No one else – 4. Türchen

„Eigentlich nur eine diese Woche…“

„Kannst du es einrichten, länger zu bleiben?“

Ich wusste Letizia machte gerne Nägel mit Köpfen und war anscheinend gewillt, sich der ganzen Sache anzunehmen, was mir nicht ganz ungelegen kam. Mein sicheres Auftreten war nur gespielt und dass wusste sie.

Innerlich war ich seid Placidos Auftreten sehr zerbrechlich geworden, was ich aber nach außen hin nie zeigen würde. So war ich froh, dass nun Letizia für mich das Ruder in die Hand genommen hatte und ich Placido nicht fragen brauchte, ob er nicht etwas mehr Zeit für mich hatte, oder er überhaupt mit mir Zeit verbringen wollte.

Aber auch diese Frage meinerseits, hatte sich nach diesem Liebesgeständnis, was anderes war es nicht, erübrigt.

„Moment!“, meinte er und zog sein Handy aus seinem Jacket.

Er stand auf und entfernte sich vom Tisch. Ich schnitt ein Stück Omelette ab und schob es in den Mund. Ein Feuerwerk der Geschmacksnerven überkam mich und ich schloss die Augen.

„Alle Achtung, du hältst dich wacker. Hätte ich dir nicht zugetraut.“

Jäh meines Genusses entrissen, öffnete ich wieder die Augen.

„Was erwartest du? Ich schaue den Tatsachen ins Auge! Ja, ich liebe ihn und du hast Recht, er ist dieser sogenannte Mr. Right. Aber nicht auf diese Art und Weise.“

„Du solltest endlich damit beginnen, optimistischer zu denken!“

„Der letzte optimistische Versuch hat mich um Hof und Habe gebracht.“

„Häh?“

Erneut schnitt ich ein Stück Omelette ab und genoss kurzzeitig den Bissen.

„Ich dachte immer, dass meine Eltern ein sehr tolerantes Paar waren, aber als ich ihn sagte, dass ich schwul bin, haben sie mich hinausgeworfen, mit dem Anhängsel,  – „wir haben keinen Sohn mehr.“

Geschockt sah sie mich an.

„Entschuldige, dass wusste ich nicht…, aber jetzt wird mir einiges klar.“

„Ja?“

„Ja, jetzt verstehe ich vieles besser, was mir bisher ein Rätsel war.“

„Und welche Rätsel habe ich ausgelöst?“

Doch bevor sie meine Frage beantworten konnte, kam Placido an den Tisch zurück. Er setzte sich, nahm seinen Löffel auf und aß von seiner Zuppa di cipolle. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass seine Zwiebelsuppe noch heiß war, er ließ sich auf alle Fälle nichts anmerken.

„Einen Monat!“, sagte er plötzlich.

Fragend schauten wir ihn an.

„Du hast mich gefragt, wie lange ich bleiben kann… den ganze Dezember. Am vierten Januar muss ich in New York sein, den Termin kann ich nicht verschieben. Mein Agent machte mir eh die Höhle heiß, weil ich fünf Termine platzen lasse. Aber er verdient ja auch eine Stange Geld an mir und kann auch mal meine Wünsche erfüllen!“

Er lächelte kurz und löffelte dann weiter an seiner Suppe. Sprachlos schaute ich zu Letizia, die mich wieder angrinste und anscheinend nun zum nächsten Schlag ausholte.

„Wo wohnst du jetzt?“

„Im St. Regis, wieso?“, fragte er und griff nach einem Stück Brot.

„Teuer, aber sehr nobel. Wärst du bereit, diesen Luxus gegen eine Ein-Zimmer-Wohnung auszutauschen, oder wärst du…“, an mich gerichtet, „bereit, einen Monat in Luxus und Völlerei zu leben?“

„Ähm“, entwich es mir und Placido fast gleichzeitig.

Leticia fing herzhaft an zu lachen. Sie hob sich die Hand vor dem Mund, als sie bemerkte, dass sie zu laut war.

„Eure Gesichter müsstet ihr sehen. So jetzt reden wir mal Tacheles! Diesen Zustand eurer verstümmelten Liebesgeschichte ist nicht mit anzusehen. Ich gebe euch diesen einen Monat Zeit euch näher kennen zu lernen. Nach Silvester könnt ihr dann euch immer noch entscheiden, ob ihr das Ganze vertiefen wollte, oder nicht!“

Ich war sprachlos und Placido schien es auch zu sein. Er schaute mich an und zuckte mit den Schultern.

„Da ich davon ausgehe, dass Davides Wohnung, für euch Männer, einfach zu klein ist, auch wenn es dem Aspekt, euch näher kennen zu lernen vielerlei Möglichkeiten eröffnet, gibt es Probleme, wenn Davide bei dir nächtigt?“

„Ähm, ich denke nicht, aber was meinst du mit … Möglichkeiten?“, fragte Placido.

„Enger Raum heißt, dass ihr immer dicht beieinander seid.“

Wir wurden beide rot und Letizia kicherte. Die Vorspeise wurde abgeräumt, und wir wurden nach weiteren Getränken gefragt. Wir entschlossen uns bei dem Rotwein zu bleiben.

„Also ist es ausgemacht, wann ziehst du zu Placido?“

„Halt… mach mal langsam…“, widersprach ich.

„Willst du jetzt kneifen?“

Sie schaute mich durchdringend an.

„Du weißt ja gar nicht, ob es Placido recht ist…“, sagte ich kleinlaut.

„Doch das weiß ich, sonst hätte Placido für dich nicht die Termine für einen ganzen Monat über den Haufen geworfen! Zudem ändert sich nicht viel an deinem Tagesablauf, du hast nach wie vor jeden Morgen in der Redaktion zu erscheinen.“

„Das verstehe ich jetzt nicht. Wie soll ich Placido besser kennen lernen, wenn ich meiner normalen Tätigkeit nachgehe.“

Sie beugte sich vor.

„Ganz einfach, du lernst Placido in deinem ganz normalen Leben kennen und er so auch dich, mit allen deinen Schwächen und Fehlern. Er hat selbst gesagt, er hat die Woche noch in Florenz zu tun. Du bekommst den Auftrag, dich an ihn zu hängen und nächstes Wochenende erwarte ich die Geschichte auf meinen Schreibtisch.“

„Ist deine Chefin immer so?“, fragte ein verwunderter Placido.

„… schlimmer!“, grinste ich.

„Ich sollte mir eine Notiz mache, mich nie enger mit meiner Chefin anzufreunden.“

„Du hast eine Chefin?“

„Nein, aber vielleicht bekomme ich ja mal eine.“

*-*-*

Dieser ach so kalte Abend, wandelte sich also doch noch in einen fröhlichen und warmen Abend. Nun standen wir vor dem Haus, in dem ich wohnte. Letizia wurde auf eigenen Wunsch vorher nach Hause gebracht.

Während der Fahrer etwas entfernte im Wagen wartete, stand Placido bei mir und griff nach meinen Händen.

„Du hast kalte Hände.“

„Es ist auch recht kalt.“

„Warum hast du dich nicht wärmer angezogen?“

„Weil mein Kopf mehr an einen gewissen Herren dachte, als an mein Wohlergehen.“

„Nicht gut!“

„Ich soll also nicht an dich denken?“

„Das habe ich nicht gesagt“, lächelte er.

Sein warmer Atem verließ seinen Mund in einer Nebelschwade.

„Wann kommst du mich morgen abholen?“

„Gegen zehn, ist das recht?“

Ich nickte.

„Wo sich die Redaktion befindet, hat dir Letizia ja ausgiebig erklärt.“

„Ja… Verrücktes Huhn!“

„Ja, dass ist sie, das mag ich aber auch so sehr an ihr.“

„Stimmt und sonst wären wir jetzt nicht hier beisammen… danke!“

„Für was?“

„Dass du mir noch einmal eine Chance gibst…“

„Nichts zu danken“, lächelte ich und zog ihn etwas dichter an mich heran.

„Darf ich dich küssen?“

„Ich dachte schon, du fragst nie“, meinte ich, verringerte den Abstand zwischen uns völlig und wenige Sekunden später, fanden sich meine Lippen auf den seinen wieder.

Sie waren wider Erwartens nicht kalt, sondern warm und weich und ich spürte sofort, wie damals schon beim ersten Kuss, meine Knie weich wurden. Mir wurde jetzt klar, wie sehr ich diesen Mann begehrte, ich ihn brauchte.

Als wir uns trennten, stiegen weitere Schwaden unseres Atems empor und lösten sich in der kalten Nachtluft auf.

„Gute Nacht… meine Muse“, hauchte er und grinste süffisant.

„Gute Nacht… mein Traum zahlreicher schlaflosen Nächte!“

Wieder fanden sich unsere Lippen und ich genoss seine warme Hand, die auf meiner Wangen ruhte.

*-*-*

Es gab Tage, da konnte ich meinen Wecker nicht leiden. Dies schien einer dieser Tage zu sein, aber schnell kam der Gedanke an die Nacht zurück, an diesen letzten Kuss, bevor wir uns trennten.

Lächelnd streckte ich mich und stieß mit den Fäusten an die Rückwand. Mein Blick fiel erneut auf den Wecker. Zehn vor halb acht. Also noch genug Zeit unter die Dusche zu springen und einen Kaffee zu trinken, bevor ich in die Redaktion musste.

So strampelte ich meine Decke nach unten und sprang aus meinem Bett, um dann plötzlich in meiner Bewegung inne zuhalten. Halt, wenn Placido auf die Idee kam, nachzuschauen, wie ich lebe, sollte ich vielleicht meine Wohnung ordentlicher halten.

Nicht, dass ich jetzt absolut faul wäre und das Zimmer wie ein Schlachtfeld aussehen würde, nein, es gab eben Dinge, die ich aus Bequemlichkeit bleiben ließ. So wie das ewige Leid mit dem Bett machen.

So drehte ich mich auf der Stelle und legte meine Decke halb aufgeschlagen aufs Bett und schüttelte das Kissen zu Recht. Dann entledigte ich mich meiner Jogginghose und legte sie fein säuberlich auf die Decke.

Na geht doch, dachte ich für mich und lief zu meiner kleinen Küchentheke. Schnell war der Filter des Espressokochers mit Pulver befüllt und der untere Teil mit Wasser versehen. Ich stellte das Ganze auf meine Herdplatte und stellte ihn auf kleine Stufe.

Jetzt hieß es sich beeilen und schon war ich im Bad verschwunden. Das warme Wasser der Dusche verführte zum Träumen, aber dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Schnell war ich eingeseift und wenige Augenblicke später wieder freigespült.

Ich griff nach dem Handtuch und trocknete mich notdürftig ab. Ein Griff nach dem Fön und Bürste und schon war ich am Trocknen der Haare. Bei der Kälte draußen, wollte ich es nicht auch noch herausfordern, mir etwas einzufangen.

Der Geräuschpegel in der Küche verriet mir, dass mein Espresso fast fertig war. So band ich mir das Handtuch um die Hüfte und lief zurück in mein Zimmer. Mit einem leisen letzten Zischen, schien auch noch die letzte Flüssigkeit nach oben gestiegen zu sein.

Ich griff ins Regal und zog mir eine Tasse heraus. Ich zog den Kocher vom Herd, schaltete die Platte ab und befüllte meine Tasse. Hatte ich noch Milch? Neuerdings hatte ich Gefallen daran gefunden, meinen Espresso immer mit einem Schuss Milch zutrinken.

Er war dann nicht mehr so heiß und schmeckte trotzdem gut. Ich öffnete den kleinen Kühlschrank und fand noch etwas Milch in einem kleinen Beutel. Schlecht riechen tat sie nicht, so goss ich einen Schuss in die Tasse.

Ich verräumte die Milch und wollte gerade den ersten Schluck genießen, als mein Handy Laut von sich gab. Ich seufzte, verdrehte die Augen und stellte die Tasse zurück auf die Theke. Schnell war mein Handy lokalisiert und nahm das Gespräch an.

„Davide hier.“

„Guten Morgen, mein Wirtschaftsredakteur.“

Letizia.

„Guten Morgen Chefin.“

„Brauchst du noch lange?“

„Ich bin gerade am Anziehen“, sagte ich, was ja nicht stimmte, „hast du Angst ich verschlafe?“

„So in etwa.“

Ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich sah innerlich das breite Grinsen auf ihre Lippen.

„Dann sehen wir uns gleich“, meinte ich und drückte das Gespräch einfach weg.

Ich warf das Handy aufs Bett und kehrte zu meinem morgendlichen Kaffee zurück. Ich griff nach der Tasse und freute mich schon sehnsüchtig auf den ersten Schluck, als meine Türglocke zu nerven begann.

Wer um aller Welt steht so früh vor meiner Wohnung. So stellte ich meine Tasse erneut ab, um mich danach zur Wohnungstür zu begeben. Ich linste durch den Türgucker und erschrak. Da stand Placido.

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