen.
Der Living- und Diningroom war orientalisch eingerichtet und wurde der Blickfang der Wohnung. Das Schlafzimmer der Jungs und ein Gästezimmer befanden sich eine Etage höher. Dort befand sich auch ein größeres Bad. Der Clou war, vom Schlafzimmer der Jungs ging ein Balkon mit Zugang zum Garten.
Nein, ihre Wohnung war nicht übertrieben luxuriös, sie bot für ihre Ansprüche alles was nötig war. Sie ermöglichte ihnen ein angenehmes Studium und Leben in der englischen Metropole. Für ein gemeinsames Leben und neue Abenteuer.

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3 Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    eine sehr schöne Fortsetzung der Geschichte.

    War das das Ende?

    Schade, wenn dem so ist. Aber auch sehr schönes Ende. Die Familie in Mailand vereint. Die Erlebnisse dort.
    Und die Schilderung der Wohnung in London.

    Insgesamt eine echt klasse Geschichte.

    Viele Grüße
    Claus

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  2. Wow,

    Top-Fortsetzung, absolut gelungen, da hat sich das lange Warten gelohnt. Allerdings hat es auch ein wenig den Anschein, dass dies der letzte Teil war, wäre echt schade.

    VlG Andy

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  3. Danke, Danke, Danke. Es war traumhaft zum lesen und auch zum träumen. Schade das es schon fertig ist.

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