No one else – 2. Türchen

Scheiße – was soll das?

„Olalala, was haben wir denn hier? Wie war das, du bist nicht wichtig für ihn?“

Geschockt sah ich sie an.

„Ich habe nie Model gestan…“

„Das glaube ich dir aufs Wort!“, fiel mir Letizia ins Wort, „ich wusste gar nicht, dass du eine so erotische Ausstrahlung besitzt.“

Mein Blick glitt wieder über das Bild. Wann hatte er das gemalt und vor allem warum? Mich im Adamskostüm. Die wichtigste Stelle war wenigstens von einem Bettlaken bedeckt. Dafür lag ich da, in einer sehr lasziven Stellung, als würde ich in der nächsten Sekunde, die Beine breit machen.

Dieses Bild vermittelte den Eindruck, als würde es sich um ein Standbild handeln, welches sich sofort in einen laufenden Film verwandeln würde. Woher wusste er so genau über mich Bescheid?

Hatte er heimlich am Strand Fotos gemacht, oder war sein Gedächnis so gut trainiert, jedes Detail meines Körpers zu speichern. Selbst das winzige Muttermal an meiner Flanke war gut getroffen, welches eigentlich unter meiner Shorts verborgen war.

„Hast du jetzt die Sprache verloren?“, hörte ich Letizias Stimme in meinem Kopf hallen.

Zurück in der Gegenwart, bemerkte ich, dass mein Körper zitterte, nein bebte.

„Davide, ist alles in Ordnung mit dir, du wirst plötzlich so weiß, um die Nase. Sollen wir gehen, oder willst du dich irgendwo setzen?“

Warum? Ich fragte mich warum? Ein halbes Jahr hatte er sich nicht blicken, geschweige denn etwas von sich hören lassen. Ich spürte plötzlich, dass mich jemand beobachtete, aber ich traute mich nicht, den Kopf zu drehen.

„Zu spät…“, hörte ich Letizia neben mir sagen.

„Darf ich ihnen einer meiner Musen vorstellen“, durchbrach plötzlich Placidos Stimme die Stille des Raumes.

Einer seiner Musen war hier? War SIE der Grund, warum er sich nicht gemeldet hatte.

„Davide de Luca!“

Bitte was? Musen sind doch Frauen…, wie kann ich eine Muse sein. Applaus brandete auf, während Placido auf mich zu kam, mich in den Arm nahm und mich begrüßend auf beide Wangen küsste.

Zu keiner Bewegung fähig, starrte ich ihn nur an. Meine Beine gehorchten mir nicht, sie fühlten sich weich und gummiartig an. Meine Hände eiskalt und doch feucht.

„Letizia“, vernahm ich seine Stimme, auch sie begrüßte er warm und herzlich.

„Hallo Placido, lange nicht gesehen.“

„Gut siehst du aus, das rot steht dir wirklich gut.“

„Mich wundert“, sie drehte den Kopf nach beiden Seiten, „dass dir das an diesem Ort aufgefallen ist.“

Eine junge, schöne Dame fällt immer auf“, schmeichelte er ihr.

Blitzlichter flammten auf und Placido drehte sich, so, dass er genau zwischen uns stand. Ich spürte seinen Arm auf meinen Rücken. Weitere Bilder wurden gemacht und bald sah ich nur noch Sterne.

„Gibt es hier die Möglichkeit, sich etwas zurück zu ziehen, Davide scheint es nicht besonders gut zu gehen.“

„Davide?“

Ich starrte wieder in seine traumhaft leuchtenden Augen und war wie zuvor nicht fähig auch nur einen Ton zu sagen, als wäre ich ein Teenager, vor seiner ersten Liebe. Leute drängten sich um uns und ich wurde regelrecht gegen Placido gedrückt.

„Entschuldigen sie mich für einen Augenblick, ich stehe ihnen sofort wieder zur Verfügung.“

Placido schob mich durch die Menge und wenig später verschwanden wir in einem Nebenzimmer. Er drückte mich auf ein dort stehendes Kanapee, klopfte ein Kissen zurecht und verstaute es hinter meinem Kopf.

„Ist er schon die ganze Zeit so?“, fragte Placido.

„Eigentlich erst, als er sich in Öl sah.“

„Öl?“

„Dein himmlisches Bild von unserem süßen Boy hier.“

„Ach so und warum ist er plötzlich so still.“

„Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit.“

Diese Unterhaltung drang nur schemenhaft zu mir, als würde ich in einem anderen Raum sitzen. Ich sah die beiden vor mir stehen, fühlte aber ihre Anwesenheit nicht. Ich bin eine Muse, inspiriere ihn zu diesen Arbeiten.

Wo war ich Gott verdammt noch mal da hinein geschlittert. Plötzlich wünschte ich mich in meine kleine beengte Wohnung an der Via di Ripoli zurück. Ich war hier irgendwie im falschen Film.

„Pass auf ihn auf Letizia, ich muss mich um die Gäste kümmern. Gib mir eine Stunde bitte, dann ist der Spuk hier vorbei, versprochen!“

„Dein Wort in Gottes Gehörgang.“

Er küsste sie auf die Wange und verschwand durch die Tür, durch die wir den Raum zuvor betreten hatten. Letizia zog einen Stuhl heran und setzte sich zu mir.

„Ist alles okay mit dir?“

Vorwurfsvoll schaute ich sie an und richtete mich auf.

„Ein halbes Jahr hat er nichts von sich hören lassen, nachdem er mir fast ein Königreich zu Füßen legen wollte, das hatte er zumindest versprochen. Und jetzt tut er so, als wäre dieser Zeitraum nicht präsent und es wäre ganz normal mich hier zu sehen.“

„Reg dich doch nicht auf, ist dir der Champagner zu Kopf gestiegen, oder was?“

„Das Einzige, was mir in den Kopf gestiegen ist, läuft da draußen herum und lässt sich für seine Kunst feiern, für die ich wohl seine Muse war. Muse – wie kommt er darauf, so gut kennen wir uns jetzt doch nicht.“

„Zumindest seid ihr in der einen Woche in Portofino unzertrennlich gewesen.“

„Eine Woche, die mein ganzes Leben durcheinander gebracht hat!“

„Jetzt tust du aber so, als hätte er dir einen Heiratsantrag gemacht.“

Ich schaute sie an und schluckte. Zwar nicht einen Heiratsantrag, aber so ähnlich. Ich sollte alles hinwerfen und mein Leben mit ihm verbringen.

„Hat er?“, fragte Letizia verwundert und gleichzeitig amüsiert.

„Nein! Wie kommst du darauf?“

„Was hat er angestellt, was hat sich in deinem Leben geändert, in dieser Woche in Portofino? Wie haben danach nie darüber geredet. Zwar hat es mich gewundert, dass Placido so Hals über Kopf abgereist ist, aber du hast nie erzählt warum.“

„Das gibt es nichts Großartiges darüber zu erzählen.“

Ich senkte meinen Kopf und wurde leise.

„Ich sollte… alles aufgeben und mit… ihm leben…“

„Was?“

Dass war eine Spur zu laut. Ich rieb über mein geschundenes Ohr.

„Warum hast du mir das nie gesagt?“

„Ich hatte abgelehnt, warum sollte ich dir das dann erzählen? Es ist unwichtig und irrelevant.“

„Davide de Luca, hör auf so geschwollen zu reden! Ein Mann legt dir sein Herz zu Füßen und du lehnst ab? Ist da in deinem Oberstübchen etwas verloren gegangen?“

„Eben nicht! Ich bin Realist und wusste da schon, dass dies niemals gut gehen würde.“

„Realist…, aha…du bezeichnest eine Liebeserklärung, als einen nüchternen Fakt, auf den du nicht näher eingehen willst.“

„Was heißt da Liebeserklärung? Ich sollte ihn begleiten, mehr nicht.“

„Habt ihr euch an dem kleinen Strand unter den Klippen innig geküsst, oder nicht?“

„Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

„Hör mal, so küsst man sich nicht, wenn da nicht mehr Gefühl im Spiel ist.“

„Was meinst du damit, ich verstehe nicht?“

Fragend schaute ich Letizia an.

„Das ist doch klar, wie Kloßbrühe. Mensch Davide…“, sie stubste meinen Kopf, „er war oder ist in dich verliebt und wollte dich bei sich haben!“

Ich konnte nicht anders und musste kichern, obwohl die Situation eigentlich nicht zum Lachen war.

„Was?“, fuhr mich Letizia an.

„Wie du Dinge wie Liebe immer mit Essen vergleichen musst.“

„Jetzt lenk nicht vom Thema ab…, aber du hast Recht, ich habe Hunger.“

„Dann lass uns schnell hier verschwinden und etwas essen gehen.“

„Du vergisst wohl, dass da draußen vor der Tür eine Meute bildgieriger Paparazzos lauern.“

„Leider…“, meinte ich geknickt und verwarf die Idee wieder.

„Zudem kommt Placido wieder zurück und wird wohl sehr enttäuscht sein, wenn er uns nicht mehr vorfindet.“

„Bist du sicher? Ihm war auch egal, als er so plötzlich in Portofino verschwand, wie ich mich fühlte.“

„Was erwartest du eigentlich? Du lehnst ihn ab und er soll so tun, als wäre nichts gewesen.“

„Was war denn gewesen?“, brauste ich auf, weil ich mich plötzlich ungerecht behandelt fühlte, „was ist den groß passiert, außer den paar Küssen und Umarmungen…“

„Nicht mehr?“

„NEIN!“

Letizia wich etwas zurück und ich bemerkte, dass ich mich im Ton vergriffen hatte.

„Entschuldige. Da siehst du, was er aus mir macht. Eine Stunde in seiner Nähe und ich bin ein Wrack.“

„Du liebst ihn…“

„Was?“

„Du liebst ihn wirklich. Oh Gott und ich habe es nicht gemerkt. Dich hat es ordentlich erwischt und es gut versteckt. Warum Davide, warum hast du das gemacht… ihn abgelehnt, den Mr. Right, der er anscheinend ist.“

Ich ließ mich wieder zurückgleiten und sah Letizia von meiner liegenden Position an.

„Wie gesagt, ich bin Realist. Was will ein begnadeter und berühmter Künstler, mit einem kleinen Reporter aus Florenz, der ab und zu über den Tellerrand schauen darf.“

„Du bist unfair!“

„Wieso bin ich unfair?“

„Du entscheidest für dich, ohne Placido ein Stimmrecht zugeben. Wenn er dich einläd, mit ihm zu leben, wird er schon seine Gründe haben.“

Ich zuckte mit den Schultern und legte meinen Arm auf meine Stirn.

„Du scheinst ihm wichtig zu sein, oder glaubst du, er hätte dich sonst so gut getroffen? Also ich meine, das Bild da draußen…“

„Woher willst du wissen, ob er mich gut getroffen hat?“

„Ich habe Augen im Kopf und in deinem knappen Badeslip war viel zu sehen. Ich stehe persönlich nicht so auf behaarte Typen, aber sie sollen ja begehrt sein. Auf dem Bild wirkst du auf alle Fälle so, begehrt und sinnlich“, grinste sie.

„Du hast es also auch bemerkt?“

„Was? Diese eindeutige Beinstellung, dieser laszive Schmollmund…, ich denke er hat nur seine Träume gemalt.“

„Oh Gott, ich kann mich in Florenz nirgends mehr blicken lassen.“

„Wieso?“

„Das Bild wird doch sicher veröffentlich.“

Ich versteckte beschämt mein Gesicht, hinter meinen Händen.

„Jetzt übertreibst du aber, so wichtig bist du jetzt auch nicht.“

„Siehst du, jetzt sagst du selbst, ich bin nicht wichtig!“

Davide, verdreh mir nicht meine Worte im Mund…“

Weiter kam sie nicht, denn die Tür wurde geöffnet und von draußen drangen Stimmen herein.

„Ihr Wagen steht unten bereit!“

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