No one else – 3. Türchen

Ich hatte nicht gewusst, dass Maserati eine SUV besaß, das war mir neu. Dies war mir wohl entgangen. Der Wagen roch auf vollkommen neu. Schande über mich, wo ich doch über die vielen neuen italienischen Exportartikel berichtete.

„Wirklich alles in Ordnung?“, drang eine Stimme zu mir durch.

Ich schaute zur Seite und blickte Placido direkt in die Augen und nickte.

„Nett von dir uns zum Essen einzuladen“, sagte Letizia, die auf dem Beifahrersitz vorne Platz genommen hatte.“

„Das ist doch das mindeste, was ich nach so langer Zeit tun kann.“

So langer Zeit? Hallo? Wir haben Dezember und es sind keine fünf Monate her, dass wir uns gesehen hatten.

„Du hattest viel zu tun“, stellte ich nüchtern fest.

„Es geht…“

Es geht? Die vielen Bilder malen sich nicht von selbst. Er übertrieb mal wieder maßlos.

„Du hast Davide wirklich gut getroffen, sehr realistisch…“, kam es nun wieder von Letizia.

„Danke, ist auch nicht schwer, wenn man ihn ständig vor Augen hat“, lächelte er.

Dass mein Kopf sich in eine rotleuchtende Kugel verwandelte, war nicht so wichtig, eher, wie er das jetzt sagte – „ständig vor Augen“ -, was meinte er damit. Letizia drehte ihr ihren Kopf zu uns, sah mich kurz an und grinste.

„Wie meinst du das? Du hast ihn ja schließlich seit August nicht mehr gesehen. Oder verheimlicht ihr mir etwas?“

„Quatsch!“, entfuhr es mir und bereute es irgendwie sofort.

Wie sehr hatte ich mir nach diesem Kurzurlaub gewünscht, mehr Zeit mit Placido zu verbringen, ihn besser kennen zu lernen. Seine Aufforderung, mein bisheriges Leben aufzugeben, für das war ich einfach noch nicht bereit.

Nicht nach einer Woche, das ging mir einfach zu schnell. Dass er so reagierte und einfach abreiste, fand ich übertrieben. Letztendlich hatte er mich nicht verstanden. So, wie ich ihn eigentlich nicht verstanden hatte, mir nach dieser traumhaften Woche solch ein Angebot zu machen.

„Du weißt Letizia, wie verrückt ich nach dem Kleinen war. Ich brauchte nur die Augen zu verschließen und dann sah ich ihn.“

Hallo? Redet nicht so, als wäre ich nicht vorhanden! Der Wagen stoppte vor dem Fuori Porta. Das Gespräch war vorläufig beendet und Letizias Antwort blieb unbeantwortet und ich tappte weiter im Unklaren. Ich blickte nach draußen, eine gute Wahl, musste ich zugeben, hier war ich oft essen. Das Preisleistungsverhältnis stimmte einfach und es gab reichlich auf den Teller.

Die Auswahl auf der Karte war vielfältig und auf die regional leichte Küche ausgerichtet. Im Sommer war es herrlich hier auf der Terrasse zu sitzen, seine Seele baumeln zu lassen und dazu etwas Leckeres zu essen.

Doch nun hatten wir Dezember, die Terrasse war abgeräumt und es war fraglich an einem der wenigen Tische im Innern einen Platz zu ergattern. Placido war ausgestiegen, hatte den Wagen umrundet und hielt mir die Tür auf.

Ich schaute zu Letizia, die als Dame doch eigentlich das Vorrecht hatte, als erstes auszusteigen. Doch die erwiderte köstlich amüsiert meinen Blick und bekam wenige Augenblicke später die Tür vom Fahrer geöffnet.

„Danke“, meinte ich leicht mürrisch und übersah die ausgestreckte und helfende Hand Placidos einfach.

Kalter Wind blies mir entgegen und verwarf meinen kurz zuvor ausgeheckten Plan, bei Ankunft sich zu entschuldigen und nach Hause zu laufen, wieder. Bis zu meiner Wohnung waren es nur ein paar Straßenzüge, oder einen ausgedehnten Sparziergang, entlang am Arno.

Doch die Kälte durchkreuzte diesen Plan. Mein Wunsch auf Wärme war einfach größer, trotz dem dicken roten Schals, den mir Placido umgelegt hatte, weil er mich so leicht bekleidet nicht auf der Straße haben wollte.

Ein leuchtendes Rot, das mit jeder Ampel in Florenz in Konkurrenz stand. Ich schaute zu Placido. Am Strand war es mir nie aufgefallen, dass Placido größer als ich war. Mit meinen über einsachtzig war ich schon größer, als der Durchschnitt der italienischen Männerwelt. Doch Placido übertraf mich mindestens noch um einen viertelten Kopf, wie ich gerade feststellte.

Mit einer einladenden Handbewegung zeigte er lächelnd zum Eingang des Restaurants, so lief ich los. Letizia, die auf der anderen Seite des Wagens gewartet hatte, hängte sich wie gewohnt ein und zu dritt liefen wir zum Eingang.

Nach einer völlig übertriebenen Begrüßung seitens des Chefs, bekamen wir wirklich einen Tisch in einer Nische, nicht gut einsehbar vom Rest der Lokalität. War Placido hier wirklich so gut bekannt, dass er solche Beziehungen hatte?

Meines Wissen kam er doch aus Mailand, oder hatten meine grauen Zellen da etwas verwechselt. Man nahm uns unsere Jacken ab und geleitete uns zum Tisch. Ich war hier Stammgast und wurde nie so begrüßt, geschweige denn so bedient.

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Chef des Hauses, war Placido zu uns zurück gekehrt und hatte neben Letizia Platz genommen. Mit einem Wein versehen und auf die Kerze starrend, lauschte ich dem leisen Gespräch der beiden, welches sie auch hier ohne mich weiterführten, so wie in dem Nebenzimmer des Museums.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet!“, begann Letizia.

Auch wenn mich alles brennend interessierte, überließ ich es Letizia Fragen zu stellen.

„Welche?“, fragte Placido.

„Im Bezug auf Davide.“

Er nahm einen kräftigen Schluck an seinem Wein, stellte das Glas ab, aber ohne den Stiel loszulassen. Dann wanderte sein Blick zu mir und begann zu lächeln.

„Wo soll ich anfangen?“

„Am Anfang, denke ich.“

„Hat er dir nichts erzählt.“

„Erst vorhin und dass auch nur nach längerem Fragen.“

„Du weißt also nichts?“

„Nein, das heißt ich weiß von einer Einladung zum gemeinsamen Leben, aber das war es auch schon.“

Bisher liebte ich die direkte Art Letizias, aber nun entfand ich es etwas peinlich.

„War es Bestimmung oder Zufall, dass ich euch beide, damals in dem kleinen Cafe kennenlernte, ich weiß es nicht…“

Ich verdrehte meine Augen und nahm einen weiteren Schluck Rotwein.

„… auf alle Fälle fiel mir Davide sofort auf und bemerkte schnell, dass er der erste Mann war, der keine Besonderheit daraus machte, dass ich ein berühmter Künstler war. Er gab sich normal und jeden Tag, mit dem ich mit euch verbringen durfte, spürte ich mehr und mehr, wie ich ihm verfiel.“

Ich wunderte mich über die Offenheit, die Placido hier an den Tag legte, auch wenn es mich doch etwas störte, dass die beide miteinander redeten, als wären sie alleine. Doch ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen.

„Du hast dich echt in ihn verliebt?“

„Ja, von Kopf bis Fuß. Nicht nur, dass Davide verdammt gut aussieht, nein er hat es auch charakterlich drauf! Er ist wortgewandt und weiß über so viele Dinge Bescheid. Selbst meine ab und zu schwer verdauliche Kunst, ließ ihn nicht aus der Ruhe bringen.“

Hoppla! So deutlich hatte er das damals nicht gesagt. Halt! Hatte er etwa immer noch Gefühle für mich? Er schwärmte hier gerade, wie ein frisch verliebter Teenager.

„Schwer verdaulich? So wie das Bild, dass du von ihm gemalt hast?“

Placido lachte. Aber es war ein besonderes Lachen. Wenn er zu Lachen begann, dann steckte es an. Unweigerlich musste ich grinsen.

„Ich muss zu meiner Schande zugeben…, ich habe kein Bild von Davide gemacht, so musste ich ihn malen, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Dass ich ihn malen wollte, stand schon in Portofino fest, aber ich habe es dann getan, dass ich ihn jeden Tag ansehen kann, so wie andere eine Fotografie auf dem Handy.“

„Man, dich hat es aber ganz schön erwischt!“

Placido wurde rot und er schaute verlegen Richtung Kerze.

„Wundert dich das?“, fragte er leise, „Davide…“, er schaute zu mir, „ist ein ganz besonderer Mensch, der sich tief in meinem Herzen vergraben hat.“

Ich sank in mich zusammen. Dieser Mensch liebte mich wirklich und ich hatte uns keine Zukunft gegeben. Meinen Entschluss bereute ich dennoch nicht, es ging mir einfach zu schnell, selbst jetzt kamen mir Placidos Bemerkung etwas unwirklich vor.

„Deshalb die Muse…?“

Er setzte sich wieder aufrecht hin.

„Ja und ich bin stolz, dass Davide meine Kunst so beeinflusst. Du hast die vielen Bilder von Portofino gesehen?“

„Ja habe ich und auch wenn ich nicht viel mit Landschaftsmalerei anfangen kann, haben sie mir durchweg alle gut gefallen.“

„Danke. Ich habe auch noch nie in kurzer Zeit so viele Bilder gemalt. Davide befügelt mic echt zu Höchstleistungen.“

„Und er hat dich abgelehnt…“

Placido atmete tief durch und rieb sich an seinem Kinn.

„Im Nachhinein würde ich es nicht als Ablehnung bezeichnen, aber damals… ja… damals tat es einfach nur weh.“

„Deshalb die überstürzte Abreise?“

Er nickte.

„… aber je mehr ich mich von ihm entfernte, umso mehr dachte ich an ihn. Ich versuchte es damit, mich mit Malen abzulenken, aber du siehst, was dabei heraus gekommen ist.“

„Und warum hast du dich dann nicht bei ihm gemeldet?“

„Ich habe mich nicht getraut…“

„WAS?“, entfuhr es mir laut, so dass die beiden mir gegenüber zusammenzucken.

Verlegen sank ich in mich zusammen, hatte ich doch was ich dachte laut ausgesprochen. Letizia saß weiterhin grinsend da, so wie schon die ganze Zeit. Placido schaute mich dagegen mit großen Augen an, als würde er darauf warten, eine gepfeffert zu bekommen, was ich natürlich nicht tat.

„Wieso hast du dich nicht getraut, Angst vor einer weiteren Ablehnung?“, fuhr Letizia das Gespräch fort.

Er nickte.

„Aber du weißt schon, dass man durch reden Probleme lösen kann?“

Wieder nickte er.

„Hattest du Angst, dein ideales Bild von Davide könnte in die Brüche gehen? Das schließt ein, dass du ihn hättest näher kennen lernen müssen und dass ist der Punkt, bei es bei euch anscheinend habert.“

Ich musste feststellen, dass Letizia über hervorragende Menschenkenntnisse verfügte, so war mir das noch nie aufgefallen. Das leichte Nicken Placidos hatte aufgehört, er hob seinen Kopf und schaute mir in die Augen. Dabei griff er nach meiner Hand, die auf dem Tisch neben meinem Rotweinglas lag.

„Hab ich denn überhaupt eine geringste Chance?“, fragte er.

Er klang verzweifelt. Ich entzog ihm meine Hand und griff nach meinem Rotwein.

„Davide…!“, mahnte mich Letizia, aber ich hob meine andere Hand und stoppte sie.

Zuerst nahm ich einen kräftigen Schluck Rotwein und setzte mich wieder anständig hin. Auch jetzt sagte ich noch nichts, denn es wurden die Vorspeisen serviert. Artig bedankte ich mich und wartete bis wir wieder alleine waren.

Mir war natürlich nicht entgangen, dass vor mir ein Frittata di Carciofi stand, ein Artischockenomelette…, er hatte es also nicht vergessen, dass dies eine meiner bevorzugten Vorspeisen war. Gerührt sah ich zu den beiden.

„Es mag sein, dass ich auf euch den Eindruck mache, dass mich das alles kalt lässt, aber das stimmt so nicht.“

Letizia wollte etwas sagen, aber ich stoppte sie erneut und zeigte auf ihr Essen.

„Lass die Suppe nicht kalt werden…“, sagte ich und nahm ebenso mein Besteck in die Hand und sprach einfach weiter.

„Letizia hat vollkommen Recht, der wunde Punkt ist die Zeit, Placido. Ja ich gebe auch zu, dass ich mich in dich verliebt habe, in dieser kurzen Zeit, aber es ging mir einfach zu schnell. Ich war und bin auch jetzt immer noch nicht dazu bereit, mein bisheriges Leben, wegen einer Liebe über den Haufen zuwerfen…“

Seine Augen wurden glasig, deutlich sah ich die Enttäuschung in seinen Augen.

„… was aber nicht heißt, dass ich nicht gerne mit dir zusammen wäre. Ich könnte mir durchaus ein Leben mit dir vorstellen, aber dazu möchte ich dich eben besser kennen lernen. Wie sagt man so schön? Niemand kauft eine Katze im Sack.“

War da ein Funkeln in seinen Augen zu sehen? Das gleiche Funkeln, wie nach unserem ersten Kuss?

„Du meinst…“, begann Placido, wurde aber jäh von Letizia unterbrochen, sie griff nach seiner Hand.

„Wie lange bist du in Florence?“, fragte sie.

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1 Kommentar

  1. Hallo Pit,

    es macht jedes Jahr auf ein neues Spaß, deinen Adventskalender zu lesen, freu mich tierisch auf jedes Türchen.

    VlG Andi

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