No one else – 1. Türchen

Innerlich fluchte ich. Hätte ich mich doch bloß wärmer angezogen. Kalt blies mir der Wind ins Gesicht. Warum war ich nur auf die verrückte Idee gekommen, ihn zu sehen? Er nahm mich doch eh nicht wahr.

Der Schneefall wurde dichter und der schwarze Teer, der mir sonst entgegen prangte, begann weiß zu werden. Die Leute, die vor mir gingen, hinterließen ihre Spuren. Ich dachte zurück an den Sommer, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Ein kleines Lächeln überzog mein Gesicht, was aber die nächste Windböe schnell wieder verschwinden ließ. Ich dachte echt darüber nach, ob ich nicht umkehren sollte. Aber jetzt war ich schon so weit gegangen, die paar Meter würde ich auch noch schaffen.

Das Museum kam in Sicht, davor eine große Menschenmasse. Klar wollten alle seine Bilder sehen, lange genug war Werbung in der Stadt gemacht worden. Seine Bilder waren auf der ganzen Welt bekannt und heiß begehrt.

Eins zu erwerben, war ein hoffnungsloser Wunschtraum meinerseits, doch die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es doch so schön. Ihm wieder zu begegnen ließ es mir warm ums Herz werden und ließ mich fast vergessen, wie schweinekalt es hier draußen war.

„Davide?“, hörte ich jemand meinen Namen rufen.

Ich drehte meinen Kopf und sah Letizia, in einem dicken langen Mantel, auf mich zu schlittern.

Was kommst du so spät, ich warte schon eine halbe Stunde“, meckerte sie mich durch ihren roten Schal an.

Letizia. Man könnte sie weitgehend meine beste Freundin nennen, ich hatte nur die eine. Klein, dürr und eine laute Stimme, wo sie war, fiel sie auf. Aber immer da, wenn ich sie brauchte.

„Wieso spät, wir hatten keine Zeit ausgemacht, ich wusste bis vorhin nicht mal genau, ob ich mir das wirklich antun soll.“

„Was? Hier in diesem Mistwetter herum zulaufen, oder… IHN wieder zu sehen?“

Ich verdrehte die Augen, sie wusste Bescheid. Sie wusste immer alles, auch wenn ich ihr nicht jede Neuigkeit mitteilte. Woher und warum, ich hatte es aufgegeben es zu heraus zu bekommen.

„Beides…“, murrte ich und sie hängte sich bei mir ein.

„Warum bist du so dünn angezogen, hast du keinen Wetterbericht gehört, oder hat ER dir die Sinne vernebelt?“

„Ich habe nicht nachgedacht…“

Das war nur die halbe Wahrheit. Natürlich hatte ich an ihn gedacht und mein Wunsch ihn wieder zusehen war stark genug, mich in dieses Mistwetter zu treiben.

„Tust du nie, mein Lieber! Ob man schon hinein kann?“

„Weiß ich nicht, aber wenn wir hier noch länger stehen bleiben, werden wir es nie erfahren, weil ich langsam festfriere.“

„Och du Armer, komm du Mimöschen“, meinte sie und zog mich hin zur Treppe, nach deren Aufstieg wir endlich das warme Museum betreten konnten.

Es war wirklich schon offen und ich wunderte mich, warum nur wenige hineingelassen wurden. So zog ich meine Brieftasche aus der Innentasche und pfriemelte umständlich einen laminierten Zettel heraus. Diesen Zettel reichte ich der Person am Eingang, die normalerweise die Eintrittskarten in Empfang nahm.

Diese Person lass den Zettel und schaute mich durchdringend an. Da ich diesen Zettel schon ein paar Mal aus Wut zerknüllt und ihn in irgendeine Ecke gefeuert hatte, sah er schon etwas mitgenommen aus.

So kam mir die Idee ihn einfach zu laminieren.

„Wie viele Personen?“, fragte er mich.

„Nur zwei!“, antwortete ich und deutete auf Letizia, die neben mir ungeduldig hippelte.

„Okay“, meinte der Herr im Anzug und reichte mir den Zettel zurück.

Er griff nach dem Karabinerhaken und zog das Sperrseil zurück. Mit einer einladenden Bewegung nach drinnen, lächelte er uns an. Meine ungeduldige Begleiterin ließ dies sich nicht zweimal sagen und schob mich regelrecht durch den großen hölzernen Türrahmen.

Wärme schlug mir entgegen und ich spürte sofort, wie meine Wangen anfing zu glühen. Hier war es wieder deutlich ruhiger. „Nur für geladene Gäste“, konnte ich auf einem Schild lesen.

„Dass ER dir diesen Zettel gegeben hat, verstehe ich bis heute nicht.“

Es war lediglich eine kleine Mitteilungsnotiz, dass der Besitzer dieses Zettels mit Begleitung, zu jeder Ausstellung oder ähnlichen Events, die mit IHM zu tun hatten, freien Zutritt verschaffte.

„Sei doch froh, so kommen wir umsonst hier herein und heute Abend scheint eh nur für geladene Gäste… kommt wohl nicht jeder hinein.“

„Das habe ich auch schon gemerkt“, hörte ich Letizia sagen, während ich mich in der Eingangshalle umsah, aber warum hast du keine Einladung bekommen?“

„So wichtig bin ich sicher nicht.“

„Lass uns an die Garderobe gehen, ich möchte nicht die ganze Zeit mein Zeugs mitschleppen“, meinte sie und zog mich zur Seite.

Ich entledigte mich meiner Lederjacke, entnahm alles Wichtige und gab sie der netten Frau hinter dem Tresen. Letizia dagegen begann sich zu schälen, anders konnte man es nicht nennen.

Während ich meine Geldbörse, Handy und die andere Dinge so gut es ging in den Taschen meiner restlichen Kleidung verstaute, verwandelte sich die dick eingepackte Letizia, in eine dünne junge Dame in einem Abendkleid.

„Bist du nicht etwas overdressed?“, fragte ich mit einem Grinsen.

„Was denn? Du hättest wenigstens eine Krawatte zu diesem Anlass anziehen können.“

„Du weißt genau, wie ich diesen Kulturstrick hasse und die Weste mit Hemd tun es auch.“

„Ist ja schon gut, du brauchst nicht gleich aufbrausend zu werden?“

Tat ich das? Davon hatte ich nichts bemerkt. Ohne weiter etwas zu sagen, hielt ich ihr meinen Arm hin, den sie danken annahm. So führte ich sie zur nächsten großen Treppe, die uns zur Ausstellung brachte.

Erst jetzt bemerkte ich, dass Letizia ihre hochhackigen Schuhe anhatte. Es hätte mir eigentlich gleich auffallen müssen, weil sie etwas größer als sonst war. Aber bei der klirrenden Kälte draußen war mir das nicht aufgefallen.

So glitzerte es am Boden, bei jeder weiteren Stufe, die wir erklommen und ihre silbernen Paillettenschuhe unterm dem langen roten Kleid hervorschauten. Ich dagegen liebte schwarz. Schwarzes Hemd, schwarze Weste, schwarze Jeans und natürlich schwarze Schuhe.

Passend zu meinen wirren, Schulter langem, schwarzen Haaren und Augen. Natürlich waren meine Augen braun, aber bei gewissen Beleuchtungen funkelten sie fast schwarz. Vielleicht war es das, was Placido am Strand gefallen hatte.

Placido Romano, die Person, um die sich hier alles drehte und mir fast seit einem halben Jahr, die Sinne raubte. Genialer Mutlikünstler, mit guten Aussehen und edler Herkunft. Hingebungsvoll, ganz Gentleman, aber auch mysteriös und unberechenbar.

Anders konnte ich ihn nicht beschreiben. Gut ich könnte näher auf sein Aussehen eingehen, dass mich immer wieder erneut gefangen nahm, aber meine Begleiterin machte meine Gedankengänge schwer.

„Hast du ihn schon erblickt?“, fragte sie neugierig, als wir die letzte Stufe genommen hatten.

„Wie denn, wir sind ja noch nicht mal drinnen“, flüsterte ich leise, denn vor uns verteilten zwei reizende Damen Sektgläser, an die eintreffenden Gäste.

„Danke“, meinte ich und wir betraten die heiligen Hallen.

Rot. Alles war rot. Die Decke, die Wände, der Fußboden, überall roter Stoff. Fast schon beklemmend. Ich schaute zu Letizia, die in ihrem roten Kleid fast nicht mehr auffiel, als würde ein Kopf alleine durch die Räume laufen.

„Deine Farbwahl ist daneben“, meinte ich leise schmunzelnd…

„Wie konnte ich wissen, dass hier alles rot ist…“, erwiderte sie leicht gepestet und nippte an ihrem Glas.

Ihre Augen funkelten mich an, schon lächelte sie wieder. Natürlich Champagner, alles andere wäre unter Placidos Würde.

„Du kennst SEINE Vorlieben, also auch die Farbe Rot, oder hast du wegen IHM dieses enge, rote Etwas angezogen?“

„Wie kommst du da drauf, du weißt das ist halt mein Stil.“

„Dein Stil…, ach so.“

Ich konnte nicht anders und musste grinsen. Der Stil von Letizia war es, keinen Stil zu haben, oder sich, wie man heute so schön sagte, sie jede Woche neu zu erfinden. Das reichte bei Letizia vom schönen und edlen Abendkleid, bis hin zur einfachen Biokluft, sprich Kartoffelsack.

Gleich das erste Bild ließ mich stutzen und ich blieb stehen. Es zeigte genau den Strand, an dem ich Placido kennen gelernt hatte. Erinnerungen flammten kurz auf, wurden aber durch Gelächter anderer Gäste schnell vertrieben.

„Eins musst du IHM lassen, er malt wirklich gut“, meinte Letizia verträumt neben mir, „Der Strand ist wirklich gut getroffen und die Farben so frisch.“

Das hatte ich wohl vergessen zu erwähnen. Letizia Greco wusste von was sie sprach, denn sie war bei der hiesigen Zeitung Redakteurin und hatte das Gebiet Kultur unter sich, was auch die Kunst beinhaltete.

„Wenn du meinst“, sagte ich fast gelangweilt, was mir einen Ellenbogen in der Seite einbrachte.

„Davide De Luca, du bist ein Kulturbanause. Halte deine Bemerkungen am besten für dich.“

Da war sie wieder, diese laute durchdringende Stimme, die jeden Kopf im Umkreis von fünf Metern herum fahren ließ. Ich spürte, wie sich das Blut in meinem Kopf sammelte und konnte nur hoffen, dass der rote Hintergrund mein rotes Gesicht unsichtbar machte.

Als die übrigen Gäste wieder ihrer normalen Tätigkeit nachgingen, zog mich Letizia weiter.

„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dich zu fragen, ob wir hier hergehen“, meinte sie deutlich leiser zu mir.

„Komm, du hast mich doch nur mitgenommen, um hier ohne Probleme herein zu kommen.“

„Stimmt nicht, ich wollte dir nur etwas Gutes tun.“

„Gutes? Ob das gut ist oder war, lass mal dahin gestellt sein. Lass uns die „Kunstwerke“ betrachten und dann verschwinden wir wieder.“

„Willst du ihn nicht sprechen?“

Mittlerweile waren wir weiter gegangen und vor einer undefinierbaren Skulptur stehen geblieben.

„Was soll ich mit ihm reden? Über seine Kunst, unser nicht vorhandenes Liebesleben, seine Vergesslichkeit über einen Rückruf, oder seine öffentliche Ablehnung, mich nicht zu kennen, was…?“

„… hör schon auf!“, unterbrach sie mich, ohne gleich den halben Laden zu unterhalten.

Etwas schmollend sah mich Letizia an und nippte erneut an ihrem Glas. Ich schüttelte den Kopf und zog sie weiter.

„Mein Bedarf ist gedeckt, Letizia!“, flüsterte ich leise.

„Du kennst seinen vollen Terminkalender…“

„Nimmst du ihn jetzt in Schutz?“

Sie schüttelte den Kopf. Den Strand und das Fischerdörfchen schienen wohl eine ganze Reihe seiner Bilder zugedacht worden zu sein. Jedes für sich weckte Erinnerungen in mir, machten mich glücklich und traurig zu gleich.

„Komm schon, schau nicht so, ich dachte du bist über ihn weg.“

„Wie kann man über Placido hinwegkommen, du hast ihn selber kennen gelernt.“

„Erinner mich nicht daran, da läuft es mir jetzt noch kalt den Rücken hinunter.“

„Siehst du!“

Ein Lächeln verdeckte fast ihre Zungenspitze, die mir gegolten hatte. Das Gelächter nahm zu, denn wir näherten uns der Menschentraube, die sich in einer Ecke des Saals befand. Ich konnte nur vermuten, dass sich dort die Person aufhielt, die seit einer halben Stunde unser Thema war.

Absichtlich leitete ich Letizia von dort weg und sah mir weitere Skulpturen an.

„Soll dies ein Delphin sein?“

„Hast du in Portofino irgendwo Delphine gesehen?“

„Ähm, nein.“

„Dann ist es auch keiner. Mich erinnert das eher an einen Hai.“

„Haie sind schwarz?“

Zweifelnd schaute ich Letizia an. Alle seine Skulpturen waren schwarz. Im Hintergrund spielte leise Musik und als ich erkannte, um welches Lied es sich handelte, schüttelte ich den Kopf.

Faded von Alan Walker. Das passte genau, wie es mir die letzten Monate ging. – „Wo bist du gerade?“-  Diese Frage hatte ich mir so oft gestellt und keine Antwort bekommen. Eine der Champagnerdamen lief an uns vorbei. Ich hielt ihr mein leeres Glas hin und ließ es mir erneut füllen.

„Was geht in deinem kleinen Köpfchen vor?“, wollte Letizia wissen.

„Das willst du nicht wissen…“

„Ich kenne diesen Gesichtsausdruck, du bist sauer…“

„Und wie… lass und gehen, bevor ich hier mir noch einen antrinke.“

Während dieses Satzes drehte ich mich auf der Stelle, blieb aber mitten in der Drehung stehen, als mein Blick etwas entdeckte.

„Ich fasse es nicht“, murmelte ich.

„Was ist?“

„Da… schau…!“

Vor uns prangte ein doppelt so großes Bild, als die anderen und auf dem Bild war ich.

 

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2 Kommentare

  1. Hallo Pit, ein interessanter Auftakt, bin gespannt, wie es weitergeht.

    VlG Andi

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  2. Toller EInstieg und wieder diese gemeinen Cliffhanger am Schluß. Schon freu auf morgen.

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