Schneemann – Teil 6

« Komm, lass es uns noch einmal tun, Hans! » flüsterte ich ihm ins Ohr.

« Nein, hier sind minderjährige, Thomas. Und außerdem habe ich Hunger. »

Seufzend ließ ich von meinem Freund ab. Hans stellte noch die letzten Utensilien auf den Tisch. Dann setzte er sich zu den anderen beiden. Zuletzt deckte ich noch die Speisen auf und holte noch eine Flasche Weißwein hervor.

« Bekomme ich auch etwas davon? » Corinna schaute mit erwartungsvollen Augen in die Runde.

« Nein, dafür bekommst du eine Apfelschorle, die sieht fast genauso aus und schmeckt dir sicherlich besser, Corinna. »

« Hey, du bist ja genauso fies drauf wie Alex, Thomas. »

« Tja, Corinna, das scheint wohl daran zu liegen, dass wir dich alle lieb haben. »

Corinna dachte noch eine Weile nach, sagte aber nichts mehr dazu. Hans reichte Sebastian den Kartoffelbrei.

« Hat sich schon etwas ergeben, wer an eurer Tür herummanipuliert hat? » unterbrach Sebastian.

« Nein, die Polizei hat nur einen Fingerabdruck auf einer Glühlampe, aber das ist auch schon alles. »

Dass Mathias – Hans Mitschüler – ganz oben auf der Verdächtigenliste stand, behielt ich für mich. Es war ja auch nicht sicher, ob er überhaupt etwas damit zu tun hatte. Hans bemerkte, dass mir dieses Thema nicht besonders lag. Er schwenkte daher auf ein Anderes um.

« Sebastian, wie kommt es eigentlich, dass du den Zivi-Job erst im Januar angefangen hast?»

« Ich habe mich nach dem Abitur, erst einmal für sechs Monate nach Neuseeland abgesetzt. Meine Eltern haben mir diese Reise geschenkt. In Wellington besuchte ich den Stiefbruder meiner Mutter. Er betreibt dort eine kleine Tierarztpraxis mit seiner Frau. Dort konnte ich die ganze Zeit über wohnen. Eines Abends sind wir auf das Thema Zivildienst gekommen. Ich habe ihm gesagt, dass ich noch keine Stelle habe und es zurzeit schwer ist eine zu bekommen. Er fragte mich was ich den machen wolle. Darauf hin habe ich erzählt, dass ich gerne etwas mit Medizin und Kinder machen würde. Schließlich möchte ich mal Medizin, mit dem Schwerpunkt Kinderheilkunde studieren. Toni – der Bruder meiner Mutter – meinte lapidar, dass er jemanden hier kenne, der ihm noch einen Gefallen schuldet. »

Sebastian machte eine Pause und nahm sein Glas und trank ein Schluck Wein.

« Lass mich raten: unseren Doc. Felix Hausach? » warf ich in die Runde.

« Bingo Thomas. Die beiden haben wohl an der gleichen Uni studiert. Jedenfalls informierte mich mein Onkel, eine Woche später, dass ich mich hier im Krankenhaus bei ihm vorstellen sollte, wenn ich zurück bin. Tja, das habe ich dann auch gemacht. Der Stationsarzt stellte mich zum ersten Januar ein. Da muss es wohl einen riesen Wirbel gegeben haben. Antje erzählte mir, dass die Verwaltung keinen Zivildienstleistenden einstellen wollte. »

« Ja, so etwas Ähnliches habe ich auch gehört. Aber es sei drum, Hauptsache du gehörst nun mit dazu, Sebastian. » Ich hob mein Glas.

« Ja, finde ich auch. » Corinna stellte ihr Getränk auf den Tisch.

Der Abend wurde noch richtig lustig und wir spielten später noch einige Runden »EINS«. Gegen Acht Uhr brachte Sebastian Corinna zu den Hausachs hinunter.

Einige Tage später. Alexander, stellte gerade sein Frühstückstablett beiseite. Da klopfte es leise an der Tür.

« Herein! »

Die Tür öffnete sich Sebastian steckte sein Kopf durch den Spalt. Wie so häufig in den letzten Tagen, rutschte sein Herz in die Hose, wenn er diesen Jungen sah.

« Frühstück schon beendet? »

« Gerade eben, wolltest du das Tablett abholen? »

Sebastian schüttelte den Kopf, « Jein, ich möchte mit dir reden Alexander. »

Er trat ein und setzte sich, etwas umständlich, neben Alex’ Bett auf einen Stuhl.

« Hör mal Alexander. Ich habe vor einigen Tagen mit Thomas ein interessantes Gespräch geführt. Hut ab kann ich nur sagen, er hat schon einiges auf dem Kasten. »

« Jepp, kann ich nur bestätigen. Aber deswegen willst du wohl nicht mit mir sprechen? »

« Nein, da hast du Recht. Alex, ich habe den Verdacht, du hast dich in mich verliebt. »

In Alexanders Gesicht wechselten die Farben Rot und Weiß in rekordverdächtigen Tempo.

« Ist das so auffallend? » Murmelte er vor sich hin. Seinen Blick nur noch auf die Bettdecke gerichtet.

« Für deine Freunde ja. Aber ein Außenstehender wird das nicht bemerken… »

Es war Alexander noch immer peinlich über dieses Thema zu sprechen. Doch diesmal empfand er es als noch schlimmer. Es betraf ja ihn selbst.

« Du hast dich noch nicht oft geoutet? »

« Nein, eigentlich noch nie. Auch jetzt kostet es mir sehr viel Überwindung nur darüber zu sprechen. »

Nach einiger Zeit des Schweigens.

« Ja, Sebastian. Ich bin Schwul und ich habe mich in dich verliebt. » Im gleichen Augenblick wo er dieses sagte, hob er seinen Kopf und schaute sein Gegenüber direkt an. Über Sebastians Gesicht lag ein Lächeln. Doch stand ihm die Gradwanderung noch vor. Auch ihm fiel es nicht einfach darüber zu sprechen, eine Alternative gab es jetzt nicht mehr.

« Der Anfang ist nie einfach. Den ersten Schritt zu wagen kostet sehr viel Mut und Selbstvertrauen. Auch mir fällt es jetzt nicht leicht. Alexander, ich mag dich – als Person und Mensch – aber ich habe eine Freundin die ich sehr lieb habe. Was ich dir sagen möchte… »

« Du bist nicht Schwul! »

« Ich bin nicht Schwul. »

Beide Jungen sahen sich an. Langsam füllten sich Alexanders Augen und es fiel ihm sehr schwer die Tränen zurückzuhalten. Just in dem Augenblick reichte ihm Sebastian ein Taschentuch. Alex nahm das Tuch dankend an, doch er fühlte sich leer. Sein Kopf sank und der Blick fixierte wieder die Bettdecke.

« Dann wirst du jetzt den Docktor bitten einen anderen Patienten zu betreuen? »

« Warum sollte ich? »

« Na, weil ich doch einer von diesen perversen Schwanzlutschern… »

« Jetzt hör aber auf Alexander. Du bist für mich ein Patient und ein sehr liebenswürdiger Mensch. Hey du stehst auf Jungs na und? Es ist doch ganz alleine deine Sache. Ich finde da ist nichts Perverses dran. »

« Ach das sagst du nur dahin. »

« Nein, das sage ich nicht nur einfach so dahin. Bis jetzt war ich mir nicht sicher, doch jetzt weiß ich was richtig ist. Ich biete dir meine Freundschaft an. Ohne »Wenn und Aber«! Es ändert nichts daran, dass ich dich sympathisch finde und deswegen auch schätze. Es wird dir noch eine menge Mut kosten, dazu zu stehen. Und wenn du mal nicht weiter weißt, dann melde dich einfach. »

Alex nickte leicht mit dem Kopf, dann hob er ihn und die beiden sahen sich wieder an.

« Ist das auch der Grund warum dein Exerziehungsberechtigter dich hierher befördert hat? »

« Nicht direkt, er hat was gegen Schwule und Lesben. Für ihn sind wir Menschen zweiter Klasse. Sebastian, Thomas war lange Zeit mein Freund bis mein so genannter Vater mitbekommen hat, dass er schwul ist. Ich finde das als völlig Normales. Schließlich habe ich mit ihm viel Spaß gehabt und auch sonst waren wir wie Pech und Schwefel. Alles sollte vorbei sein nur weil er in anderen Augen nicht »normal« ist? Mein Erziehungsberechtigter verbot mir den Umgang mit ihm von heute auf morgen. Ich denke Thomas hat lange Zeit nicht verstanden warum ich unsere Freundschaft verraten habe. »

« Du hast Eure Freundschaft nicht verraten, Alexander. Oder glaubst du, dass Thomas dir geholfen hätte wenn es so gewesen wäre? Ich denke nicht. »

« Du hast ihn doch kennen gelernt, Sebastian. Er hilft jeden der in Schwierigkeiten ist… »

« Das mag ein Charakterzug von ihm sein, doch für dich hat er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Ich kann mir gut vorstellen, dass er auch etwas anderes zu tun hat. So wie Felix mir das erzählte, hat er wirklich bei jedem Klinken geputzt, die nur im Entferntesten Sinne etwas zu eurem Wohlergehen beitragen könnten. Selbst als ihm jemand ans Leben wollte hat er nicht aufgehört für dich etwas zu unternehmen. Letzte Tage haben Corinna und ich bei ihm zu Abend gegessen… Er hat wohl viel um die Ohren und sah nicht sehr entspannt aus. Wenn ich sein Arzt wäre, so würde ich ihm erst einmal Urlaub verschreiben. Er hat es verdient… »

« Davon weiß ich ja nichts… was ist denn genau geschehen? »

« Schei…benkleister. Du solltest es ja gar nicht wissen. »

« Zu Spät. Los erzähl was war? »

« Also, einen Tag später, nachdem du hier eingeliefert wurdest, hat jemand an seiner Wohnungstür herummanipuliert. Als er dann abends diese mit dem Schlüssel aufschließen wollte, versetzte ihn ein elektrischer Schlag ins Koma. »

Alexander biss sich auf die Lippen.

« Felix war froh, das er eine so gute Kondition hat. Sonst wäre es nicht so glimpflich ausgegangen. »

« Und weiß man schon wer der Attentäter gewesen ist? »

« Leider noch nicht, alles stützt sich auf einen gefundenen Fingerabdruck. Die Polizei sucht noch. So nun aber genug… »

« Guten Morgen, störe ich? Ich habe geklopft aber es kam keine Reaktion, da bin ich rein…»

Olaf, steckte seien Kopf durch die Tür. Der Anwalt wollte noch einmal mit Alexander über seinen Fall sprechen.

« Nein Herr Johannsen, kommen sie herein. »

« Ich muss jetzt auch langsam meinen Dienst fortsetzten. Antje wird mir sicherlich den Kopf abreißen… »

« Okay, wir können ja auch später noch reden, ich lauf Dir schon nicht weg. *g* »

« Wie ich sehe, kommt dein Humor schon wieder Alexander. »

« Das einzige was mir im Augenblick bleibt, Herr Johannsen. Was führt Sie zu dieser Stunde hier her? »

« Das Gericht hat mir die Unterlagen zu deinem Fall zugesandt. Es ist nicht ganz so gelaufen wie wir es uns gedacht haben. »

« Wie meinen Sie das? Habe ich das Sorgerecht für Corinna oder nicht? » in den Augen des Jungen begann es wieder zu glänzen…

« Also das Jugendgericht, hat meine Empfehlung nicht ganz übernommen. Es musste über das »Beste« für Corinna entscheiden. Sie bekommt ein Vormund vom Jugendamt… »

« Ich lasse mir meine Schwester nicht wegnehmen. Von niemanden nicht. » seine Stimme überschlug sich und er bekam einen Hustenanfall.

« Jetzt beruhige dich erst einmal. » Olaf sprach beruhigend auf den Jugendlichen ein. « Alexander, ich erkläre dir das jetzt in aller Ruhe. Corinna nimmt dir keiner weg. So sieht es auch das Gericht. Es hat die Vormundschaft an Bedingungen geknüpft. Zum Beispiel wohnt deine Schwester bei dir. Frau Clemens – der Vormund – kümmert sich um das Alltägliche, Verpflegung. Achtet das Hausaufgaben gemacht werden, macht mit euch zusammen Behördengänge, Arztbesuche und so weiter. Vergesse nicht, das du selber noch zur Schule gehst, du hast auch nicht immer Zeit. … »

Der Anwalt sprach lange mit dem Jungen und erläuterte ihm alles was er wissen wollte und wie er das Gerichtsurteil zu verstehen hat.

« Okay, wenn das so aussieht, kann ich damit leben. Weiß meine Schwester schon davon? »

« Nein, das sollst du ihr sagen und ich empfehle dir es bald zu tun. Den Hausachs werde ich es mitteilen. »

« Kann Frau Clemens heute Nachmittag, so gegen vier Uhr kommen? Da ist Corinna hier und wir können uns kennen lernen! »

« Das ist eine gute Idee, ich werde es ausrichten. »

Der Anwalt, packte seine Unterlagen zusammen. Alexander schaute ihm interessiert zu.

« Herr Johannsen, darf ich ihnen eine Frage stellen? »

« Immer raus damit, wo brennt der Schuh? »

« Also, Sebastian hat sich mit mir vorhin unterhalten und wir kamen zufällig auf Thomas zu sprechen. Sie kennen ihn gut? »

« Was heißt gut? Er kümmert sich halt um Kinder denen es nicht ganz so gut geht. Er hat viele Ideen, wie und wo die Stiftung seines Großvaters eingreifen kann. Zum Beispiel das mit dem Lehrer hier im Hospital. Dafür nimmt er schon einiges in Kauf. Er hat auch damals, als das Jugendzentrum von der Stadt geschlossen werden sollte, sich für den Erhalt eingesetzt. Er hat sogar vor dem Stadtparlament eine Rede dazu gehalten, welche Nachteile es für die Jugendlichen und letztendlich für die Bürger bringen würde, diese Einrichtung zu schließen. Heute ist das Jugendcafé ein beliebter Anlaufpunkt für Jugendliche. Ich glaube kaum, dass ihn jemand wirklich gut kennt. Aber das schönste ist, er verlangt nicht einmal etwas dafür. »

« Und genau das ist der Punkt, ich möchte mich bei ihm erkenntlich zeigen. Schließlich er hat ja so einiges für mich in Bewegung gesetzt! »

« Das kann ich nur bestätigen. Haben sie schon etwas im Sinn, Alexander? »

« Ich hätte da schon eine Idee, aber alleine werde ich es wohl von hier aus nicht hinbekommen. »

Der Junge erläuterte dem Advokat seine Idee und je mehr er davon berichtete erhellte sich dessen Gesicht.

« Okay, ich denke ich bekomme das hin. Wenn es klappt wird das wirklich eine tolle Überraschung. So und nun muss ich weiter. Alexander machen sie es gut. Wenn es noch rechtliche Fragen gibt oder etwas wo ich ihnen behilflich sein kann, sagen sie es ruhig. Dafür bin ich schließlich ihr Rechtsbeistand. »

« Okay, ich wünsche ihnen einen schönen Tag, Herr Johannsen. »

Die Tür schloss sich hinter dem Anwalt, aber nicht für lange. Es war Zeit für die Visite.

« Guten Morgen Alexander, wie geht es dir heute? »

« Guten Morgen Doktor. Ich fühle mich im Prinzip wohl. »

« Im Prinzip? »

« Der Gips juckt und die Infusionsnadel stört. Gestern Nacht hatte ich auch noch heftige Kopfschmerzen. »

« Die Infusionsnadel können wir entfernen. Die Untersuchungen sind soweit abgeschlossen und so langsam stellen wir dich wieder auf normale Vollkost um. Beim Gips, kann ich leider nichts tun, der wird dir die nächsten vier Wochen noch erhalten bleiben. Die Ergebnisse der neurologischen Tests, sowie die CT sind alle negativ verlaufen. Soll heißen, in deinem Kopf ist organisch alles okay. Du brauchst auch da keine bleibenden Schäden zu fürchten. »

« Und was ist mit den Schmerzen? »

« Die nehme ich schon ernst, keine Sorge. Ich denke das hat etwas mit deiner Gehirnerschütterung zu tun. Es kann auch damit zusammen hängen, was dir geschehen ist…

« Sie meinen die Vergewaltigung und so? »

Der Arzt nickte, sein Blick wurde dabei traurig. Alexander schluckte. Ihm wurde schlecht. Bevor der Doktor reagieren konnte, würgte Alexander das Frühstück wieder aus. Es dauerte einige Zeit, bis der Patient sich wieder erholte und ruhiger wurde. Dann saß er in seinem Bett. Apathisch starrte er vor sich hin. Auf seinem Gesicht bildeten sich Schweißperlen. Anschließend setzte der Arzt sich neben Alex auf das Bett. Er legte vorsichtig seinen Arm um den Jungen und drückte ihn.

Leise, hörte er ein Schluchzen, es wurde immer deutlicher. Felix strich ihm über den Kopf. Alexander weinte. In all seinen Tränen, packte er den Schmerz den er erlitten hatte, seine Wut, seinen Zorn.

« Warum hat er das getan? Warum nur? » Stotterte er vor sich hin.

« Das wird wohl nie ans Tageslicht kommen, Alexander. » Der Arzt sprach mit einer sanften Stimme. « Ich kann nur dir helfen, damit umzugehen lernen. Wenn du möchtest, frage ich einen Kollegen ob er sich mit Dir unterhält. Eine Therapie halte ich schon für angebracht. »

Alexander schaute auf, direkt in das Gesicht des Mannes der ihn hielt.

« Vielleicht haben sie recht. Ich brauche wohl Hilfe eines Fachmanns. Fragen sie ihn. »

Erst jetzt drückte Felix die Klingel und es dauerte auch keine Minute, das die Tür geöffnet wurde und Sebastian in Zimmer trat.

« Was kann ich… » er brach mitten im Satz ab.

« Sebastian, sag Antje das sie den Butterfly entfernen kann. Okay. Sebastian wird dich ins Bad bringen. Wenn du möchtest, kannst du nun ruhig auch mal eine Runde durch den Park drehen. Aber alles nur im Beisein von Sebastians oder eines Pflegers. Keine Kapriolen und wenn etwas sein sollte, gib sofort Bescheid. »

Felix verabschiedete sich von seinem Patienten und überließ ihn in Obhut des Pflegers.

Das Bad tat Alexander gut. Es war angenehm warm und er fühlte sich wohl. Er war alleine. Sebastian hatte sich zwischenzeitlich um das Bett gekümmert. Bevor er jetzt das Bad wieder betrat, klopfte er.

« Kann ich? »

« Ja, komm ruhig herein. Ich bin sowieso gleich fertig. »

Sebastian trat ein und reichte Alexander die Badetücher von einer Anrichte. Er half ihm beim Ausstieg aus der Wanne und trocknete ihn ab. Obwohl der Zivi den Patienten schon einige Zeit kannte, verblüffte ihn der Anblick.

« Also, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf. Du siehst gut aus. »

Alexander wurde rot und nicht nur er. Sebastian wurde bewusst, dass er gerade einem anderen Jungen ein Kompliment gemacht hatte… Es war nur ein Augenblick, in der sich beide anschauten. Dann fingen beide an zu grinsen, was in einem Lachen endete.

« Und du bist dir sicher, nicht schwul zu sein? »

« Ja, obwohl du wirklich eine tolle Figur hast, habe ich nicht das Bedürfnis… »

« …schon gut, reich mir mal die Hose. Oder willst du noch länger mich hier nackt herumstehen lassen? »

« Bitte. » Mit diesem Wort übergab er das Gewünschte.

Es war Spaß und jeder der beiden spürte die Grenzen des Anderen.

« Hör mal, ich habe eben eine Anweisung vom Doktor bekommen. Ich soll dich noch runter zur Physiotherapie bringen. »

« Wozu? »

« So wie ich ihn verstanden habe, bekommst du eine Massage verpasst. Und ich soll dich vorwarnen, morgen bekommst du einen Zimmergenossen. »

« Dann wird es wenigstens etwas lebhafter. »

« Warten wir es ab. So und nun ab in den Stuhl, Rollservice. »

Am frühen Nachmittag betrat ich Alex Zimmer.

« Hallo Alexander, na wie geht es dir? »

« Hallo Thomas. Den Umständen entsprechend, gut. Und selbst? »

« Na ja, ein wenig angespannt und Stress in der Schule. Du fehlst bei unserem Bioreferat… »

« Ui, das hätte ich fast vergessen. Wenn du willst, können wir es hier zusammen vorbereiten und du trägst es dann der Krause vor! »

« Ich wäre dir dankbar, Alex… »

« Gebongt, komm Morgen früh so gegen zehn. Ich werde mit Sebastian. »

« Bist du sicher dass Du noch krank bist? » scherzte ich.

« Jepp, ich kann mich ja immer noch nicht richtig bewegen, warum bist du eigentlich gekommen, Thomas? »

« Wir haben heute den Mietvertrag unterschrieben, damit ist die Wohnungsfrage geklärt. Olaf besucht dich deswegen auch noch, aber das hat keine Eile. Wenn du hier raus kommst ist eure Wohnung hoffentlich bezugfertig. »

« Das war die Reihenhaushälfte nicht wahr? »

« Ja. Im Erdgeschoß sind eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer und ein Esszimmer. Die erste Etage beherbergt vier Zimmer drei davon sind für Hans und mich. Das Vierte und die kleine Wohnung ist für euch beiden Reserviert. Sie besteht aus einer Wohnküche, und drei kleineren Zimmern. In jeder Etage gibt es ein WC und zu jeder Wohnung gehört noch ein Bad. »

« Hm, kann der Anwalt einem Plan dazu mitbringen? »

« Ich habe ja noch die Unterlagen, da kann ihn dir morgen früh mitbringen. »

« Super, ich freue mich schon darauf und ich glaube Corinna ebenso. Olaf hat mir heute Morgen unsere nächste Zukunft erklärt. Du kennst Frau Clemens? »

« Jepp, sie war mein Vormund. Ist schwer in Ordnung. Warum fragst du? »

« Sie ist nun auch Corinnas Vormund. »

« Besser hätte es euch nicht erwischen können. Sie kann auch bei der Wohnungseinrichtung helfen. »

« Okay. Ich werde sie ja um Vier treffen. Da kann ich sie ja mal fragen. » Alexander schien zufrieden zu sein.

« So, ich muss wieder los. Ich habe gleich noch einen Termin beim Direx. Gibt es sonst noch etwas? »

« Ja, warum hast du mir den Anschlag auf dich verschwiegen? Ich dachte wir sind Freunde?»

« Sind wir auch. Du hast es von Sebastian erfahren? »

« Jepp, er hat sich verplappert… Aber ich hätte es liebend gerne von dir erfahren. »

« Hatte ich eigentlich auch in den nächsten Tagen vorgehabt. Der Doktor riet mir dir es nicht sofort zu erzählen, sondern etwas zu warten. Die Polizei ermittelt noch und empfahl mir unseren Rex ins Vertrauen zu ziehen. Sie möchten auch im schulischen Umfeld ermitteln. Darum nachher auch der Termin. So genug geplaudert, ich mache mich vom Acker Alter. Bis denne Alex. »

Mit diesen Worten verabschiedete ich mich von dem Patienten. Auf dem Flur liefen Kinder in bunten Badmänteln und Jogginganzügen herum. Einige von kannte ich, weil sie immer wieder mal als Patienten hier waren. Manchen von ihnen wuselte ich durch ihre Haare.

Jedes Mal, wenn ich sie hier sah, tat es mir leid. Sie gehörten auf den Spielplatz, in den Kindergarten oder auch in der Schule aber zum Kuckuck nicht in dieses Krankenhaus. Und was machten sie? Sie lachten, machten Scherze und Späße mit den Pflegern. Sie scherten sich nicht darum, wo sie waren und was sie hatten. Sie genossen ihr Leben so wie es war.

« Andres, Tina, Björn ab auf euer Zimmer! »

Oberschwester Antje stand grinsend an der Tür zum Stationszimmer gelehnt. Die Patienten sahen zunächst etwas verwirrt aus gehorchten aber lachend und verschwanden.

« Na Thomas? Tollst du wieder mit den Kindern herum? »

« Wie immer, wenn ich hier bin. Hallo Antje. Wie geht es dir? »

« Gut, und dir? Hast du Lust mich zur Kantine zu begleiten. Habe endlich mal Pause. Den ganzen Vormittag habe ich nur Anträge ausgefüllt, Patientenkarteien übertragen, Bestandslisten aktualisiert und so weiter, und so weiter! »

« Hast du denn nicht auch dieses neue PC-Programm? »

« Haben schon, doch leider kennt sich damit keiner richtig aus und wenn auch, letztendlich bleibt es an mir hängen. Ich kann es keinem hier verübeln. Uns – also dem Personal – sind die Kinder nun mal wichtiger. Selbst Felix hat uns schon manchmal gegenüber der Verwaltung gedeckt, weil irgendein Materialantrag nicht eingereicht wurde. »

« Wäre es denn eine Hilfe, wenn ihr dafür jemanden engagiert? »

« Eine Hilfe wäre es schon, doch leider gibt es keine Möglichkeit. Wir haben hier Einstellungsstopp. »

« Also, dagegen kann ich nichts machen. Ich werde mal bei Felix anfragen ob da nicht doch etwas zu machen ist. »

« Versuche es ruhig. Aber ich sehe da wirklich keine Chance, Thomas. »

« Wo siehst du keine weitere Chance drin Antje? »

Wie aus heiterem Himmel, stand Sebastian vor uns.

« Jemanden für die EDV zu bekommen. Ich habe heute nichts anderes gemacht als vor dem PC zu hocken. »

« Tja, das macht keiner von uns gerne. Ist ja auch so ein blödes Programm. Keine ordentliche Benutzeroberfläche, kaum Möglichkeiten zu Variieren… »

« Hast du davon Ahnung Sebastian? »

« Ein wenig, ja. Gehörte zu einem neuen Fach »Moderne Medien« in meiner Schule an. Ob ich da überhaupt etwas ausrichten kann möchte ich lieber nicht versprechen. »

« Dann schlage ich mal folgendes vor, ihr, beiden könnt ja mal euch Köpfe zusammenstecken. Vielleicht gibt es ja eine interne Lösung?! »

« Dein Optimismus in Verwaltungsohren. »

« Es wird schon gut gehen. So ihr beiden ich muss noch einmal zur Schule. Ich wünsche eine schöne Pause. »

« Tschüs Thomas. »

Mit leichter Verspätung erreichte ich das Rektorat. Herr Lange wartete schon auf mich, etwas ungeduldig. Ich hatte am Vormittag um dieses Gespräch gebeten.

« Hallo Thomas, Ich hoffe es ist wichtig. Sonst verzeihe ich dir dein zu spät kommen nicht.»

« Mir scheint es wichtig Herr Lange. Sie kennen doch Herr Johannsen… »

Damit begann ich das Gespräch und ich erzählte ihm von allem was sich seit Alex Vorfall noch ereignet hatte. Dafür hatte ich auch extra Herr Kunibert von der Spurensicherung angerufen. Ich teilte ihm mit, dass ich einen Verdacht hatte und er meinte ich solle mal mit meinem Direktor sprechen.

Während ich sprach, bemerkte ich die unterschiedlichen Reaktionen des Direktors. Seine Palette reichte von Entsetzen über Bestürzung bis hin zur Erleichterung.

« Gut Thomas, ich bin erfreut, das du mich ins Vertrauen gezogen hast. »

« Herr Lange, Ich wünsche, das diese Spur hier ins Nichts führt. Was passiert, wenn es auf dieser Schule noch mehr von den »Herr Nauheimer« gibt? Was geschieht, wenn meine Lebensweise hier zum Politikum wird? »

« Also, ich bin ja nicht erst seit ein paar Tagen hier der Direx. Homosexualität gab es hier schon früher und wird es auch in Zukunft geben. Bei den Schülern wie auch bei den Lehrern. Und mich interessiert es nur, wenn es hier in der Schule Probleme damit gibt, so wie jetzt bei dir. Es ist seit jeher ein Politikum und wird es solange auch bleiben, bis die Gesellschaft Schwule und Lesben nicht nur toleriert, sondern auch ohne Wenn und Aber akzeptiert. »

« Ja und bis das geschieht, fließt noch eine Menge Wasser den Bach hinunter. »

« So wird es wohl sein, daher hat schon vor einigen Jahren mein Vorgänger in einer Konferenz durchgesetzt, »Homosexualität« zum Lehrplanthema an dieser Institution zu machen. »

Herr Lange stand auf und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Nahm einen schmalen Ordner aus einem Stapel und ging zu seinem Platz zurück. Langsam öffnete er diesen.

« Aber das ist jetzt nicht direkt das Thema unserer Unterhaltung. Wie ich sehe, haben wir demnächst etwas Luft. Es wird Zeit mal einen Einblick in die Arbeit der hiesigen Polizei zu organisieren. Kann ich Herrn Kunibert irgendwie erreichen? »

Ich gab dem Institutschef die Telefonnummer, unter der er den Polizisten direkt erreichen konnte. Nach zwei Stunden verließ ich mit einem guten Gefühl die Lehranstalt.

Die Uhr in der Krankenhaus – Cafeteria zeigte fünf vor halb vier. Sebastian schob lachend den Rollstuhl mit Alexander hinein. Beide Jungs genossen den kleinen Ausflug.

« Was soll ich dir mitbringen? »

« Wie wäre es mit einem kühlen Blonden? » Alex schaute skeptisch, verschmitzt zu Sebastian hoch.

« Kühl: Ja. Blond: Nein. Kein Alkohol! Du stehst unter meiner Aufsicht und da bekommst du das, was ich dir bringen werde. »

Damit verschwand Sebastian. Nach einer kleinen Weile erschien er mit einem vollen Tablett. Stellten zwei Gläser hin, einen Glaskrug mit einer roten Flüssigkeit und zuletzt noch einen Teller mit Cookies.

Alexander schaute neugierig, abwechselnd zwischen Tisch und Sebastian her.

« Was ist das? »

« Johannisbeerensaft und Schokoflockenkekse! »

« Und das soll ich…? »

« Ja. Schmeckt sehr gut. Besonders die Kekse. »

Sebastian schenkte ein. Der dunkelrote Saft füllte die Gläser der Jungs. Alex nahm sein Glas und probierte skeptisch den Inhalt. Der Fruchtsaft schmeckte zunächst leicht säuerlich anschließend sehr erfrischend. Wie er fand.

« Und schmeckt es? »

« Ja, ist akzeptabel. »

Die Beiden sahen sich an und grinsten. Sie blödelten noch etwas herum und rissen einige Witze, so dass manche Anwesenden sich nach ihnen umschauten. Sie bemerkten nicht, dass sich ihnen eine Frau mittleren Alters nährte.

« Guten Tag, sind sie Herr Alexander Simon? »

Beide schreckten auf und musterten die Person.

« Ähm, ja und sie sind? »

« Frau Clemens. Herr Johannsen richtete mir aus, dass wir uns hier Treffen könnten. Ich bin etwas früh dran. »

« Hallo Frau Clemens. Setzten sie sich doch. »

Alexander deutete auf den Stuhl neben sich. Der neue Gast nahm die Aufforderung lächelnd an.

« Tja, Sebastian. Corinna wird auch bald kommen. Würdest du sie bitte hinunterbringen, wenn sie kommt. Sie weiß ja noch nicht, dass ich heute hier unten bin. »

« Kein Problem, Alexander. »

Sebastian stand auf und ging. Frau Clemens stand ebenfalls auf, sie wollte sich ein Kaffee holen, sie ließ eine Aktentasche neben dem Stuhl stehen. So auf Anhieb fand er die Frau sympathisch. Mit einem Kännchen Kaffee und weiteren Keksen erschien sie wieder am Tisch. Zog ihre Jacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. Danach nahm sie platz.

« Sie sind also Corinnas Vormund? »

« Im Quasi – Amtsdeutsch, ja. Aber im realen Leben würde ich mich eher als eine gute Beraterin bezeichnen. Olaf hat dir ja schon erklärt, was ich darf und was nicht. In erster Linie geht es darum, dir bei der »Erziehung« von Corinna zu helfen. Es wird nicht einfach werden und sicherlich werden wir verschiedene Meinungen vertreten. Aber wir drei zusammen, werden das schon meistern. »

« Frau Clemens, eines sollte klar sein, das Wort »Erziehen« gefällt mir nicht. Es erinnert zu sehr an meine ehemaligen Eltern. Können wir uns darauf verständigen, wenn wir uns gemeinsam um das »Wohlergehen und die Förderung« Corinnas kümmern? »

« Ja, das ist wirklich eine viel bessere Bezeichnung. »

« Das denke ich auch. Wie mögen sie es halten? Ich biete ihnen das Du an, macht meines Erachtens die Sache sehr viel einfacher. Ich heiße Alexander. »

« Gut Alexander, ich bin Ramona. »

« Noch etwas Alexander, ich bin vom Jugendamt bestellt und habe eure Akte eingesehen. »

« Ja und? »

« Daraus geht hervor, das du missbraucht worden bist… »

Alex schluckte. Das war jetzt einfach zuviel. Zweimal an einem Tag daran erinnert zu werden.

« Hört das denn nie auf! »

Er murmelte diese Worte leise vor sich hin und begann zu schluchzen. Eine Träne nach der Anderen rann ihn über sein Gesicht. Ramona tat das einzig vernünftige, sie rückte etwas nähr zu ihm und legte einen Arm um ihn. Der Junge spürte die Wärme und dieses Gefühl der Geborgenheit. Er ließ sich gehen.

Nach einigen Minuten hatte er sich wieder gefangen. Blickte auf und sah ein lächelndes Gesicht. Vorsichtig sah er sich um, die anderen Gäste haben wohl nichts mitbekommen oder sie hielten sich in Rücksichtnahme. Jedenfalls sah alles um ihnen herum ‚normal‘ für ein Café aus.

« Entschuldige… »

« Da gibt es nichts zu Entschuldigen. Es ist nicht deine Schuld und mir ist es lieber du lässt deinen Gefühlen freien Lauf als sie hinter dem Berg zu halten. Eine Frage habe ich dennoch, wirst du eine Therapie machen? »

« Dr. Hausach hat mich heute Morgen darauf angesprochen. Ich denke schon. »

Frau Clemens nickte. Innerlich spürte sie, dass der Junge kämpfen will. Diesen Kampf musste er alleine durchstehen, ihr blieb nicht anderes übrig, als seinen Rücken frei zuhalten. Bis Corinna kam, unterhielten sich beide noch über dies und das. Besonders die Bitte bei der Wohnraumeinrichtung traf auf offene Ohren. Alexander wusste ja, dass er noch einige Wochen hier im Krankenhaus lag. Nachdem Corinna eintraf sprach Ramona mehr mit dem Mädchen als mit Alexander. Die beiden schienen sich gut zu verstehen.

Später am Abend schaute Sebastian noch einmal bei ihm ins Zimmer.

« Na Alexander, wie hast du das Meeting empfunden? »

« Sebastian, ich habe ein gutes Gefühl. Ramona – also Frau Clemens – wird uns helfen unser Leben von neuem zu beginnen. Ich kann mich nun erst einmal mit dem befassen was mit mir geschehen ist. Eine Therapie wird wohl mein Bestes sein. »

Sebastian, nickte nur. Nahm die Bettdecke und schlug sie über den Patienten.

« Gute Nacht, Alexander. »

« Nacht Sebastian. Bis morgen. »

Der Pfleger löschte das Licht.

Ich hatte noch einige Besorgungen in der Stadt gemacht und stiefelte nun die Etagen bis zu meiner Wohnung hinauf. Ich ließ die Wohnungstür ins Schoss fallen. Endlich daheim. Aus der Küche kamen klappernde Geräusche. Ich öffnete die Tür und steckte meinen Kopf hindurch.

« Hallo Schatz, wie war dein Tag? »

Hans stand hinter dem Tresen und machte gerade Tee oder so etwas. Ich ging auf ihn zu und knuddelte ich meinen Freund zärtlich.

« Langweilig ohne dich, Thomas. In unserer Wohnung ist alles in Ordnung. Ich habe heute Staubgesaugt und die Post gestapelt. Dann habe ich den Kühlschrank mit dem nötigsten aufgefüllt und die Heizung etwas weiter aufgedreht. So wie ich die Beiden kenne, möchten Mum und Paps morgen noch etwas relaxen. Danach gehen sie sowieso noch einmal shoppen. Ja, und vorhin habe ich noch Saxophon gespielt. Also, wenn die Nachbarn sich beschweren, dann weißt du warum. »

« Ich denke da kommt nicht viel, du spielst ja auch echt gut mein Lieber. Zurück zu deinen Eltern, wann sollen wir sie noch einmal abholen? »

« Sie wollen natürlich nicht, das wir sie vom Flughafen abholen. Aber ich denke sie sind von der Fliegerei schon genug gestresst. Ankunft wäre um 22H00. »

Ich ging zu dem Vogelbauer hinüber, wo Xavier der Papagei genüsslich an einer Nuss knabberte. Als er mich kommen sah, rutschte er auf seiner Stange direkt zur Käfigtür. Ich hielt nur noch meine Hand hin und schon saß er drauf.

« Na mein Kleiner, wie geht es dir? »

Dabei streichelte ich seine kleine Brust. Der Vogel schloss seine Augen und pfiff vor sich hin. Ihm ging es gut. Jetzt wo Hans bei mir wohnte war immer wieder jemand da, der sich mit ihm beschäftigte. Dem Papagei schien es jedenfalls zu gefallen und das zeigte er uns immer wieder deutlich. Jetzt wo es auch schon mal längere Zeit im Wintergarten warm war, ließen wir den Vogel auch mal im Wintergarten frei. Das würde sich hoffentlich in der neuen Wohnung ändern.

« Na, dann müssen wir wohl spätestens in einer Stunde los. »

« Sieht so aus. Thomas, ich habe uns schon mal ein Imbiss vorbereitet. Wenn du jetzt deine Einkäufe verstaust können wir essen. »

Ich ließ Xavier auf den Bauer klettern.

« Wir können auch sofort essen, in den Taschen ist nichts Verderbliches drin. Das kann ich auch noch später machen. »

Hans hatte einige Sandwiches gemacht über die wir uns hermachten.

« Was machst du morgen, Thomas? »

« Ich fahre so gegen zehn ins Krankenhaus. Alexander und ich müssen noch ein Referat für Bio machen. Wie lange das dauern wird, kann ich nicht sagen. Am Nachmittag möchte ich mich mal wieder um den Haushalt kümmern. Ich habe gesehen, dass der Käfig es wieder nötig hat. Und im Wintergarten könnte ich auch etwas tun. »

« Mach mal langsam. Also, morgen früh habe ich nichts zu tun. Da kann ich auch etwas tun. Schließlich mache ich hier ja auch Dreck. Xaviers Heim kann ich auch machen und Corinna wollte ja auch morgen Vormittag herkommen. Das gibt sicherlich Spaß. »

« Das glaub ich dir gern. » Ich grinste von einem Ohr zum Anderen.

« Hey, Thomas das ist mein Ernst. » Der verschmitzte Blick von Hans verriet das Gegenteil.

« Ja, ja. Wie war das noch mit dem Kuchenbacken? Ich frage mich immer noch wie das Mehl in die Badewanne gekommen ist. »

« Hey, du hast versprochen das nie wieder zu erwähnen! »

Hans stürmte auf mich zu und packte mich. Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich richtig Kitzelig bin? Na gut, ich wollte es euch bloß noch einmal in Erinnerung rufen. 😉 Jedenfalls hatte ich in den folgenden Minuten Schwierigkeiten mit der Koordination des Atmens. Zumal Hans mich auch noch zu küssen begann. Nach und nach beruhigte sich die Situation. Wir lagen auf dem Sofa und ich ganz eng an meinen Freund gekuschelt. Irgendwie habe ich das in den letzten Tagen vermisst.

« Und wenn du möchtest, nehme ich mir morgen Nachmittag sehr viel Zeit für meinen Freund. Na was meinst du, Schatz? »

Ich sagte gar nichts mehr, mein Blick war meine Antwort und Hans verstand.

Hans Eltern waren sichtlich froh uns in der Ankunftshalle zu sehen. Beide sahen irgendwie müde aus und wollten nur noch nach Hause. Hans berichtete ihnen kurz von den Begebenheiten der letzten. Offensichtlich waren die Müllers mit den Entwicklungen zufrieden. Die Rückfahrt ging zügig voran und Hans setzte seine Eltern ab. Das Auto blieb bei seinen Eltern. Mitten in der Nacht schlenderten Hans und ich zu unserer kleinen Wohnung zurück. Wir gingen schweigend eng nebeneinander her. Ich fühlte mich geborgen.

« Hans, glaubst du dass ich das richtige tue? »

« Wie meinst du das? »

« Na, das ich mich so um die Belange anderer kümmere als meine eigenen Sachen. Die Mathearbeit nächste Woche, zum Beispiel kann ich abharken. Ich habe nicht genügend Zeit zum Lernen investiert. Dann das Referat in Bio, normalerweise hätte ich es schon am vergangenen Montag halten sollen. Frau Krause hat stillschweigend darüber hinweggesehen und anstelle der Photosynthese hat sie die unterschiedlichsten Wasserleitsysteme bei Pflanzen durchgenommen. »

« Nein, mein Lieber. Du kannst nicht aus deiner Haut. Das macht dich doch auch so liebenswert. Und glaube mir Thomas, ich würde dich um nichts in der Welt eintauschen wollen. »

Damit rückte er noch etwas mehr an mich heran. Überflüssig zu erwähnen: Seine Worte waren wie Balsam. Sie taten mir gut.

Daheim machten wir uns sofort auf ins Bett. Der Tag ist lang geworden und meine Akku einfach leer. In Hans Arm schlief ich ohne weiteres ein.

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