No one else – 7.Türchen

Ich war total perplex. Noch nie hatte ich es erlebt, dass jemand so freundlich und liebenswürdig zum Teufel gejagt wurde. Placido verstand sein Handwerk wirklich und es wunderte mich, dass der Besitzer sich am Schluss nicht noch bedankte, dass Placido ihm eine Absage erteilte.

Ich lief neben ihm zum Wagen und schüttelte den Kopf.

„Was?“, fragte er lachend.

„Bist du sicher, dass er verstanden hat, dass du nicht in seiner Galerie ausstellst?“

„Sei beruhigt, das hat er.“

„Wird er es dir nicht nachtragen?“

„Kann er, aber er weiß auch, wen ich bei mir hatte.“

„Ähm, redest du jetzt von mir?“

„Ja, natürlich, oder siehst du noch jemanden außer dir?“

„Nein, aber wie meinst du das jetzt?“

„Ganz einfach, er wird sich hüten, irgendwelche negative Publicity über mich zu verbreiten, denn dann ist sicher, dass es schlechte Nachrichten über sein Geschäft in der hiesigen Zeitung geben wird.“

Geschockt blieb ich stehen.

„Also ich würde nie…“

„Es ist egal ob du so etwas machen würdest, oder nicht, er glaubt es und das ist alleine wichtig! Zudem wusste ich schon im Vorfeld, dass wir diese Galerie nicht nehmen würden.“

„Warum hast du dann mich gefragt, wenn dein Entschluss schon feststand?“, fragte ich leicht angepisst.

„Ich hatte keinen Entschluss gefasst, das war die Meinung meiner Agentur. Deine Meinung ist mir wichtig, deshalb habe ich gefragt!“

„Das hätte ich jetzt auch gesagt…“, meinte ich eingeschnappt.

„Komm… jetzt blass kein Trübsal“, sagte er und legte seinen Arm um meine Schulter, „ deine Meinung ist mir wirklich wichtig.“

„Und was machen wir jetzt? Du hast doch sicher schon eine andere Galerie ausfindig gemacht.“

„Das nicht, aber ich habe eine Idee. Ob sie sich umsetzten lässt, steht auf einem anderen Blatt Papier.

*-*-*

„Und wo entführst du mich jetzt hin?“

Wir saßen wieder im Wagen und der Fahrer drängelte sich durch den dichten Verkehr.

„Lass dich überraschen, nur so viel, es ist kein öffentlicher Termin. Du kannst also ganz entspannt sein. Mir ist nicht entgangen, wie steif du geworden bist, als uns der Ladenbesitzer begrüßte.“

Placido war nicht wieder zu erkennen. Nein, das war ihm gegenüber unfair. Gentleman war er schon immer gewesen. Lieb und fürsorglich, aber er war in der Woche im August nie so aufmerksam mir gegenüber.

Jetzt war es mir fast schon peinlich, weil er mich doch anscheinend besser kannte, als mir bewusst war.

„Ich kam mir bloß etwas unerwünscht vor, mehr nicht…“

„Etwas… soso.“

Ich versuchte zuerkennen, wo wir gerade waren. Aber mein Orientierungssinn ließ mich total im Stich. So alten großen Villen gab es zu Hauf in der Stadt.

„Nun sag schon, wo fahren wir hin?“, versuchte ich von den Thema abzulenken.

„Sei nicht so ungeduldig, wir sind gleich da.“

Der Wagen wurde langsamer und durchfuhr einen großen Bogen inmitten eines dieser großen Stadthäuser. Im Innenhof kam der Wagen zum Stehen.

„Was ist das hier?“, wollte ich wissen.

„Mein Elternhaus…“

„Elternhaus? Sagtest du nicht, du bist in Mailand groß geworden?“

„Meine Großmutter stammt aus Mailand, meine Eltern sind von hier.“

„Aha… und was wollen wir hier?“

„Nach deiner Meinung fragen.“

„Placido! Du sprichst in Rätseln!“

„Jetzt warte doch mal ab, bitte!“

Er stieg aus, ohne darauf zu warten, dass ihm die Tür geöffnet wurde. Zielsicher lief er auf eine Tür zu und zog einen alten Schlüssel aus seiner Jacke. So folgte ich ihm und ließ mich einfach überraschen.

Der Fahrer blieb im Wagen und telefonierte. Ich fand das alles irgendwie seltsam. Die Beiden sprachen nie miteinander, doch wusste der Fahrer immer, wo es hinging. Placido verschwand im Haus und ich musste mich sputen, dass ich hinterher kam.

Drinnen angekommen, blieb ich erst einmal stehen. Kalt war hier nicht, es schien geheizt zu werden, obwohl keine Möbel vorhanden waren, nur große leere Räume.

„Wie findest du es?“

„Groß…“

Placido verdrehte die Augen und legte wieder seinen Arm um meine Schulter.

„Könntest du dir da drüben eine Theke vorstellen, dort an den Fenstern kleine Tische mit Stühlen…“

„Ein Cafe?“

„So in etwa… ja ein Cafe wäre wahrscheinlich besser als ein Bistro. Was hältst du davon?“

„Du willst ein Cafe eröffnen.“

„Komm ich zeig dir den Rest hier unten, vielleicht kannst du dich mit meiner Idee anfreunden.“

Er schob mich zurück in den kleinen Flur, durch den wir gekommen waren. Plötzlich blieb er stehen und drehte sich zu mir.

„Davide. Nachdem ich nach Hause gebracht hatte, fuhr ich zurück ins Hotel. Ich lag fast die ganze Nacht wach.“

„Warum?“

„Mir gingen deine Worte nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß, du willst etwas solides, ein richtiges Zuhause, dass du mit deiner großen Liebe einmal teilen möchtest.“

„Ja, aber…“

„Lass mich bitte aussprechen. Ich weiß ich bin viel unterwegs, habe kein richtiges Zuhause, lebe mehr in Hotels und aus dem Koffer. Dieses halbe Jahr ohne dich hat mit bewusst gemacht, nein, es hat eine Sehnsucht aufkommen lassen, die deiner in etwa gleich kommt.“

Ich war nun sprachlos und schaute ihn an.

„Ich möchte heim kommen und da soll jemand sein, der auf mich gewartet hat, sich freut dass ich wieder da bin. Ich möchte abends nicht mehr alleine in einem fremden kalten Bett schlafen und möchte morgens aufwachen und ich ein süßes Gesicht mir gegenüber schauen können.“

„… du willst hier dein Domizil aufschlagen.“

„Es ist mein Elternhaus…“, meinte er und drehte sich zur nächsten Tür um.

„… und du willst mein Gesicht sehen, wenn du morgens aufwachst…“

Wieder stoppte er, drehte sich zu mir um, nahm ein Gesicht in seine Hände.

„Das wäre der absolute Traum“, strahlte er mich an.

„Bis hier her kann ich dir folgen, was in deinem Köpfchen vorgeht. Aber was willst du mit einem Cafe?“

Er zog eine weitere Tür auf und mehrere hintereinander folgende Zimmer kamen zum Vorschein.

Ein Cafe mit meinem Namen wird Leute anlocken, da bin ich mir sicher, bisher hat mein Name schon immer etwas bewirkt. Romantisch eingerichtet, mit Bilder von mir an der Wand…“

Ich konnte mir vorstellen, wie das alles aussehen würde.

„… und hier in den Räumen, könnte man den Rest der Bilder und Skulpturen ausstellen.“

„Eine eigene Galerie…“

„Ja! Aber ich will noch mehr, ich habe plötzlich so viele Ideen… eine Zeichenschule für Kinder oder Jugendliche, die sich so etwas normalerweise nicht leisten könnten und oben…“

„Stopp, stopp, stopp, stopp… langsam Placido. Du sprühst vor Energie, das ist toll, aber warum das plötzlich alles?“

Er senkte den Kopf.

„Ich will nicht mehr alleine sein“, antwortete er traurig.

Ich ging zu ihm hin und drückte sanft mit meiner Hand sein Kinn nach oben.

„Das verstehe ich, willst du aber nicht versuchen zuerst kleiner Brötchen zu backen und alles, nach und nach machen. Solche Dinge brauchen Zeit und müssten gut durchdacht werden, vom Geld ganz zu schweigen.“

„Geld ist sicher nicht das Problem, davon habe ich genug. Aber was habe ich von diesem Reichtum und Dinge die ich besitze…, wenn da niemand ist, mit dem ich es teilen kann.“

Ich zog ihn an mich heran und küsste sanft seine Lippen.

„Wie gesagt, Placido. Ich brauche Zeit. Ich kann mir dass alles, was du beschrieben hast, gut vorstellen und es würde auch sicherlich Spaß machen, dir dabei zu helfen. Aber ich habe schon ein Leben und das möchte ich, wenn es geht, in meine Zukunft einbinden.“

„Du könntest dir wirklich vorstellen, mit mir zu leben?“

Wie weggeblasen war die Traurigkeit. Als wäre die Sonne aufgegangen, so strahlte er mich wieder an.

„Placido, die Vorstellung ist kein Problem…, die Umsetzung ist es. Ich möchte mir einfach ganz sicher sein, dass ich das Richtige für meine Zukunft mache.“

Er nickte heftig und lächelte mich dabei an. Dann griff er nach meiner Hand, zog mich aus den Räumen heraus zurück auf den Flur. Links von uns begann eine große geschwungene Steintreppe, die nach oben führte.

Dorthin entführte Placido mich und wenige Augenblicke später, standen ich in einer Wohnung. Hier sah es noch etwas wohnlicher aus, auch wenn nur spärlich Möbel vorhanden waren.

Es gab eine altertümliche wirkende Küche und ein großes Bad war auch vorhanden. Placido lief in eins der Zimmer.

„Hier war früher ein Durchgang zum Nachbargebäude, meine Eltern hatten es zumauern lassen. Dort könnte ich mir ein Atelier einrichten, damit ich direkt von meiner Wohnung zur Arbeit laufen kann, wenn ich Lust zum Malen habe.“

„Das alles hast du dir heute Nacht ausgedacht?“

„Na ja, einiges ist mir auch erst vorhin eingefallen, als mich der Besitzer der Galerie mit seinem Geschwafel langweilte.“

Ich konnte nicht anders und fing laut an zu lachen.

„Du bist verrückt“, meinte ich und verließ das Zimmer wieder um den Rest der Wohnung zu begutachten.

Er folgte mir, ohne weiter etwas zu sagen. An einem Fenster, das zum Hof zeigte, blieb ich stehen. Unten sah ich unseren Wagen, der zwischen den beiden großen Bäumen stand. Ich drehte mich um und lehnte mich gegen das Fenstersims.

„Und welche Rollen hast du mir bei dem ganze hier zugedacht?“

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Erster. 😉

    Wow, welch eine tolle Geschichte
    Konnte nicht schlafen, bevor ich nicht die 7. Folge gelesen hatte. Es reißt mich einfach mit

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  2. Danke 🙂 Gruß Pit

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