Schneemann – Teil 1

Obwohl wir gelernt haben sollten, tolerant gegenüber anderen zu sein, gibt es – für meinen Geschmack – zu viele junge Menschen, welche »Das Fest der Liebe…« alleine verbringen müssen. Und einigen von Ihnen, nur weil sie schwul sind…

Teil 1

« Thomas es ist schon spät! Mache noch das Licht aus und schließe ab. Aufräumen können wir morgen noch. »

« Ist gut! » gab ich zur Antwort. Es war schon recht spät, die letzten Jungs unserer Coming Out Gruppe, hatten die Weihnachtsfeier im Jugendcafé vor einer halben Stunde verlassen. Christian, Michael und ich räumten nur das notwendigste beiseite und löschten das Licht.

Ich zog mir meine Thermojacke über, nahm mein Geschenk, wickelte es mir um den Hals und warf noch einen letzten Blick zurück in den Raum. Jetzt wo alles so ruhig war, konnte ich mir nicht vorstellen, das vor eineinhalb Stunden noch ein Weihnachtsmann – der Freund von Christian hatte sich extra ein Weihnachtsmannkostüm besorgt – Geschenke an die Jungs verteilt hatte. So manchem Teenager glänzten bei der Übergabe die Augen und auch manche Überraschungen gab es, als sie ihre Geschenke ausgepackt hatten und auch ich wurde zum Nikolaus gerufen. Ich muss wohl ein saudämliches Gesicht gemacht haben, als ich mein Präsent öffnete. Ich schließe es nur daraus, dass ein-, zweimal ein Blitzlicht aufleuchtete und die Jungs sehr herzhaft lachten als ich mir den sehr langen regen-bogenfarbenen Wollschal umhängte. Ich habe mich wirklich gefreut und habe bei der anschließenden Umarmung so manche Träne vergossen.

« Mach hinne Thomas, träumst Du? », drängte Christian, « Ich friere hier noch fest. »

« Komme schon! »

Mit einem Ruck zog ich die Tür zu, schloss zweimal um und aktivierte die Alarmanlage. In den vergangenen Tagen hat es heftig geschneit und die Temperaturen sanken auch auf Werte unter Null Grad. Es schien so, als ob wir mal wieder weiße Weihnachten feiern würden.

« Steht dir, der Schal » sagte Michael mit einem Grinsen. Ich schaute ihn an und dann Christian, auch er fand, dass es ein gelungenes Geschenk gewesen sei.

« O.K. ihr beiden, macht das ihr fort kommt, » sprach ich zu den Beiden, die geduldig auf mich warteten, « Ihr müsst ja in eine andere Richtung. Ich wünsche Euch eine gute Nacht und passe auf, dass ihr euch nichts brecht. Es ist glatt! »

« Du aber auch, Thomas ! Ich rufe dich so gegen Mittag an! »

« O.K. ! » Dann trennten sich unsere Wege.

Ich ging eine weile nur so vor mich hin und lausche den unter meinen Schuhe knirschenden Schnee. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Flocken fielen lautlos auf die Erde. Es sah alles so unwirklich aus, es waren kaum Autos unterwegs, so das selbst auf der Strasse eine geschlossene Schneedecke liegen blieb.

Ach so, vielleicht sollte ich mal erwähnen wer hier so durch die Winterlandschaft stapft. Wie ihr sicherlich mitbekommen habt, heiße ich Thomas, bin gerade 18 geworden und mache im kommenden Jahr mein Abitur. Für den es von Interesse ist, ich bin 1m75 groß, bei einer schlanken Figur. Ich bin schwul und begleite zum ersten Mal eine Coming Out Gruppe mit dem besagten Christian, einen Student, welcher Kinder- und Jugendpsychologie studiert. Er war es auch, der mich vor einem halben Jahr fragte ob ich nicht Lust zu so etwas hätte.

Kennengelernt haben wir uns vor zwei Jahren, als ich eine C.O. Gruppe besuchte. Christian war damals selber Teilnehmer und wir verstanden uns auf Anhieb super. Ich habe mich wohl in ihn verliebt, doch er sagte mir dass es da schon jemand gäbe, der ihm das Herz geraubt hat. Ich war am Boden zerstört, doch er nahm mich in den Arm und sagte mir, dass er sich glücklich schätzen würde, wenn wir Freunde werden würden. Wir unternahmen sehr viel gemeinsam und ich lernte dabei auch Michael kennen und ich verstand, dass ich nicht die geringste Chance bei Christian hatte.

Mein Weg führte an einem kleinen Park vorbei, der aber um diese Zeit schon für Besucher geschlossen war. Ich blickte durch den Zaun auf einen Schneemann, den einige Kinder da errichtet hatten. Man konnte sogar noch die Spuren sehen, wo die Kugeln gerollt wurden. Es fehlte eigentlich nur noch der obligatorischen Topf auf dem Kopf und die Karottennase im Gesicht. Ich ertappte mich dabei, gedanklich über diesen Zaun zu klettern und diesen Schneemann fertig zustellen. Doch ein schmerzhafter Gedanke durchzuckte meine Stimmung und ich ging traurig meines Weges. Nach einer halben Stunde gelangte ich an meinem kleinen Zuhause. Eine kleine »Mansarden Wohnung« unter dem Dach einer alten Villa, mit einem Balkon !

Ich schloss die Tür hinter mir und schob den Riegel vor. Ich wollte nur noch in mein Bett, schlafen…

Mitten in der Nacht klingelte das Telefon neben meinem Bett, es wollte gar nicht mehr aufhören. Widerwillig hob ich den Hörer ab und murmelte ein

« Ja ? ».

« T’schuldige Thomas das ich dich wecke, » hörte ich eine aufgeregte Stimme, ich glaubte Michael erkannt zu haben.

« Michael, bist Du es? »

« Ehm ja! »

« Was gibt es denn das Du mich um… » ich warf einen verschlafenen Blick auf meinen Wecker, « schon um halb sieben anrufst, wir hatten doch mittags ausgemacht! »

« Ich weiß, aber Christian hat sich den linken Fuß angebrochen und liegt im Krankenhaus. »

Schlagartig war ich wach.

« Wie ist denn das passiert? » fragte ich besorgt.

« Er ist auf der obersten Stufe der Haustreppe ausgerutscht. Zum Glück ist nicht mehr passiert… »

« Und was ist jetzt? »

« Na ja, ich bin noch im Krankenhaus und Christian bat mich Dich anzurufen, wegen des Jugendcafé. »

« Wenn er im Augenblick keine weiteren Sorgen hat… darüber soll er sich seinen Kopf nicht zerbrechen. Das schaffe ich auch alleine. »

Ich musste unwillkürlich grinsen, das sich langsam in ein Gekicher steigerte und schließlich in einem Lachanfall endete.

« Hey, was gibt es da zu Lachen? » empörte sich mein Gesprächspartner, obwohl auch er nicht mehr ernst bleiben konnte.

« Es tut mir leid Michael, aber ich habe mir gerade die Szene vorgestellt wie Christian am Fuße der Treppe sitzt, eingepackt in seinen dicken Winterklamotten und absolut verdutzt aus der Wäsche guckt. »

« Na ja, Situationskomik hatte die Sache schon gehabt und auch wir konnten uns einem Lachen nicht verkneifen, nachdem der erste Schreck vorüber war. Aber als er auftreten wollte hatten wir schon Panik und ich rief gleich den Krankenwagen. Der Arzt im Krankenhaus meinte, das der Fuß wohl angeknackst sei. Er hat Christian erst einmal in ein Bett gesteckt und ihm Schmerzmittel gegeben. Mich wollte er nach Hause schicken, doch ich bat bleiben zu dürfen… » erklärte er mir und meinte dann empört, « Ich lasse doch mein Herzblatt nicht einfach mir nichts dir nichts alleine! » *seufz*

« Nein Michael da hast du sicherlich Recht, aber macht euch des Jugendcafé mal keine Sorgen, fahre ich halt etwas früher los, ich denke das mit dem Aufräumen wird nicht so wild wie es gestern ausgesehen hat. Grüsse Christian von mir, ach ja Michael? »

« Ja ? »

« Wie lange bleibt er denn im Krankenhaus? »

« Er muss noch zum Röntgen und anschließend bekommt er noch einmal einen Verband. Ich denke heute Mittag sind wir wieder daheim. »

« Spricht etwas dagegen wenn ich heute noch einmal vorbeischaue? »

« Dagegen spricht nichts, aber wir fahren anschließend zu meinen Eltern und bleiben dort bis nach den Feiertagen. »

« Na gut, dann wünsche ich Euch beiden ein schönes Weihnachtsfest. »

« Wünschen Christian und ich dir auch! »

Damit legte er auf. Ich hielt den Hörer noch einige Zeit in der Hand und lauschte dem tuten. Gedankenverloren legte ich dann auf, ich beneidete die beiden. Ihre Beziehung schien harmonisch und glücklich zu sein, obwohl Christian mir gegenüber erwähnte dass es auch schon mal kräftig gewitterte und es vorkommt, das dann beide für ein paar Tage schmollen. Aber im Grunde lieben sich die beiden und nichts konnte sie auseinander bringen. Mit diesen Gedanken wälzte ich mich noch eine halbe Stunde im Bett herum. Es half alles nichts, an schlafen war nicht mehr zu denken also stand ich auf und taperte in meine Küche. Zog die Decke vom Vogelbauer und begrüßte meinen Papagei.

Halt, bevor jetzt jemand protestiert, der Papagei ist ein kleiner grüner Vogel, den ich von meinem Opa »geerbt« habe. Alle halbe Jahr gehe ich mit ihm zum Tierarzt um ihn mal durchchecken zu lassen. Da der Fachmann bisher nichts zu beanstanden hatte, unterstelle ich mir mal, dass ich meine Sache recht ordentlich mache.

« Na Xavier, mein kleiner, heute noch etwas müde? »

Ich wechselte ihm das Wasser und die Nahrungsbox auffüllte. Er wiegte seinen Kopf in die Schräglage und schaute mich an.

« Du hast ja nicht sehr viel gegessen, gestern. Hast du Kummer? »

Anstelle seines üblichen Gekrächze, rutschte er auf seiner Stange zum Ausgang, ich hielt meine Hand hin, damit er darauf klettern konnte. Mit meiner freien Hand streichelte ich ihn langsam über sein grünes Federkleid, es schien ihm zu gefallen. Ich hätte nun Stunden weiter so machen können, doch schon nach ein paar Minuten hob der kleine Kerl seine Flügel und flog seine morgendlichen Runden durch die Wohnküche. Damit war ich fürs erste entlassen und stellte mich an, meine Kaffeemaschine mit diversen Sachen zu beschicken, immer in der Hoffnung, dass sie mir daraus einen brauchbaren Kaffee brauen würde. Mein gefiederter Wohnungsgenosse, landete auf seinem Käfig und schaute mir dabei zu.

« So mein kleiner, lass mir die Kaffeemaschine in Ruhe! » schmunzelte ich ihn an, « ich gehe dann mal ins Bad… ».

Ich hatte keine Bedenken, das der Papagei irgendwelchen ‘Unsinn’ veranstalte, dafür hatte er zu große Angst vor undefinierten Geräuschen. Außerdem war für ihn auch die Frühstückszeit gekommen und er kletterte wieder in den Bauer, um sich genüsslich über Obst, Früchte und Fertigfutter herzumachen. Im Bad, schaute ich erst einmal in den Spiegel, die Augenringe gefielen mir nicht besonders, aber was sollte ich jetzt großartig machen? Ich nahm das Rasierzeug und begann meine Morgentoilette, die mit einer kalten Dusche nach einer halbe Stunde beendet wurde, um meinen Kreislauf noch etwas in Schwung zu bringen. Verschwand in mein Zimmer und zog mich an, vielleicht sollte ich mal ein paar Worte zu meiner Wohnung verlieren – oder finden?

Mein kleines Reich bestand aus einer Wohnküche, meinem Schlaf- und Arbeitszimmer, dem Bad und einem größeren Balkon. Ich wohne nun seit ein einhalb Jahren hier und habe inzwischen (nach Absprache mit meinem Vermieter) einen kleinen Wintergarten auf den Balkon errichtet. Wo einige Pflanzen standen die Xavier hätten gefährden können. Um es vorweg zu nehmen, als meine Eltern Erfahren haben, das ich schwul bin, haben sie mich eben mal vor die Tür ‘gesetzt’ Ich bin zuerst zu meinem Großvater gezogen, der da überhaupt keine Schwierigkeiten mit hatte. Opa Hannes hat auch noch einige Mal versucht zwischen meinen Eltern zu vermitteln, doch als dieses nicht fruchtet, hat er seine Tochter ‘enterbt’ und sein Vermögen einer Stiftung zum Wohle von Kinder und Jugendliche vermacht. Seit eineinhalb Jahren wird nun das Geld – laut Verfügung meines Großvaters – durch eine Stiftungsgesellschaft verwaltet, die als Gegenleistung dafür mir ein monatliches ‘Taschengeld’ für meine Lebenshaltung zu entrichten hat. Davon bezahle ich meine Wohnung und alles was so anfällt. Und für mein zukünftiges Studium lege ich auch noch etwas beiseite. Bis zu meinem 18. betreute mich auch eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt, sie sorgte auch dafür, das die Erbschaftsklage meiner ‘Eltern’ vom Gericht abgewiesen wurde. Sie kam mich einmal in der Woche besuchen um einfach zu sehen , das ich nicht ‘verloderte’.

Mittlerweile betrat ich wieder die Küche, warf den Toast in den Grill und deckte zwischenzeitlich den Tisch. Schaltete das Radio an und ging hinunter um mir die Zeitung zu holen. Wieder oben angekommen Frühstückte ich erst einmal, Xavier kam zu mir an den Tisch und ich gab ihm eine Paranuss damit er etwas Beschäftigung hatte.

« Hm, »

Der Papagei ließ die Nuss fallen, ich schaute kurz auf und las aus der Zeitung laut vor.

« … möchten wir, die Redaktion der Zeitung, uns bei allen Beteiligten bedanken, die für die Kinder und Jugendstation des örtlichen Krankenhauses gespendet haben. Laut dem Stationsleiter Dr. Felix Hausach, soll das Geld für kleine Geschenke ausgegeben werden, die während einer Weihnachtsfeier auf der Station an die kleinen Patienten verschenkt, welche über die Feiertage nicht nach Hause können… Was meinst Du, ist doch eine tolle Sache oder? »

Ich vernahm ein leises ‘krrrk’ und wusste das der Vogel meiner Meinung war ;-). Die Zeitung legte ich beiseite, stand auf und räumte den Tisch ab.

« So mein Lieber, ich gehe dann mal. Ich lasse dir das Radio an, damit Du etwas Unterhaltung hast. » Xavier schaute mich an ich ging zu ihm hinüber. Ich konnte mir denken wie er sich fühlte, schließlich war dieses auch mein zweites Weihnachtsfest welches ich alleine verbringen würde. Daher ließ ich ihn wieder auf meine Hand klettern und streichelte ihn.

« Hey, mein kleiner Freund, ich bin ja bald wieder zurück und heute Abend machen wir es uns schön. Ja ? Und wir müssen ja noch den Baum schmücken! »

Und als ob er genau wusste was ich sagte, schickte er sich an zu seinem Heim zu kommen, kletterte wieder in den Bauer schloss seine Augen und lausche. Da ich etwas gegen ‘einsperren’ hatte, blieb die Käfigtür offen. Wie schon erwähnt Xavier stellte keinen groben Unfug an wenn er mal alleine war und die elektrischen Leitungen waren vor ihm sicher. Ich ging noch einmal ins Bad, putzte mir die Zähne und strupelte noch einmal durchs Haar. Hm, so konnte ich mich schon sehen lassen. Ich zog meine Thermojacke über und wickelte einen Schal um den Hals und verließ mein Reich.

« Guten Morgen Thomas ! Wie war eure Feier gestern Abend? »

« Guten Morgen Herr Hausach ! Die Party war echt toll, wir alle hatten viel Spass, ist aber auch recht spät geworden… »

« Und was machst Du dann so früh auf? » dabei zwinkerte er mir zu.

Ich erzählte ihm von den Ereignissen des Morgen, von Christians Unfall und das ich nun auf dem Weg zum Jugendcafé war.

« Gibt es nicht oft, das sich die jungen Leute noch so engagieren! »

« Nein, da haben sie recht,… » ich machte eine kleine Pause « … doch wir bemühen uns! » setzte ich noch mit einem Grinsen nach und drehte mich um.

« Ach Thomas, bevor ich es vergesse. Die kleine Feier für meine Patienten findet doch statt? »

« Ich habe gestern noch mit Katrin und Peter gesprochen und es ist alles vorbereitet. Die beiden haben sogar noch ein paar andere Freunde dazu »verdonnert« über die Feiertage zu kommen. Es müssen so um die zehn sein. Damit haben wir bis Sylvester genug Leute die nachmittags da sind.»

« Und was habt ihr so vor, ich muss ja als Stationsarzt schon wissen was da läuft… »

« Herr Hausach, wir halten uns an das Programm welches wir abgesprochen hatten und als kleine Überraschung… » ich machte eine kleine Pause «… gibt es Weinbrandbohnen für die Kids! » ich versuchte so ernst wie möglich zu sein. « Bis später… ! »

Als kleine Anmerkung, Katrin, die Tochter von Herrn Hausach und Peter, zwei Freunde von mir, organisieren diese kleine Party und die Tage bis Sylvester. Peters kleiner Bruder musste über Ostern im Krankenhaus bleiben damals sah Peter, das es seinem Bruder nicht sonderlich gut dabei ging. Daher reifte die Idee, mit ein paar Freunden zu Weihnachten diese Party auf der Station zu veranstalten. Das mit den Pralinen war gelogen, da wir als Überraschung einen Film »Ein Weihnachtsgeschichte« mit den Muppits zeigen wollten, aber wenn Katrin ihren Paps das nicht gesagt hatte dann musste Doc. Hausach es auch nicht von mir erfahren. Dafür hatten wir aber mit den Pflegerinnen und Pflegern gesprochen und die fanden es OK. Meine Aufgabe bestand darin, bei der Stiftung anzufragen, ob diese nicht einen Videorecorder und ein Grossbildschirmfernseher zur Verfügung stellten können. Heute sollen die Geräte aufgestellt und erst im neuen Jahr wieder abgeholt werden, so dass wir auch noch ein paar Filme mehr organisiert haben.

Ich stieg aus dem Bus und ging noch die paar Meter zum Jugendcafé, wieder an dem Park vorbei und wieder sah ich den Schneemann. Irgendetwas hatte sich verändert und ich brauchte etwas Zeit um zu sehen, dass das Lachen aus dem Schneegesicht verschwunden war. Ich wurde traurig und fragte mich wer das getan hatte! Dieser Gedanke liest mich nicht los und ich ging weiter.

Ich deaktivierte die Alarmanlage, schloss die Tür auf und ging ins Café. Offiziell hatten wir heute ‘Geschlossen’ also schloss ich die Tür hinter mir wieder ab, wenn jemand etwas wollte gab es ja noch die Klingel. Dann machte ich erst einmal Licht und marschierte ins Bureau, dort angekommen, drehte ich die Heizung etwas höher und setzte noch Wasser für einen Tee an. Dann ging ich zum Schreibtisch, wo mein Blick auf die Rotblinkende Leuchte des AB’s fiel. Ich drückte den Knopf und lauschte den Ansagen. Neben den normalen ‘Aufgelegt Klicks’ kamen ein paar Unfreundliche, wie ‘Arschficker’, ‘Schwuchteln’ et cetera. Das sind immer so die Momente, wo ich immer dachte, das wir doch in einer ‘toleranten’ Gesellschaft leben – weit gefehlt! )c:

Ich ging zum Wasserkocher hinüber und schüttete das heiße Wasser in die Teekanne. Der Duft von Zimt und Nelken lag im Raum, ich stellte die Teekanne auf das Stövchen, der AB war mittlerweile auch fertig und schwieg wieder vor sich hin. Ich ging in den angrenzenden Raum wo ich langsam begann aufzuräumen, putze hier und wischte da und immer wieder ging ich ins Bureau um eine Tasse Tee zu trinken. Dann räumte ich die Spülmaschine ein und wurde gegen elf, durch das Telefon dabei unterbrochen.

« Thomas, Hallo! »

« Hi Tommi, » sprach Katrin.

« Hi, Katy was kann ich für dich tun? »

« Ich sollte doch Bescheid sagen, wenn die Anlage geliefert wird… »

« Ja, und ich warte… » grinste ich in den Hörer.

« Bescheid! » hörte ich da auch schon.

« Sage mal Thomas, hast Du schon von Christian gehört? »

« Jo, Michael hat mich heute Morgen angerufen, so wie es aussieht angebrochen meinte er. »

« Nein, Christian hat sich den Knöchel verstaucht und ein Band gedehnt, er hat nur einen festen Verband bekommen, sollte nach den Feiertagen aber noch mal kommen. »

« Hey woher weißt Du das? » fragte ich neugierig.

« Habe ihn vorhin getroffen, als er und Michael das Hospital verlassen haben. »

« Dann bin ich ja beruhigt. »

« Wann kommst du? »

« Wenn alles gut geht, bin ich so um 16H00 bei Euch, ihr wollt erst den Film zeigen richtig ? »

« Yepp! » schallte es mir entgegen.

« O.K. dann sehen wir uns heut Nachmittag. »

« C.U. » schallte es aus dem Hörer und legte auf, nahm meine Tasse und ging wieder zurück.

Hinter dem Tresen fand ich noch eine Dose mit selbst gemachten Keksen, also griff ich zu. Schließlich hatte ich schon einiges getan, am Eingang standen zwei Müllsäcke, die nur darauf warteten entsorgt zu werden und die Spülmaschine summte leise vor sich hin. Nach den dritten Plätzen raffte ich mich auf den Müll weg zu bringen, ich schloss die Tür auf, schnappte mir die Säcke und ging mit ihnen um das halbe Haus zu den Containern. Gut gelaunt wie ich war bewunderte ich die Spuren im frischen Schnee, hatte unsere Nachbarin mal wieder ihren Müll bei uns gelassen, was soll’s. Ich hievte die Säcke in den Container und machte mich auf den Weg zurück ins Warme.

« Hmm ? Das sind doch nicht die Fußabdrücke von Frau Mainbach. »

Ich stellte Probeweise meinen Fuß in den Abdruck und er war noch etwas größer. Sicherlich hat die gute Seele eine lose Gosche, aber nie und nimmer Schuhgröße 43! Ich drehte mich wieder zu den Tonnen und sah, dass die Spur daran vorbeiging, ich folgte ihnen bis zu unserem Pavillon im Garten, schaute hinein und sah dass hier jemand genächtigt hatte. Ich zog die Schultern hoch, wenn hier jemand übernachten wollte war es seine Entscheidung, aber bei den Temperaturen sicherlich keine Freude. Ich beschloss mal im Haus nach einer alten Decke ausschaue zu halten und dem ‘Gast’ hinzulegen.

Kopfschüttelnd ging ich wieder ins Haus zurück und schloss die Tür.

« O.K. dann schaue ich oben schnell mal nach, ob ich noch brauchbare Exemplare finde. »

Gerade als ich die erste Stufe betrat, hörte ich das Telefon läuten, ich drehte mich um und ging ins Bureau.

« Hallo hier ist Thomas vom Jugendcafé! »

Ich lausche doch ich hörte nichts außer jemand leise atmen, ich legte daher auch nicht gleich auf. Ich sprach einfach mal drauf los frei nach dem Motto ‘Mal-schauen-was-dann-passiert’, es schien ja ein Grund zu haben, warum hier einer Anruft, obwohl in der Presse gestanden ist, dass das Haus über die Feiertage geschlossen bleibt. Keine Reaktion, auch nicht als ich schon zwei Minuten mehr oder weniger Gesprochen hatte.

« Ist es eigentlich nicht sehr kalt in so einer Zelle? » meinte ich lapidar.

« Hm, ja …. hier ist es schon sehr Kalt Thomas, aber… » hörte ich eine Stimme, die den Satz unvollendet ließ, daher versuchte ich es wieder.

« Ich freue mich, das Du dich meldest. » tastete ich mich langsam vor, « da ich nicht deinen Namen kenne, möchte ich dich einfach Miky nennen, bist Du einverstanden? »

« Ja, … »

« Danke Miky für dein Vertrauen. Da es dir ja Kalt ist, kannst Du auch ruhig zu mir ins Jugendcafé kommen. Ich bin heute alleine hier und Du kannst Dich, wenn Du möchtest auch aufwärmen… »

« Ich habe gelesen das Jugendcafé sei geschlossen, warum bist du dann da? »

« Hm, wir hatten gestern Abend eine kleine Weihnachtsfeier und ich habe versprochen, mit Christian – ein Freund – zusammen noch etwas aufzuräumen, … »

« Dann seid ihr zu zweit? »

« Nein, ich bin alleine, Christian hat sich heute Nacht am Fuß verletzt und hat mir mitgeteilt, das er nicht kommen kann »

« Thomas, ? »

« Ja ? »

« Bist du der mit dem bunten Schal? »

« Ja, ein Geschenk… » wieder unterbrach mich Miky mit einer Frage die ich jetzt nicht erwartet hatte.

« Thomas, bist Du schwul? » was sollte ich jetzt sagen, okay, offene Frage offene Antwort…

« Ja, Miky ich bin schwul, hast Du ein Problem damit? Warum möchtest Du das wissen? »

« … Hm, ich… »

« Miky, ich denke es ist einfach billiger für dich zu mir ins Jugendcafé zu kommen. Hier ist es warm und wir können uns auch hier unterhalten… »

‘Klick’, Miky hat aufgelegt. Ich legte auf, was sollte ich jetzt machen. Habe ich zuviel verlangt? War ich zu aufdringlich? Glaubt Miky, dass ich die Situation hier ausnutzen wollte? Fragen und keine Antworten.

Langsam ging ich wieder in den Nebenraum, mit meiner Tasse Tee in der Hand haltend, schaute ich mich um. Jetzt musste ich nur noch die Tische abwischen die Stühle hochstellen und den Boden fegen, dann war es wohl auch spät genug um mich um mein leibliches Wohl zu kümmern bevor ich ins Krankenhaus fuhr. Ich machte mich daran mit einem Lappen über die Tische zu wischen um im Anschluss die Stühle darauf zustellen.

« Du bist Thomas? » hörte ich eine Stimme sagen, ich drehte mich um, konnte aber niemanden ausmachen. Dann polterte der Stuhl, den ich vor Schreck habe fallen lassen, mit lautem Getöns auf den Boden.

« Sch…, ja, der bin ich und wer bist Du? Und wie kommst Du hier herein, habe ich vergessen die Tür abzuschließen? » frage ich in den Raum hinein.

Sehen konnte ich ihn noch immer nicht und dass die Tür abgeschlossen war, wusste ich sicher.

« Nein, die Tür ist zu. Ich bin herein als du eben draußen warst und bin dann die Treppe rauf! »

Ich sah zur Treppe und in dem Augenblick kam eine Person die Treppe hinunter. Als er den Schatten verließ, sah ich ihn das erste Mal richtig. Und ich müsste lügen, wenn dieser Junge kein positiven Eindruck bei mir hinterlassen hatte *g*. Er war etwas größer als ich, hatte dunkelblondes Haar, welche an einigen Stellen mit Strähnchen aufgehellt war. Er wirkte sportlich soweit ich es feststellen konnte, denn er trug einen weiten Pulli, der etwas Schmutzig wirkte. Sein Gesicht war bleich und er sah mich aus tief liegenden rehbraunen Augen an. Seine Nase war schlank aber wirkte nicht groß und die Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Er stellte sich vor mir und reichte mir die Hand, dabei sagte er etwas, doch ich hörte ihn nicht. Ich sah nur, dass seine Mundwinkel leicht in die Höhe gingen und sich eine Reihe weißer Zähne entblößten

« Thomas ? »

« Ja? » sprach meine Stimme mechanisch und mein Mund bewegte sich irgendwie dazu.

« Es tut mir Leid, wenn ich dich erschreckt haben sollte, es war nicht meine Absicht… »

Langsam erwachte ich wieder und dann fiel es mir wieder ein, die Erinnerung erreichte mein Bewusstsein und ich realisierte, dass ich ihn einfach angestarrt hatte. Rein naturgemäß lief ich Strauchtomatenrot im Gesicht an und dann war ja noch seine Entschuldigung. Dass ich mich erschrocken hatte konnte ich ja wohl kaum leugnen, der Krach war ja nicht zu überhören.

« Danke, aber frei nach meinem Großvater, hält jeder Schreck jung und er musste es ja wissen… » schmunzelte ich zurück. « Bist Du der Junge, der vorhin angerufen hat? »

« Ja, der bin ich… »

« Da ich dich auf einen Tee eingeladen habe, gehe doch einfach ins Bureau und nimm dir eine Tasse, ich stelle noch die paar Stühle hoch und komme nach! »

« Hm, kann ich dir auch helfen? »

« Wenn Du möchtest, kannst Du die Stühle hochstellen und ich fange an zu Fegen. »

« Jo, mach ich. »

Ich ging zurück hinter den Tresen holte den Besen und begann damit herum zu fuchteln.

« Miky… »

« Anscheinend hast Du ein Problem mit deinen Ohren, » hörte ich seine warme Stimme, « du kannst mich auch bei meinem richtigen Namen nennen, ich heiße Hans! »

Ich denke es war wieder eine gute Zeit, Tomaten erbleichen zu lassen *g*.

« Okay ! Hans du hast mich erwischt, aber ich wollte dich fragen, woher Du das mit dem Schal weiß. Ich habe ihn heute nicht mit! »

« Du hast ihn gestern Abend getragen, als Du an dem Park entlang geschlendert bist. … »

« Aber ich habe dich gar nicht gesehen! »

« Ich stand fast neben dir, hinter einem Gebüsch, doch selbst wenn ich vor dir gestanden bin, Du hättest mich nicht gesehen. Du hast meinen Schneemann bewundert und standest im Lichtkegel der Straßenlaterne… »

Hans machte eine kleine Pause bevor er weiter sprach.

« Ich dachte zuerst, dass Du über den Zaun klettern würdest, doch dann sah ich die Traurigkeit in deinem Gesicht und dann bist du weiter gegangen. »

« Hast Du den Schneemann gebaut? »

« Ja. Und als ich dich habe weggehen sehen, hatte ich auch keine Lust mehr. Mein Handeln schien mir danach so Sinnlos… ich änderte noch das Gesicht… »

Mittlerweile hatte Hans die Stühle alle hochgestellt und ich war mit fegen fertig. Wir gingen ins Bureau, wo es doch wärmer war als in dem Café selbst.

« Sage einmal Hans, magst Du überhaupt Weihnachtstee oder möchtest Du einen Kaffee haben? »

« Tee ist schon recht. »

« Okay. »

Ich ging noch einmal hinter den Tresen und holte die Keksdose, schenkte eine weitere Tasse Tee ein und gab sie ihm. Die Dose stellte ich auf den Tisch einer kleinen Sitzecke ab und deutete ihm sich einfach zu setzten.

« Also noch einmal, um an das Thema anzuknüpfen, ich bin Schwul und ich glaube nicht, das Du damit ein Problem hast? »

« Thomas, wie merkt man eigentlich, das man schwul ist ? »

« Hm, ich merkte, so im Alter von 15, das ich irgendwie »anders« war als meine Klassenkameraden. Die prahlte wie toll sie das eine oder andere Mädchen aus der Klasse fanden, mich interessierte das nicht so besonders. Ich fand dagegen so einige der Jungs aus meiner Klasse echt anziehend, besonders wenn wir nach dem Sport gemeinsam duschten. Ich dachte zuerst das sei nur so eine Phase, da ja auch bei den Duschorgien, die wir veranstalten so mancher eine Latte bekam. Aber so nach einem halben Jahr änderte sich das. »

Ich nahm ein Keks und schaute zu Hans hinüber, der Gedankenverloren an seinem Tee schlürfte. Nach ein paar Minuten sprach ich weiter,

« Die Jungs sprachen davon wie sie gerne mit der einen oder anderen etwas anfangen würden und wie die gerne mal »vernaschen« wollten. Ich dagegen träumte immer nur von Jungs und was ich mit ihnen alles anstellen würde. Da wusste ich sicher, dass ich mich so in Mädchen nicht verlieben konnte wie in Jungs. »

ich trank einen Schluck Tee.

« Ja, das kenne ich. »

« mir geht es im Moment genauso. Ich weiß sicher, dass ich mich in einen Jungen verlieben könnte. Mit den Girls kann ich toll reden und Scheiß machen, » hier grinste er über beide Ohren, « doch ich kann mit ihnen nichts im Bett anfangen. Ein Mädchen aus meiner Klasse hatte sich in mich verguckt zu und ich konnte ihre Gefühle nicht erwidern. Aber da alle aus meiner Klasse eine »Frau« im Arm hatten, dachte ich es wäre schon recht mit ihr etwas anzufangen. In der ersten Zeit schmusten wir wie alle anderen, doch ich fragte mich immer ob das alles ist, so ohne Gefühl. Karsten, Peter und einige anderen erzählten was sie dabei empfanden… doch ich… nein! »

Er beugte sich vor und nahm einen Keks aus der Dose, tauchte ihn in den Tee und ass ihn anschließend. Bei dieser Aktion musste ich unwillkürlich mein Gesicht verziehen.

« Ich dachte, das Gefühl kommt noch. Tja, dann kam der Tag, der schicksalsreiche Tag. Es traf mich wie der Blitz. Wir schrieben gerade einen Test, als es an der Tür klopfte und ein Schüler aus der Parallelklasse eintrat. Er fragte, ob er unseren Overheadprojektor ausleihen könne… Er bemerkte mich nicht, doch ich war von ihm fasziniert. »

Hans lächelte verträumt.

« Er sah einfach umwerfend aus, kurzes braunes Haar, dunkelbraune Augen, sein Lächelte wirkte verlegen. Nach der Stunde hörte ich verschiedene Mädchen nur von ihm Schwärmen, so auch meine Freundin. Und seit dem frage ich mich immer wieder warum ich? War ich wirklich einer von diesen »Perversen«, wie meine Clique es immer sagte? Nein, ich fühlte mich nicht so, aber mit wem sollte ich darüber reden? Ich wusste mir keinen Rat und dann sah ich diesen tollen Typ immer wieder in der Pause auf dem Schulhof, er sah so »Normal« aus… »

Ich schaute Hans an und er mich, unsere Blicke trafen sich und sie hielten sich gefangen, ich fühlte in meinem Bauch etwas kribbeln, konnte es sein, das Hans mich gefangen genommen hatte ? Bei Hans löste sich eine Träne und rann über seine Wange. Ich war drauf und dran ihn in den Arm zu nehmen… Doch traute ich mich nicht, was hätte er von mir gedacht, das ich die Situation ausnutzen wollte?

« … Also musste er ja hetero sein. » sprach er weiter, « Zwischen zeitlich stritt ich mich immer öfters mit meiner Freundin. Sie wollte mit mir ins Bett, du weist schon – poppen. »

Hans Gesicht überzog eine leichte Röte und er schaute verschämt zu Boden.

« Aber es ging nicht, ich bekam ihn einfach nicht hoch. Sie nannte mich einen Schlappschwanz und machte einfach Schluss, mir war es recht. Aber der Stress fing damit erst an, sie erzählte in der Clique und in der Klasse herum, das ich kein richtiger Mann sei und sie sich an den Traumboy aus der Parallelklasse ran machen würde. Bald erzählte sie herum, wie toll dieser doch sein würde und erst im Bett wäre er kein Versager und wüsste wie ein Mann die Frauen glücklich macht. Das saß, mein Traumtyp war also Hetero und ein absoluter Macho wie mir schien. »

Hans sah aber nicht gerade Traurig aus als er dieses sagte.

Ich konnte mir diese Situation gut vorstellen, da es mir selbst vor kurzem geschah, das ein Mädchen sich in der Schule an mich ran machen wollte. Katrin und ich besprachen das Weihnachtsprojekt, als sich so ein Girly auf mich stürzte und sich anschickte mir eindeutige Komplimente zu machen. Ich war zunächst noch recht höflich und sagte ihr dass ich kein Interesse hätte. Sie meinte noch, dass wir uns doch gar nicht richtig kennen würden. Ich sagte ihr, dass ich diesen Tatbestand auch nicht zu Ändern wünschte, Katrin stand schmunzelnd dabei. Als sie dann immer noch nicht abzog, schaltete sich Katrin ganz deutlich ein, sie legte ihren Arm um mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Dabei zwinkerte sie mir zu und sagte vernehmlich, ob wir über die Feiertage bei Ihren Eltern verbringen würden oder nicht! Ich sah das Mädchen noch rot anlaufen und sie zog ab.

« Übrigens ich weiß mittlerweile, das der Junge kein Frauenheld ist und auch kein Macho, er scheint mir sogar einen recht sympathischen Charakter zu haben. Ich habe mich da mal umgehört. Meine so genannte »Ex« hatte also alles nur erlogen und erstunken. Ich war im Grunde froh, dass sie sich von mir getrennt hatte und es fiel mir nicht weiter schwer sie zu ignorieren. Das brachte sie auf die Palme und sie schwor Rache. Vorgestern war es soweit, wir hatte Religionsunterricht nach der großen Pause, der Pauker öffnete die Tafel wo im Mittelteil in großen Lettern geschrieben stand »HANS IST SCHWUL«… Mit einem Schlag war alles Still um mich herum und schauten abwechselnd von der Tafel zu mir und zurück. Ich wollte ja mein Coming out selber bestimmen und mir nicht diktieren lassen, zumal ich mir schon Gedanken dazu gemacht hatte wem ich es sagen wollte und wem nicht. Dazu gehörte auch der Junge aus der anderen Klasse.

Unser Relipauker drehte sich um sah mich an und fragte ob dies denn wahr sei. Ich schluckte, sah dann zu der Ex hinüber, die hämisch grinste. Wandte mich dem Lehrer zu, sagte dass ich schwul sei und dazu auch stehe. Einige aus meiner Klasse nickten mir aufmunternd zu andere sahen mich erschrocken an. Der Pädagoge (Hans sprach dieses Wort mit triefender Ignoranz aus) fragte anschließend noch, ob ich denn schon deswegen in Behandlung sei, frei nach dem Motte »wehret den Anfängen«. Als ich dies Verneinte und meinte das ich dazu auch keine Veranlassung sähe, wollte er sich darum kümmern. Ich würde es ihm später danken, wenn ich wieder »Gesund« sei.’Homosexualität ist eine Krankheit und gehört wie die Pest oder Cholera behandelt und außerdem verbreiten gerade die Schwulen HIV und AIDS unter den normalen Männern und Frauen .’ waren seine Worte. Ich dachte ich hätte einen Alptraum, der Typ schien ja noch im Mittelalter zu leben… Deutlich sagte ich dem Pauker, dass ich mich völlig Gesund fühle und betonte noch einmal, das zu einer Therapie oder Behandlung keine Veranlassung gegeben sei. Er Unterbrach mich und fuhr mich an, das ich ja wohl noch zu jung sei um so etwas mit »Weitblick« zu sehen. Er wolle es meinen Eltern empfehlen, dass ich in eine psychiatrische Anstalt gehöre… Ich unterbrach ihn und untersagte es ihm ausdrücklich, sich da einzumischen… »

« Euer Pauker lebt ja richtig hinter dem Mond und dort sogar noch recht weit rechts… », war mein einziger Kommentar.

Hans lächelte zurück und ich schmolz dahin, *seufz*.

« Er hat sich nicht daran gehalten, als ich nachmittags nach Hause kam, sprach meine Mutter mich darauf an und das mein Vater noch mit mir sprechen wollte. Ich konnte mir schon denken was Sache war, wir hatten daheim nie über solche Themen wie Sexualität gesprochen und da mein Vater sehr religiös ist, hatte ich keine Lust auf dieses Gespräch. Ich packte einige Sachen zusammen und machte mich aus dem Staub, sicherlich werden sie den »Rat« meines Paukers folgen. »

Über sein Gesicht kullerten einige Tränen, nun konnte ich nicht anders, ich setzte mich neben ihn und nahm ihn einfach in den Arm. Für Hans, war es wohl ein Zeichen von Vertrauen, denn er begann heftig zu weinen. Seinen Kopf legte er auf meine Schultern und schluchzte vor sich hin, ich hielt ihn fest, es war einfach Zeit sich gehen zu lassen.

Nach einigen Minuten beruhigte sich Hans wieder. In mir bereitete sich das Gefühl aus, das es ihm nicht leicht gefallen ist, von Zuhause weg zu gehen.

« Hans, bitte verstehen mich jetzt nicht falsch…, erzähle mir doch von deiner Familie wenn Du möchtest. »

Hans schaute mich mit verquollenen Augen an, doch er nickte zustimmend.

« Wo soll ich da anfangen? »

« Einfach da wo du möchtest… » mir fiel just im Augenblick der Schneemann wieder ein, «…wieso hast Du eigentlich einen Schneemann gebaut? »

« Das hat mit einer Geschichte zu tun, die vor zwei Jahren geschah, eines Abends teilte Dad uns mitteilte, das er entlassen worden ist. Seine Firma hat einfach Konkurs angemeldet und damit war für die »Chefetage« die Sache erledigt, sie scherten sich einen Dreck um ihre Angestellten. Wir wohnten da noch in unserem eigenen Haus, doch es zog sich hin, bis mein Dad eine neue Stelle hatte, die Hypotheken mussten bezahlt werden und unsere Familie entschied sich schweren Herzens das Haus zu Verkaufen. Wir zogen in eine Mietwohnung die für uns weitaus günstiger kam. Doch Weihnachten stand vor der Tür und meine Eltern erklärten mir, das wir sparen müssten und Weihnachten etwas »kleiner« ausfallen würde als es bei uns üblich gewesen ist. Mir war es nicht so wichtig ob wir nun Daheim waren oder irgendwo im Urlaub, Hauptsache ich konnte ein paar Tage mit Dad verbringen. »

Hans schaute aus dem Fenster wo sich eine Kohlmeise an der Futterstelle was zu futtern suchte.

« Thomas, für mich war das die Zeit wo Dad für mich immer Zeit hatte und die wollte ich nicht missen. »

Ich nickte und verstand was er meinte.

« Auf jeden Fall es war ein Tag vor Heiligabend, als mein Dad abends von der Arbeit kam und sehr Traurig wirkte, er teilte mir mit, das wir nicht am nächsten Tag nicht zusammen die Weihnachtsvorbereitungen machen könnten, da es in der Buchhaltung seiner Firma Unregelmäßigkeiten gegeben habe und er am nächsten Tag zusammen mit dem Chef die ganzen Unterlagen durchgehen müsste. Ich hatte mich so darauf gefreut… auch deswegen weil es seit langem Mal wieder zu Weihnachten geschneit hatte. Dad gab mir die Liste, mit den Dingen die wir noch besorgen wollten. Ich machte mich am folgenden Tag auf die Socken und organisierte alles was uns noch fehlte, den Weihnachtsbaum, den Schmuck und alles was dazu gehört. Für meine Mutter hatte ich im Antiquariat einer Buchhandlung ein Buch gefunden, welches sie schon lange suchte. Dad bekam von mir eine sehr schöne goldene Krawattennadel, ich hatte mir das ganze Jahr von meinem Taschengeld etwas beiseite gelegt um diese Kaufen zu können. Abends wollten mein Dad und ich gemeinsam den Weihnachtsbaum aufstellen und dekorieren, ich wartete und wartete, Dad kam nicht. »

Ich spürte wie Hans begann zu zittern und zu frösteln. Ich schenkte ihm noch Tee nach.

« Erst sehr spät in der Nacht hörte ich ihn kommen, ich stand auf und ging auf ihn zu. In seinem Gesicht sah ich die Anstrengungen und die Müdigkeit des Tages und es schien mir, dass er nur noch ins Bett wollte und schlafen. Ich nahm meine Jacke und ging nach draußen in den Schnee, ich fühlte mich so als ob mein Vater mich verraten hatte… »

Ich fühlte was er meinte. Als meine Eltern mich rausgeworfen hatten fühlte ich mich auch von ihnen Verraten.

« Thomas, weißt Du eigentlich wie schön es sein kann nachts durch den Schnee zu gehen? »

Ich nickte ihm zu und er lehnte sich an mich. Wusste Hans was er da macht?

« Irgendwann fing ich an einen Schneemann zu bauen, mitten in der Nacht. Ich war so mit der Sache beschäftigt, dass ich nicht merkte wie mein Vater hinter mir stand. Erst als er mich ansprach, bemerkte ich ihn. Er sah mich an und ich deutet ihn einfach nichts zu sagen. Wir bauten die halbe Nacht an den Schneemann und es machte einfach Spass, dieses mit meinem Vater zu tun. Als wir fertig waren gingen wir in unsere Wohnung und ich sah, dass mein Vater den Tannenbaum aufgestellt hatte, alles lag bereit zum Schmücken und wir machten uns an unser Werk. Über soviel nächtliche Aktivität sind wir auf unserer Couch eingeschlafen, meine Mutter hatte uns wohl eine Decke gegeben und uns beiden zugedeckt. Es wurde das schönste Weihnachtsfest das wir hatten. »

Hans schaute mich fragend an und ich realisierte das ich meinen Arm um ihn gelegt hatte, so als sei er mein Freund. Ich lief rot an und machte Anstalten ihn da weg zu nehmen.

« Nein, Thomas ! … Du kannst ihn liegen lassen, es tut gut deine Nähe zu spüren… »

Also ließ ich ihn liegen.

« Hans ich verstehe nicht? »

« Was verstehst Du nicht? »

« Na so wie Du mir deinen Vater gerade beschrieben hast, liebt er Dich doch! »

« Ich bin mir da nicht mehr so sicher, er kann auch sehr konservativ sein. Zum Beispiel, müssen zu Weihnachten, Grußkarten an die Verwandtschaft verschickt werden, obwohl sich einige noch nie bei uns gemeldet haben. »

« Ist das denn nicht etwas Anderes, Hans? »

Ich schaute ihn nicht an sondern zu der Futterstelle vor dem Fenster.

« Ist das nicht ein wenig Tradition, weil es jedes Jahr gemacht wurde und vielleicht möchte dein Vater auch nicht den »Draht« zur Verwandtschaft verlieren. Mein Großvater las jedes Jahr zu Weihnachten von Charles DICKENS die Geschichte »Ein Weihnachtsmärchen«. Ich denke das war sein Zeichen sich auf das Fest einzustellen. Deswegen war er dennoch jemand dem die Familie gerade in dieser Zeit sehr wichtig gewesen ist. »

« Ich glaube ich verstehe Dich, Du denkst für meinen Vater ist das Karten schreiben ein Ritual was zur Weihnachtszeit dazugehört? »

« Genau so meine ich es, ich kann mir auch vorstellen, dass er sich Sorgen um dich macht.»

Nun schaute ich Hans direkt in die Augen und sie begannen zu glänzen, ich glaube ich habe ihm da wieder etwas Hoffnung gegeben… und ich mich in ihn verliebt.

« Wenn Du möchtest kannst Du ihn anrufen, ich bin ja hier! » sprach ich leise zu ihm.

Doch in diesem Moment klingelte das Telefon wieder, ich schaute zu Hans rüber der mir zunickte.

« Thomas ! »

« Hi Tommi, wir haben Schwierigkeiten im Krankenhaus, könntest Du kommen und uns helfen? »

« Ich bin noch beschäftigt, hier. Was sind denn das für Probleme? »

Ich wollte Peter nicht auf dumme Gedanken bringen.

« Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen du wärest mit deinem Freund zusammen…. » zu früh gefreut und prompt wurde ich Rot.

« Hey Peterle, das ist unfair! »

« O.K. ich halte die Klappe. Das Problem lautet, das wir keinen Weihnachtsmann haben, der die Geschenke verteilt und Du wärest der einzige der da in das Kostüm passen würde…»

Ich drehte mich zu Hans um der mich mit großen Fragezeichen anschaute.

« Gut, ich spiele den Weihnachtsmann, aber erst um fünf, bis dahin müsst ihr euch was einfallen lassen. »

« Danke, Katrin hat da schon eine Idee. » sagte er etwas gequält.

Ich konnte es mir schon denken und musste grinsen, immer wenn Katrin sagte sie hat eine Idee, hieß das für Peter dass er etwas machen musste.

« Dann bis später, Gruß an die Anderen. »

« Mach ich! C.U. » und ich legte auf.

« Du und ein Weihnachtsmann? » hörte ich Hans hinter mir grinsen.

« Möchtest Du noch Tee, dann setzte ich noch welchen an? » gab ich ihm zur Antwort, bevor wir uns über Weihnachtsmänner unterhielten.

« Nein, danke Thomas… »

Ich vernahm ein ungewöhnliches Knurren aus meiner Bauchgegend.

« …und so wie mir scheint hast Du etwas Hunger. »

Hans traf den Nagel auf den Kopf.

« Dagegen hätte ich auch nichts einzuwenden. » grinste er mich frech an.

« Wenn Du möchtest können wir uns eine Pizza bestellen… »

« Hmm… » Hans druckste etwas herum, nachdem ich mich wieder neben ihm gesetzt hatte.

« Alternativ können wir auch zu mir… » sein Gesicht hellte sich etwas auf, « …aber ich muss dich warnen, ich bin ein schlechter Koch! »

« Dann koche ich eben. »

« Hans, bevor wir vom Thema zu weit abschweifen, möchtest Du nicht zuerst mit deinem Vater sprechen? Ich meine er hatte ja jetzt schon mehr als einen Tag sich seine Meinung dazu zu bilden. »

Glücklich sah Hans nicht aus, doch er nickte mir zu. Wieder stand ich auf, ging zum Telefon und überreichte es Hans. Ich nickte ihm aufmunternd zu. Zögerlich begann er zu wählen, es dauerte etwas…

« Hi Paps… » hörte ich ihm sagen und es klang irgendwie versöhnlich. Ab jetzt war es eine Sache zwischen Hans und seinem Vater, ich verdrückte mich still ins Café. Räumte die Spülmaschine aus und schloss meine Aufräumaktion ab. Meine Gedanken aber waren bei Hans geblieben. Einige Minuten später hörte ich eine Stimme hinter mir.

« Danke, Thomas. Du hast mir sehr geholfen. Mein Vater hat sich schon Sorgen um mich gemacht und war auch schon bei der Polizei. Er sagte mir auch, dass es für ihn keinen Unterschied macht. Ich bin Hans, sein Sohn den er liebt. »

Ich ging auf Hans zu und legte meine Arme auf seine Schultern. Hans schaute mir in die Augen und ich sah seine Leuchten.

« Da gibt es noch etwas, Thomas! »

« Ja, Hans ? »

« Dad meinte, das ich dich fragen sollte, ob Du Lust hast mit uns etwas zu essen, er lädt uns ein. »

« Ich kenne ihn nicht und habt ihr nicht noch Einiges zu besprechen? » bemerkte ich nachdenklich.

« Schon, aber ich fühle mich sicherer wenn Du dabei bist… » Hans unterbrach sich und sah verlegen auf seine Füße.

« Ich lausche… »

« … und außerdem … ich glaube… ich … » Hans tat mir richtig leid, es schien ihm schwer über die Lippen zu gehen.

« … Thomas, ich habe mich … »

Erschrocken wichen wir auseinander, die Türschelle unterbrach uns.

« Es scheint mein Dad zu sein. » Hans sah enttäuscht aus.

« Ich komme mit Euch, wenn Du noch möchtest! » ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

« Dann mache ich jetzt mal die Tür auf und lasse unseren Besuch herein. »

Kurze Zeit später betrat ein stattlicher Mann das Café und ging auf Hans zu, nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich. Ich sah einige Tränen über sein Gesicht laufen, die beiden sprachen kein Wort. Ich sah den Beiden einige Minuten zu, dann drehte sich Hans zu mir um.

« Dad, das ist Thomas, Thomas das ist mein Dad » stellte er uns vor.

« Guten Tag Herr… »

« Müller. Angenehm Thomas. Ich möchte mich bei Dir bedanken. »

« Ich habe nichts gemacht, außer einem Freund zugehört. » bei den letzten Worten lächelte Hans.

« Nein, du hast dich um Hans gekümmert als er jemanden brauchte, danke noch einmal. »

Er schaute noch einmal zu Hans.

« Wenn ihr möchtet, ich habe Hunger! »

« Dad, Thomas möchte mit, ist das OK? »

« Da wird Marianne wohl noch ein Gedeck mehr auflegen. »

« Gut, dann hole ich noch meine Sachen von oben. »

Ich schaute zu Hans hinüber und dann fiel mir ja ein, dass ich noch eine Decke holen wollte.

« Ich komme mit, ich bräuchte da noch eine Decke für den Pavillon. »

« Wozu ? »

« Na, da hat letzte Nacht jemand drin genächtigt und bei den Temperaturen sicherlich kein Vergnügen. »

« Nicht Nötig, » Hans wurde leicht rot, « ich war das! »

« Vielleicht kommt ja heute ein anderer »Gast«… »

Ein paar Minuten später, schloss ich die Tür des Jugendcafé wieder ab und aktivierte die Alarmanlage, derweil beförderte Hans seine Sachen, eine Sporttasche und ein unförmigen Koffer ins Auto seines Vaters. Herr Müller fuhr souverän durch den Weihnachtsverkehr unserer Stadt und es dauerte auch nicht lange, als er meinte, dass wir schon da seien. Wir standen vor einem älteren Mietshaus in einer ruhigen Gegend.

« So, hier wohnen wir, Thomas! »

« Hans geh doch bitte vor und zeige Thomas den Weg, ich parke das Auto schnell noch und komme dann nach. Hans nahm seine Sporttasche aus dem Kofferraum und wir gingen los. Die Wohnung war gemütlich eingerichtet, für meinen Geschmack etwas zu ‘konservativ’ und ich konnte mir schon denken, warum Hans das Gespräch mit seinem Vater vermeiden wollte.

« Bist Du es Christopher? » hörte ich eine Stimme aus den hinteren Räumen.

« Nein, Mum. Ich bin es Hans! »

In dem Augenblick wo Hans das sagte, schoss schon eine Frau in den Flur. Sie war um die 45 und einen Kopf kleiner als ich. Sie stürmte auf Hans zu und umarmte ihn, von mir nahm sie zunächst keine Notiz.

« Hans ! Was machst Du denn für Sachen, wir haben uns Sorgen um dich gemacht » und ihr liefen einige Tränen über die Wange.

« Mum, darf ich dir Thomas vorstellen, Thomas das ist meine Mutter, Marianne »

« Guten Tag Frau Müller. »

« Hallo Thomas, ich hoffe Hans hat ihnen keine Umstände bereitet? » Ich grinste Hans zu.

« Nicht im geringsten. »

« Dann kommen Sie doch in die gute Stube. Hans nimmst du bitte die Garderobe und hängst sie auf. »

« Ja, Mum. Darf ich deine Jacke haben Thomas? »

Ich gab ihm das Gewünschte und folgte ins Wohnzimmer.

« Setzen Sie sich doch Thomas. » forderte mich Frau Müller auf und ich nahm auf der Couch platz, Frau und Herr Müller setzten sich jeweils in einen Sessel und Hans neben mir. Ich sah mich zunächst im Zimmer um, dort standen in einer Ecke, zu meiner Verwunderung ein ungeschmückter Baum, ansonsten eine rustikale Einrichtung.

« Es mag dich wundern, das der Baum noch nicht dekoriert ist. Aber seit Hans auf der Welt ist, haben wir jedes Jahr zusammen den Baum geschmückt. Mit zwei Jahren, hat Hans zum ersten Mal einen Strohstern daran gehängt und für mich fehlt etwas, wenn Hans diesen einen Stern nicht selber daran hängt. » sprach Herr Müller an meine Adresse.

« Ja, und jedes Jahr kam etwas Neues hinzu, nicht nur materielles. Vor zwei Jahren zum Beispiel, haben mein Mann und Hans die ganze Nacht den Baum geschmückt und sind darüber auf der Couch eingeschlafen, da habe ich, als ich sie Morgens entdeckt habe nur zugedeckt… » fügte Frau Müller hinzu.

Ich sah zu Hans hinüber der mir zulächelte und ich nickte.

« Ja, Hans hat mir die Geschichte erzählt. »

« Er hat Dir alles erzählt? » frage Herr Müller.

« Ja, hat er und ich habe darauf hin gesagt, dass er sie anrufen könnte, denn ich glaube dass sie ihren Sohn lieben, »

Ich mag normalerweise keine rhetorischen Fragen, doch manchmal ließen sie sich nicht vermeiden.

« Und dann wären wir auch schon beim Thema, ich gehe nicht davon aus… »

« Warte Thomas, » unterbrach mich Hans,

« Dad, Mum, ich wollte es Euch beiden lieber selbst sagen, als das ihr es über Herrn Nauheimer erfahrt. Doch es scheint anders gelaufen zu sein. Ja, ich bin Schwul und … »

Hans schaute zu mir hinüber und lächelte.

« …ich mag Jungs. Als ich vorgestern von dir – Mum – erfuhr, das ein Lehrer angerufen hatte und du sagtest, das Dad noch mit mir sprechen wollte, ich hatte Angst… »

Herr Müller nickte und Frau Müller zuckte beim Wort ‘Schwul’ etwas zusammen, doch schienen sie beide etwas zu schmunzeln.

« Also Hans, ich gebe es zu, wir waren nicht sehr feinfühlig, was deine Gefühle angeht und ich denke das wir uns beide bei Dir entschuldigen müssen. Die Sache ist etwas anders gelaufen als Du es verstanden hast. Ja, ich wollte mit Dir über dein Schwul sein sprechen, ich möchte dir nämlich sagen, das Du deswegen für mich kein anderer Mensch bist. Wir lieben Dich, Hans und wenn Du mit einem Jungen glücklich wirst, why not? »

Herr Müller war also nicht so konservativ wie ich zunächst glaubte.

« Für Herrn Nauheimer ging die Sache etwas anders aus. Er hatte hier angerufen und deiner Mutter gesagt, was in der Schule vorgefallen ist und er hat sogar davon gesprochen, dass wir dich in eine Anstalt für psychisch Kranke einweisen sollten. Marianne, war zu perplex etwas dazu zu sagen. Also rief sie mich an und gab mir das Gespräch wieder. Meine erste Reaktion kostete mir meinen Bleistift, den ich zerbrach, anschließend ging ich zu meinem Chef und fragte, ob ich früher gehen könne, er willigte ein. Ich rief Fritz, deinen Direktor als nächstes an, um mit ihm einen Termin in der Schule zu vereinbaren. Schließlich haben wir gemeinsam lange genug die Schulbank gedrückt. Ich schilderte ihm den Vorfall und er zitierte Herrn Nauheimer zu sich. Das Ende vom Lied, Herr Nauheimer ist bis zu den Zeugnissen vom Dienst Beurlaubt, alles Weitere wird eine gemeinsame Konferenz im Januar beschließen. »

« Und was wird dann? » fragte Hans resignierend.

« Ich denke, » meinte Frau Müller, « ich denke, Herr Nauheimer wird vom Dienst suspendiert. »

« Bitte ? »

« Na ja, wir haben dich ja gestern gesucht und überall angerufen wo du hättest sein können, dabei habe ich erfahren, das viele Eltern genauso denken wie wir und da die Konferenz im Beisein des Elternrates ist, wird es schwer werden. Herrn Nauheimer nicht zu suspendieren.»

Irgendwo in der Wohnung hörte ich den Westminster – Uhrenschlag zur vollen Stunde.

« Marianne… » sprach Herr Müller, « …Marianne ich habe Hunger… »

« Ach, der Tisch ist in der Küche schon gedeckt, wir müssen uns nur noch da hin setzten und Thomas, sie bleiben doch zum Essen? »

Ich schaute zu Hans hinüber, der mich mit erwartungsvollem Blick ansah.

« Hans hat mich eingeladen, und wenn ich ihnen nicht zur Last falle! »

« Nein, nicht im Geringsten. Also kommt. »

Nun sah ich auch die Küche der Müllers, gegenüber dem rustikalen Wohnzimmer, war hier alles recht funktionell eingerichtet. Es wirkte so, als ob das Familienleben in der Küche stattfand, wie bei mir – damals. Hans setzte sich neben mich und Frau Müller trug auf.

« Thomas was machen sie so? » wollte Herr Müller wissen.

« Ich gehe auf das örtliche Gymnasium und hoffe im kommenden Jahr mein Abitur zu machen. »

« Dann gehen sie ja auf die gleiche Schule wie Hans! » stellte Frau Müller fest.

Ich schaute zu Hans hinüber, ging er auf die gleiche Schule wie ich, wieso ist er mir nie aufgefallen?

« Und in ihrer Freizeit, was machen sie da? » unterbrach Herr Müller meine Gedanken.

« Neben den verschiedenen sportlichen Aktivitäten, gehe ich dreimal in der Woche zum Jugendcafé in die Goethe Allee, wo ich auch eine Coming Out Gruppe, mit einem Freund begleite. »

« Sind sie auch Homosexuell. » wollte nun Frau Müller wissen.

« Yepp ! »

« Und gibt es da schon jemanden…? » schob Hans dazwischen.

Ich schaute ihn an. Erst jetzt bemerkte Hans was er da wissen wollte, sein Gesicht nahm eine gesunde Farbe an und er schaute verlegen drein.

« Ja, da gibt es jemanden! » lautete meine Antwort.

Hans hatte Schwierigkeiten seine Enttäuschung zu verbergen, ich glaubte sogar eine Träne zu sehen, daher schob ich nach, das es aber noch nichts Festes ist. Wie sollte ich es denn wissen, ob Hans mich haben wollte. Das im Café vorhin, konnte ja alles und gar nichts gewesen sein.

« Und was machen sie heute noch Thomas, fahren sie zu Ihren Eltern? »

So nett die Müllers auch sein mögen, doch dieses ist meine persönliche Sache. Um nicht schwindeln zu müssen überging ich das Thema Eltern und setzte fort, dass ich heute noch einmal einen Weihnachtsmann im Krankenhaus spielen müsste.

« Haben sie denn etwas mit dieser Weihnachtsfeier für die Kinderstation zu tun? »

« Ja, zwei Freunde von mir organisieren diese Feier für die Kinder, wir zeigen zuerst ein Video anschließend gibt es kleinen Geschenke für die kleinen Patienten. Da heute Morgen unser Weihnachtsmann abgesagt hat, werde ich ihn spielen. »

Ich sah mich schon mit Kissen, vor dem Bauch und im Rücken ausgestattet das rote – weiße Kostüm tragen. Und ich wollte noch nach Benny schauen, einen Patienten den ich bei Doc Hausach kennengelernt hatte, ihm ging es in den letzen Tagen gar nicht so gut…

« Und wann müssen sie da sein? » Ich schaute auf die Küchenuhr und erschrak, ich hatte völlig die Zeit vergessen.

« In 30 Minuten sollte ich da sein. Da werde ich mich beeilen müssen. Das Hospital liegt am anderen Ende der Stadt. »

Ich schaute zu Hans, Hans zu mir um anschießend seinem Vater einen Blick zu zuwerfen.

« Wenn Du noch zehn Minuten warten kannst, kann Hans dich auch hinfahren. Mit dem Auto ist es gerade eine Viertelstunde! Hans wolltest Du dich nicht noch frisch machen? »

« Und der Baum, Paps ? »

« Ich glaube es wird Zeit mit einigen Sitten zu brechen, …» dabei zwinkert Herr Müller Hans zu, «… um den kümmern wir uns. Den Strohstern heben wir auf! Akzeptiert? »

Wenn eine Umarmung Zustimmung sein kann, dann hat Hans gerade sehr laut ‘JA’ gerufen. Kaum zehn Minuten später saß ich neben Hans, im Auto seines Vaters. Wie auch sein Vater fuhr er den Wagen recht zügig durch den Verkehr. Ich dachte gerade noch an die letzten Worte von Frau Müller, bevor sie die Wohnungstür schloss.

»Christopher, Thomas als Schwiegersohn wäre doch nett, oder? «

Ich weiß nicht ob Hans es auch gehört hatte, doch mir wurde es etwas warm im Gesicht.

« Übrigens Thomas, wir können uns etwas Zeit lassen. Die Küchen zeigt die westfälische Zeit an. »

« Hä ? Westfälische Zeit ? »

« Ja, Mum ist in Münster in Westfalen geboren und bei meinen Grosseltern ging die Küchenuhr immer eine viertel Stunde vor. Opa sagten mir, dass seine Tochter früher immer trödelte, als sie zur Schule ging und kurzerhand stellte meine Oma die Küchenuhr eine Viertelstunde vor, das half. Mum kam nie zu spät zur Schule oder Uni. »

« Gute Idee, sollte ich bei mir auch mal machen. » grinste ich Hans an.

« Du ich wusste gar nicht, dass Du schon den Führerschein hast! »

« Hab ich auch nicht! » kam es wie selbstverständlich vom Fahrersitz.

« Ich werde im Februar erst achtzehn… »

« Und dein Vater lässt dich einfach so fahren? »

« Ja, meine Fahrprüfung habe ich vor drei Wochen gehabt. Seitdem fahren Paps und ich regelmäßig zusammen raus. Er brachte mir so ein paar Kniffe bei, die ich in der Fahrschule nicht gelernt habe, besonders das bei Schnee und Eis fahren. Er meinte dass ich erstaunlich sicher fahre und hat darum auch keine Bedenken. Er hat mir sogar eine schriftliche Erlaubnis gegeben. So da wären wir, kann ich noch mit hoch oder störe ich nur? »

« Komm ruhig mit hoch, je mehr desto besser Hans. »

Hans parkte den Wagen und wir stiegen aus. Mit Hans im Schlepptau, betrat ich die Kinderstation und ging zum Schwesternzimmer, dort saß die Oberschwester und begrüßte mich mit einem freundlichen Schmunzeln im Gesicht.

« Na, noch jemanden mitgebracht Thomas? »

« Ja ! Antje, das ist Hans, Hans das ist Schwester Antje, ihres Zeichen Stationsgouvernante. »

« Hallo Hans, hör nicht auf das was Thomas sagt… » dabei schüttelte Antje Hans ihre Hand, « er untertreibt ich bin der Stationsdrache! »

« So da nun die Höflichkeiten vorbei sind, Antje wie läuft es? » mischte ich dazwischen.

« Die Kiddies sitzen im Gemeinschaftsraum und schauen den Film, war übrigens eine gute Idee von dir. Den Baum haben sie heute Morgen geschmückt, sieht etwas eigenwillig aus aber hübsch anzusehen. Für den Weihnachtsmann haben sie dann noch einige Bilder gemalt. »

« Thomas, kannst Du gleich mal zu Benny gehen? »

« Warum, geht es ihm nicht gut? »

« Nein, er hatte einen Rückfall in der vergangenen Nacht. »

« Gut ich gehe zu ihm, aber sage einmal, kann er nicht Gemeinschaftszimmer… »

Antje schüttelte mit dem Kopf und ich nickte ihr wissend zu. Benny war Dauerpatienten auf der Station, er hat Leukämie im letzten Stadium. Seine Eltern waren rund um die Uhr anwesend oder erreichbar.

« Umgekehrt, können wir bei Benny im Zimmer? »

« Leider, nein. Felix hat es diesmal ausdrücklich untersagen müssen. Wir haben vorhin seine Eltern angerufen. Sie sollten heute bei ihm sein. Es könnte sein, das… »

Ich musste sehr schwer Schlucken, wusste ich was Antje damit sagen wollte. Nach einigen Minuten fragte ich sie, was er sich denn wünschte.

« Ich glaube das können wir ihm nicht erfüllen, er wünscht sich das ihm jemand das Lied »I’ll be home for Christmas” vorspielt. Ich habe schon alle verrückt gemacht aber nichts… »

« Sch… der kleine hat wirklich Pech. »

Ich wusste nicht mehr wohin mit meiner Wut und Hilflosigkeit.

« Hans, ich glaube es ist besser wenn Du bei Antje bleibst. »

« Schon gut. »

Ich ging den Flur entlang durch die Glastür, welche mit bunten Wintermotiven beklebt war. Seit Herr Hausach Stationsarzt war hatte sich wohl einiges Verändert. Da waren jetzt zum Beispiel Klemmbretter an der Wand wo jedes Kind seine Kunstwerke anhängen konnte, die es zu Papier brachte. Die Scheiben der Türen waren ebenfalls immer irgendwie Bunt und selbst die Krankenhauskleidung der Pflegerinnen und Pfleger war mit verschiedenfarbigen Motiven bedruckt. Ich schnappte mir einen dieser Kittel für Besucher dann klopfte ich an Bennys Zimmertür.

« Herein! » hörte ich seine helle Kinderstimme.

« Hallo Benny ! »

« Hi Tommi, was machst Du denn hier? »

« Kleine und große Wichtelmänner besuchen, was sonst. » grinste ich zurück.

« Schön das Du da bist Thomas! Schau mal her… das habe ich für Dich gemacht, großer Wichtel! » Benny hielt ein Bild hoch auf dem er ein weihnachtliches Wohnzimmer gemalt hatte.

« Glaubst Du Tommi, der Weihnachtsmann kann mich nach Hause bringen? »

« Ich weiß es nicht mein kleiner Wichtelmann, da musst Du ihn selber fragen! » Ich weiß, keine gescheite Antwort.

« Ich glaube nicht, dass der Nikolaus das kann! » klang seine traurige Stimme. « Ich habe doch diesen Rückfall gehabt, Doc Felix sagte mir, dass ich heute nicht mit den anderen Kindern spielen darf. »

Er brach ab und einige Tränen kullerten ihm übers Gesicht.

« Thomas, wache ich morgen noch einmal auf? »

Ich konnte nicht mehr, meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich ging auf Benny zu und strich ihm über seinen kahlen Kopf.

« Ich hoffe doch, wen sollte ich denn sonst morgen hier besuchen, mein kleiner Wichtelmann? Aber was wünschst Du dir denn vom Weihnachtsmann, Benny? »

« Ich wünsche mir, das ich nach Hause kann, aber weil das nicht geht, Wünsche ich mir das mir jemand »I’ll be home for Christmas« vorspielt. Glaubst Du das kriegt der Nikolaus hin?»

« Ich denke schon, Benny. »

« Thomas, bitte sein nicht böse, aber ich bin müde. Weckst Du mich wenn der Nikolaus kommt? »

« Versprochen! Kleiner Wichtelmann und träume was Schönes. »

Benny machte die Augen zu und ich sah seine Brust sich regelmäßig heben und senken. Ein paar Minuten später traten seine Eltern ein. Wir begrüßten uns leise und dann verließ ich das Zimmer. Im Schwesternzimmer angekommen, meinte Antje dass es wohl Zeit sei das Kostüm anzuziehen. Ich nickte ihr stumm zu, sie stand auf und umarmte mich. Ich heulte drauf los.

« Thomas, bitte. »

« Was hat Felix gesagt? »

« Heute Nacht, spätestens… Benny hat genug gelitten. »

Stumm nickte ich ihr zu, ein Kloß saß mir im Hals. Ich schaute mich nach Hans um, doch er war nicht da.

« Ist Hans schon gegangen? »

« Er wollte noch einmal weg, er sagte er habe da eine Idee, wie wir Benny doch noch das Weihnachtsgeschenk machen können. Er ist übrigens sehr nett. Thomas, ist er dein Freund?»

Jetzt war wieder ein Guter Zeitpunkt das Leben etwas Roter zu gestalten. Antje wusste das ich Schwul bin aber nicht das Hans auch so empfindet.

« Antje, bitte behalte es für Dich. Ich weiß es nicht, doch ich würde es mir sehr wünschen! Ich glaube,… ich habe mich in Hans verliebt. »

« Da bist Du nicht der einzige, der sich hier verliebt hat. So wie er dich angeschaut hat… außerdem wollte er wissen was Du mit Benny zu tun hast. Ich sagte ihm, das Du für ihn wie ein großer Bruder bist. Hey, geht das in Ordnung? Ich habe ihm auch erzählt unter welchen Umständen ihr euch kennengelernt habt, als Du ihn da auf der Strasse bewusstlos liegend gefunden hast… »

Oberschwester Antje gab mir einen Schubs und ging in den Nebenraum….

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