No one else – 8.Türchen

Placido kam auf mich zu, griff nach dem roten Schal, den ich wieder angezogen hatte und zupfte ihn zu Recht. Dann strich er mir eine Strähne aus dem Gesicht.

„Je mehr Zeit ich mit dir verbringe, weiß ich, was ich versäumt habe. Es tut mir wirklich leid, dass ich durch meinen verletzten Stolz uns um ein halbes Jahr gebracht habe. Nur weil ich dir nicht richtig zugehört habe.“

„Das ist jetzt wohl Vergangenheit…“

„Ja, aber es gehört schon zu unserer Geschichte.“

„Du sagst immer uns… wir…“

„Ja, weil ich nichts mehr alleine machen möchte…, erst jetzt weiß ich, wie wichtig du mir bist.“

„Was aber immer noch meine Frage beantwortet. Was für eine Rolle werde ich in deinem Leben spielen.

Er ging einen Schritt zurück und schaute mir durchdringend in die Augen.

„Was möchtest du hören? Soll ich sagen, ich habe viele Rollen für dich, oder nur die eine?“

Ich legte meine Stirn in Falten, senke meinen Kopf zur Seite.

„Wie meinst du das jetzt?“

Er drehte sich von mir weg, lief durch das halbe Zimmer, bevor er sich wieder zu mir wandte.

„Ich weiß nicht, was für eine „Rolle“ du in meinem Leben spielen wirst, entschuldige, das hört sich für mich so…, so maßlos horrend an. Ich lerne dich eben erst richtig kennen, meine Liebe zu dir erwacht von neuem, jede Sekunde ohne dich, ist eine verlorene Sekunde…“

Ich starrte ihn mit weit offenen Augen an.

„… warum möchtest du, dass ich dich in eine Schublade presse…? Du bist so viel mehr als eine „Rolle“…, oder soll ich sagen ein Statist in meinem Leben? Entschuldige, wenn ich etwas ärgerlich werde, aber ich lasse mich nicht gerne zu etwas zwingen.“

Er drehte sich wieder weg und verließ den Raum. Ich verstand seine Aufregung nicht. Warum konnte er mir nicht in einfachen Worten sagen, was ich für ihn in Zukunft sein werde? Seine Schritte waren auf der Marmortreppe zu hören, so lief er nach unten.

Ich folgte ihm und fand ihn im Hof wieder. Qualm stieg auf, er rauchte. Soviel wusste ich schon von ihm, er rauchte nur, wenn er sich sehr geärgert hatte und dieses Mal, war der Grund wohl ich.

Ich wuschelte mir durch die Haare und strich sie nach hinten. So lief ich ihm zu ihm und kam direkt vor ihm zum stehen.

„Placido, entschuldige, ich wollte dich nicht verärgern…, ich wollte auch nicht wissen, was ich für dich bin… meine Frage bezog sich lediglich darauf, wie du mich siehst… in Zukunft. Siehst du mich als dein Lover… Partner…, deinen Mann, bin ich für andere sichtbar…, stehe ich im Hintergrund…, wünscht du, dass ich meine Arbeit aufgebe? Das meinte ich mit der Rolle, die du mir zugedacht hast!“

Er schnippte seine Zigarette weg und blies scharf seinen Atem nach oben.

„Davide, ich werde nie von dir verlangen, dass du dich wegen mir veränderst, schon gar nicht deinen Job zu beenden. Ich möchte nur versuchen, dein Leben mit meinem zu vereinen…, dass jeder nicht zu kurz kommt, keiner von uns irgendwie Leid wiederfährt.“

Waren das Tränen in seinen Augen, oder war es die Kälte, die seine Augen glasig werden ließ? Ich hob meine Hand und strich ihm über die Wange.

„Nochmal Entschuldigung, Placido“, ich senkte leicht den Kopf, „ich war noch nie in einer richtigen Beziehung und weiß nicht, was du von mir erwartest… habe einfach Angst, etwas falsch zu machen…“

Nun nahm er mich in den Arm und drückte mich fest an sich.

„Jeder hat irgendwie Erwartungen, Davide. Sollten wir uns nicht einfach besser kennen lernen, bevor wir über Erwartungen reden. So gesehen habe ich keine, vielleicht doch…, nämlich die Erwartung, endlich einen Mann an meiner Seite zu haben.“

Ich schaute ihm wieder in diese fantastischen Augen. Ich wusste nicht wie ich sie richtig beschreiben konnte. Italiener hatten meist braune Augen, aber seine Pupillen waren grün. Ein Grün, dass fast durchsichtig schien und mysteriös glitzerte.

So sah es immer aus, als würde sie leuchten. Er senkte seinen Kopf zu mir und eben diese Augen durchbrachen gerade meine Mauer erneut und bohrten sich tief in mein Herz.

„Ich möchte meine Träume mit dir teilen, mein Leben mit dir gemeinsam gestalten, deine Wünsche erfüllen…“

„… da hast du viel vor…, ich habe viele Wünsche“, fiel ich ihm ins Wort.

Ein breites Grinsen zierte sein Gesicht, der Ärger war anscheinend verflogen.

„Auch wenn es dir zu schnell geht…, ich liebe dich, Davide.  Nichts kann meinen Entschluss ändern, dich zu lieben, dir nahe zu sein, dich an meiner Seite zu haben. Deshalb dieser Vorschlag mit dem Haus. Ich möchte einen Ruhepol haben und der bist du.“

Da kam der Künstler durch, seine poetische Ader. Eine reine Liebe, ohne Einflüsse von außen. Ging das überhaupt, war sein Traum nicht zu groß?

„Ich liebe dich auch“, hauchte ich nur noch, denn irgendwie war ich fast keines Wortes mehr mächtig.

Meine Beine schienen ihren Dienst aufzugeben und ich zitterte am ganzen Körper.

„Ist dir kalt?“

„Auch“, lächelte ich.

„Dann lass uns ins Hotel gehen, ich habe Hunger.“

Mein Magen knurrte genau zum richtigen Zeitpunkt. Er ließ los, griff nach meiner Hand und zog mich zum Wagen.

„Zurück zum Hotel bitte“, meinte er nur und schloss meine Tür.

Der Fahrer nickte und schon machte sich der Motor bemerkbar. Der Mann am Steuer fuhr einen engen Kreis und verließ das Gelände, so wie wir gekommen haben.

„Hast du heute irgendwie Pläne?“, wollte Placido wissen.

„Nein, ich habe eigentlich den ganzen Tag mit dir geplant.“

„Das ist gut. Hättest du Lust auf eine kleine Stadtrundfahrt nach dem Essen. Ich kenne zwar Florenz, aber ich war lange nicht mehr hier und möchte einiges sehen.“

„Klar, können wir machen, ich spiele gerne deinen persönlichen Stadtführer und erzähl dir Geschichten, die du sicher noch nie gehört hast.“

Er griff erneut nach meiner Hand und sein Ton wurde leiser.

„Davide, ich möchte dich nicht verstecken, jeder soll wissen, wer an meiner Seite mich glücklich macht…“

„… danke, ich werde schon irgendwie damit klar kommen.“

Er schaute mich fragend an.

„Wie meinst du das jetzt?“

„Placido, ich bin Journalist, ich weiß wie das läuft. Irgendein Paparazzo fotografiert uns, wenn wir uns küssen, oder Händchen haltend durch die Straßen laufen und gibt dieses Bild an die Klatschpresse weiter. Am nächsten Tag sind die Seiten voll von uns. Jeder wird wissen, du bist schwul und ich dein Lover.“

„Ach so, damit kann ich leben und ich habe nie ein Geheimnis darum gemacht, dass ich Männer anziehender finde, als Frauen.“

„Ich meinte auch damit, dass sie danach, mein und dein Leben durchsieben werden, um irgendwelche dunkle Geschichten aufzudecken…“

Er dachte kurz nach, das war deutlich zu sehen. Dann gingen seine Augenbraun nach oben und er schaute wieder zu mir.

„Entschuldig, ich habe dich nie gefragt, ob dir das überhaupt recht ist, es öffentlich zu machen. Wissen deine Eltern, dass du schwul bist? Oh man, daran habe ich überhaupt nicht gedacht.“

Ich atmete kurz tief durch.

„Meine Eltern lass bitte mein Problem sein, darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen und nein, mir macht es nichts aus, mit dir öffentlich gesehen zu werden, also ich meine uns als Paar.“

„Entschuldige…, ich habe da wohl einen wunden Punkt getroffen? Du wirkst, plötzlich wieder so angespannt.“

Ich wusste, was er meinte.

„Wie schon erzählt… so gesehen… habe ich keine Eltern mehr…“

„Was ist genau passiert?“

„Es war direkt nach unserem Urlaub, deine Frage nach einem gemeinsamen Leben, hatte mich sehr nachdenklich werden lassen, da entschloss ich mich, den beiden reinen Wein einzuschenken, ich wollte sie nicht schocken, wenn ich plötzlich mit einem Schwiegersohn da stehe.“

Mitfühlend schaute mich Placido an.

„Als mein Vater hörte, dass ich ihm wohl nie Enkel schenken würde, stellte er sein Glas Wein auf den Tisch, stand auf und sagte zu meiner Mutter, dass ich nicht mehr sein Sohn sei und sie diesen Fremden doch aus seinem Haus entfernen sollte.“

„Scheiße…“

Ich zuckte mit den Schultern und musste grinsen, weil Placido so ein Wort sonst nicht in der Wortwahl hatte.

„Ich packte meine noch wenige Habseligkeiten, die dort verblieben waren, in einen Koffer, verabschiedete mich tränenreich von meiner Mutter und kam diese Nacht bei Freunden unter, da meine Wohnung noch nicht fertig war, in der ich jetzt lebe.“

„So hast du praktisch nach deinem Urlaub ein total neues Leben begonnen.“

Ich nickte. Das Hotel kam in Sicht und der Wagen verringerte seine Geschwindigkeit.

„Das tut mir Leid, Davide, davon wusste ich nichts.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, außer Letizia und ein paar wenige Freunde, weiß das niemand.“

„Hast du Angst, dass über deine Eltern kommt heraus?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Eigentlich wäre es die gerechte Strafe für den Alten, wenn das publik wird. Er ist oder war doch immer so auf sein Ansehen aus. Was wird sein, wenn die Nachbarschaft und Freunde über seinen schwulen Sohn reden.“

„Das wird dann nicht mehr dein Problem sein. Aber wirst du mit dem Trubel um dich fertig?“

„Du hast gesagt, ich habe dich an meiner Seite, dann wird es keine Probleme geben, hoffe ich zumindest.“

Placido lächelte mich an und hätte der Wagen nicht gehalten und seine Tür geöffnet worden, hätte ich sicher einen Kuss bekommen. Dieses Mal wurde meine Tür von Fahrer geöffnet, Placidos Tür von einem Pagen des Hotels.

Ich umrundete das Heck, als der Page bei Placido gerade wieder den Wagen verschloss und die Auffahrt hinaus rollte.

Ich kannte zwar das St. Regis, aber drinnen war ich noch nie. Es hatte sich eben noch nie ergeben. Der Page von eben war uns vorbei geeilt und zog die große Holztür auf. Das Haus wirkte von außen wie ein Palast, es war früher auch einer und als wir eintraten, von innen auch.

Die Lobby wirkte wie ein großer mit Glas überdachter Innenhof. Schwere dunkle Steinsäule stützten die obenliegende Empore, die diesen Innenhof komplett umrundete. Und hier unten waren viele kleine Sitzgruppen, die an ein behagliches Wohnzimmer erinnerten.

Große Pflanzen in Töpfen rundeten das Bild ab. Placido lief direkt zum Empfang, wo ihm schon seine Karte entgegen gehalten wurde. Ich folgte ihm langsam.

„Wäre es möglich, in meinem Zimmer diesen jungen Mann unterzubringen.“

„Kein Problem, Padroncino Romano. Wenn sie mir bitte den Ausweis des jungen Mannes reichen könnten, werde ich für die alles in die Wege leiten.“

Er drehte den Kopf zu mir.

„Kannst du mir deinen Ausweis reichen?“

Umständlich pfriemelte ich meine Brieftasche aus der Gesäßtasche, suchte meinen Ausweis heraus und gab ihn Placido. Dieser wandte sich wieder zurück und übergab den Ausweis den Herren hinter dem Tresen.

Sofort wurde einer der beiden am Computer tätig. Emsig jagten seine Finger über die Tastatur.

„Gepäck?“, fragte der andere Rezeptionist.

„Später“, antwortete Placido, „wäre es noch möglich eine Tisch für zwei im Restaurant zu bekommen.“

„Ich werde im Winter-Garden gleich nachfragen, wen sie solange noch an der Bar Platznehmen würden, um den Rest kümmert sich dann Gasparo.“

„Danke!“

„Gasparo?“, flüsterte ich hinter Placido.

Er drehte sich erneut zu mir.

„Mein Butler.“

„Butler?“

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